Alexander Dumas
Die drei Musketiere
Alexander Dumas

 << zurück weiter >> 

Das Kloster der Karmeliterinnen zu Bethune

Die großen Verbrecher tragen in sich eine Art Vorausbestimmung, vermöge der sie alle Hindernisse bewältigen und allen Gefahren entgehen, doch nur bis zu dem Moment, den die Vorsehung, ihrer Frevel müde, als Klippe ihres unseligen Glückes bezeichnet. So war es auch bei der Mylady. Sie steuerte mitten durch die Kreuzer der beiden Nationen und landete ohne Unfall in Boulogne. Als sie in Portsmouth anlangte, war sie eine Engländerin und durch Frankreichs Verfolgungen aus La Rochelle vertrieben. Als sie sich nach einer zweitägigen Fahrt in Boulogne ausschiffte, gab sie sich für eine Französin aus, die von den Engländern in ihrem Haß gegen Frankreich mißhandelt worden sei. Sie gab in Boulogne einen Brief folgenden Inhalts auf: »An Se. Eminenz, Monseigneur Kardinal von Richelieu, im Lager von La Rochelle. Monseigneur! Ew. Eminenz mögen unbekümmert sein; Seine Herrlichkeit, der Herzog von Buckingham, wird nicht nach Frankreich kommen. Boulougne, den 25., abends. P. S. Dem Verlangen Ew. Eminenz gemäß verfüge ich mich in das Kloster der Karmeliterinnen nach Bethune, wo ich weiterer Befehle gewärtig sein werde.« Mylady begab sich auch in der Tat noch an demselben Abend auf den Weg. Die Nacht überraschte sie. Sie sah sich gezwungen anzuhalten, um in einem Wirtshaus zu schlafen. Am folgenden Morgen um fünf Uhr reiste sie wieder ab, und nach drei Stunden kam sie nach Bethune. Sie ließ sich das Kloster der Karmeliterinnen zeigen, und begab sich auf der Stelle dahin. Die Vorsteherin kam ihr entgegen, Mylady wies ihr den Befehl des Kardinals vor; die Äbtissin ließ ihr ein Zimmer einräumen und das Frühmahl auftragen. Später kam die Äbtissin zu ihr. Es gibt wenig Zerstreuungen im Kloster, und so kam es, daß die Vorsteherin alsbald Bekanntschaft mit der neuen Kostgängerin schloß. Mylady lenkte das Gespräch unter anderm auf den Kardinal. Hierbei geriet sie jedoch in große Verlegenheit, da sie nicht wußte, ob die Äbtissin Royalistin oder Kardinalistin sei. Sie hielt sich sonach wohlweise in der Mitte. Allein die Äbtissin, die eine noch klügere Zurückhaltung bewies, verneigte sich mit dem Kopfe, sooft die Reisende des Namens Seiner Eminenz gedachte, hörte ihr bedächtig zu und lächelte. Die Mylady ging sodann auf die Verfolgung über, die sich der Kardinal gegen seine Feinde erlaubte. Die Äbtissin zeigte weder eine Miene der Billigung noch der Mißbilligung. Dies bestärkte Mylady in der Meinung, daß die Nonne mehr Royalistin als Kardinalistin sei, und sie fuhr mit steigendem Eifer fort. Endlich sprach die Äbtissin: »Ich bin sehr unwissend in all diesen Dingen; allein wie entfernt wir auch am Hofe leben, und außerhalb des Kreises weltlicher Interessen, so haben wir doch sehr traurige Beispiele von der Wahrheit dessen, was Sie uns da sagen. Eine unserer Kostgängerinnen hat viel gelitten unter dem Zorn und den Verfolgungen des Kardinals.« »Eine Ihrer Kostgängerinnen?« fragte Mylady; »so, mein Gott! wie sehr beklage ich die arme Frau.