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Kapitel 22.
Begegnung mit dem deutschen Kaiser. Lebensende.

Meine erste Rektoratsrede an die Studenten der St. Andrews-Universität hatte die Aufmerksamkeit des deutschen Kaisers erregt. Er ließ mir in Neuyork durch Herrn Ballin mitteilen, daß er sie Wort für Wort gelesen habe, und übersandte mir eine Abschrift der Ansprache, die er zur Konfirmation seines ältesten Sohnes gehalten hatte. Dann erfolgten wiederholte Einladungen, ihn zu besuchen, aber erst im Juni 1907 erlaubten mir meine anderweitigen dringenden Verpflichtungen, der Aufforderung Folge zu leisten. Meine Frau und ich fuhren nach Kiel. Dort empfingen uns der amerikanische Botschafter in Deutschland Mr. Tower und seine Gattin mit größter Liebenswürdigkeit. Durch sie lernten wir viele hervorragende Persönlichkeiten kennen, obwohl wir nur drei Tage dort weilten.

Am ersten Morgen fuhr Mr. Tower mit mir auf die kaiserliche Jacht, um mich anzumelden. Ich hatte nicht darauf gerechnet, den Kaiser jetzt schon zu sehen; aber er kam zufällig an Deck und fragte Mr. Tower, was ihn schon so früh auf die Jacht führe. Dieser erklärte darauf, er habe Mr. Carnegie anmelden wollen und dieser sei auch mit an Bord. Darauf fragte der Kaiser: »Warum wollen Sie ihn mir nicht gleich vorstellen? Ich möchte ihn jetzt sehen.«

Ich befand mich gerade in einer Unterhaltung mit den Admirälen, die sich zu einer Besprechung versammelt hatten, und konnte deshalb nicht sehen, daß Mr. Tower und der Kaiser von hinten auf uns zukamen. Da legte mir jemand die Hand auf die Schulter und sagte: »Mr. Carnegie, der Kaiser!« Es dauerte einen Augenblick, bis ich mich in die Situation fand, dem Kaiser gegenüberzustehen. Ich streckte ihm beide Hände entgegen und rief: »Nun ist es so gekommen, wie ich es mir gewünscht habe: ohne jede Zeremonie steht der Mann des Schicksals wie aus den Wolken gefallen vor mir.« Und dann fuhr ich fort: »Majestät, ich bin zwei Nächte hindurch gefahren, um Ihrer großmütigen Einladung Folge zu leisten; das habe ich noch nie getan, um ein gekröntes Haupt zu sehen.« Da erwiderte der Kaiser mit seinem gewinnenden Lächeln: »Ja, ja, ich habe Ihre Bücher gelesen. Für Könige scheinen Sie nicht viel übrigzuhaben.« – »Nein, Majestät, für Könige habe ich nicht viel übrig; aber wenn hinter dem König ein Mann steckt, dann ist mir dieser um so lieber.« – »Ja, ich weiß, einen König gibt es, der Ihnen gefällt, – der schottische König Robert Bruce. Für den habe ich auch in meiner Jugend geschwärmt. Man hat ihn mir immer als Muster vorgehalten.« – »Ja, Majestät, mir auch; und er liegt im Kloster Dunfermline begraben, in meiner Heimat. Als Kind bin ich oft um sein gewaltiges Denkmal herumgestreift, das in großen steinernen Buchstaben die Inschrift ›König Robert Bruce‹ trägt; ich empfand, wenn ich sie buchstabierte, die gleiche Andacht wie ein Katholik, der die Perlen seines Rosenkranzes zählt. Aber Bruce war mehr als ein König, Majestät, er war der Führer seines Volkes. Aber er war nicht der erste; zuerst kommt Wallace, der Mann aus dem Volke. Majestät, ich bin heute der Eigentümer von König Malcolms Turm in Dunfermline In der Schenkungsurkunde, die den Park und die Schlucht von Pittencrieff der Stadt Dunfermline übergibt, findet sich ein Eigentumsvorbehalt, der sich auf König Malcolms Turm bezieht. Aus persönlichen Gründen behielt sich Mr. Carnegie das Eigentumsrecht an dieser vaterländischen Reliquie vor. [Van Dyke.], desselben Königs, von dem Sie Ihre schottische Abstammung herleiten. Sie kennen vielleicht die schöne alte Ballade ›Sir Patrick Spens‹:

Der König sitzt in Dunfermlineschloß,
Er trinkt blutroten Wein.

