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Zwölftes Kapitel

Honor Gordon hatte sich ihr Lebtag noch nicht so einsam und verlassen gefühlt, wie hier und in diesem Augenblicke. Die Eingeborenen mit ihren durch die Dunkelheit blinkenden Laternen verschwanden nach und nach in der Ferne; hinter ihr lag der lange Zug der Vieh- und Güterwagen, und weiterhin dehnte sich nach allen Seiten eine geheimnisvolle, ihr unbekannte Landschaft aus, von welcher fremdartige, quakende, schreiende, ächzende, heulende Töne zu ihr herüberdrangen.

Das junge Mädchen sandte ängstliche Blicke nach der Hütte, in deren matt erleuchtetem Inneren sich menschliche Gestalten hin und her bewegten, bis endlich eine davon aus der hellen Thüröffnung heraustrat. Es war ihr Begleiter, der nicht, wie sie meinte, eine halbe Stunde, sondern nur fünf Minuten abwesend gewesen war.

»Der eine der Heizer hat eine böse Kopfwunde davongetragen,« erklärte er Honor hastig. »Der Mann liegt hier, und die armen Leute warten auf den Apotheker, der aus Okara kommen soll. Inzwischen wenden sie ein wunderthätiges Kraut an und lassen die Wunde besprechen. Beides scheint dem armen Kerl aber keine große Erleichterung zu verschaffen. Ich glaube, ich könnte mich hier nützlich machen, obgleich meine Erfahrungen nicht über einen gelegentlichen Unfall beim Fußballspiel oder bei einer Hetzjagd hinausgehen. Aber ich kann Sie doch nicht allein hier im Finstern stehen lassen, und ebensowenig kann ich Sie auffordern, mit hineinzugehen, denn es ist eine Hitze drin wie in einem Backofen. Würden Sie aber doch noch ein Weilchen hier außen warten mögen, so würde ich Ihnen irgend etwas zum Niedersetzen herausbringen.«

»Ich danke Ihnen, aber ich will doch lieber mit hineingehen. Ich habe zu Hause einen Kursus für die erste Hilfe bei Unfällen durchgemacht und kann vielleicht ein wenig helfen. In meiner Tasche befinden sich auch Heftpflaster, Eau de Cologne und eine Schere.«

»Gut, aber nehmen Sie nur Ihre ganze Nervenkraft zusammen,« gab er zur Antwort, indem er die Barriere zurückschob und Honor auf dem mit Sand bestreuten Pfade zu dem Wärterhäuschen geleitete.

Die Hitze in der Hütte war allerdings zum Ersticken. Honors Erscheinen erregte, wie es schien, große Verwunderung, und die Anwesenden sahen sie mit weit offenen Augen an. Bei dem düsteren Scheine einer schrecklich schwelenden, kleinen, düsteren Lampe erblickte sie auf einer in der Ecke stehenden Lagerstätte einen Mann, der schwer und keuchend atmete und aus einer großen Stirnwunde blutete.

Eine in bunten Kattun gekleidete Halbbluteingeborene stand bei ihm und schwatzte unaufhörlich, that aber sonst nichts. Außer diesem verschrumpften alten Weibe waren noch zwei Kameraden des Verwundeten zugegen, sowie ein großer, schwarzer Pariahund, der mit seinen scharfen, gelben Augen jede Bewegung der Anwesenden aufmerksam verfolgte. Auf einer andern Bettstatt lag eine regungslose, mit einem Tuche bedeckte menschliche Gestalt; eine Matte auf dem Fußboden, eine Huka (Wasserpfeife) und einige sehr bunte englische Bilderbogen, die, meistenteils verkehrt, mit Nägeln an der Wand befestigt waren, vervollständigten das Bild.

Die qualmende Lampe gestattete den beiden Reisegefährten, die einander bis jetzt nur in undeutlichen Umrissen hatten sehen können, sich endlich von Angesicht zu Angesicht kennen zu lernen.

Vor Honor Gordon stand ein sehr hübscher, schlanker, wohlgebauter Mann mit edlem, regelmäßig geschnittenem Gesicht und einem Paar sehr schöner brauner Augen, die aufmerksam auf sie gerichtet waren. Ein Gentleman, nicht nur der Sprache und dem Behaben, sondern auch seiner ganzen Haltung nach.