« »Sie haben auch recht, sie ist sehr zu beklagen. Gefängnis, Drohungen, Mißhandlungen, alles mußte sie ausstehen. Indes«, fuhr die Äbtissin fort, »hatte der Kardinal wohl triftige Gründe, so zu verfahren, uud wiewohl sie aussieht wie ein Engel, so darf man die Menschen doch nicht nach ihrem Gesicht beurteilen.« »Gut,« sprach Mylady zu sich selbst, »wer weiß, hier kann ich vielleicht etwas entdecken.« »Ach, ich weiß es wohl,« versetzte Mylady, »man sagt, daß den Physiognomien nicht zu trauen sei. Wem soll man aber Glauben schenken, wenn nicht dem schönen Werke des Herrn? Was mich anbelangt, so wird man mich mein ganzes Leben lang hintergehen, allein, ich werde jederzeit einem Menschen vertrauen, wenn mir sein Gesicht Teilnahme einflößt.« »Sie sind also geneigt, diese junge Frau für schuldlos zu halten?« fragte die Äbtissin. »Man pflegt nicht bloß immer die Verbrechen zu bestrafen,« versetzte Mylady, »es gibt gewisse Tugenden, die oft heftiger als gewisse Frevel verfolgt werden.« »Erlauben Sie, Madame,« sagte die Äbtissin, »daß ich mein Erstaunen ausdrücken darf.« »Worüber denn?« fragte Mylady in naivem Ton. »Über die Sprache, die Sie führen.« »Was finden Sie denn sonderbares in dieser Sprache?« fragte Mylady lächelnd. »Der Kardinal hat Sie hierhergeschickt, und dennoch sprechen Sie von ihm – wenigstens nichts Gutes.« »Weil ich sein Opfer bin,« versetzte Mylady mit Seufzen. »Allein dieser Brief, worin er Sie mir empfiehlt . . .« »Ist für mich ein Befehl, daß ich in einer Art Gefängnis bleibe, bis er mich abfordern wird . . .« »Warum haben Sie aber nicht die Flucht ergriffen?« »Wohin mich flüchten? Glauben Sie wohl, es gibt irgendwo einen Ort auf Erden, wohin der Kardinal, wenn er seinen Arm ausstrecken wollte, nicht reichen würde? – hat die junge Kostgängerin zu entfliehen gesucht, die Sie bei sich haben?« »Nein, das ist wohl wahr, allein mit ihr verhält es sich ganz anders. Sie wird durch irgend eine Liebschaft in Frankreich zurückgehalten, wie ich glaube.« »Wenn sie liebt, ist sie nicht ganz unglücklich,« sprach Mylady seufzend. »So sehe ich denn,« fragte die Äbtissin und blickte Mylady mit steigender Teilnahme an, »so sehe ich denn wieder vor mir eine arme Verfolgte?« »Ach, ja!« erwiderte Mylady. Die Äbtissin betrachtete Mylady ein Weilchen mit großer Unruhe, als hätte sich in ihrem Geist ein neuer Gedanke geregt. Dann sagte sie: »Nicht wahr, Sie sind keine Feindin unseres heiligen Glaubens?« »Ich?« erwiderte Mylady, »ich eine Protestantin? Ich rufe Gott zum Zeugen, daß ich eine eifrige Katholikin bin.« »Dann, Madame,« entgegnete die Äbtissin lächelnd, »dann können Sie ruhig sein, denn das Haus, worin Sie sich befinden, soll für Sie kein harter Kerker sein, und wir wollen tun, was wir aus Kräften vermögen, um Ihre Gefangenschaft angenehm zu machen. Außerdem finden Sie hier die junge Frau, die zweifelsohne wegen einer Hofintrige verfolgt wird. Sie ist liebenswürdig, einnehmend und wird Ihnen gefallen.« »Wie heißt sie?« »Sie wurde von einer sehr vornehmen Person unter dem Namen Ketty empfohlen. Ihren andern Namen suchte ich nicht zu erfahren.« »Ketty?« murmelte Mylady, »sind Sie dessen gewiß?« »Daß sie sich so nennen läßt? Ja, Madame. Ist Sie Ihnen etwa bekannt?