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Zehntes Kapitel

Major Byng, ein anscheinend nur aus Sehnen bestehender kleiner Offizier mit merkwürdig dünnen Beinen und dem ausgesprochenen Aeußern eines Sportsmannes, lehnte lang ausgestreckt, seine Frühstückscigarette rauchend, auf einer von Rohr geflochtenen Chaiselongue in der Veranda des Hotels Napier in Punah, als er sich von einer lauten, vergnügten Stimme anrufen hörte.

»Holla, Byng, alter Kamerad!« lautete die lustige Begrüßung.

Byng sah sich um, und in seinem Gesicht malte sich starres Staunen.

»Waring! Sie? Ich dachte doch --« rief er, sich aufrichtend.

»Sie dachten, ich wäre nach England gegangen, hätte den Abschied genommen und mich ins alte Eisen werfen lassen! Aber Sie sehen, ich bin noch munter auf den Beinen.«

»Freut mich zu hören!« versetzte der andre, während er Warings äußere Erscheinung und seine von einem ersten Schneider gemachten feinen Kleider mit flüchtigem Blicke streifte; dann fuhr er in kameradschaftlichem Tone fort: »Nehmen Sie Platz, stecken Sie sich eine Cigarre an und erzählen Sie mir, wie es Ihnen geht und was Sie wieder hierher geführt hat. Ist's Thee, Kaffee oder Gold?«

»Gold in gewissem Sinne! Ich bin Reisebegleiter eines jungen Millionärs, oder besser gesagt, des Neffen eines Mannes, der keine Kinder, aber so viel Geld hat, daß er nicht weiß, was er damit anfangen soll.«

»Und wer ist dieser junge Mann?«

»Sein Name ist Jervis. Sein reicher Onkel ist mit meiner Schwester verheiratet; wir sind also gewissermaßen verwandt; und als der junge Nabob den Wunsch aussprach, Indien zu bereisen, schlug meine Schwester mich als Begleiter, Führer und Freund vor.«

Major Byng brach in ein kurzes, scharfes Lachen aus.

»Wir sind nun vor zehn Tagen in Bombay gelandet und haben unsre Rundreise begonnen,« fuhr Waring fort.

»Und welches Programm haben Sie entworfen?«

»Mein Programm lautet: Punah: Rennen, Sekunderabad: Rennen, Madras: Rennen, Travancore: Elefantenjagd, und da es auf die Kosten nicht ankommt, alles das mit Dienerschaft, Koch, Kulis und Eis für den Champagner. Dann will ich meinen Schutzbefohlenen ein bißchen auf die Eisenbahn setzen, ihm Delhi, Agra, Jeypore zeigen, und schließlich gedenken wir, das Ende der kühlen Jahreszeit in Kalkutta abzuwarten. Dort habe ich eine Menge Freunde und Bekannte, und wir wollen von da aus nach Shirani gehen. Ich freue mich sehr, dort den alten Klub, in dem ich so viele angenehme Stunden verlebt habe, wiederzusehen.«

»Der dortige Klub war wegen hohen Spiels ziemlich berüchtigt,« bemerkte der Major.

»Mag auch wohl Ursache dazu vorhanden gewesen sein; aber es ist dort gewiß alles anders geworden, wie ich ja auch ein andrer geworden bin,« versetzte Waring leichthin.

»Und welche Art von Mensch ist Ihr Schutzbefohlener?«

»Ein ruhiger, angenehmer, leicht befriedigter, von allen Menschen das beste denkender junger Mann!« entgegnete Waring mit spöttischem Lachen. »Hat einen wahren Abscheu vor allem Auffälligen, spielt nie, wettet nie, steht morgens nie mit einem Brummschädel auf, hat keinerlei kostspielige Liebhabereien ...«

»Genug, seine Neigungen entsprechen nicht seinen Mitteln. Wie schade, Waring, daß der Millionär nicht Ihr Onkel ist.«

»Anstatt nur mein Schwager; denn Schwäger sind bekanntlich die hartherzigsten Menschen, die es gibt. Vorläufig lasse ich den meinigen aber immerhin als Verwandten gelten. Doch da kommt ja eben mein junger Heiliger selbst.«

Major Byng drehte sich neugierig um, und in demselben Augenblicke betrat Warings Reisegefährte, ein schlanker, frischer, sehr thatkräftig aussehender junger Mann, die Veranda. Ihm folgte dicht auf den Fersen ein Schwarm von Händlern und Hausierern mit ihrem gewöhnlichen Gefolge von Kulis, die mit den unvermeidlichen Punahfigürchen, Handfächern, Thongefäßen, Körben, Seidenstoffen, silbernen und goldenen Geräten und Schmuckgegenständen aller Art beladen waren.

