Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Drittes Kapitel

Milly Sladen hatte »Mutter Brande« nicht nur eine Neuigkeit mitgeteilt, sondern sie auch auf einen großen Gedanken gebracht, einen Gedanken, der Wurzel schlug, wuchs und sich in dem etwas leeren Kopfe der Dame zur vollen Blüte entfaltete, während sie in ihrem jetzt einsamen Empfangszimmer vor dem Kaminfeuer saß, das sie in größter Unparteilichkeit mit einem aalglatten, sehr selbstbewußt aussehenden Foxterrier teilte.

Alle Welt stimmte darin überein, daß Frau Brande ihrer Zeit eine sehr schöne Frau gewesen sein müsse, und noch jetzt machten ihre zarte Hautfarbe, ihre blauen Augen und regelmäßig geschnittenen Züge sie zu einer bemerkenswert schönen Ruine. Dennoch schien es den meisten Menschen unbegreiflich, wie der fast überfeinerte, schwer zu befriedigende, egoistische Pelham Brande dazu gekommen war, die Nichte einer Zimmervermieterin zu heiraten, und wer weiß, ob er, wenn er eine Ahnung gehabt hätte, welche glänzende Laufbahn, welche unerwarteten Erfolge ihm bevorstanden, nicht selbst gezögert haben würde, diesen Schritt zu thun. Wie konnte er aber damals auf den Gedanken kommen, daß seine blonde Sally, die ihn so aufmerksam und gut gepflegt hatte, einst von Chuprassis (Dienern) in scharlachroter Livree bedient werden sollte, daß sie den Vortritt vor den Frauen von Generälen und andern hochstehenden Persönlichkeiten haben und in die Lage kommen würde, »eine Stellung« aufrecht zu erhalten! Wer ist denn im Alter von zweiundzwanzig bereits so klug, wie mit zweiundfünfzig? Pelham Brande war gerade zweiundzwanzig, als er sich auf den indischen Zivildienst vorbereitete, zu diesem Zwecke in London wohnte und an einem typhösen Fieber schwer erkrankte. Seine Wirtin Frau Batt und ihre reizende Nichte Sarabella, die so frisch wie eine Junirose und so unschuldig wie ein Märzlämmchen war, hatten ihn aufs sorgsamste gepflegt.

Da die berühmtesten Aerzte versichern, daß nichts einen so günstigen Einfluß auf die Genesung Kranker ausübe, als eine hübsche und geschickte Wärterin, so war es eben kein Wunder, daß auch Pelham Brandes Herstellung unter Sarabellas sanften Händen und Augen die überraschendsten Fortschritte machte; aber der Patient verfiel dafür in eine neue Krankheit, die sich als unheilbar erwies. Ohne seine Freunde und Angehörigen um ihren Rat oder ihre Meinung zu fragen, begab er sich eines schönen Morgens mit Sarabella in die St. Clemenskirche, ließ sich trauen, machte darauf einen achttägigen Ausflug nach Dover und löste dann zwei Schiffsbillets erster Klasse nach Bombay.

In der Regel werden junge Zivilbeamte ohne alle Barmherzigkeit nach sehr einsamen Distrikten des Landes geschickt, wo sie oft wochenlang kein weißes Gesicht erblicken und die ihnen untergebenen Eingeborenen und Diener, sowie die einfachen Bewohner der benachbarten Dörfer ihren einzigen Verkehr bilden. Dann und wann begegnen sie einem Opiumhändler oder einem Forstbeamten und tauschen mit diesen Cigarren und Zeitungen aus; aber selbst solche Begegnungen sind selten, und nach einem fleißigen Universitätsstudium, nach der gewaltigen Anstrengung, die das schwere Examen verlangt, ist das tödliche Einerlei und die Einsamkeit dieser abgelegenen Stationen hinreichend, um den stärksten Geist aus den Angeln zu heben, insbesondere, wenn dem neuen Ankömmling kein offenes Auge und Ohr für die Natur gegeben ist, wenn sich ihm die Schönheiten des rauschenden Waldes, der wogenden Kornfelder, der alten ehrwürdigen indischen Tempel und der herrlichen Sonnenuntergänge nicht offenbaren. Findet er kein Vergnügen daran, im Walde auf einen Frischling zu pürschen oder Schnepfen zu schießen, sondern bleibt er nach gethaner Arbeit in der Kühle des Abends vor seinem Zelte sitzen, um der Sehnsucht nach Polopartieen, nach Karten und Theater nachzuhängen, so hat er wohl Ursache, sein Schicksal zu verwünschen.