Er seinerseits war nicht im mindesten erstaunt, ein etwas blasses, aber entschieden hübsches junges Mädchen vor sich zu sehen; denn ein gewisses, geheimnisvolles Gefühl hatte ihm längst gesagt, daß die Eigentümerin einer so weichen, zarten Hand und einer so süßen, klaren Stimme auch hübsch sein müsse.

»Der Apotheker kann nicht früher als in einer Stunde hier sein,« klagte das alte Weib, und fuhr dann, mit einer Art melancholischer Wichtigkeit auf den Verwundeten deutend, fort: »Es geht schlecht mit ihm. Wir haben ihm gute Kräuter auf den Arm und Hinterkopf gelegt; aber ich glaube, er wird sterben.«

Honor verlangte nach irgend etwas, woraus sich eine Bandage herstellen ließe, und da nichts dazu Passendes vorhanden war, nahm sie schnell entschlossen den Schleier vom Hute, riß ihn in drei Stücke und wusch und verband die Wunden des Mannes mit leichter, geschickter Hand. Jervis leuchtete dazu mit der Lampe, machte hin und wieder eine Bemerkung und sah ihr mit ebenso viel Erstaunen als Bewunderung zu. Er hatte bis dahin immer nur gehört, daß junge Mädchen beim Anblick von Blut und Wunden entsetzt aufkreischten und davonliefen. Diese junge Dame zeigte sich, obgleich sie sehr bleich aussah, ebenso fest, ruhig und geschickt, wie eine Krankenpflegerin von Beruf.

Der verletzte Arm, sowie die Hand, die beide einen entsetzlichen Anblick boten, waren bald verbunden. Es handelte sich vorläufig nur darum, zu kühlen, die Luft abzuschließen und dem Verwundeten dadurch eine augenblickliche Erleichterung zu verschaffen. Auch die Kopfwunde wurde vom Blut gereinigt und verbunden, und als das junge Mädchen dem Patienten dann mit ihrem Fächer etwas Luft zufächelte und ihm die Versicherung gab, daß seine Verletzungen nicht tödlich wären, faßte er wieder ein wenig Mut und erklärte mit schwacher Stimme, er befinde sich schon etwas besser.

Die Eingeborenen, welche die Gruppe umstanden, während der »Sahib« und die »Miß Sahib« ihrem Freunde und Landsmanne so erfolgreich zu Hilfe kamen, gingen jetzt vom lauten Klagen und Jammern zu ebenso lauten Ausbrüchen der Bewunderung und des Lobes über. Honor war erstaunt, zu hören, daß ihr Gefährte den Leuten in fließendem Hindostanisch die nötigen Anweisungen zur weiteren vorläufigen Behandlung des Verunglückten gab: aber ihr Erstaunen steigerte sich zur Bestürzung, als die alte Frau ihm in gellendem Tone zuschrie: »Herr! Ihre Frau ist eine Heilige, ein wahrer Engel an Güte und auch an Schönheit!«

Honor, die eben ihren Hut aufsetzte und sich zum Fortgehen anschickte, ließ ihm nicht Zeit zur Antwort.

»Ich bin nicht die Frau dieses Herrn,« sagte sie ziemlich scharf. »Wie kommen Sie auf den Gedanken?«

»Ich dachte nur -- seien Sie mir doch nicht böse! -- ich dachte, weil sie so gut zu einander passen!« versetzte die Alte mit einer Harmlosigkeit, die das junge Mädchen sofort entwaffnete. »Na, und was nicht ist, kann ja noch werden, und ich wünsche Ihnen beiden von Herzen Glück, Gesundheit und langes Leben!« fuhr die alte Frau fort, indem sie sich, mit der Lampe in der Hand, tief verneigte.

Honor verließ die Hütte mit ungewöhnlich hoch erhobenem Kopfe, schritt nach dem Bahndamme zurück und verfolgte den Weg in der früheren Richtung, sich stets in gemessener Entfernung von ihrem Gefährten haltend, mit schnellen Schritten und in unwilligem Schweigen.

Es lag etwas in ihrer Haltung, was Jervis abhielt, ihr jetzt seinen Arm oder auch nur seine Hand zur Stütze zu bieten. Trotz des eben erlebten Vorganges, in dem die beiden die gemeinschaftlich handelnden Personen gewesen waren, wo er Haare abgeschnitten und ihr Pflasterstreifen zugereicht hatte, waren sie einander nicht näher gekommen, sondern standen sich im Gegenteil ferner, als während des ersten Teiles ihres nächtlichen Marsches, und das zutrauliche Geplauder der jungen Dame hatte ganz und gar aufgehört. Sie machte nur noch einige kurze Bemerkungen über den Verunglückten und das Klima und schnitt jeden Versuch, das Gespräch wieder in Gang zu bringen, durch ein kurzes Ja oder Nein ab. Endlich war Okara erreicht, und um die Wahrheit zu gestehen, es that keinem von beiden leid, daß das tête-à-tête zu Ende war. Sie begaben sich sogleich nach dem Gastzimmer, wohin das laute Durcheinander lustiger Stimmen ihnen den Weg zeigte.

