Alexander Dumas
Die drei Musketiere
Alexander Dumas

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Der Mann von Meung.

Der Wagen, der nur einen Augenblick lang aufgehalten wurde, setzte seinen Weg fort, wandte sich nach der Gasse des Bons-Enfants und hielt an einem niederen Tore. Das Tor ging auf; zwei Wachen nahmen Bonacieux, den der Gefreite unterstützte, in ihre Arme; man stieß ihn in einen Gang, wo eine Treppe hinaufzusteigen war, und setzte ihn in einem Vorzimmer ab. Alles das geschah maschinenartig. Er ging so, wie man im Traume zu gehen pflegt; er sah die Gegenstände wie durch einen Nebel; seine Ohren vernahmen Töne, ohne ihren Sinn zu verstehen; man hätte ihn in diesem Augenblick hinrichten können, er würde nicht die leiseste Gebärde zu seiner Verteidigung gemacht und keinen Laut ausgestoßen haben, um Mitleid zu erwecken. Er blieb somit auf der Bank sitzen, den Rücken an die Mauer gelehnt und die Arme herabhängend, an derselben Stelle, wo ihn die Wachen abgesetzt hatten. Als er indes um sich blickte und nichts Bedrohliches wahrnahm, da nichts eine wirkliche Gefahr andeutete, da die Bank gut gepolstert, die Wand mit schönem Korduanleder tapeziert war, da prunkvolle Vorhänge aus rotem Damast, von vergoldeten Spangen getragen, am Fenster herabwallten, so sah er allmählich ein, daß seine Furcht überspannt war und fing an, seinen Kopf rechts und links, nach oben und unten zu drehen. Auf diese Bewegungen, an denen ihn niemand hinderte, schöpfte er etwas Mut und wagte es, zuerst das eine, dann auch das andere Bein hervorzustrecken, und mittels seiner Hände erhob er sich von seiner Bank und stellte sich auf die Füße.

In diesem Moment öffnete ein Offizier von gutmütiger Miene einen Türvorhang, wechselte einige Worte mit einer im nächsten Gemach befindlichen Person, wandte sich hierauf zu dem Gefangenen und sprach zu ihm: »Seid Ihr Bonacieux?« »Ja, Herr Offizier, zu dienen,« stammelte der Krämer, mehr tot als lebendig. »Tretet ein,« sagte der Offizier. Der Krämer ging auch ohne Widerrede und trat in das Zimmer, wo er erwartet zu sein schien. Es war ein geräumiges Kabinett, an den Wänden mit Schutz- und Trutzwaffen ausgestattet, gut abgeschlossen und gelegen; es brannte darin bereits ein Feuer, obgleich man kaum erst am Ende des Monats September war. In der Mitte dieses Gemachs stand ein viereckiger Tisch, auf dem neben Büchern und Schriften ein ungeheurer Plan der Stadt Rochelle ausgebreitet lag. Vor dem Kamin stand ein Mann von mittlerer Größe, stolzer hochmütiger Miene, mit durchbohrenden Augen, breiter Stirn und hagerem Gesicht, das sich durch einen vom Schnurrbart überragten Knebelbart noch verlängerter ausnahm. Obschon dieser Mann kaum sechsunddreißig bis siebenunddreißig Jahre zählen mochte, so fing doch sein Haar und der Doppelbart an, grau zu werden. Dieser Mann sah auch ohne Degen wie ein Krieger aus, und seine Stiefel, von Büffelleder, und noch ganz mit leichtem Staub bedeckt, zeigten an, daß er an diesem Tag einen Ritt gemacht habe. Dieser Mann war Armand Jean Duplessis, Kardinal von Richelieu, keineswegs so wie er uns dargestellt wird: gebeugt wie ein Greis, leidend wie ein Märtyrer, mit gebrochenem Leib, erloschener Stimme, vergraben in einem großen Lehnstuhl wie in einem antizipierten Grabe, bloß durch die Kraft