Pelham Brande hatte die Schrecken dieser Einsamkeit wenig empfunden. Sarabella war ihm eine vortreffliche Gehilfin und Stütze gewesen, hatte die Landessprache mit erstaunlicher Leichtigkeit erlernt, sich schnell mit den Sitten des Landes vertraut gemacht und sich als ausgezeichnete Hausfrau erwiesen; aber sie hatte sich niemals für Bücher interessiert und sich gewisse Sprachfehler niemals abgewöhnt. Jahrelang hatten die Brandes in weltfremden Distrikten und kleinen Stationen gelebt, bis nach und nach die geleisteten Dienste und die dabei entwickelten Fähigkeiten Pelhams ihm Anerkennung und einen Platz in erster Reihe verschafften. Aber während er vorwärts kam, ging seine Frau zurück. Sie verlor an Schönheit, was sie an Leibesumfang gewann, und ihr Geschmack am Auffallenden trat mehr und mehr hervor und befestigte sich. Pelham schämte sich seiner Frau zwar nicht geradezu, aber er verschloß sich doch nicht dem Eindruck, daß seine gesellschaftliche Stellung eine ungleich angenehmere sein würde, wenn eine wirklich gebildete Dame an der Spitze seines Hauswesens stände.

Zweimal hatte er sie auf sechs Monate nach Australien geschickt, aber nie war er -- was sie auch gar nicht wünschte -- mit ihr nach England gegangen. Einmal, vor Jahren, hatte er selbst eine Reise nach seinem Geburtslande gemacht und war dort von seinen Angehörigen aufgenommen worden, wie man reiche, kinderlose, vom Glück begünstigte Männer im Familienkreise aufzunehmen pflegt. Seine Verwandten hatten es sogar über sich vermocht, nach Sara, wenn auch in etwas beklommenem Tone, zu fragen, und diese ihrerseits hatte ihnen reiche Gaben von Curry, rotem Pfeffer und andern ins hauswirtschaftliche Fach einschlagenden Dingen zugeschickt, auf die sich das Interesse der guten Frau beschränkte. Sara Brande las wohl ihre Tageszeitung, auch dann und wann einen modernen Roman, besonders wenn viele Lords und Ladies darin vorkamen; sie verstand es auch, ein Billet, eine Einladung oder Ablehnung abzufassen, ja mit Hilfe des Wörterbuches sogar einen Brief zu schreiben, im übrigen aber fand sie mehr Vergnügen an ihren Kühen, Hühnern und Gänsen und liebte ihren Hund »Ben« über alles. Sie gab vorzügliche, reiche, aber langweilige Diners, kleidete sich in prachtvolle Stoffe von schreienden Farben, fand hin und wieder Gefallen an einem kleinen Klatsch, spielte gern Whist und haßte Frau Langrishe. Im ganzen führte sie eine einförmige, harmlose Existenz und pendelte bei jedem Wechsel der Saison mit der Regelmäßigkeit eines Uhrwerks zwischen ihrer Villa in den Bergen und dem Hause in der Stadt hin und her.