« Mylady lächelte bei dem Gedanken, daß diese junge Frau ihre vormalige Zofe sein könnte. In der Erinnerung an dieses Mädchen mengte sich eine Erinnerung des Zornes, und die Rachsucht verstörte sogleich Myladys Züge – doch nahm sie fast in demselben Moment wieder den ruhigen, wohlwollenden Ausdruck an, den sie ihren hundertfachen Gesichtern einverleibt hatte. »Wann könnte ich denn diese junge Dame sehen?« fragte Mylady, »ich empfinde für sie bereits eine große Sympathie in mir.« »Diesen Abend – noch heute,« antwortete die Äbtissin. »Da Sie aber, wie Sie sagten, schon vier Tage lang reisen uud diesen Morgen um fünf Uhr aufgestanden sind, so bedürfen Sie der Ruhe. Legen Sie sich zu Bett und schlafen Sie; wir wollen Sie gegen Mittag aufwecken.« Obwohl sich Mylady recht leicht des Schlafes hätte begeben können, da sie durch alle ihre Aufregungen unterstützt war, die ein neues Abenteuer in ihrem intrigensüchtigen Gemüt hervorbrachte, so nahm sie nichtsdestoweniger das Anerbieten der Äbtissin an. Sie war ja seit zehn bis vierzehn Tagen von so verschiedenartigen Gemütserschütterungen hergenommen, daß wenigstens ihre Seele der Ruhe bedurfte, wenn auch ihr eiserner Körper die Anstrengungen zu ertragen imstande war. Sie beurlaubte sich somit von der Äbtissin und legte sich zu Bett, sanft gewiegt durch die Rachegedanken, die natürlich der Name Ketty in ihr erweckt hat.

Sie ward von einer sanften Stimme aufgeweckt, die am Fuß ihres Bettes ertönte. Mylady schlug die Augen auf, und sah die Äbtissin, begleitet von einer jungen Frau mit blonden Haaren und zartem Teint, die einen Blick voll wohlwollender Neugierde auf sie richtete. Das Gesicht der jungen Frau war ihr gänzlich unbekannt. Beide blickten sich forschend und mit ängstlicher Aufmerksamkeit an, indes sie sich wechselweise begrüßten. Beide waren sehr schön, nur war ihre Schönheit verschiedenartig. Die Äbtissin stellte sie gegenseitig vor, und als diese Förmlichkeiten vorüber waren, ließ sie die beiden jungen Frauen allein, da sie ihre Pflicht in die Kirche berief. Da die Novize sah, daß Mylady noch im Bett liege, wollte sie der Äbtissin folgen, doch Mylady hielt sie zurück und sagte: »Wie doch, Madame, ich habe Sie noch kaum gesehen, und schon wollen Sie mich wieder Ihrer Gegenwart berauben, auf die ich, freigestanden, während meines Aufenthalts an diesem Ort ein bißchen gerechnet habe.« »Nein, Madame,« erwiderte die Novize, »ich fürchte nur, die Zeit schlecht gewählt zu haben; Sie schliefen und sind ermüdet.« »Wohl,« entgegnete Mylady, »was kann Schlafenden Angenehmeres zu teil werden, als ein gutes Erwachen? Dieses Erwachen wurde mir durch Sie zu teil; lassen Sie es mich nun genießen.« Hiermit faßte sie die junge Frau bei der Hand und zog sie auf einen Stuhl, der neben ihrem Bette stand. Die Novize setzte sich und sprach: »Ach, Gott! wie unglücklich bin ich nicht! Sechs Monate lang lebe ich bereits hier ohne einen Schatten von Zerstreuung; Sie kommen an; Ihre Gegenwart sollte für mich eine freundliche Gefährtin sein, und wahrscheinlich, muß ich in den nächsten Augenblicken schon das Kloster verlassen.« »Wie,« versetzte Mylady, »Sie gehen bald von hier weg?