seines Geistes noch lebend und den Kampf mit Europa nur noch aushaltend durch die unablässige Tätigkeit seines Genius, sondern so, wie er zu jener Zeit wirklich war, nämlich ein offener und großherziger Edelmann, wohl schwach von Körper, jedoch unterstützt von einer moralischen Kraft, die aus ihm einen der außerordentlichsten Menschen machte, die je gelebt haben; endlich sich vorbereitend, nachdem er den Herzog von Nevers in seinem Herzogtum Mantua aufrechterhalten, nachdem er Nîmes, Castres und Uzès weggenommen, die Engländer von der Insel Ré zu verjagen und La Rochelle zu belagern. Für den ersten Anblick bezeichnete also nichts den Kardinal, und die sein Gesicht nicht kannten, vermochten unmöglich zu erraten, vor wem sie standen. Der arme Krämer blieb vor der Tür stehen, während die Augen des Mannes, den wir eben geschildert haben, auf ihn gerichtet waren und ihm bis auf den Grund seiner Gedanken dringen zu wollen schienen. Nach einem kurzen Stillschweigen sprach er: »Ist das Bonacieux?« »Ja, Monseigneur!« erwiderte der Offizier. »Wohl, gebt mir jene Papiere dort und lasset uns allein.« Der Offizier nahm die bezeichneten Papiere vom Tisch, überreichte sie dem, der sie verlangte, verneigte sich bis zur Erde und ging fort. Bonacieux erkannte in diesen Schriften die Verhörakten von der Bastille. Von Zeit zu Zeit erhob der Mann am Kamin die Augen von den Schriften und versenkte sie wie zwei Dolche in den Herzgrund des armen Krämers. Als der Kardinal zwei Minuten lang gelesen und geprüft hatte, war er mit sich im reinen. »Dieser Kopf da war noch nie bei einer Verschwörung beteiligt,« murmelte er; »doch gleichviel, wir wollen sehen.« »Ihr seid des Hochverrats beschuldigt,« sprach der Kardinal langsam. »Das ist mir schon gesagt worden, Monseigneur,« erwiderte Bonacieux, indem er dem Fragenden den Titel beilegte, wie er ihn vom Offizier anssprechen hörte, »allein ich schwöre Ihnen, daß ich nichts davon wußte.« Der Kardinal unterdrückte ein Lächeln. »Ihr habt Euch mit Eurer Gemahlin, mit Frau von Chevreuse und dem Herzog von Buckingham in ein Komplott eingelassen.« »Monseigneur!« antwortete der Krämer, »ich hörte sie in der Tat alle diese Namen aussprechen.« »Und bei welcher Veranlassung?« »Sie hat gesagt, daß der Kardinal von Richelieu den Herzog von Buckingham nach Paris lockte, um ihn zu vernichten, und die Königin mit ihm.« »Das hat sie gesagt?« rief der Kardinal mit Heftigkeit. »Ja, Monseigneur! allein ich sprach zu ihr, daß sie unrecht tue, solche Worte zu reden, und Seine Eminenz wäre unfähig . . .« »Schweigt, Ihr seid ein Schwachkopf!« rief der Kardinal. »Eben das hat mir auch meine Frau geantwortet, Monseigneur!« »Wißt Ihr, wer Eure Gemahlin entführt hat?« »Nein, Monseigneur!« »Ihr habt aber doch einen Verdacht!« »Ja, Monseigneur, allein dieser Verdacht schien den Herrn Kommissar zu verdrießen, und ich habe ihn nicht mehr.« »Eure Gemahlin ist entschlüpft – wißt Ihr das?« »Nein, Monseigneur, ich erfuhr es erst, seit ich im Gefängnis bin, und zwar durch die Güte des Herrn Kommissars, eines recht liebenswürdigen Menschen.« Der Kardinal unterdrückte abermals ein Lächeln. »So wißt Ihr auch nicht, was aus Eurer Gemahlin seit ihrer Flucht geworden ist?« »Ganz und gar nicht, Monseigneur, doch muß sie wohl nach dem Louvre zurückgekehrt sein.