Im Moment fühlte sich Sara Brande, die vor ihrem Kaminfeuer saß und das Prasseln der Tannenholzscheite beobachtete, nicht glücklich. Offiziell war sie das Haupt der Gesellschaft, die » Burra Mem sahib« des Ortes, in Wirklichkeit spielte aber die kluge Frau Langrishe die Rolle der tonangebenden Person und schnappte ihr alle Ehren, sozusagen den Kern der Nuß, weg, während ihr, der Frau Pelham Brandes, nur die erbärmliche Schale blieb. Hatte jene verhaßte Rivalin nun gar noch ein schönes junges Mädchen zur Seite, so wurde sie sicherlich noch mehr aufgesucht und benahm sich dann noch unerträglicher, als bisher. Und was ließ sich dagegen thun? Nichts, gar nichts! Sara Brande that dann am besten, die Waffen zu strecken und als freundlose, verlassene alte Frau zu sterben. Wäre ihre liebe kleine Annie am Leben geblieben, ja, dann hätten die Dinge anders gestanden; aber sie hatte keine Familie, keine Verwandten, nicht einmal eine Nichte. Und doch -- glücklicher Gedanke! Pelham hatte ja Nichten, drei Stück sogar, die arm und ohne alle Frage hübsch waren. Er hatte ihre Mutter, die seine Schwester war, unterstützt, hatte zur Erziehung seiner Nichten beigetragen und ihnen dann und wann Geld geschickt. Warum sollte seine Frau nicht eines dieser jungen Mädchen adoptieren und auch ihre Nichte haben? Gleich nach Tische (es gab heute ihres Mannes Lieblingsgericht) wollte sie mit Pelham sprechen, und je mehr sie sich mit dem Plane beschäftigte und darüber nachdachte, desto mehr gefiel er ihr, desto mehr befestigte sich ihr Entschluß. So waren die ganze Reise des jungen Mädchens, Dampfer, Zimmer, Toilette bereits fix und fertig, und Frau Brande wollte eben dazu übergehen, eine passende Partie für sie auszusuchen, als Pelham hungrig und fröstelnd ins Zimmer trat.

Nach dem Essen, während Brande eine Cigarette rauchte und sein kluges Weib ihm eine Tasse köstlich duftenden Kaffees reichte, brachte sie die Angelegenheit zur Sprache.

»Pelham, du bist so oft abwesend, und ich fühle mich dann recht einsam,« begann sie. »Ich bin nicht mehr so frisch und regsam wie ehedem und wäre zum Tanzen, zum Tennis und dergleichen Zeitvertreib, selbst wenn ich mir je viel daraus gemacht hätte, zu alt.«

»Du möchtest also vielleicht eine Reise machen, oder soll ich dir ein Pony kaufen oder eine Gesellschafterin halten?« fragte etwas von oben herab ihr Gatte, ein glattrasierter, grauhaariger Mann mit dünnen, beweglichen Lippen und scharfblickendem Auge, der, aus einiger Entfernung gesehen, einen merkwürdig knabenhaften Eindruck machte. »Was hast du für Wünsche?«

»Ich möchte nicht reiten und tanzen, aber jemand für mich reiten und tanzen lassen,« lautete die überraschende Antwort. »Laß uns, wenn es dir recht ist, eine von deinen Nichten zu uns einladen. Das junge Mädchen sollte es gut bei mir haben. Wenn unsre kleine Annie am Leben geblieben wäre, hätte ich freilich nicht nötig, mir andrer Leute Töchter zur Gesellschaft zu leihen.«

Brande, der seine Frau bis jetzt mit scharfen, prüfenden Blicken betrachtet hatte, fühlte sich bei Erwähnung seines einzigen Kindes, das in weiter Ferne unter einem Tamarindenbaum begraben lag, weicher gestimmt.

Ja, die kleine Annie würde, wenn sie am Leben geblieben wäre, jetzt fünfundzwanzig Jahre alt und wohl ebenso hübsch sein, wie in diesem Alter die Mutter gewesen war, die ihm den Kopf verdreht und ihm so selten Gelegenheit gegeben hatte, seine Wahl zu bereuen.

»Deine Schwester hat drei Töchter und befindet sich nicht in glänzenden Verhältnissen,« fuhr Sally fort. »Was ist denn die Pension eines Obersten? Es gibt Leute, die ihren Koch besser besolden.«

»Du hast ganz recht. Groß ist die Pension allerdings nicht, und meine Schwester, die nie eine besondere Haushälterin war, findet es schwer, durchzukommen. Aber du mußt auf der andern Seite bedenken, welche Verantwortlichkeit dir ein junges Mädchen auferlegen würde. Außerdem bist du nicht an den Verkehr mit jungen Leuten gewöhnt ...«

»Nein, aber es wird mir nicht schwer werden, mich daran zu gewöhnen; denn ich habe die Jugend gern. Sage ja, Pel, und ich schreibe sofort. Wir würden natürlich die Ueberfahrt bezahlen, und ich würde sie selbst von Allahabad abholen.«

Pel warf das Ende seiner Cigarette ins Feuer, drückte sein Augenglas fest auf die Nase und blickte seine Frau schweigend an.