« »Ich hoffe es wenigstens,« antwortete die Novize mit einem Tone der Freude, die sie ganz und gar nicht zu verhehlen suchte. »Sie hatten viel auszustehen, wie ich gehört habe,« fuhr Mylady fort; »das ist ein Grund mehr zur Sympathie zwischen uns beiden.« »Ist es also wahr, was mir unsere fromme Mutter gesagt hat – Sie sind gleichfalls ein Opfer des Kardinals?« »Stille,« sagte Mylady, »wir dürfen selbst hier nicht von ihm sprechen. Mein ganzes Unglück rührt davon her, daß ich ungefähr das, was Sie zu mir sagen, in Gegenwart einer Frau gesprochen habe, die ich für meine Freundin hielt, die mich aber verraten hat. Sind nicht auch Sie ein Opfer der Verräterei?« »Nein,« erwiderte die Novize, »sondern meiner Anhänglichkeit an eine Frau, die ich liebte, für die ich mein Leben hingegeben hätte, und auch noch jetzt hingeben würde.« »Und die Sie dann verlassen hat, nicht so?« »Ich war ungerecht genug, das zu erwähnen, doch seit einigen Tagen erhielt ich den Beweis vom Gegenteil und danke Gott dafür. Ich wäre darüber gestorben, hätte ich glauben müssen, daß sie mich ganz und gar vergessen hat. Allein Sie, Madame,« fuhr die Novize fort, »Sie scheinen mir frei zu sein, und wenn Sie fliehen wollten, so stände das nur bei Ihnen.« »Aber wohin sollte ich denn gehen – ohne Freunde, ohne Geld, in einem Teile Frankreichs, den ich nicht kenne . . .« »O,« entgegnete die Novize, »was die Freunde betrifft, so werden Sie dieselben überall finden, wo Sie nur wollen, da Sie so gut zu sein scheinen und so schön sind.« »Ich bin aber darum nicht weniger allein und verfolgt,« sprach Mylady mit einem so milden Lächeln, daß es wahrhaft einen seraphischen Ausdruck annahm, »hören Sie,« sagte die Novize, »man muß seine Hoffnung auf den Himmel setzen. Sehen Sie, es kommt immer ein Moment, wo das Gute, das wir getan, vor Gott zu Gunsten unserer Sache spricht, und vielleicht ist es ein Glück für Sie, daß Sie, wie niedrig auch meine Stellung sei, und wie wenig Macht ich habe, mich getroffen haben; denn wenn ich diesen Ort verlasse, so werde ich einige mächtige Freunde haben, die auch für Sie zu Felde ziehen können, nachdem sie für mich ins Feld gerückt sind.« »O, wenn ich gesagt habe, daß ich allein sei,« versetzte Mylady, in der Hoffnung, wenn sie selber spräche, würde sie auch die Novize zum Sprechen auffordern, »so bemerke ich das keineswegs, als hätte ich nicht auch Bekanntschaften, sondern weil diese Bekanntschaften vor dem Kardinal zittern. Selbst die Königin wagt es nicht, mir gegen diesen Mächtigen beizustehen.« »Glauben Sie mir, Madame, es kann bei der Königin nur den Schein haben, als hätte sie diese Personen verlassen, doch soll man nicht dem Scheine glauben. Je mehr sie verfolgt werden, desto mehr denkt Ihre Majestät an dieselben, und sie erhalten den Beweis einer herzlichen Erinnerung oft in dem Augenblick, wo sie meinen, daß die Königin gar nicht ihrer gedenke.« »Ach,« sagte Mylady, »ich glaube es; die Königin ist so gut . . .« »Sie kennen also diese schöne, edle Königin, da Sie derart von ihr sprechen?« sprach die Novize mit Begeisterung. »Das heißt,« antwortete Mylady bedrängt in ihrem Rückhalt, »ich habe nicht die Ehre, sie persönlich zu kennen, doch kenne ich viele von ihren vertrautesten Freunden. Ich kenne zum Beispiel Herrn Putange, ich lernte in England Herrn Dujart kennen; ich kenne Herrn von Tréville.