Alexander Dumas
Die drei Musketiere
Alexander Dumas

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Ein Rachetraum.

Am Abend erteilte Mylady den Auftrag, Herrn d'Artagnan bei ihr einzuführen, sobald er seiner Gewohnheit nach käme; er kam aber nicht. Am folgenden Morgen besuchte Ketty den jungen Mann wieder und berichtete ihm alles, was tags zuvor vorgegangen war; d'Artagnan lächelte; dieser eifersüchtige Zorn der Mylady war seine Rache. Am zweiten Tage war Mylady noch unruhiger als tags zuvor; sie erneuerte den Auftrag rücksichtlich des Gascogners, wartete aber wieder umsonst. Am nächsten Tage fand sich Ketty abermals bei d'Artagnan ein, doch war sie nicht so munter und froh wie früher, sondern im Gegenteil düster und traurig bis zum Tode. D'Artagnan fragte das arme Mädchen, was ihr fehle; allein sie zog, anstatt zu antworten, einen Brief hervor und übergab ihm denselben. Dieser Brief war von der Hand der Mylady, nur mit dem Unterschied, daß er diesmal wirklich für Herrn d'Artagnan und nicht für Herrn von Wardes bestimmt war. Er öffnete ihn und las wie folgt: »Lieber Herr d'Artagnan! es steht nicht gut, wenn man seine Freunde vernachlässigt, zumal in dem Augenblick, wo man im Begriff ist, sich auf länger von ihnen zu trennen. Ich und mein Schwager haben gestern und vorgestern auf Sie gewartet. Ist dies auch heute abend der Fall? Ihre ganz dankerfüllte Lady Winter.« »Das ist ganz einfach,« versetzte d'Artagnan, »diesen Brief hab ich mir erwartet. Mein Kredit steigt, indem der des Grafen von Wardes sinkt.« Er ließ antworten: Er erkenne ihre Güte mit dem größten Dank an und werde ihrem Befehl nachkommen; doch wagte er es nicht, ihr zu schreiben, aus Besorgnis, er könne seine Handschrift nicht genug verstellen vor so geübten Augen, wie die der Mylady waren. D'Artagnan war, als es neun Uhr schlug, auf der Place-Royale. Die Bedienten, die im Vorgemach warteten, waren von seiner Ankunft unfehlbar unterrichtet, denn sobald er ankam und ehe er noch fragte, ob Mylady zugänglich sei, lief einer von ihnen fort, um ihn anzumelden. »Lasset ihn eintreten,« rief Mylady in einem raschen und so scharfen Tone, daß es d'Artagnan im Vorgemach hören konnte. Er wurde eingeführt. »Ich bin für niemand zu Hause,« sagte Mylady, »verstehst du? für niemand.« Der Lakai ging hinaus. D'Artagnan warf einen neugierigen Blick auf Mylady. Sie war blaß und hatte müde Augen, mochte das eine Folge von Tränen oder Schlaflosigkeit sein. Man hatte absichtlich die gewöhnliche Zahl der Lichter vermindert, und dennoch konnte die junge Frau die Spuren des Fiebers nicht verbergen, das seit zwei Tagen an ihr zehrte. D'Artagnan näherte sich ihr mit seiner gewöhnlichen Artigkeit; sie mußte sich höchst anstrengen, um ihn zu empfangen, doch nie ist ein reizenderes Lächeln durch ein verstörtes Antlitz Lügen gestraft worden. Als sich d'Artagnan in bezug auf ihr Befinden erkundigte, gab ihm Mylady zur Antwort: »Schlimm, sehr schlimm!« »Nun, so bin ich unbescheiden,« versetzte d'Artagnan, »Sie bedürfen sicher der Ruhe, und ich will mich entfernen.« »O, nein, im Gegenteil, bleiben Sie, Herr d'Artagnan, Ihre liebenswürdige Gesellschaft wird mich zerstreuen.« »Sie war noch nie so reizend,« dachte d'Artagnan, »wir wollen ihr Trotz bieten.« Mylady nahm ihre einnehmendste Miene an und verlieh ihrer Konversation allen möglichen Reiz. Sie wurde nach und nach mitteilend und fragte d'Artagnan, ob er eine Liebe im Herzen nähre. »Ach!« rief d'Artagnan mit seinem beweglichen Tone, »können Sie so grausam sein und an mich eine solche Frage stellen, an mich, der ich, seit ich Sie sah, nur für Sie, für Sie allein atme und seufze?