»Aber wie kommst du so plötzlich, so mit einemmal auf die Idee?« fragte er endlich.

»Sie ist mir gar nicht -- gar nicht plötzlich gekommen,« gab Sally zögernd zur Antwort. »Ich fühle mich oft recht einsam; an deine Nichte habe ich aber, offen gestanden, erst heute gedacht, als ich hörte, daß Frau Langrishe eine ihrer Nichten aus Kalkutta erwartet.«

Pelham versenkte seinen Klemmer eiligst wieder in die Westentasche und that einen langen, eigentümlichen Pfiff.

»Jetzt begreife ich! Frau Langrishe soll nichts voraus haben. Du willst ihrer Nichte deine Nichte entgegenstellen, und es soll einen Wettkampf geben, welche die ihrige am schönsten kleidet, ihr die meisten Anbeter verschafft und sie am schnellsten verheiratet. Nein, Sally, solche Pläne unterstütze ich nicht und werde keine meiner Nichten dazu hergeben.« Dabei schlug er die Beine übereinander und zündete eine neue Cigarette an.

»Höre mich nur erst an,« fuhr seine Frau fort, indem sie aufstand. »Was du da voraussetzest, wird nicht geschehen, und außerdem hätte deine Nichte eine ganz andre Stellung, als jene. Ich würde sie behandeln, als ob sie mein eigenes Kind wäre, und du weißt, es ist nicht schwer, mit mir zu leben,« fügte sie mit vor Erregung zitternder Stimme hinzu. »Die Gordons sind zudem deine nächsten Verwandten, und du bist ihnen etwas schuldig. Nach deinem Tode werden sie ja all' dein Hab und Gut erben. Deine Schwester ist kränklich, und wenn ihr etwas Menschliches begegnen sollte, so würdest du nicht eine ihrer Töchter, sondern alle drei auf dem Halse haben. Wie würde dir das gefallen? Ist aber eine gut verheiratet, so haben die beiden andern bei ihr eine Zufluchtsstätte.«

»Du wirst ja ganz beredt, und außerdem ist was Wahres an dem, was du sagst, Sally. Jedenfalls will ich die Sache in Erwägung ziehen und dir morgen Antwort geben. Was aber mein den Gordons zufallendes ›Hab und Gut‹ anbetrifft, so bin ich erst zweiundfünfzig Jahre alt und gedenke, noch ein gutes Teil davon für mich selbst zu verbrauchen.«

Damit griff Brande nach einer Zeitung und schien sich in deren Inhalt zu versenken. Aber er las nicht, sondern ging nur mit sich selbst zu Rate.

Er hatte die Töchter seiner Schwester nicht gesehen, seitdem sie ihr Alter mit zwei Ziffern schrieben: sie waren seine nächsten Verwandten, waren arm und lebten in irgend einem abgelegenen Winkel Englands. Ja, es war seine Pflicht, etwas für sie zu thun; seine alte Frau wünschte sich eine Gesellschaft und ihm selbst würde ein junges, frisches Gesicht im Hause angenehm sein. Aber was würde eine gut erzogene junge Engländerin von dieser Tante mit der fehlerhaften Sprache, der auffallenden Kleidung und dem ungenierten Benehmen denken? War es indessen auf der andern Seite nicht gewiß, daß sie bald entdecken würde, welches gute Herz und welche freigebige Hand diese brave, wenn auch äußerlich etwas sonderbare Frau hatte?

Am nächsten Morgen, nachdem er die Sache beschlafen hatte, gab Brande seine Einwilligung und überreichte Sally zugleich einen Check von ansehnlichem Betrage. In großer Aufregung schloß sie sich mit Schreibmaterial und Wörterbuch in ihr Zimmer ein, um ihren Brief ohne Störung entwerfen zu können, und wirklich war nach zweistündiger, harter Arbeit das Werk gethan. Mit fester Hand drückte sie die Marke auf das Couvert der wichtigen Epistel und brachte sie dann selbst zur Post, um sie eigenhändig in den Kasten zu versenken.

