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Siebentes Kapitel

Jetzt, nachdem Fee zur allgemeinen Zufriedenheit ihren Sinn geändert und die Reise nach Indien aufgegeben hatte, trat die Frage: wer soll an ihrer Stelle gehen? wieder in ihr Recht. Frau Gordon, Jessie und alle Freunde sagten einstimmig: Honor. Aber Honor hatte nicht die mindeste Lust. Sie gehörte nicht zu den unternehmenden jungen Mädchen, hing mit ganzem Herzen an der Heimat und an ihrer Familie, und Fee vergoß, wenn sie mit der Schwester allein war, bei jeder Erörterung der Frage Ströme von Krokodilsthränen. Sie erklärte, den Gedanken der Trennung von ihrer Lieblingsschwester nicht ertragen zu können, und fand es sehr grausam von den Menschen, so etwas zu verlangen. Wer, so fragte sie sich in der Stille ihres Herzens, wer sollte sie denn, wenn Honor nicht mehr da war, frisieren, wer ihr die Stiefel zuknöpfen und sie in den Schlaf lesen? Und würden dann nicht auch manche von den abscheulichen Arbeiten, die jetzt Honor verrichtete, ihr zufallen? Würde man, da Jessies Zeit Gold war und gespart werden mußte, nicht vielleicht ihr, der kleinen Fee, die Pflege der Blumen, das Abstäuben im Empfangszimmer, andre häusliche Verrichtungen, Gänge u. s. w. zumuten? Im Familienkreise stimmte sie laut und entschieden dafür, man solle Jessie hinüberschicken. Wie es scheine, wäre für Indien eine jede, selbst Jessie, hübsch genug. Oder, noch eins, warum sollte und mußte denn die Einladung überhaupt angenommen werden? England war ein freies Land! Sie, Fee, erbot sich, einen hübschen kleinen Dankesbrief an die Tante zu schreiben, und das Geld behielten sie. Onkel Pelham würde nimmermehr so gemein sein, es zurückzuverlangen, und wie viel Vergnügen konnten sie sich damit machen, wie viel hübsche Sachen dafür kaufen!

So war eine volle Woche verflossen, ohne daß eine Antwort an Onkel und Tante Brande abgeschickt worden war. Jessie und die Mutter hatten ernstlich mit Honor gesprochen, und sie hatte die Schilderung aller Vorteile, die für sie, Honor, aus der Reise entspringen mußten, mit ihrem gewöhnlichen liebenswürdigen Lächeln angehört, hatte auch keinen Widerspruch erhoben, aber sie hatte, als die beiden fertig waren, in scherzhaftem Tone erwidert: wer denn in ihrer Abwesenheit den Esel in Zucht halten, in der Kirche das Harmonium spielen und die Hühner füttern solle. Der Hühnerhof wäre ja ganz verloren ohne sie.

»Wir sind ja alle verloren ohne dich: aber zu deinem eigenen Besten müssen wir uns schon ohne dich behelfen lernen,« hatte Jessie zur Antwort gegeben.

»Aber ich will nichts zu meinem eigenen Besten thun, will nur daheim bleiben,« hatte Honor wieder und wieder versichert; und dabei war es geblieben.

Auch für die vielfachen Vorstellungen der Freunde des Hauses blieb das junge Mädchen unzugänglich, und weder ihnen noch Mrs. Gordon dämmerte die Ahnung auf, daß es Fee war, die alle ins Feld geführten Vernunftgründe zunichte machte, indem sie nachts ihre Arme um den Hals der Schwester schlang, ihre Wangen an die Honors preßte und ihr zuflüsterte: »Nicht wahr, du gehst nicht. Versprich mir, daß du nicht gehst!«

Nur die klarblickende Jessie kam endlich auf die wahre Ursache, und sie und die Freunde beschlossen nun, ein andres Verfahren einzuschlagen.

Eines Abends -- es waren zehn Tage vergangen, seitdem der Brief der Tante unbeantwortet in Frau Gordons Schreibpult ruhte -- begegnete Honor, die eben aus der Kirche heimkehrte, wo sie den Lobgesang für den nächsten Sonntag eingeübt hatte, dem Pfarrer.

»Sie werden wohl Sonntag zum letztenmal den Gesang begleiten, und wir wissen noch nicht, wie wir Sie ersetzen sollen,« sagte er.

»Warum soll ich ersetzt werden? Ich reise nicht,« gab Honor zur Antwort.

»Wie, Sie reisen nicht? Warum nicht? Wollen Sie auf alle Vorteile, die Ihnen Indien bieten würde, verzichten?«

»Ach, diese Vorteile! Jeß liegt mir damit auch beständig in den Ohren. Ich soll die Welt sehen, schöne Kleider und ein Pony haben, soll Bälle und andre Vergnügungen mitmachen, Menschen kennen lernen u. s. w.«

»Und Sie würden an alledem Vergnügen finden, Honor. Sie sind erst neunzehn Jahr alt.«

»Ja, aber was nützt es ihnen, (mit dem Kopfe nach der ›Erheiterung‹ deutend) wenn ich mein Vergnügen habe? Außerdem bin ich hier gewiß nötiger, als in Indien. Jeß kann nicht alles thun; ihre Schriftstellerei nimmt einen großen Teil ihrer Zeit in Anspruch, ich muß nach Haus und Garten sehen. Auch könnte Fee es nicht ertragen, wenn ich sie verließe.«