« Mylady lächelte auf seltsame Weise und sagte: »Also lieben Sie mich?« »Brauche ich es Ihnen zu sagen? Haben Sie es nicht selbst bemerkt?« »Ja, doch, allein Sie wissen, je stolzer die Herzen sind, desto schwerer hält es, sie zu erobern.« »O, die Schwierigkeiten schrecken mich nicht ab,« versetzte d'Artagnan, »mich schrecken nur die Unmöglichkeiten.« »Einer wahren Liebe ist nichts unmöglich,« bemerkte Mylady. »Nichts, Madame.« »Nichts,« wiederholte Mylady. »Teufel,« dachte d'Artagnan, »die Note ändert sich. Sollte die Launenhafte etwa in mich verliebt werden? Sollte sie willens sein, mir einen zweiten Saphir zu geben, dem ähnlich, den sie vermeintlich Herrn von Wardes gegeben hat?« »Sprechen Sie,« sagte Mylady, »was würden Sie tun, um mir die Liebe zu beweisen, von der Sie reden?« »Alles, was man von Mir fordern würde. Man gebiete, ich bin bereit.« »Zu allem?« »Zu allem!« erwiderte d'Artagnan, der im voraus wußte, daß er nicht viel wagte, wenn er sich verbindlich machte. »Gut,« versetzte Mylady, »lassen Sie uns ein wenig plaudern.« Sie rückte ihren Stuhl näher zu d'Artagnan. »Gnädige Frau, ich höre,« sagte dieser. Mylady dachte ein Weilchen unentschieden nach, dann schien sie einen Entschluß zu fassen und sprach: »Ich habe einen Feind.« »Sie, Madame?« rief d'Artagnan, den Verwunderten spielend, »mein Gott, ist das möglich bei Ihrer Schönheit und Herzensgüte?« »Einen Todfeind.« »Wirklich?« »Einen Feind, der mich so grausam beleidigt hat, daß es zwischen mir und ihm einen Krieg gibt auf Leben und Tod. Könnte ich wohl auf Sie rechnen wie auf einen Hilfsmann?« D'Artagnan erriet sogleich die Absichten des rachesüchtigen Weibes und sagte mit Begeisterung: »Madame! Sie können es; mein Arm und mein Leben gehören Ihnen, wie meine Liebe.« »Dann,« sagte Mylady, »da Sie ebenso großherzig wie verliebt sind –« »Nun?« fragte d'Artagnan. »Nun,« entgegnete Mylady nach kurzem Stillschweigen, »hören Sie von heute an auf, über Unmöglichkeiten zu sprechen.« »Erdrücken Sie mich nicht durch so viel Glück,« rief d'Artagnan, warf sich auf die Knie und bedeckte die Hände, die man ihm frei ließ, mit Küssen. »Räche mich an dem treulosen Wardes,« dachte Mylady, »und ich werde mich von dir bald loszumachen wissen, zweifacher Tor und lebendige Degenklinge.« »Ja,« dachte d'Artagnan, »sage mir, daß du mich liebst, nachdem du mich so schändlich getäuscht hast, tückisches, gefährliches Weib! und ich verhöhne dich sodann wie denjenigen, den du durch meine Hand züchtigen willst.« D'Artagnan blickte empor und sprach: »Ich bin bereit.« »Sie haben mich also verstanden«, lieber d'Artagnan?« fragte Mylady. »Ich würde wohl einen Ihrer Blicke erraten.« »Also werden Sie einen Arm für mich gebrauchen, der sich schon einen so glänzenden Ruf errungen hat?« »Auf der Stelle.« »Und wie werde ich Ihnen je einen solchen Dienst vergelten können?« fragte Mylady. »Ihre Liebe ist der einzige Lohn, den ich verlange,« entgegnete d'Artagnan, »der einzige, der Ihrer und meiner würdig ist.« »Eigennütziger!« sprach sie lächelnd. »Ha,« rief d'Artagnan, einen Augenblick von Leidenschaft hingerafft, welche die reizende Frau wieder in seinem Herzen anzufachen wußte; »ha, weil mir Ihre Liebe unwahrscheinlich vorkommt, und weil ich besorge, sie möchte gleich meinen Träumen verschwinden, so drängt es mich, aus Ihrem Munde die bestimmte Zusage zu vernehmen.« »Verdienen Sie denn schon ein solches Geständnis?« »Ich stehe zu Ihren Befehlen,« erwiderte d'Artagnan. »Wirklich?« fragte Mylady mit einem letzten Zweifel. »Nennen Sie mir den Nichtswürdigen, der diese schönen Augen mit Tränen füllte.« »Wer sagt Ihnen, daß ich geweint habe?