Ich möchte Sie einmal zum Turme Ihres schottischen Ahnherrn führen, damit Sie seinem Andenken Ehre erweisen können.« Der Kaiser erwiderte darauf lebhaft: »Darüber würde ich mich sehr freuen. Die Schotten sind gewandter und beweglicher als die Deutschen; unsere Deutschen sind zu schwerfällig.« – »Majestät, ich kann Sie leider nicht als unparteiischen Richter anerkennen, wo es sich um Schottland handelt.« Er lachte und nickte mir zum Abschied noch einmal zu mit den Worten: »Sie müssen heute abend bei mir essen« – und begrüßte dann die Admiräle.

An dem Essen nahmen ungefähr sechzig Personen teil; es war wirklich ein interessanter Abend. Seine Majestät, der mir gegenübersaß, trank mir in liebenswürdiger Weise zu. Auch mit Mr. Tower, unserem Gesandten, der rechts von ihm saß, stieß er an; und dann fragte er über den Tisch hinweg, so daß es die nächste Umgebung hören konnte, ob ich meinem Nachbar, dem Fürsten Bülow, schon erzählt hätte, daß sein (des Kaisers) Lieblingsheld Bruce in meiner Heimatstadt Dunfermline begraben sei, und daß ich jetzt den Turm seines Ahnherrn in der Schlucht von Pittencrieff besäße. »Nein«, erwiderte ich; »mit Eurer Majestät kann ich mich über derlei unterhalten, aber mit Ihrem Reichskanzler muß ich natürlich über ernsthaftere und wichtigere Dinge reden.«

Eines Abends waren wir zum Essen bei Mrs. Goelet auf ihrer Jacht eingeladen. Da auch Seine Majestät zugegen war, erzählte ich ihm, der Präsident Roosevelt hätte kürzlich zu mir gesagt, daß er, wenn es ihm das Gesetz gestatten würde, aus dem Lande zu gehen, gern einmal herüberkommen und ihn (den Kaiser) besuchen würde. Der Präsident wäre der Meinung, daß eine eingehende Aussprache nur förderlich sein könnte. Das sei auch meine Ansicht. Der Kaiser pflichtete dem bei und sagte, er möchte Mr. Roosevelt gern kennenlernen und hoffte, er würde einmal nach Deutschland kommen. Ich schlug nun vor, er (der Kaiser), dem ja in dieser Hinsicht die Verfassung keine Beschränkung auferlegt, möchte hinüberfahren und den Präsidenten aufsuchen. »Ja, aber mein Land braucht mich hier! Wie kann ich da fortreisen?« Ich antwortete: »Als ich einmal vor meiner jährlichen Schottlandreise mich von den Angestellten unserer Werke verabschiedete und meinem Bedauern Ausdruck gab, daß sie schwer und noch dazu in der heißen Jahreszeit arbeiten müßten, während ich mich doch nun jedes Jahr wundervoll ausruhen könne, und, wenn ich auch noch so abgespannt war, schon nach einer halben Stunde am Bord des Atlantik-Dampfers wieder frisch und munter sei, – da beruhigte mich mein sehr gescheiter Geschäftsführer, Kapitän Jones, darüber durch die Antwort: ›Aber denken Sie doch auch daran, was für eine Erholung es für uns ist, wenn Sie verreisen.‹ Vielleicht, Majestät, liegt die Sache bei Ihrem Volke ebenso.« Er lachte herzlich und lange. Das war ihm ein ganz neuer Gesichtspunkt. Er wiederholte seinen Wunsch, den Präsidenten Roosevelt kennenzulernen, worauf ich sagte: »Nun, Majestät, wenn Sie zwei zusammenkommen, dann werde ich wohl dabei sein müssen, sonst fürchte ich, die Sache könnte schief gehen.« Er antwortete lachend: »Ach so! Sie wollen uns zusammenspannen. Nun ja, wenn Roosevelt vorgespannt wird, will ich gern hinterherkommen.« – »Ach nein, Euer Majestät; ich verstehe mich besser auf Pferde und werde mich hüten, zwei so temperamentvolle Vollblüter voreinanderzuspannen. Man hat nie so richtig die Gewalt über das vordere Pferd; ich müßte Sie beide Hals an Hals an der Deichsel haben, sonst kann ich Sie nicht regieren.«