« »Um ein Uhr früh war sie noch nicht zurückgekommen.« »Aber, mein Gott, was ist denn mit ihr geschehen?« »Man wird es in Erfahrung bringen, seid unbesorgt, man verhehlt dem Kardinal nichts: der Kardinal weiß alles.« »Wenn das so ist, Monseigneur, glauben Sie wohl, der Kardinal würde sich herablassen und mir sagen, was aus meiner Frau geworden ist?« »Vielleicht, doch müßt Ihr alles eingestehen, was Ihr von den Verhältnissen Eurer Gemahlin zu Frau von Chevreuse wisset.« »Doch, Monseigneur, ich weiß nichts, ich habe sie noch nie gesehen.« »Wenn Ihr Eure Gemahlin in Louvre abgeholt habt, ist sie immer geradewegs nach Hause gegangen?« »Fast niemals, sie hatte Geschäfte mit Leinwandkrämern, zu denen ich sie begleitete.« »Mit wieviel Leinwandkrämern?« »Mit zweien, Monseigneur!« »Wo wohnen diese?« »Der eine in der Gasse Vangirard, der andere in der Gasse de la Harpe.« »Seid Ihr bei denselben mit ihr eingetreten?« »Niemals, Monseigneur! ich habe sie stets am Tor erwartet.« »Welchen Vorwand gab sie an, um so allein hineinzugehen?« »Sie gab mir keinen an, sondern sagte nur, ich solle warten, und so habe ich denn gewartet.« »Ihr seid ein gefälliger Ehegemahl, mein lieber Herr Bonacieux!« versetzte der Kardinal. »Er nannte mich seinen lieben Herrn!« sprach der Krämer zu sich selbst; »Pest, die Sachen gehen gut.« »Würdet Ihr jene Türen wieder erkennen?« »Ja.« »Wißt Ihr die Hausnummern?« »Ja.« »Welche sind es?« »Nr. 25 in der Gasse Vangirard, und Nr. 75 in der Gasse de la Harpe.« »Es ist gut,« sprach der Kardinal. Nach diesen Worten langte er nach einem silbernen Glöckchen, läutete und der Offizier trat wieder ein. »Holt mir,« sprach er halblaut zu ihm, »holt mir Rochefort, er möge sogleich kommen, wie er zurückgekehrt ist.« »Der Graf ist hier,« entgegnete der Offizier, »und wünscht sehnlichst mit Ew. Eminenz zu sprechen.« »Mit Ew. Eminenz!« murmelte Bonacieux, der wohl wußte, das sei der Titel, den man gewöhnlich dem Kardinal gab, »Ew. Eminenz!« »Er komme nur, er komme!« rief der Kardinal lebhaft. Der Offizier verließ das Gemach mit jener Schnelligkeit, die alle Diener des Kardinals in ihrem Gehorsam bewiesen. »Ew. Eminenz!« murmelte Bonacieux wieder, und wandte die verwirrten Augen herum. Noch waren nicht fünf Sekunden seit dem Verschwinden des Offiziers vergangen, als die Tür aufging und eine neue Person eintrat. »Das ist er!« rief Bonacieux. »Wer denn?« fragte der Kardinal. »Der, welcher mir meine Gemahlin entführt hat.« Der Kardinal läutete zum zweitenmal. Der Offizier trat wieder ein. »Überliefert diesen Mann den Händen der zwei Wachen, und er warte, bis ich ihn wieder rufen lasse.« »Nein, Monseigneur, nein, er ist es nicht!« rief Bonacieux, »nein, ich habe mich geirrt, es ist ein anderer, der ihm ganz und gar nicht ähnlich sieht; dieser Herr ist ein ehrbarer Mann.« »Führt diesen Schwachkopf weg,« befahl der Kardinal. Der Offizier faßte Bonacieux unter dem Arm und führte ihn zurück in das Vorgemach, wo er seine beiden Wachen wiederfand. Die neue Person, die eben eingeführt wurde, folgte Bonacieux voll Ungeduld mit den Augen, bis er außer dem Zimmer war, und als die Tür hinter ihm geschlossen wurde, sprach er, dem Kardinal sich lebhaft nähernd: »Sie haben sich gesehen.« »Wer?« fragte Se. Eminenz. »Er und sie.« »Die Königin und der Herzog?