« »Herrn von Tréville?« rief die Novize, »Sie kennen Herrn von Tréville?« »Ja, und zwar recht gut.« »Den Kapitän der Musketiere des Königs?« »Den Kapitän der Musketiere des Königs.« »O, jetzt werden Sie sehen,« sagte die Novize, »daß wir alsbald ganz gut miteinander bekannt, ja fast Freundinnen sein werden. Wenn Sie Herrn von Tréville kennen, so waren Sie gewiß auch in seinem Haus?« »Oft,« entgegnete Mylady, welche die Lüge aufs äußerste treiben wollte, da sie sah, sie nähere sich auf diesem Pfad ihrem Ziele. »Sie mußten bei ihm wohl auch einige Musketiere gesehen haben?« »Alle diejenigen, welche er gewöhnlich empfängt,« versetzte Mylady, für die diese Unterredung stets anziehender zu werden anfing. »Nennen Sie mir doch einige derselben, die Sie kennen, und Sie werden sehen, daß es meine Freunde sind.« Mylady antwortete etwas verlegen: »Ich kenne Herrn von Louvigny, Herrn von Coutivron, Herrn von Férussac.« Die Novize ließ sie ausreden, doch als sie sah, daß sie anhielt, so fragte sie: »Kennen Sie nicht auch einen Edelmann namens Athos?« Mylady wurde so blaß wie die Decke ihres Bettes, und wie sehr sie sich auch zu beherrschen verstand, konnte sie doch nicht umhin, einen Schrei auszustoßen, indem sie die Novize bei der Hand nahm und mit dem Blicke verschlang. »Wie, was ist Ihnen? mein Gott!« fragte die arme junge Frau; »sagte ich etwas, das Sie beleidigte?« »Nein, allein der Name ist mir aufgefallen, weil ich diesen Mann gleichfalls kenne, und weil es mich seltsam befremdet, hier jemanden zu finden, der mit ihm so gut bekannt ist!« »O, ja! recht gut bekannt und nicht bloß mit ihm, sondern auch mit seinen Freunden, den Herren Porthos und Aramis.« »Wirklich? Auch ich kenne sie,« versetzte Mylady und fühlte dabei eine eisige Kälte durch ihr Herz schauern. »Nun, wenn Sie dieselben kennen, werden Sie auch wissen, daß sie gute und redliche Freunde sind. Warum wenden Sie sich nicht an sie, wenn Sie eines Beistands bedürfen?« »Das heißt,« stammelte Mylady, »ich stehe nicht gerade in einer Verbindung mit irgend einem von ihnen. Ich kenne sie nur, weil ich einen ihrer Freunde, Herrn d'Artagnan, von ihnen reden hörte.« »Sonach kennen Sie Herrn d'Artagnan?« fragte die Novize, während sie gleichfalls ihre Hände erfaßte und sie mit den Augen verschlang. Dann sprach sie, als sie in Myladys Blicke den seltsamen Ausdruck bemerkte: »Um Vergebung, Madame, in welcher Hinsicht kennen Sie ihn?« »Nun,« erwiderte Mylady verlegen, »in freundschaftlicher Hinsicht.« »Sie hintergehen mich, Madame,« versetzte die Novize, »Sie sind seine Geliebte gewesen.« »Sie sind es gewesen, Madame,« erwiderte Mylady. »Ich!?« rief die Novize. »Ja, doch, Sie – jetzt kenne ich Sie. Sie sind Madame Bonacieux.« Die junge Frau trat betroffen und erschreckt zurück, »O, leugnen Sie nicht, antworten Sie,« sagte Mylady. »Nun ja, Madame, ich liebe ihn. Sind wir Nebenbuhlerinnen?« Myladys Antlitz erleuchtete sich von einem so wilden Feuer, daß sich Madame Bonacieux unter allen andern Umständen angstvoll gefühlt hätte; doch jetzt wurde sie einzig nur durch die Eifersucht beherrscht. »Reden, sprechen Sie, Madame,« fuhr Madame Bonacieux mit einer Energie fort, deren man sie gar nicht für fähig hielt, »waren Sie seine Geliebte?