Der kleine Raum war mit Menschen gefüllt, die offenbar den Entschluß gefaßt hatten, aus den Dingen, wie sie nun einmal lagen, das Beste zu machen. Der Tisch war mit einem der leichten landesüblichen baumwollenen Tischtücher bedeckt. Zwei große Lampen, zwei kleine Ständer für Essig- und Oelflaschen und ein großer amerikanischer Eiskübel bildeten die übrige Ausrüstung, und ringsum hatten essende, trinkende und plaudernde Menschen Platz genommen.

Am äußersten Ende der Tafel saß Waring zwischen seinen beiden schönen Reisegefährtinnen, und zu ihnen hatten sich noch drei den Damen und Waring bekannte, junge, lustige Offiziere gesellt. Eine ältere Dame, die neben Frau Bellett saß, schien sehr empört über diese Gesellschaft und hatte ihre Theekanne und die Weinkarte in nicht mißzuverstehender Art als Scheidewand zwischen sich und ihrer Nachbarin aufgebaut. Warings Gesellschaft hatte, wie die geöffnete Champagnerflasche bewies, den Thee verschmäht, dagegen hatten, allem Anschein nach, die Zunge, das Büchsengeflügel, Gebäck und Früchte ihren ganzen Beifall gefunden.

Als die beiden Nachzügler eintrafen, begegneten ihnen von allen Seiten neugierige Blicke.

»Holla, Mark! Sie sind ja lange weggeblieben!« rief ihm Waring entgegen. »Kommen Sie hierher, wir rücken zusammen und machen Ihnen Platz.«

Einen Augenblick später saßen Mark und seine Schutzbefohlene am oberen Ende des Tisches, und nachdem man die beiden ein Weilchen neugierig beobachtet und ihnen die noch vorhandenen Reste der Mahlzeit zugeschoben hatte, nahm die Gesellschaft die unterbrochene Unterhaltung mit verdoppelter Lebhaftigkeit wieder auf. Alle schienen sich genau zu kennen, und man sprach über Menschen und Orte, die den Neuangekommenen völlig fremd waren. Besonders angeregt schien Frau Bellett, die viel und hauptsächlich über das lachte, was sie selbst sagte.

»Also Lalla Paske geht zu ihrer Tante Ida! Ich dachte, Frau Langrishe haßte eigentlich junge Mädchen. Ich bin neugierig, wie sie mit ihrer Nichte auskommt und wie sie sich als Ehrendame und Ballmutter ausnimmt,« bemerkte sie.

»Gewiß ausgezeichnet,« gab ein junger Mann in einem auffallend gestreiften Anzuge zur Antwort. »Bekanntlich fängt man Diebe am besten mit Dieben.«

»Und die alte Mutter Brande, die jetzt in Shirani ist, soll ja auch eine Nichte erwarten. Man hat also einen spaßhaften Wettkampf zwischen ihr und Ida in Aussicht. Das wird eine Jagd nach Freiern, ein Plänemachen und Ränkeschmieden geben: sicherlich die lustigste Komödie, die man sich denken kann! Es thut mir nur leid, daß ich die Geschichte nicht mit ansehen kann! Aber Sie, Waring, könnten mir 'mal drüber schreiben,« schloß sie, indem sie dem Hauptmann graziös zunickte.

Mark blickte in diesem Augenblicke seine Schutzbefohlene an, die eben im Begriff stand, ein Glas Wasser zum Munde zu führen, es aber hastig wieder auf den Tisch setzte. Kein Mensch hätte sie in diesem Augenblicke blaß nennen können.

»Ich bin neugierig, was für eine Art von jungem Mädchen die Nichte der alten Brande sein wird,« bemerkte Frau Coote kichernd. »Ob sie auch nur dienende Person gewesen ist, wie die Tante?«

Die Gesellschaft lachte laut; aber mitten in diesem Ausbruche von Heiterkeit ließ sich plötzlich eine klare, wenn auch etwas bebende Stimme vernehmen.

