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Einundzwanzigstes Kapitel

Die Picknicksaison hatte sich in Shirani mit ungewöhnlicher Heftigkeit entwickelt. Es gab Theepicknicks, die billigste Form, die den sparsamen Hausfrauen Gelegenheit bot, sich ihrer gesellschaftlichen Verpflichtungen zu entledigen, indem sie ein weißes Tafeltuch an einem hübschen, grünen Abhange ausbreiteten, um darauf ihre Freunde mit billigen Früchten, Kuchen und räucherigem Thee zu bewirten, und es ihnen im übrigen überließen, sich an der schönen Aussicht zu erquicken und für alle sonstigen Mängel zu entschädigen. Es gab andre kleine Picknicks, wobei die Gaumengenüsse ebenso auserlesener Art waren, wie die Gäste, ferner köstliche Frühstückspicknicks, die im Schatten grüner Waldbäume, mit der Aussicht auf ferne blaue Thäler und glänzende Schneespitzen abgehalten wurden; die beliebteste Gattung aller Picknicks aber war unbestreitbar die, welche man die »Arche Noahs« nannte. Ein solches war soeben in Vorbereitung, und Frau Langrishe und Frau Brande standen an der Spitze des großartigen Unternehmens. Man hatte eine Komiteesitzung bei verschlossenen Thüren im Damenzimmer des Klublokals veranstaltet, und Ida Langrishe, die eine sehr gewandte Feder führte, zur Schriftführerin gewählt.

Trotz der verschlossenen Thüren war aber doch bekannt geworden, daß Mutter Brande es übernommen hatte, den Champagner, das Geflügel, den Schinken und die frischen Pasteten zu spenden; daß Frau Sladen mit der Sorge für den Nachmittagsthee, die dazu nötigen Tassen, Milch, Zucker und kleinen Kuchen betraut worden war, daß Frau Dashwood Cigarren, Cigaretten, Cognac und Selterwasser, Frau Lloyd die Süßigkeiten, Torten, Gelees und so weiter beisteuerten, eine andre der Damen das Eis, und die Frau des Geistlichen, die eine starke Familie hatte, den Kaffee lieferte.

»Natürlich haben Sie auch die Tassen und Löffel mitzubringen,« hatte die Schriftführerin in gebieterischem Tone beigefügt.

Frau Langrishe -- alle hatten mit Spannung erwartet, welche Aufgaben diese Dame sich selbst zuteilen würde -- Frau Langrishe hatte sich verpflichtet, die Tischtücher, Servietten, Teller, Messer und Gabeln, Brot, Salat und Wasser zu liefern. »Nicht eine jede würde sich dazu verstehen, ihre guten Sachen bei solcher Gelegenheit herzugeben,« hatte sie bemerkt, »aber sie wollte es riskieren,« und die übrigen schüchternen Mitglieder des Komitees hatten dies Anerbieten ebenso dankbar entgegengenommen, wie Mutter Brandes Champagner und Schinken. Es war einer von Ida Langrishes Meisterstreichen; denn das Picknick kostete auf diese Weise nichts, als die Wäsche einiger Tafeltücher und einige Laibe Brot.

Die ganze Station war geladen, es war die rechte und richtige »Arche Noahs«. Der dazu gewählte Platz lag etwa dritthalb Stunden von Shirani, und die Gäste versammelten sich in »St. Germain«, Frau Langrishes Haus; denn die kluge Frau sorgte mit ihrer gewöhnlichen Geschicklichkeit dafür, daß alle Ehren und das ganze Verdienst des Unternehmens ihr zu teil wurden. Frau Brande, die den größten Teil der Unkosten trug, fand es ein wenig »stark«, als Gast in das Haus der Frau einzutreten, die nichts zu dem Feste beisteuerte, als Geschirr und Tischtücher, und im Grunde waren alle Unternehmerinnen ärgerlich darüber, ohne indessen ihre Verstimmung laut werden zu lassen. Nachdem die Gesellschaft beisammen war, griffen die Damen in einen kleinen Korb, um einen zusammengerollten Papierstreifen daraus hervorzuziehen, der den Namen eines Mannes, ihres Partners für diesen Tag, enthielt. Honor zog das große Los, d.  h. den Namen des Baronets, dessen Gesicht vor Vergnügen hell aufleuchtete. Aber die Freude sollte nicht lange währen. Lalla, die den Zettel mit diesem Namen im tiefsten Grunde des Korbes geborgen und, um ihn selbst zu finden, mit einem kleinen Faden gezeichnet hatte, erklärte gleich darauf, daß hier jedenfalls ein Irrtum vorliege, der Name müsse doppelt geschrieben sein, denn sie habe ihn soeben auch gezogen. Honor erbot sich zugleich zu einem Tausch, aber schließlich kam man dahin überein, daß die Damen sich in den Baronet teilten. Honor sollte unter Mark Jervis' Schutze nach dem Picknickplatze reiten, Sir Gloster sollte Lallas Ritter sein, auf dem Rückwege sollte dann ein Tausch der Kavaliere und Damen stattfinden. So war die Sache freundschaftlich geordnet, und Honor wünschte sich Glück, der Gesellschaft des Baronets wieder einmal entgangen zu sein.