« rief Richelieu. »Ja.« »Wo das?« »Im Louvre.« »Sind Sie dessen versichert?« »Vollkommen.« »Wer hat es Ihnen gesagt?« »Frau von Lannoy, die, wie bewußt, Ew. Eminenz ganz ergeben ist.« »Warum sagte sie das nicht früher?« »Geschah es aus Zufall oder Mißtrauen, die Königin ließ Frau von Surgis in ihrem Zimmer schlafen und behielt sie den ganzen Tag.« »Das geht gut, wir sind geschlagen; seien wir nun auf Wiedervergeltung bedacht.« »Ich werde Ihnen aus ganzer Seele Beistand leisten, gnädiger Herr, seien Sie dessen gewiß.« »Wie ist das geschehen?« »Um halb ein Uhr war die Königin bei ihren Frauen.« »Wo?« »In ihrem Schlafgemach.« »Gut.« »Als man ihr ein Sacktuch von seiten ihrer Wäscheverwahrerin brachte.« »Dann?« »Die Königin zeigte sogleich eine große Gemütsbewegung und wurde ganz blaß, ungeachtet der Schminke auf ihren Wangen.« »Dann? dann?« »Sie stand aber auf und sprach mit bebender Stimme: ›Meine Damen! warten Sie hier auf mich zehn Minuten lang, bis ich wiederkomme.‹ Sie öffnete die Tür des Alkovens und ging hinaus.« »Warum hat Ihnen Frau von Lannoy nicht auf der Stelle die Anzeige gemacht?« »Noch war nichts gewiß; außerdem hatte ja die Königin gesagt: ›Meine Damen, wartet auf mich,‹ und sie wagte es nicht, der Königin ungehorsam zu sein.« »Und wie lange blieb die Königin fern?« »Drei Viertelstunden.« »Hat sie keine ihrer Frauen begleitet?« »Bloß Donna Estefania.« »Und ist sie dann wieder zurückgekommen?« »Ja, aber um ein kleines Kistchen von Rosenholz mit ihrem Namenszug zu holen, und sogleich wieder wegzugehen.« »Und als sie später zurückkam, brachte sie das Kistchen nicht wieder mit?« »Nein.« »Weiß Frau von Lannoy, was dieses Kistchen enthielt?« »Ja, die diamantenen Nestelstifte, die Seine Majestät der Königin gegeben hat.« »Und sie kehrte zurück ohne dieses Kistchen?« »Ja.« »Frau von Lannoy ist also der Meinung, sie habe es Buckingham zugestellt?« »Sie ist versichert.« »Den Tag über hat Frau von Lannoy als Gesellschaftsdame der Königin dieses Kistchen gesucht, schien beunruhigt, als sie es nicht fand, und fragte endlich die Königin.« »Und die Königin?« »Die Königin wurde sehr rot und antwortete, sie habe tags vorher einen dieser Stifte zerbrochen und zum Goldschmied geschickt, um den Schaden wieder auszubessern.« »Man muß dahin gehen, um sich zu versichern, ob es wahr sei oder nicht.« »Ich bin dahin gegangen.« »Gut, und der Goldschmied?« »Hat von der Sache nichts gewußt.« »Gut, gut, Rochefort! noch ist nicht alles verloren, und vielleicht – vielleicht geht alles aufs beste.« »Ich zweifle gar nicht daran, daß der Geist Ew. Eminenz . . .« »Die Torheiten meines Agenten wieder gutmachen werde, nicht wahr?« »Eben das wollte ich sagen, hätte mich Ew. Eminenz den Satz aussprechen lassen.« »Nun, wissen Sie, wo die Herzogin von Chevreuse und der Herzog von Buckingham versteckt waren?« »Nein, gnädigster Herr! meine Leute konnten mir hierüber nichts Bestimmtes sagen.« »Aber ich weiß es.« »Sie, gnädigster Herr?« »Ja, oder wenigstens vermute ich es. Er verbarg sich in der Gasse Baugirard Nr. 25; sie in der Gasse de la Harpe Nr. 75.« »Will Ew. Eminenz, daß ich beide verhaften lasse?« »Es ist gewiß schon zu spät, sie werden bereits abgereist sein.« »Gleichviel, man kann sich davon überzeugen.« »Nehmen Sie zehn Mann von meiner Wache, und durchsuchen Sie beide Häuser.