»Wenn Sie wünschen, kann ich Ihnen diese Frage beantworten,« sagte die blasse junge Fremde. »Es ist nicht wahr, daß meine Tante eine dienende Person gewesen ist, und auch über mich kann ich Sie beruhigen. Ich bin nie in einem fremden Hause in Stellung gewesen und habe bis heute nie in einer Dienstbotenstube gegessen!«

Wenn die große Lampe auf dem Tische vor der Gesellschaft plötzlich explodiert wäre, die allgemeine Bestürzung hätte nicht größer sein können. Frau Bellett schnappte nach Luft, wie ein eben aufs Trockene gezogener Fisch, und Waring, der vor unterdrücktem Lachen purpurrot wurde, strengte vergeblich sein Gehirn an, um irgend eine beschwichtigende Redensart zu finden, als plötzlich die Thür der Halle aufgerissen wurde und der Stationsdiener mit Stentorstimme hereinrief: »Bitte, einsteigen, meine Herrschaften! Zug nach Cawnpore! Bitte, einsteigen!«

Wohl niemals war ein Zug zu passenderer Zeit eingetroffen! Die Gesellschaft sprang auf wie ein Mann, schob die Stühle zurück, griff nach den kleinen Handgepäckstücken und stürzte nach der Thür. Honor und Mark standen sich plötzlich allein gegenüber.

»Sind das die englischen Damen, die Sie hier in Indien haben, dann ziehe ich in Zukunft die Gesellschaft der Eingeborenen vor,« sagte Honor empört. »Die alte gute Frau dort in dem Bahnwärterhäuschen war ja im Vergleich zu dieser Gesellschaft eine wirkliche Dame.«

»Sie dürfen die hiesigen Damen nicht nach Frau Bellett und ihrer Schwester beurteilen; ich glaube, sie stehen sehr vereinzelt da, wenigstens habe ich bisher noch keine ähnlichen kennen gelernt,« entgegnete der junge Mann besänftigend.

»Ich sagte Ihnen ja schon, daß ich den Mund nicht halten kann,« fuhr Honor, ihre Fassung wieder gewinnend, in ruhigerem Tone fort, »und Sie sehen, ich habe die erste Gelegenheit benutzt! Natürlich wäre es viel passender gewesen, zu schweigen, anstatt wie eine Bombe ins feindliche Lager hineinzuplatzen. Nun habe ich mir und Ihnen geschadet; man wird von Ihnen sagen: Böse Beispiele verderben gute Sitten. Lassen Sie mich also mein Coupé allein suchen, und da ist ja auch mein Juwel von einem Chuprassi. Sie sind außerordentlich gütig gegen mich gewesen; aber Ihre Freunde werden Sie erwarten, und Sie thun besser, sich nicht mehr mit mir sehen zu lassen.« Dabei blickte sie ihm gerade in die Augen und bot ihm mit etwas gezwungenem Lächeln die Hand.

»Ich schätze es mir aber gerade zur Ehre, mit Ihnen gesehen zu werden, und werde Sie jedenfalls nach Ihrem Platze begleiten,« versetzte er, das Lächeln erwidernd. »Der Zug geht erst in fünf Minuten ab. Also Damencoupé und, wie ich voraussetze, womöglich nicht das, worin Frau Bellett Platz genommen hat.«

Langsam gingen sie den Bahnsteig entlang und an der Abteilung vorüber, worin Frau Bellett und ihre Schwester unter lauter, etwas erzwungener Heiterkeit ihr Gepäck und ihre Tiere unterbrachten und sich für den Rest der Nacht häuslich einrichteten.

Honor Gordon war so glücklich, eine Abteilung für sich allein zu bekommen, und der Sahib reichte ihr das wenige Handgepäck zu, das sie bei sich hatte, während der Chuprassi schwatzend und gestikulierend dabei stand. Bevor der Zug sich in Bewegung setzte, lehnte sie sich aus dem Fenster und nickte ihrem Beschützer ein freundliches Lebewohl zu.

Wie hübsch er aussah, als er da unbedeckten Hauptes unter der Laterne stand! Und wie gut er sich gegen sie benommen hatte! Ganz wie ein Bruder! Dann lehnte sich Honor mit einem langen Atemzuge, der fast wie ein Seufzer klang, in die Ecke zurück, indem sie zu sich selbst sagte: »Wiedersehen werde ich ihn wohl niemals!«


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