« fragte Mylady rasch. »Mir schien es so . . .« »Frauen, wie ich, weinen nicht,« sagte Mylady. »Um so besser; o, sagen Sie dann, wie er sich nennt.« »Bedenken Sie, daß sein Name ganz mein Geheimnis ist.« »Doch muß ich seinen Namen wissen.« »Ja, Sie sollen das; sehen Sie, wieviel Vertrauen ich Ihnen schenke.« »Sie erfüllen mich mit Freude.« »Sie kennen ihn.« »Wirklich?« »Ja.« »Es ist doch keiner von meinen Freunden?« sagte d'Artagnan zaudernd, um für seine Unwissenheit Glauben zu gewinnen. »Und wenn es einer von Ihren Freunden wäre, würden Sie wohl Anstand nehmen?« sprach Mylady, und aus ihren Augen sprühte ein bedrohlicher Blitz. »Nein, und wäre es auch mein Bruder!« erwiderte d'Artagnan, als risse ihn die Begeisterung fort. Unser Gascogner beteuerte ohne Wagnis, da er wohl wußte, was er tun wollte. »Ich liebe Ihre Hingebung,« versetzte Mylady. »Ach,« seufzte d'Artagnan, »lieben Sie nur das an mir?« »Dies will ich Ihnen ein anderesmal sagen,« entgegnete sie und faßte ihn bei der Hand. Wäre in diesem Moment Wardes im Bereich seiner Hand gewesen, er hätte ihn getötet. Mylady ergriff diese Gelegenheit und sagte: »Er nennt sich . . .« »Von Wardes, ich weiß das,« fiel d'Artagnan ein. »Und wie wissen Sie das?« fragte Mylady, indem sie seine beiden Hände anfaßte und in seinen Augen bis auf den Grund der Seele zu blicken suchte. D'Artagnan fühlte, daß er sich fortreißen ließ und einen Fehler beging. »Reden Sie, reden, ach, reden Sie doch, woher wissen Sie das?« »Woher ich es weiß?« versetzte d'Artagnan. »Ja.« »Ich weiß es, weil von Wardes gestern in einem Salon, wo ich mich befand, einen Ring vorzeigte, den er von Ihnen erhalten zu haben vorgab.« »Der Schändliche!« rief Mylady. Dieses Beiwort widerhallte, wie sich erachten läßt, im Grunde des Herzens von d'Artagnan. »Nun?« fragte sie. »Nun, ich will Sie an diesem Nichtswürdigen rächen,« entgegnete d'Artagnan, und gab sich dabei die Miene des Don Japhet von Armenien. »Ich danke Ihnen, mein wackerer Freund!« sprach Mylady, »und wann werde ich gerächt sein?« »Morgen, oder auf der Stelle, wenn Sie wollen.« Mylady wollte rufen: »Auf der Stelle,« allein sie erwog, daß eine solche Eilfertigkeit eben nicht angenehm für d'Artagnan wäre. Außerdem hatte sie noch tausendfache Vorsichtsmaßregeln zu treffen, ihrem Vertreter noch tausend Ratschläge zu erteilen, um mit dem Marquis Erklärungen vor Zeugen zu vermeiden. »Sie sind morgen gerächt, oder ich bin tot,« versetzte d'Artagnan. »Nein,« entgegnete sie, »Sie werden mich rächen, aber nicht sterben. Dafür weiß ich etwas.« »Und was wissen Sie?« »Mir deucht, Sie hatten sich im Streit mit ihm nicht über das Glück zu beklagen.« »Das Glück ist eine Kurtisane, heute ist es mir günstig, morgen kann es mich verraten.« »Das will sagen, daß Sie jetzt Anstand nehmen.« »Nein, ich nehme keinen Anstand, Gott bewahre mich, allein . . .« »Stille!« unterbrach sie ihn, »ich höre meinen Schwager. Er braucht Sie hier nicht anzutreffen.« Sie schellte und Ketty trat ein. »Entfernen Sie sich durch diese Tür,« sprach sie zu d'Artagnan und öffnete eine kleine, geheime Pforte. »Kommen Sie um elf Uhr wieder, und wir wollen unsere Unterredung ins Reine bringen. Ketty wird Sie bei mir einführen.« Das arme Kind glaubte ohnmächtig zu werden, als sie diese Worte vernahm. »Nun, Mademoiselle, was tut Ihr denn? Ihr steht ja unbeweglich da wie eine Statue. Hört! führt diesen Herrn zurück . . . und um elf Uhr, vergessen Sie nicht.« »Es scheint,« dachte d'Artagnan, »daß alle ihre Rendezvous um elf Uhr sind; das ist eine angenommene Gewohnheit.«


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