»Sie haben Fee verzogen und verwöhnt!« rief der Pfarrer ärgerlich. »Noch vor einigen Tagen brannte sie darauf, selbst nach Indien zu gehen, und Sie thun unrecht, sich und die andern den Grillen und Einfällen eines jungen Mädchens zu opfern, das Sie zur Familienplage heranziehen. Hören Sie mich an, Honor; ich weiß, daß Sie eine gute, ehrliche Seele sind und den Plan nur abweisen, weil Sie glauben, Sie allein würden den Vorteil davon haben. Aber sie sind im Irrtume. Ihre Mutter ist von schwächlicher Gesundheit, und mit ihrem Tode erlischt auch die Pension. Wovon wollen Sie leben, wenn Sie jetzt die Hand zurückstoßen, die Ihnen Ihre nächsten Verwandten bieten? Ich weiß, Jessie verdient etwas; aber das genügt kaum für ihr eigenes Leben, und was wird dann aus Fee und aus Ihnen? Nehmen Sie an, eine von Ihnen würde krank! Man muß die Dinge doch immer von allen Seiten betrachten. Ihre Verwandten haben sich erboten, Sie zu adoptieren, Sie werden in Jahresfrist wieder hier sein, werden Gelegenheit gefunden haben, für sich und Ihre Schwestern neue Freunde zu gewinnen, Ihre jetzt engen Weltanschauungen zu erweitern, und schon deshalb würde die Reise für Sie und die Ihrigen von großem Nutzen sein, ganz abgesehen von den Ersparnissen, die bei Ihrer Abwesenheit gemacht werden könnten.«

»Ersparnisse, bei meiner Abwesenheit?« fragte Honor ungläubig.

»Natürlich! Ein junges Mädchen lebt nicht von der Luft, braucht auch Kleider.«

»Ich mache meine Kleider selbst.«

»Dummes Zeug!« rief der Pfarrer, seinen Stock ungeduldig schwenkend. »Das Material dazu machen Sie doch nicht selbst. Wie können Sie nur so blind gegen Ihre eigenen Interessen und die Ihrer Familie sein!«

»Freilich wäre es auch nur für ein Jahr!« bemerkte das junge Mädchen nachdenklich. »Und Sie glauben wirklich, daß es das Richtige wäre, die Einladung anzunehmen?«

»Daran zweifelt hier kein Mensch!«

»Außer Fee!«

»Fee hat gar kein Recht, Ihnen in den Weg zu treten, und außerdem würde Ihr Gehen eine gute Lehre für sie sein. Sie würde lernen, sich auf die eigenen Füße zu stellen und sich in der Familie nützlich zu machen. Gehen Sie also stracks heim und sagen Sie, daß Sie entschlossen sind, zu reisen. Je früher Ihre Mama sich um eine Schiffsgelegenheit und um die etwaige Reisegesellschaft kümmert, desto besser dürfte es sein.«

Damit schüttelte der Pfarrer Honor die Hand und bog in den Weg nach seiner Wohnung ein. Das junge Mädchen ging langsam nach Hause. Ja, wenn Fee einwilligte, so würde sie sich nicht länger sträuben, dem allgemeinen Wunsche nachzugeben: war es doch nur für ein Jahr, und ...«

Aber während sie, diesen Gedanken nachhängend, ihrem Hause zuschritt, hatte Fee bereits eingewilligt. Die Frau des Pfarrers und Jessie hatten ihr in Honors Abwesenheit ernstliche Vorstellungen gemacht, und es war ihnen endlich gelungen, der Stimme der Vernunft Gehör zu verschaffen. Namentlich hatte Fee auf Frau Banks Vorhalt, daß sie sich ja auch, und zwar freiwillig, von Honor getrennt haben würde, wenn sie selbst nach Indien gegangen wäre, nichts zu erwidern.

»Und ich bin überzeugt, Onkel Pelham gewinnt Honor lieb, nimmt an, wir wären, was nicht der Fall ist, ebenso hübsch und angenehm wie sie, und läßt sich dadurch bestimmen, für uns alle etwas zu thun. Wir werden ja auch jede Woche einen Brief von ihr bekommen,« sagte Jessie.

»Ja, und Geschenke!« fiel hier Frau Banks in bedeutungsvollem Tone ein. »Sie wird ein reichliches Taschengeld haben und im stande sein, eine Menge hübscher Sachen zu schicken.«

Fee seufzte, führte ihr Taschentuch an die Augen, ließ sich aber endlich die gewünschte Einwilligung abschmeicheln, und als ihre heimkehrende Schwester mit etwas feierlichem Gesicht in die Thür trat, eilte sie ihr entgegen, umschlang sie mit den Armen und rief: »Ich habe versprochen, dich nach Indien gehen zu lassen!«

Noch an demselben Tage wurde der zusagende Brief nach Shirani abgeschickt, und Fee, um zu zeigen, daß sie nichts halb thue, trug ihn selbst zur Post. Dann suchte sie ihre Schnitte und Muster wieder hervor und widmete sich mit Leib und Seele der Ausrüstung ihrer Schwester.


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