Sie konnte kaum noch bezweifeln, daß er eine lebhafte Zuneigung für sie empfand; denn er sprach fast jeden Tag bei ihrer Tante vor, zuweilen unter einem Vorwande: um ein Buch oder eine Zeitung zu bringen, oder sich auch nach dem Namen einer wilden Blume zu erkundigen, zuweilen auch ohne jeden Vorwand. Gewöhnlich setzte er sich dann hin und starrte Honor schweigend an, oder erzählte ihr von seinen Besitzungen in England und von seiner Mutter, um dann immer mit der Versicherung zu schließen, daß es ihm eine unendliche Freude sein würde, die beiden Damen miteinander bekannt zu machen.

Frau Brande war übrigens keine ganz so blinde Henne, wie einige Leute glaubten. Diese Partie hätte allerdings einige Vorteile geboten. Für Ida Langrishe würde es geradezu ein Todesstoß gewesen sein, wenn die Nichte ihrer Nebenbuhlerin Lady Sandilands geworden wäre; auf der andern Seite aber konnte die alte Dame sich nicht mit dem Gedanken befreunden, Honor zu verlieren.

Endlich, nach halb zwölf Uhr, setzte sich der Zug in Bewegung nach dem Orte, wo die Gesellschaft ihre nächste Mahlzeit einnehmen wollte. Einige waren zu Pferde, andre gingen zu Fuß, und viele Damen thronten in ihren Dandies (Tragsesseln). Der Weg führte durch belaubte Gründe, über grüne Lichtungen oder im Schatten des Waldes dahin. Hauptmann Waring war Partner und Ritter der Erbin und sehr glücklich, während Sir Gloster an der Seite Lalla Paskes ritt, die ein strahlendes Gesicht zeigte. Zuweilen waren die Paare ziemlich weit voneinander getrennt, an andern Stellen wieder hielten sie sich so nahe beisammen, daß es aussah, als führe man eine Mädchenschule spazieren, alle aber erreichten vergnügt und zufrieden den zum Picknick bestimmten Platz, der eine wunderbare Aussicht auf die Kette der Schneeberge bot.

Allerdings wäre manchem jetzt die Aussicht auf etwas Eßbares lieber gewesen, als die herrlichste Landschaft, aber was war aus den Kulis, die das Frühstück zu tragen hatten, geworden? Die Tischtücher waren ausgebreitet, doch war, außer einigen Schüsseln mit Salat und einem kleinen Vorrat von Semmeln, nichts Genießbares darauf zu sehen. Was hatte das zu bedeuten? Man fragte hin und her, um endlich zu hören, das Frühstück sei wahrscheinlich verloren gegangen.

Frau Langrishes und Frau Brandes Khansamahs, die an der Spitze der Expedition standen, waren auf den Tod verfeindet. Frau Langrishes Koch verlangte, wie seine Herrin, die erste Rolle zu spielen, und forderte, anstatt, wie die andern meinten, »als Diener einer Dame, die nichts gab, als leere Schüsseln,« beschämt in den Hintergrund zu treten, die übrigen Träger und Diener auf, sich unter seinen Befehl zu stellen. Frau Brandes Khansamah wies dies Ansinnen nicht nur entschieden zurück, sondern gab auch dem, was er und die andern dachten, ungeschminktesten Ausdruck. Ein furchtbarer Zank war die Folge. Frau Langrishes Diener behauptete, der Ort des Picknicks liege rechts, der andre bestand darauf, er liege links, und da letzterer der Mächtigere war, hatte er seinen Willen nicht nur für sich durchgesetzt, sondern alle andern waren ihm gefolgt. Wahrscheinlich packten sie jetzt die köstliche Mahlzeit an einem der beliebtesten Picknickplätze aus, der in entgegengesetzter Richtung vierthalb Wegstunden von Shirani und sechs Stunden von dem gegenwärtigen Sammelplatze der hungrigen Gesellschaft lag.