Ich bin selten einem Manne begegnet, der solche Freude an kleinen Geschichten hatte wie der Kaiser. Er ist ein reizender Gesellschafter, aber doch ein ernster Mann, eifrig bemüht um die Erhaltung des Friedens und um den Fortschritt der Menschheit. Es genügt wohl zu sagen, daß er bestimmt versicherte, er sei jetzt, wie schon immer, für den Frieden. Er betont gern die Tatsache, daß er nun schon 19 Jahre regiere und stets das Blutvergießen zu vermeiden gewußt habe. Er ist der Meinung, daß die deutsche Flotte zu klein ist, um es mit der englischen aufzunehmen, und daß sie nie deren ernsthafter Rival sein werde. Nichtsdestoweniger halte ich es für sehr unklug, weil unnötig, sie zu vergrößern. Fürst Bülow teilt diese Meinung; und ich glaube, der Weltfriede hat von Deutschland nicht viel zu fürchten. Deutschlands Interessen liegen alle auf friedlichem Gebiete, sein Ziel ist die industrielle Entwicklung. Auf dem Wege zu diesem erstrebenswerten Ziel geht es allerdings mit Riesenschritten vorwärts.

Durch seinen Botschafter Baron von Sternburg übermittelte ich dem Kaiser das Buch »Roosevelts Politik« The Roosevelt Policy. Neuyork 1908., zu welchem ich eine Einleitung geschrieben habe, die dem Präsidenten sehr gefallen hat; ich erhielt dafür eine Bronzeplakette mit seinem Bildnis nebst einem liebenswürdigen Begleitschreiben.

Wilhelm II. ist nicht nur Kaiser, sondern etwas weit Größeres – ein Mann, der unablässig bestrebt ist, die bestehenden Verhältnisse zu verbessern, unermüdlich in seinem Bestreben, zur Mäßigkeit anzuhalten und das Duell zu unterdrücken und, wie ich glaube, den Weltfrieden zu sichern.

Eine Zeitlang hatte ich das bestimmte Gefühl, daß der Kaiser tatsächlich der Mann des Schicksals wäre. Meine Unterhaltungen mit ihm haben mich in diesem Gefühl bestärkt. Ich setze für die Zukunft große Hoffnung darauf, daß er etwas wirklich Großes und Gutes leisten wird. Er wird noch eine Rolle in der Geschichte zu spielen haben, die ihm einen Platz unter den Unsterblichen sichert. Sechsundzwanzig Jahre lang hat er Deutschland in Frieden regiert; aber von einem Manne, der die Macht hat, den Frieden unter den Kulturvölkern fest zu begründen, kann man noch Größeres erwarten. Aufrechterhaltung des Friedens im eigenen Lande genügt nicht für jemand, dessen Aufforderung an die anderen führenden Kulturmächte, sich zu einem Schiedsgericht für alle internationalen Streitfragen zusammenzuschließen, freudigen Widerhall finden würde. Die Zukunft wird erweisen, ob er in der Geschichte genannt werden wird nur als der Hüter des inneren Friedens in seinem Volke – oder ob er seine Mission als Friedensapostel unter den führenden Kulturmächten erfüllen wird.

Vor einem Jahre (1913) stand ich vor ihm im Berliner Schloß und überreichte die Glückwunschadresse Amerikas anläßlich des 25. Jubiläums seiner friedlichen Regierung. Die Glückwünsche galten dem Manne, dessen Hand sich nicht mit dem Blute der Menschheit befleckt hat. Als ich näher trat, um ihm die Schatulle mit der Adresse zu überreichen, erkannte er mich und rief mit einer begrüßenden Bewegung seiner Arme: »Carnegie, 25 Jahre Frieden! mögen noch recht viele folgen!« Ich konnte nicht umhin, zu antworten: »Und bei dieser edelsten aller Aufgaben sind Sie unser Hauptverbündeter.« Bis dahin hatte er schweigend und bewegungslos dagesessen, die Adressen nacheinander durch einen Offizier entgegengenommen und sie einem anderen überreicht, der sie auf die Tafel legte.