Als sie dies vollbracht hatte und sich umdrehte, sah sie sich ganz unvermutet der verhaßten Rivalin gegenüber, die, von zwei jungen Herren begleitet, eben die Stufen der Vortreppe heraufkam. Frau Langrishe begegnete der Feindin immer mit der größten Liebenswürdigkeit, denn erstens war es »mauvais genre«, sich zu zanken, und zweitens wußte sie, daß ihre Höflichkeiten und ihr liebenswürdiges Lächeln die andre bis aufs Blut ärgerten.

So bot sie ihr denn auch jetzt die fein behandschuhte Rechte und fragte im herzlichsten Tone: »Wie geht es Ihnen, liebste Frau Brande? Ich habe Sie seit einem Menschenalter nicht gesehen! Freilich wäre es an mir gewesen, Ihnen einen Besuch abzustatten, denn ich bin später angekommen; aber ich hatte so viele Verpflichtungen, die Menge der Besucher --«

»O bitte, Sie haben gar nicht nötig, sich zu entschuldigen!« rief Sally Brande, der das Blut in die Wangen stieg. »Offen gestanden, ich bin so vergeßlich und glaubte, Sie wären schon bei mir gewesen!« (Möge der guten Frau diese grobe Lüge dereinst nicht angerechnet werden!)

Jetzt war die Reihe, der Feindin einen Stich zu versetzen, wieder an der andern.

»Natürlich werde ich das Vergnügen haben, Sie bei dem großen Diner zu sehen, das die Maitlands nächste Woche geben!« sagte sie, obwohl, oder vielmehr gerade weil sie wußte, daß die Gegnerin nicht eingeladen war. »Die ganze gute Gesellschaft wird da sein. Freilich sind noch längst nicht alle Familien angekommen, denn es ist noch früh in der Jahreszeit; aber es wird doch ungewöhnlich hübsch werden. Das Diner findet zu Ehren des Baronets statt!«

»Ich werde nicht dort sein; ich habe keine Einladung empfangen,« entgegnete Frau Brande, obgleich sie den Bissen schwer hinabschluckte. Sie sprach fast immer die Wahrheit, auch wo es ihr, wie in diesem Falle, schwer fiel.

»Nicht eingeladen? Das ist ja sehr sonderbar!« rief Frau Langrishe im Tone höchsten Erstaunens und setzte dann mit einem beschwichtigenden Lächeln hinzu: »Die Maitlands werden Sie sicherlich zu ihrer zweiten Gesellschaft einladen. Ich höre, daß wir eine sehr vergnügte Saison zu erwarten haben.«

»Und ich habe mir sagen lassen, es würde sehr an jungen Herren fehlen!«

»Wirklich? Nun, das wird Ihnen, da Sie weder tanzen, noch reiten, noch Tennis spielen, ziemlich gleichgültig sein. Für mich wäre es allerdings eine schlimme Neuigkeit, denn ich erwarte eine Nichte aus Kalkutta und rechne auf anregende, angenehme Geselligkeit.«

»Sie irren, mich geht die Sache ebenso viel an, wie Sie, meine liebe Frau Langrishe,« versetzte die Gegnerin mit triumphierendem Kopfnicken. »Sie wissen vielleicht noch nicht, daß ich ebenfalls eine Nichte erwarte, eine Nichte, die direkt aus England kommt! Sie sehen, andre Leute haben auch Nichten!« Damit machte die alte Dame einen tiefen Knix, rauschte die Treppe hinab, stieg in ihren Rickshaw und flog davon.

Ida Langrishe blieb einen Augenblick stehen, um den vier Jampannis in blau und gelber Livree, die bald in den aufwirbelnden Staubwolken verschwunden waren, mit spöttischem Lächeln nachzublicken.

»Sie sehen, andre Leute haben auch Nichten!« wiederholte sie, zu ihren Begleitern gewandt und Ton und Miene der alten Dame in der amüsantesten Weise nachäffend. »Sie ist nicht unterzukriegen. Man kann sich aber schon denken, welcher Art diese Nichte sein wird. Gerstenzuckerfarbenes Haar, Toiletten in allen Regenbogenfarben und ein steter Kampf mit der Grammatik lassen sich voraussehen.«


 << zurück weiter >>