Was da aufgetischt stand, war, das ließ sich jetzt nicht mehr verbergen, alles, was Ida Langrishe zu dem Picknick beigesteuert hatte.

Einige von der Gesellschaft zeigten sich sehr verstimmt. Oberst Sladen, der seinen Durst -- ohne daß ihn etwa jemand kaufen wollte -- auf zehn Rupien geschätzt hätte, war geradezu außer sich, und auch der Baronet, obgleich bis über die Ohren verliebt, sah verzweifelt verdrießlich aus. Selbst Ben Brande, der bei der Partie war, machte ein enttäuschtes Gesicht, denn trockenes Brot und Salat waren nicht sein Fall, und nach den delikaten Gerüchen, die daheim aus der Küche der Herrin zu ihm gedrungen waren, hatte er etwas andres erwartet. Einige der Teilnehmer lachten, und Honor und ihr Partner gehörten zu den heitersten.

Frau Langrishe, die sich heute als das gezeigt hatte, was sie war, hatte sich etwas beschämt und verlegen in den Schatten einer kleineren Felspartie zurückgezogen, und Mutter Brande vermochte sich kaum zu fassen. Wo, so fragte sie mit Thränen in den Augen, war ihr Khansamah hingekommen? Wo befanden sich ihre köstlichen Pasteten, ihr griechischer Salat, ihr gefrorener Spargel? Aber obgleich ihr gastfreundliches Herz unter dem unglücklichen Zufalle schwer litt, konnte sie sich doch einer gewissen Genugthuung nicht erwehren, daß die großartige Beisteuer ihrer Rivalin jetzt vor aller Augen in vollem Lichte dastand.

Im ganzen nahm und trug die Gesellschaft das unerhörte Mißgeschick mit gutem Humor. Man aß trockenes Brot mit oder ohne Salz und Salat, und die Männer suchten und fanden Trost bei ihren Cigaretten. Wenn nur wenigstens Thee vorhanden gewesen wäre! Aber nein, der Thee war dem abscheulichen Beispiele des Champagners gefolgt.

Natürlich dauerte dies Frühstück nicht lange, und womit sollte man nun die nächsten Stunden ausfüllen?

Jetzt trat Lalla Paske als rettender Engel auf. Eine gute That sollte die Tante in späteren Tagen der Nichte doch nachzurühmen haben.

Ohne eine Aufforderung durch Wort oder Blick abzuwarten, kam sie langsam herbeigeschlendert, nahm mit siegesgewisser Miene auf einem bemoosten Steine in malerischer Stellung Platz, schickte einen ihrer Ritter nach ihrem Banjo, fing an zu klimpern, hatte bald die Gesellschaft um sich versammelt und begann nun, mit bewundernswürdiger Kunstfertigkeit und guter Laune eines ihrer Negerlieder vorzutragen, wozu alle männlichen Stimmen den Chorus bildeten.

Ida Langrishe und Mutter Brande erschienen gleichzeitig auf dem Schauplatze. Die hübsche Sängerin, die einen Familieninstinkt für den Effekt hatte, bot ein reizendes Bild. Ihre zierliche Gestalt hob sich prächtig von dem grünen Hintergrunde ab. Der eine kleine, mit einem allerliebsten Schuh bekleidete Fuß hing anscheinend ganz zufällig von dem improvisierten, von Bewunderern umgebenen Throne herab. Solche Momente mußten ihre unglückliche Tante für manches andre entschädigen.

Plötzlich reichte Lalla ihren Banjo Sir Gloster zu.

»Wer will sich von mir aus der Hand wahrsagen lassen? Aber bitte, nicht alle auf einmal!«

»Lalla ist prächtig!« flüsterte Ida Langrishe ihrer Nebenbuhlerin zu. »Sie hat die Wahrsagekunst ordentlich studiert und hat große Erfolge damit.«

Die Angeredete sah sehr ungläubig aus; aber Lalla war bereits von einem Kreise ausgestreckter Hände umdrängt, waltete mit großer Gewandtheit ihres Amtes als Schicksalsverkündigerin, schien aber ein boshaftes Vergnügen daran zu finden, ihren Klienten mit lächelndem Munde Dinge zu prophezeien, die sie nicht gerade gern hörten. Jedenfalls war sie eine scharfe Beobachterin und machte jetzt von ihren Charakterstudien um so geschickteren Gebrauch, als es, wie sie sagte, an Zeit fehlte, allen Ansprüchen zu genügen, und sie sich deshalb die Wahl unter den Anwesenden vorbehielt.