Das Hauptgesprächsthema war der Weltfriede. Meiner Meinung nach könnte der Kaiser den Weltfrieden sichern und würde dies auch wirklich tun, wenn er nicht von der Militärkaste umgeben wäre, wie sie sich eben unfehlbar immer um jedes gekrönte Haupt sammelt. Diese Kaste steht gewöhnlich ebenso fest und unangreifbar wie der Herrscher selbst, und bis jetzt ist in Deutschland ihre Macht immer zutage getreten, wenn Kriegsgefahr drohte. Ehe nicht der Militarismus unterdrückt ist, kann es keinen Weltfrieden geben.

 

Während ich diese Blätter heute (1914) wieder durchlese, denke ich mit Entsetzen an die Veränderung, die inzwischen eingetreten ist. Die Welt zerrissen von einem Kriege, wie noch nie einer geführt wurde! Menschen, die sich wie wilde Tiere zerfleischen! Aber dennoch gebe ich nicht alle Hoffnung auf. Ich sehe in naher Zukunft einen neuen Herrscher auf der Weltbühne auftreten, der sich das Recht auf Unsterblichkeit erwerben wird. Der Mann, der die Ehre seines Landes in dem Panamakanal-Zollkonflikt gerettet hat, ist jetzt Präsident. Er besitzt die unbeugsame Willenskraft des genialen Menschen und die Zuversicht, von der es heißt: »Aus Königen macht sie Götter, Könige aus Geringen.« Dem Genie ist nichts unmöglich. Auf den Präsidenten Wilson wird man achten müssen! Schottisches Blut rollt in seinen Adern …

 

Hier bricht das Manuskript unvermittelt ab. – Zum Abschluß mögen die Worte dienen, die Mrs. Louise Whitfield Carnegie in ihrer Vorrede vom 16. April 1920 der englischen Originalausgabe dieser Selbstbiographie ihres Mannes vorausgeschickt hat.

 

Nachdem sich mein Mann von seiner Berufstätigkeit zurückgezogen hatte, begann er, von Zeit zu Zeit seine Erinnerungen niederzuschreiben. Aber bald stellte sich heraus, daß das Leben, anstatt ihm die erwartete Muße zu bringen, jetzt mehr als je zuvor mit Arbeit ausgefüllt war. So behielt er sich die Niederschrift seiner Erinnerungen für die Ferientage in Schottland vor. Jeden Sommer verlebten wir einige Wochen in völliger Zurückgezogenheit in unserm Landhäuschen in der Heide von Aultnagar, wo wir ein ganz schlichtes Landleben führten. Dort hat mein Mann den größten Teil seiner Aufzeichnungen geschrieben. Es bereitete ihm große Freude, sich wieder in die alten Tage zurückzuversetzen und beim Niederschreiben jedes Ereignis gleichsam noch einmal zu durchleben.

Im Juli 1914 war er eifrig an der Arbeit, als sich am Horizont die ersten Kriegswolken zusammenballten. Als wir die schicksalsschwere Nachricht vom 4. August erhielten, verließen wir umgehend unsere Bergeinsamkeit und kehrten nach Skibo zurück, um nicht so weit vom Schauplatz der Ereignisse entfernt zu sein.

Von da an hat er nicht mehr an seinen Erinnerungen weiter geschrieben. Mehrfach versuchte er es, empfand es aber als zwecklos. Alle persönlichen Angelegenheiten erschienen ihm jetzt zu nichtig. Bis dahin hatte er sein Leben ausgenutzt und genossen und sich dabei jung erhalten: täglich Golf gespielt, gefischt, geschwommen. Immer, selbst wenn ihm seine Hoffnungen fehlschlugen, war er Optimist geblieben. Aber dieses Unglück, das über die ganze Welt hereinbrach, war zu viel für ihn. Es brach ihm das Herz. Nach einer schweren Influenza und zwei Anfällen von Lungenentzündung alterte er zusehends.

Für alle, die das Glück hatten, Carnegie nahezustehen, war seine Art, die »Bürde des Alters« zu tragen, vielleicht das Erhebendste. Stets geduldig, rücksichtsvoll, liebenswürdig, dankbar für jede kleine Freude und jeden Dienst, den man ihm erwies; nie an sich denkend, stets nur in Erwartung einer besseren Zukunft, wurde seine Seele immer fröhlicher und heller, bis er in die Ewigkeit einging.


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