« »Ich gehe dahin, gnädigster Herr!« Und Rochefort verließ rasch das Zimmer. Der Kardinal, der allein zurückblieb, dachte einen Augenblick nach und läutete zum drittenmal. Derselbe Offizier trat wieder ein. »Lasset den Gefangenen kommen,« sprach der Kardinal. Meister Bonacieux wurde von neuem hineingeführt, und der Offizier verließ auf einen Wink des Kardinals das Zimmer. »Ihr habt mich betrogen,« sprach der Kardinal mit Strenge. »Ich,« rief Bonacieux, »ich Ew. Eminenz betrügen?« »Wenn Eure Gemahlin in die Gasse Baugirard und in die Gasse de la Harpe ging, so ist sie nicht zu Leinwandkrämern gegangen.« »Gerechter Gott! wohin sollte sie denn gegangen sein?« »Sie ging zu der Herzogin von Chevreuse und zum Herzog von Buckingham.« »Ja,« versetzte Bonacieux, indem er alle seine Erinnerungen zusammenraffte, »ja, so ist es; Ew. Eminenz hat recht. Ich äußerte gegen meine Frau, daß man staunen sollte, wenn Leinwandkrämer in solchen Häusern wohnten, in Häusern ohne Schild, und jedesmal fing meine Frau zu lachen an. Ach, Monseigneur!« fuhr Bonacieux fort, indem er vor dem Kardinal auf die Knie sank, »Sie sind wohl der Kardinal, der große Kardinal, der Mann mit dem großen Geiste, dem alle Welt Verehrung zollt.« Wie gering auch der Triumph war, den der Kardinal über einen so einfachen Menschen davontrug, wie Bonacieux war, so freute er sich doch einen Augenblick darüber; aber als wäre ihm ein neuer Gedanke aufgestiegen, schwebte ein Lächeln um seine Lippen, und indem er dem Krämer die Hand bot, sprach er zu ihm: »Steht auf, mein Freund! Ihr seid ein ehrbarer Mann.« »Der Kardinal hat meine Hand berührt, und ich habe die Hand des großen Mannes berührt,« rief Bonacieux. »Der erhabene Mann hat mich Freund genannt!« »Ja, mein Freund, ja!« sprach der Kardinal mit dem väterlichen Tone, den er bisweilen anzunehmen wußte, woran sich aber nur die Leute täuschten, die ihn nicht kannten, »und da man auf Euch ungerecht einen Argwohn warf, so verdient Ihr eine Entschädigung. Nehmt diesen Säckel mit hundert Pistolen und vergebt mir.« »Ich Ihnen vergeben, Monseigneur!« stammelte Bonacieux, nahm jedoch Anstand, den Säckel zu nehmen, zweifelsohne aus Furcht, dieses vorgebliche Geschenk sei nur ein Scherz. »Sie hatten die Macht, mich verhaften zu lassen, und haben die freie Macht, mich foltern und aufhängen zu lassen; Sie sind der Gebieter, und mir stände es nicht im geringsten zu, etwas dagegen zu sagen. Ihnen vergeben, Monseigneur! Ach, Sie denken wohl gar nicht daran!« »O, mein lieber Herr Bonacieux! Ihr wollt da Edelmut beweisen, ich sehe das und danke Euch dafür. Nun, nehmt Ihr also diesen Säckel und geht, ohne unzufrieden zu sein?« »Ich gehe voll Entzücken, Monseigneur!« »Also Gott befohlen, oder vielmehr auf Wiedersehen, denn ich hoffe, daß wir uns wiedersehen werden.« »So oft es Ew. Eminenz wünscht, ich stehe ganz zu Dero Befehl.« »Seid ruhig, das wird noch oft geschehen, denn ich habe mich mit Euch außerordentlich unterhalten.« »O, Monseigneur!« »Auf Wiedersehen, Herr Bonacieux, auf Wiedersehen.« Der Kardinal gab mit der Hand ein Zeichen, dem Bonacieux damit entsprach, daß er sich bis zur Erde neigte; dann entfernte er sich rückwärts schreitend, und als er im Vorgemach war, hörte ihn der Kardinal mit lauter Stimme rufen: »Es lebe Monseigneur! Es lebe Seine Eminenz! Es lebe der große Kardinal!« Der Kardinal lächelte bei der lärmenden Offenbarung der enthusiastischen Empfindungen des Meisters Bonacieux, und als das Geschrei in der Ferne verhallt war, sprach er: »Dieser Mann würde sich künftig für mich totschlagen lassen.«