« »Ach, nein,« erwiderte Mylady in einem Tone, der an der Wahrheit dessen, was sie sagte, gar nicht zweifeln ließ, »niemals, niemals!« »Ich glaube Ihnen,« sagte Madame Bonacieux, »doch warum jenen Schrei?« »Wie doch, Sie begreifen das nicht?« versetzte Mylady, die sich in ihrer Erschütterung gefaßt und wieder ihre volle Geistesgegenwart gewonnen hatte. »Wie soll ich es begreifen? Ich weiß ja nichts.« »Sie begreifen nicht, daß mich Herr d'Artagnan, der mein Freund war, in sein Vertrauen einweihte?« »Wirklich?« »Sie begreifen nicht, wie ich alles weiß: Ihre Entführung aus dem kleinen Haus in St. Germain, seine Verzweiflung, das Leid seiner Freunde, ihre Nachforschungen seit jener Stunde? und ich soll nicht überrascht sein, wenn ich mich wider alles Vermuten in Ihrer Nähe befinde, nachdem wir so oft von Ihnen gesprochen haben, von Ihnen, die er mit der ganzen Innigkeit seiner Seele liebt, von Ihnen, die er mich lieben machte, ehe ich Sie noch gesehen habe! Ha, meine teure Konstanze! endlich – endlich habe ich Sie gefunden!« hier spannte Mylady ihre Arme gegen Madame Bonacieux aus, die jetzt in dieser Frau, die sie kurz zuvor noch für ihre Nebenbuhlerin hielt, einzig und allein eine ergebene und herzliche Freundin erblickte. »O, vergeben Sie, vergeben Sie mir,« stammelte sie und sank auf ihre Schulter hin, »ich liebe ihn so warm!« Die beiden Frauen hielten sich ein Weilchen umschlungen. Wären Myladys Kräfte ihrem Hasse gleichgekommen, so hätte diese Umarmung nur mit dem Tode der Madame Bonacieux geendet. Da sie aber die junge Frau nicht zu ersticken vermochte, so lächelte sie ihr zu und sprach zu ihr: »O, meine Liebe! meine schöne Kleine! wie fühle ich mich glücklich, Sie zu sehen! Lassen Sie meine Augen an Ihnen weiden.« »Ja, Sie sind es! nach dem, was er mir von Ihnen erzählt hat, erkenne ich Sie zur Stunde, erkenne Sie ganz und gar.« »Nun, Sie wissen, was ich ausgestanden habe,« sagte Madame Bonacieux, »da er Ihnen meine Lebensgeschichte erzählt hat. Doch achte ich es als ein Glück, für ihn zu dulden.« Mylady wiederholte mechanisch: »Ja, es ist ein Glück!« Sie dachte an etwas anderes. »Und dann,« fuhr Madame Bonacieux fort, »mein Unglück erreicht bald sein Ende; morgen, vielleicht diesen Abend schon werde ich ihn wiedersehen, und dann gibt es für mich keine Vergangenheit mehr.« »Diesen Abend? morgen?« fragte Mylady, durch diese Worte aus ihren Träumen gerüttelt. »Was wollen Sie damit sagen? Erwarten Sie etwa von ihm Nachricht?« »Ich erwarte ihn selber!« »Ihn selber? – d'Artagnan hier!« »Ihn selber!« »Das ist unmöglich; er ist mit dem Kardinal bei der Belagerung von La Rochelle, und wird erst nach der Eroberung dieser Stadt nach Paris zurückkommen.« »Das glauben Sie, allein meinen Sie denn, daß meinem d'Artagnan, diesem vortrefflichen und wackeren Edelmann, etwas unmöglich sei?« »O, ich kann es nicht glauben.« »Nun, so lesen Sie!« rief im Übermaß der Freude und des Stolzes die unglückselige junge Frau, indem sie Mylady einen Brief überreichte. »Das ist die Handschrift der Frau von Chevreuse!