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Vorwort

Der »Schaumlöffel« ist des jüngeren Crébillon zweiter Roman, er schrieb ihn 1734. Das Buch skandalisierte, nicht seiner Freiheiten wegen, sondern weil man die politische Satire, als zu offensichtlich, zu anstößig finden mußte. Des Autors Stellungnahme für die Jansenisten gegen die Jesuiten fand in diesem Buch ihren geraden Ausdruck: er greift die päpstliche Bulle »Unigenitus« an, die die Macht der Jesuiten gegen ihre Gegner endgültig festigte, und macht den Kardinal Rohan und die Herzogin von Maine lächerlich. Der Angriff kostete ihn seine Freiheit; man schickte ihn auf die Festung Vincennes. Dieser aktuelle Erfolg des Buches ist heute ausgeschaltet. Man wird jetzt, was man damals bestrafte, gelassen hinnehmen, allerdings nur, um vielleicht das Übrige des Buches, das erotische Szenarium, wofür man im 18. Jahrhundert viel Geschmack hatte, zu rügen, und man ist damit nicht klüger geworden. Was zunächst die wenigen Bücher Crébillons, die heute zu lesen noch angängig ist, – Der Schaumlöffel, Das Sopha, die Dialogerzählungen – auszeichnet, ist der genaue und unromantisch dargestellte Charakter der damaligen Zeit. Man mag die Atmosphäre dieser Bücher »verwerflich« finden, aber muß bedenken, daß die Zeit, aus der heraus und für welche Crébillon diese Dinge schrieb, in diesem Betracht noch verwerflicher war, und soweit man sich über den Spiegel empört, ist man nur der Bürger, der die historischen Zustände, statt sie als solche zu betrachten, für das nimmt, was sie an sich nie sein können, für laszive Angriffe auf seine unbeständige unreife Moralität.

Der Erfolg Crébillons für seine Zeit war ein unmittelbarer und allgemeiner. Seine Bücher kamen den Ansprüchen der Gegenwart entgegen und befriedigten sie; sein Witz war der rationale skeptische Witz seines Jahrhunderts, der aus genauem Sehen entspringt; er schrieb solide, nicht zu langweilig, ein wenig tendenziös – wie alle diese an der Oberfläche libertinen Bücher schlechtverhüllte Moralitäten sind – die Politik in den Büchern nahm man hin und entgegnete ihr, die Psychologie überschlug man, – im Ganzen lobte man den Verfasser, bewunderte ihn, sorgte für seinen Ruhm, und es war nicht nur sein Publikum, – Damen, für die er ein Stück des galanten Dekors war, Herren, die die Situationen des Buches wie ihre eigenen schmeckten – die ihn auszeichneten, sondern es anerkannten ihn Leute wie Diderot, Wieland, Heinse, Sterne.

Über den »Schaumlöffel« insbesondere etwas zu sagen, erübrigt sich. Crébillon ist in diesem Buch ganz er selbst, seine Freiheiten sind geradezu, seine Phantasie hält sich in ziemlich engen Grenzen, seine Psychologie ist bewundernswert. Das spätere »Sopha« ist lasziver, verfädelter, breiter, langweiliger. Am entwickeltsten zeigt sein Talent sich in den noch späteren Dialogerzählungen, auf welche, wie Franz Blei zu Recht betont, der ganze Stil noch der heutigen Boulevardkomödie gründet. Die Situationen sind immer scharf gesehen, die Charaktere manchmal sehr difficil, die Atmosphäre ist verdünnt, geistig, amoralisch, vorbehaltlos; die menschlichen Beziehungen auf den Sexus gesammelt und hierauf mit großer Entschiedenheit und bewundernswertem Geschick immer wieder in neuer Art bezogen. Was dem heutigen Leser für das Phänomen Crébillon insbesondere das Interesse schärfen wird, ist eben diese glatte Ausschließlichkeit, mit der in seinen Büchern der Handlungsverlauf, Begebenheiten, Anmerkungen auf eine eigentümliche erotische Spannung verweisen. Die Liebesanschauung dieser Bücher ist durchaus diesseitig, aus jeder metaphysischen Bindung entlöst, aus jeder gemüthaften Verknüpfung herausgehoben, ins Sentimentalische nur verkleidet; es waltet zwischen Männern und Frauen dieser Bücher eine einzige Anziehung, die vielfältig auseinandergelegt wird, der eine begehrt und die andere kompliziert mit mehr oder minderem Geist ihre Niederlage, die niemals eine ist, da von vornherein das Nachgeben der deutlich gewußte Ausgang ihres Versagens war. Die geistige Atmosphäre dieser Gegebenheit, die sich am deutlichsten in »Le Hasard du coin du feu« beweist, bildet ein wenig schon diejenige der »Gefährlichen Liebschaften« von Laclos vor. An die Stelle innerer Bindung tritt eine komplizierte Mechanik des Leibes; das Seelische ist »physikalisiert«, die natürliche Entwicklung wird durch das Experiment ersetzt. Das Kalkül der Wollust triumphiert; ihm werden – zwar immer noch mit Liebenswürdigkeit, mit Schnörkeln, immer noch mit der Rokokogebärde – die alleinigen Opfer gebracht. Dies alles ist in Crébillon erst anfänglich ausgebildet, aber seine Psychologie, die heute diesen Namen noch verdient, geht diese Wege. Was Goethe 1799 in einem Brief an Schüler über Crébillon den Älteren bemerkt, daß dieser auf »sonderbare Weise merkwürdig dadurch ist, daß er die Leidenschaften wie Kartenbilder behandelt, die man durcheinandermischen, ausspielen, wieder mischen und wieder ausspielen kann, ohne daß sie sich im Geringsten verändern, daß keine Spur von der zarten chemischen Verwandtschaft sich findet, wodurch sie sich anziehen und abstoßen, vereinigen, neutralisieren, sich wieder scheiden und herstellen, – ist ganz in Beziehung auf den Tragödienschreiber, den Lessing im 47. Stück seiner hamburgischen Dramaturgie »den Schrecklichen« nennt, gesagt, in anderer Auslegung aber auch auf den Sohn anwendbar. Auch in ihm ist Dürre und Kälte des Herzens, das was wir das Mechanische, das Experimentale nannten, fruchtbar geworden, die, darin entgegengesetzt seinem Vater, die Libertinagen wählten, sich auszudrücken und unter der Maske einer amourösen Intrigue und politischen Zerrspiegels sich verbargen.

Wir mögen heute diese Bücher nicht mehr wie Heinse mit »seliger Wonne« lesen, sie nicht, wie Sterne es tat, mit Rabelais zusammenrücken, in ihnen nicht, wie Diderot feststellte, die Musterbeispiele eines »unendlich geistreichen und erfindungsreichen Genres« sehen, man wird sie als bedeutungsvolle Nachzeichnung ihrer Zeit auch heute bestehen lassen müssen, einer Zeit, die gerade dort, wo das Werk den Typ des Rokokoromans ins Psychologische hinein vertieft, in bedeutsamer Wirklichkeit in die Erscheinung tritt.

Walther Petry.


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