Frau Brande zum Beispiel gehörte zu den Auserwählten, und mit sorgenvoll gerunzelten Brauen bog sich Lalla über ihre Hand. »Ihnen ist ein unerwarteter Anteil an den Gütern dieser Welt zu teil geworden,« begann sie mit so klarer, lauter Stimme, daß den Umstehenden keine Silbe entging. »Es wird Ihnen, was die äußere Stellung anbetrifft, auch ferner gut gehen, aber die Hoffnungen, die Sie jetzt hegen, werden sich nicht erfüllen. Im Laufe der Zeit wird auch ein Umschlag in Ihrem Leben eintreten. Sie sind nämlich von Gehirnerweichung bedroht; denn Ihre Kopflinie läuft nach der Mondlinie. Sie werden unheilbarem Blödsinn verfallen und --«

»Ich danke, daran habe ich für diesmal genug,« rief Mutter Brande, ihre fette Hand ärgerlich aus der des jungen Mädchens reißend und sich in den Hintergrund zurückziehend.

Aber weder Sarabella Brandes schreckliches Schicksal, noch der Unwille der alten Dame hielten die andern ab, Lallas Rufe zu folgen. Fräulein Ryder, ein schönes junges Mädchen mit blondem Haar und ausdrucksvollen blauen Augen, die sie bittend auf das Orakel richtete, war das nächste Opfer.

»Hm!« begann Lalla, während sie das rosige Händchen prüfend betrachtete. »Hm! Ihr Kopf steht ganz und gar unter dem Einflusse des Herzens; aber da, ach, da haben wir ja ein schreckliches Kreuz in der Herzlinie! Das bedeutet eine zurückgegangene Verlobung. Nein,« fuhr die Prophetin fort, indem sie die Hand etwas nach der Seite wandte, »nein, ich finde keine Heirat in Ihrer Hand, dagegen aber viel kleines Leid und viel Sorge. Dessenungeachtet werden Sie ein hohes, gesundes Alter erreichen.«

Das junge Mädchen zog sich sichtlich verstimmt zurück, und der nächste, der auf Lalla Paskes Verlangen vorwärts geschoben wurde, war Mark Jervis, der seine Hand indessen mit sichtlichem Widerstreben, und nur, weil er nicht als Spielverderber betrachtet werden wollte, hinhielt.

Lalla haßte Mark Jervis und seine kühle zurückhaltende Weise von ganzem Herzen. Freilich war er nur ein abhängiger, armer Verwandter und kaum Pulver und Blei wert; aber er war ein Freund Honor Gordons, und so konnte sie sich das Vergnügen nicht versagen, sich auf seine Kosten lustig zu machen.

»O, was für eine Hand!« rief sie spöttisch lachend. »Eine recht hübsche Kopflinie, große Gabe, zu schweigen, besonders über Ihre eigenen Angelegenheiten, über welche die ganze Wahrheit zu sagen, Sie nicht immer für notwendig halten.«

Der Streich hatte jedenfalls gesessen; denn Mark Jervis wurde angesichts der halben Bevölkerung von Shirani sichtlich rot. »Ja,« fuhr Lalla fort, »Sie haben einen klaren Kopf, große Selbstbeherrschung, lieben die Heimlichkeit und würden einen vorzüglichen Verschwörer abgeben. Ich glaube fast, Sie sind etwas wie ein Tartüff,« setzte sie hinzu, während Marks sonnengebräunte Wange sich mit noch tieferem Rot färbte. »Herzenslinie fehlt ganz, die Schicksalslinie ist sehr eigentümlich, man könnte Ihnen ein Leben in Abgeschiedenheit und Einsamkeit, etwa im Gefängnis, prophezeien. Ihre Vermögensverhältnisse unterliegen einem plötzlichen Umschwunge, wodurch allerlei unangenehme Störungen eintreten, und da ist sogar das Zeichen, das entweder einen gewaltsamen Tod, oder die Verschuldung am Tode eines andern anzeigt. Die übrigen Linien sind zu kraus und undeutlich, als daß man sie entziffern könnte.«

»O, haben Sie Dank, daß Sie so glimpflich mit mir verfahren!« rief Mark lachend. »Ich bin überzeugt, Sie sehen in meiner Hand wenigstens Galgen und Rad und verschweigen dies nur aus Schonung.«

Lalla warf ihm einen hoheitsvollen Blick zu. Er lachte sie aus. Wie konnte er das wagen!

»Jetzt, Sir Gloster, ist die Reihe an Ihnen!« sagte sie, diesen huldvoll herbeiwinkend.

Der Baronet streckte ihr seine sehr große, weiche, weiße Hand hin.