Sofort schickte sich der Kardinal wieder an, die Karte von Rochelle mit der größten Aufmerksamkeit zu betrachten, und beschrieb mit seinem Bleistift eine Linie, wo sich jener bekannte Damm hinziehen sollte, der achtzehn Monate nachher den Hafen der belagerten Stadt einschloß. Wie er nun so ganz vertieft war in seine strategischen Beobachtungen, ging die Tür wieder auf und Rochefort trat ein. »Nun, was ist's?« fragte der Kardinal, lebhaft aufstehend und mit einer Behendigkeit, die den hohen Grad von Wichtigkeit bewies, die er auf die Sendung des Grafen gelegt hatte. »Nun,« entgegnete dieser, »eine junge Frau von sechsundzwanzig bis achtundzwanzig Jahren und ein Mann von fünfunddreißig bis vierzig Jahren wohnten wirklich, der eine vier Tage, der andere fünf Tage, in den Häusern, die Ew. Eminenz bezeichnet hat; doch ist die Frau diese Nacht und der Mann diesen Morgen abgereist.« »Sie waren es!« rief der Kardinal und blickte nach der Pendeluhr; »und jetzt ist es schon zu spät, um ihnen nachzusetzen, die Herzogin ist in Tours, der Herzog in Boulogne. Man muß sie in London aufsuchen.« »Welche Befehle erteilt Ew. Eminenz?« »Reden Sie kein Wort von dem, was hier vorging; die Königin bleibe in vollkommener Sicherheit; sie erfahre nicht, daß wir um ihr Geheimnis wissen, und glaube bloß, wir spüren irgend einer Verschwörung nach. Schickt mir den Siegelbewahrer Séquier.« »Und jener Mann – was tat Ew. Eminenz mit ihm?« »Welcher Mann?« fragte der Kardinal. »Dieser Bonacieux.« »Ich habe aus ihm alles gemacht, was sich machen ließ. Ich machte ihn zum Spion seiner Gemahlin.« Der Graf von Rochefort verneigte sich als ein Mann, der das große Übergewicht seines Herrn anerkennt, und entfernte sich.

Als sich der Kardinal wieder allein befand, setzte er sich abermals, schrieb einen Brief, versiegelte ihn mit einem besonderen Petschaft und schellte an der Glocke. Der Offizier trat zum viertenmal ein. »Lassen Sie Bitray zu mir kommen,« sprach er, »und melden Sie ihm, er möge sich zu einer Reise anschicken.« Ein Weilchen darauf stand der verlangte Mann vor ihm, gestiefelt und gespornt. »Bitray!« sprach der Kardinal, »Sie machen sich unverweilt auf den Weg nach London. Verweilen Sie keinen Augenblick auf der Reise; stellen Sie diesen Brief der Mylady zu. Hier haben Sie einen Wechsel von zweihundert Pistolen; gehen Sie zu meinem Schatzmeister, um sie zu beheben. Ebensoviel bekommen Sie, wenn Sie binnen sechs Tagen wieder zurück sind und meinen Auftrag gut ausgerichtet haben.« Der Bote verneigte sich, ohne ein Wort zu sprechen, nahm den Brief mit der Anweisung von zweihundert Pistolen und entfernte sich.

Der Inhalt des Briefes war dieser: »Mylady! Finden Sie sich bei dem ersten Ball ein, zu dem der Herzog von Buckingham kommen wird. Er wird an seinem Rock zwölf diamantene Nestelstifte tragen; nähern Sie sich ihm, um ihm zwei davon abzuschneiden. Setzen Sie mich in Kenntnis, sobald Sie im Besitz dieser Nestelstifte sind.«


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