« sagte Mylady zu sich selbst. »Ich war versichert, daß von dieser Seite ein Einvernehmen statthatte.« Sie las die folgenden Zeilen mit Begierde: »Mein liebes Kind, sei gewärtig, unser Freund wird Euch bald besuchen, um Euch aus dem Gefängnis zu führen, wo Ihr Eurer Sicherheit halber versteckt sein mußtet. Macht Eure Anstalten zur Abreise und verzweifelt nie an uns. Unser wackerer Gascogner hat sich auch kürzlich wieder, wie immer, brav und getreu bewiesen. Sagt ihm, daß man ihm irgendwo recht dankbar sei für den Rat, den er gegeben hat!« »Ja, ja,« versetzte Mylady, »ja, dieser Brief lautet bestimmt. Wissen Sie vielleicht, worin dieser Rat bestanden hat?« »Nein, aber ich vermute, daß er die Königin von irgend einer Machination ihrer Feinde in Kenntnis gesetzt hat.« »Ja, so wird es zweifelsohne sein,« entgegnete Mylady, reichte den Brief der Madame Bonacieux zurück und senkte ihr Haupt nachdenkend auf die Brust herab. In diesem Moment vernahm man den Galopp eines Pferdes. »Ha!« rief Madame Bonacieux und stürzte an das Fenster, »sollte er es sein?« Mylady war, von Betroffenheit verstimmt, im Bette geblieben. Es begegneten ihr plötzlich so unerwartete Dinge, daß sie zum erstenmal ihren Kopf verlor. »Er, er!« stammelte sie. »sollte er es sein?« sie verblieb in ihrem Bette mit stierem Blicke. »Ach, nein!« sagte Madame Bonacieux, »es ist ein Mann, den ich nicht kenne. Wie es scheint, kommt er hierher; er ritt langsamer – nun hält er vor dem Tore – nun läutet er.« Mylady sprang aus dem Bette. »Sind Sie dessen gewiß, daß er es nicht ist?« sagte sie, »Ach ja, ganz gewiß.« »Sie haben doch vielleicht schlecht gesehen?« »O, ich würde ihn kennen, erblickte ich nur die Feder seines Hutes, den Saum seines Mantels.« Mylady kleidete sich an. »Gleichviel, Sie sagen, daß dieser Mann hierherkomme?« »Ja, er ist schon in das Kloster getreten.« »Das geschieht entweder Ihretwillen oder meinetwegen.« »O mein Gott! wie sind Sie doch aufgeregt!« »Ich gestehe, daß ich nicht Ihre Zuversicht teile, sondern von seiten des Kardinals alles befürchte.« »Stille!« mahnte Madame Bonacieux, »man kommt.« In der Tat ging die Tür auf und die Äbtissin trat ein. »Kommen Sie von Boulogne?« fragte sie Mylady. »Ja,« erwiderte diese und bemühte sich, ihre Kaltblütigkeit wiederzugewinnen. »Wer erkundigt sich nach mir?« »Ein Mann, der seinen Namen nicht nennen will, aber von dem Kardinal kommt.« »Und er will mich sprechen?« fragte Mylady. »Er will eine Dame sprechen, die von Boulogne gekommen sein soll.« »Dann, Madame, bitte ich, ihn eintreten zu lassen.« »Ach, mein Gott! mein Gott!« klagte Madame Bonacieux, »sollte er etwa schlimme Nachrichten bringen?« »Das befürchte ich.« »Ich lasse Sie allein mit diesem Fremdling; doch wenn er sich entfernt hat, komme ich mit Ihrer Erlaubnis wieder zurück.« »Ich bitte Sie darum.« Die Äbtissin und Madame Bonacieux gingen mitsammen fort. Mylady blieb allein, die Augen starr nach der Tür gerichtet. Alsbald hörte man auf der Treppe das Klirren von Sporen. Darauf näherten sich die Tritte, die Tür ging auf und ein Mann trat ein. Mylady stieß einen Jubelschrei aus. Dieser Mann war der Graf von Rochefort, die ergebenste Seele Seiner Eminenz.


 << zurück weiter >>