»Das ist ja schlimmer als das Armesünderbänkchen,« sagte er. »Ich bitte Sie flehentlich, Fräulein Paske, wenn Sie in meiner Hand böse Dinge finden, sagen Sie es mir ganz heimlich ins Ohr.«

»Ist das eine Hand!« rief Lalla und besah die ihr gereichte Hand ringsum, als sei sie erstaunt, daß es kein Fuß war. »Eine prachtvolle Kopflinie, ein ganz hervorragender Verstand! Sie können thun, was Sie wollen; es wird Ihnen gelingen. Dazu ein starker Wille und eine wundervolle Schicksalslinie, genug: von allem das Beste. Sie werden eine schöne Frau heiraten, die Sie in Indien kennen lernen, vielleicht schon kennen gelernt haben. Ehe Sie das zehnte Jahr erreichten, sind Sie mehreremal krank gewesen.«

»Das trifft zu. Er hat die Masern gehabt und Zähne bekommen. Das hätte ich allenfalls auch sagen können!« spottete Mutter Brande aus dem Hintergrunde.

»Sie haben wirklich eine so prächtige Hand, daß ich sie abgießen möchte,« fuhr Lalla unbeirrt fort.

»Am liebsten würde sie das Original behalten,« flüsterte Oberst Sladen seinem Nachbar zu.

»Jetzt kommen Sie dran, Hauptmann Waring,« rief das Orakel in freundlich einladendem Tone.

Waring trat lächelnd und sehr geneigt, sich amüsieren zu lassen, näher.

»Eine sehr schöne Hand, prachtvolle Schicksalslinie, großer Reichtum, sehr empfänglich für Frauenschönheit, eine große Begabung, andre für sich einzunehmen; heiraten werden Sie aber erst nach Jahren.« Damit war er abgefertigt.

»Jetzt ist die Reihe an Ihnen, Fräulein Gordon, bitte, kommen Sie hierher!« rief Lalla mit einem gebieterischen Winke.

»Ich danke, ich möchte mich lieber nicht an dem Scherze beteiligen,« entgegnete Honor ziemlich steif.

»Wie,« flüsterte Mark ihr zu, »Sie wollen sich nicht abschlachten lassen, um der Station eine Freude zu bereiten?«

»Unsinn!« rief Lalla in schrillem Tone. »Selbst Ihre Tante hat sich nicht geweigert, und ich möchte wissen, zu welchem Typus von Händen die Ihrige gehört. Ich glaube sicher, zu dem der Künstlerhände.«

»Ein recht hübscher, kleiner Köder,« flüsterte Jervis. »Sie werden doch anbeißen?«

»O, Fräulein Gordon, wir möchten so gern auch etwas über Ihr Schicksal hören!« rief man von allen Seiten, und trotz allen Widerstrebens lag Horrors Hand bald in der Lalla Paskes.

»Hm! Ja, wirklich eine Künstlerhand, aber keine von den heiteren, hellen. Ein wenig Mißtrauen, nicht allzuviel Herz, aber viel Ehrgeiz. Hier sehe ich etwas Drohendes, die Blattern oder einen andern Unfall. Sie werden erst heiraten, wenn Sie vierzig Jahre alt sind, und -- lassen Sie mich weiter sehen -- Ihre Ehe wird keine glückliche sein. Sie und Ihr Mann werden sich nicht vertragen; aber Sie werden sehr alt werden und dann eines plötzlichen Todes sterben.«

»Ich wünschte nur, daß jemand da wäre, der nun auch Fräulein Paske ihr künftiges Schicksal prophezeite!« rief Waring mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit. »Soll ich es vielleicht versuchen?« setzte er hinzu, indem er plötzlich ihre Hand ergriff. »Große Lebenslust, despotischer Wille, starke Beifallsliebe, Herzlinie gleich Null, Gürtel der Venus -- o -- o --«

»Unsinn!« rief Lalla, indem sie ihm ihre Hand mit Heftigkeit entriß. »Da kommt Lieutenant Joy, der etwas viel Interessanteres weiß, nämlich einen kürzeren und noch ganz unbekannten Richtweg nach Shirani.«

Ja, das war jedenfalls etwas Neues und Wissenswertes; denn man wünschte, die Rückkehr so viel als möglich zu beschleunigen. Der Hunger ist ein gemeines, aber echt menschliches Gefühl, und bald war die Gesellschaft in vollem Aufbruch begriffen und folgte den Spuren Lallas und Toby Joys, die sich an die Spitze des Zuges stellten. Einige zusammengeknüllte Zeitungsblätter und eine Menge Cigarettenendchen war alles, was von der Partie übrig blieb, von der man fortan in Shirani als von dem »großen Hungerpicknick« sprach.


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