»Schauen Sie her, Waring!« rief er, als er näherkam. »Sehe ich nicht aus wie eine Bienenkönigin mit ihrem Schwarm? Wenn es so fort geht, können Sie mich nächstens in ein Irrenhaus bringen lassen, vorausgesetzt, daß es so etwas hier gibt.«

»Gestatten Sie, lieber Mark, daß ich Sie mit meinem alten Freunde, Major Byng, bekannt mache.«

Major Byng verbeugte sich von seinem Stuhle aus -- aufzustehen wäre eine zu große Anstrengung gewesen -- und lächelte leutselig.

»Ich höre, Sie sind erst seit kurzem in Indien,« sagte er. »Wie gefällt Ihnen das Leben hierzulande?«

»Soviel ich bis jetzt davon gesehen habe, finde ich es greulich,« entgegnete der junge Mann, indem er sich niedersetzte, seinen Hut abnahm und sich den Schweiß von der Stirn wischte. »Ich bin mir, seitdem wir ans Land gestiegen sind, wie das reine Opferlamm vorgekommen.«

»Opfer der Mosquitos!« rief Major Byng teilnehmend. »Daran werden Sie sich gewöhnen. Die Tiere stürzen sich immer mit besonderer Wut auf neue Ankömmlinge und frisches Blut.«

»Nein, nein, ich meine die menschlichen Blutsauger: alle diese Hausierer, Bettler, Juwelenhändler, Pferdeverleiher und so weiter, die mich verfolgen, wie ein Rudel Wölfe, und mir das Leben verleiden könnten. Schon auf dem Schiffe war es schlimm genug. Man schien mich da für ein großes Tier zu halten, anstatt für einen einfachen Reisenden, und machte mich fast tot mit schönen Redensarten. Als wir in Bombay ankamen, gewann es fast den Anschein, als wollte man mich unter liebenswürdigen Einladungen begraben, und allen that es so schrecklich leid, sich von mir trennen zu müssen. Eine einzige alte Dame machte eine Ausnahme, und ich hätte sie dafür umarmen mögen. Nachdem sie mich mit emporgezogenen Augenbrauen gefragt, ob ich in irgend einer Weise mit Pollitts Patentgeflügelfutter im Zusammenhangs stehe, und ich geantwortet hatte: ›Daniel Pollitt ist mein Onkel‹, verachtete sie mich aus tiefster Seele und gab sich auch gar keine Mühe, das zu verbergen.«

»Ja, die hatte keine Töchter zu verheiraten!« rief Waring lachend. »Ihr Kammerdiener, der ja sonst nichts zu thun hatte, gab jedem, der es wissen wollte, die genaueste Auskunft über unsre Verhältnisse, und er hat nicht die Bescheidenheit seines Herrn. Nach seiner Schätzung sind Sie der Erbe einer runden Million, und er ließ diese, zu seiner eigenen, wie zu Ihrer Verherrlichung, in allen Farben des Regenbogens spielen. Beiläufig bemerkt, sah ich ihn vorhin im besten Wagen des Hotels, mit den Füßen auf dem Vordersitze und einer Cigarre im Munde, ausfahren. Ein prächtiges Aushängeschild für Sie, Mark.«

Inzwischen war die Schar der Händler und Krämer näher herangekommen und bildete einen dichten Kreis um die Herren. Die Juweliere hatten ihre flachen Schmuckkästchen aus der Umhüllung von weißem Kattun befreit, und der Inhalt präsentierte sich nun auf dem roten Sammetfutter aufs vorteilhafteste.

»Waring Sahib!« rief ein alter, einäugiger Verkäufer, »als ich Sie vor drei oder vier Jahren das letzte Mal sah, es war im Charlevillehotel in Mussuri, hatte ich die Ehre, Ihnen ein Paar prachtvolle Diamantohrgehänge für eine schöne Dame zu verkaufen.«

»Na, Crackett, ein solcher Thor bin ich nicht mehr. Aber eine hübsche Tuchnadel mit einer Perle für mich selbst könnte ich brauchen.« Damit wählte er aus den ihm gereichten Nadeln die schönste aus und setzte dann lachend hinzu: »Damals bezahlte ich für eine Dame, heute zahlt dieser Herr da« -- er deutete auf Jervis -- »für mich!«

»Das halte ich nicht aus!« rief Jervis aufspringend. »Da ist der Mensch, der mich seit zwei Tagen mit seinem braunen Araber und seinen Schecken mit rosa Beinen verfolgt, da der Junge mit dem ausgestopften Pfau, der schon den ganzen Morgen hinter mir herläuft, und dort sehe ich wahrhaftig die junge Dame in der schottischen Weste herankommen, die mich, wie ich weiß, zu einem Spazierritt auffordern will!« Dabei bemächtigte er sich seines Hutes und ergriff die Flucht.

»Waring,« sagte Major Byng, als er an der Table d'hote den zwischen zwei sehr lauten, auffallend geputzten jungen Damen sitzenden Mark beobachtete; »Waring, ich will Ihnen was sagen, der junge Mann gibt nächstens Fersengeld. Sehen Sie nur sein Gesicht! Ich glaube, er benutzt den nächsten Dampfer, um Ihnen durchzugehen und nach England zurückzukehren.«

»Das thut er gewiß nicht,« entgegnete Clarence im lässigsten Selbstvertrauen. »Er hat besondere Gründe, eine Weile in Indien zu bleiben; aber sein erster Ausflug in die Welt scheint ihm allerdings nicht zu behagen. Und doch ist diese alte, dumme Welt gar nicht so übel. Teufel, wenn ich an seiner Stelle wäre!«

Als der Major später mit Mark im Billardzimmer zusammentraf, sagte er im Laufe des Gesprächs: »Ich sah, daß Sie es bei Tische schlecht getroffen hatten, und bedauerte Sie herzlich. Wenn Sie ein ruhiges Leben wünschen und den Rat eines alten Soldaten hören wollen, so schicken Sie Ihren Kammerdiener mit der Hälfte Ihres Gepäckes nach Hause, nehmen dann einen mohammedanischen Diener, der von Ihren Verhältnissen nichts weiß, und beginnen Ihre Tour durch Indien von einem andern Platze aus, wo Sie noch nicht gekannt sind. Und lassen Sie Clarence die Kasse führen. Er versteht die Landessprache, weiß sich in Respekt zu setzen, und Sie können dann Ihre eigenen Wege gehen.«

Diese Ratschläge des Majors wurden befolgt und erwiesen sich als sehr praktisch; doch blieben die beiden Herren zunächst noch in Punah, um die Rennen, bei denen Clarence viele Bekannte zu treffen hoffte, abzuwarten.

»Waring scheint neun Leben zu haben, wie eine Katze,« sagte einer dieser Bekannten zu Major Byng. »Es sieht aus, als wäre er in besseren Verhältnissen als je, und ich sah ihn gestern hohe Wetten abschließen. Ihn zum Mentor eines jungen Mannes zu machen, hat allerdings was Komisches. Ob die Verwandten seines Schutzbefohlenen wohl wissen, welche ausgemachte Spielratte er ist? Hoffentlich reitet er seinen jungen Schützling nicht zu tief in die Patsche.«

»O dieser Schützling hat seinen Kopf für sich, und er wird Waring im Auge behalten, das heißt der Schüler wird den Lehrer überwachen, außerdem hoffe ich, daß Clarence ein bißchen zu Verstand gekommen ist.«

»Dazu gebe Gott seinen Segen!« lautete die etwas ungläubige Antwort.

*

Mark Jervis hatte sich sofort nach seiner Ankunft in Bombay zu den Agenten Boston und Bell begeben, um die Adresse seines Vaters zu erfragen, was ihm indessen nur unter vielen Schwierigkeiten gelungen war. Der Chef des Hauses hatte ihm in einer Privatunterredung dringend empfohlen, die Adresse geheim zu halten, weil er, der Geschäftsmann, sonst ernste Unannehmlichkeiten davon haben könne; denn Major Jervis sei ein sehr eigner Herr und halte seine Angelegenheiten, die zur Zeit übrigens fast ganz in den Händen eines Herrn Cardozo lägen, sehr geheim. Mit ihrer Firma stehe Major Jervis nicht mehr in direktem Briefwechsel. Dann kritzelte der Herr etwas auf eine Karte und überreichte diese Mark. Der junge Mann las:

»Mr. Jones

Hawal-Ghât, via Shirani.«

Mit der nächsten Post ging ein Brief des Sohnes an den Vater unter dieser Adresse ab.


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