Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Kapitel 9.
Eisenwerke und Ölquellen. Ausscheiden aus der Eisenbahndirektion. Reise nach Europa.

Den Keystone-Werken hat immer meine besondere Liebe gegolten, weil aus ihnen alle anderen hervorgegangen sind. Aber bald nach ihrer Eröffnung zeigte sich deutlich, daß das Schmiedeeisen dem Gußeisen überlegen war. Wir beschlossen also, uns auch der Schmiedeeisenindustrie zuzuwenden, um uns eine gleichmäßige Qualität zu sichern und auch gewisse Modelle, die damals nicht zu bekommen waren, herzustellen. Mein Bruder und ich beteiligten uns in Gemeinschaft mit Thomas N. Miller, Henry Phipps und Andrew Kloman an einem kleinen Eisenwerk. Miller mit Kloman trat zuerst ein, dann brachte er Phipps hinzu, dem er ein Darlehen von 800 Dollar zum Ankauf eines Sechstels Anteil gab.

Mr. Tom Miller war der eigentliche Pionier für unsere Eisenindustriepläne. Wir alle sind unserem lieben Tom zu tiefstem Danke verpflichtet. Er ist ein Freund, dessen Wert man immer mehr schätzen lernt, eine wahrhaft sonnige, liebenswerte Natur. Mit dem Alter ist er auch milder und weniger kampflustig geworden, als er früher war, und das Ungestüm seiner Zornausbrüche gegen die Theologie als die Feindin aller wahren Religion hat mit den Jahren nachgelassen. Im Alter neigen wir alle mehr zu philosophischer Ruhe, und das ist vielleicht ganz gut. (Ich lese diese Zeilen heute, am 19. Juli 1912, in unserer Landeinsamkeit auf dem Hochmoor von Aultnagar und weihe meinem Herzensfreund Tom Miller eine Träne. Er starb im vorigen Winter in Pittsburg. Meine Frau und ich waren bei seiner Beerdigung zugegen. Seitdem fehlt mir etwas, sehr viel sogar im Leben: mein erster Geschäftsteilhaber in jüngeren Jahren, mein liebster Freund in späterer Zeit. Möge ich wieder mit ihm vereint werden, wo er auch weilen mag!)

Andrew Kloman besaß in Allegheny City einen kleinen Stahlhammer. Als Direktor der Pennsylvaniabahn hatte ich gefunden, daß er die besten Radachsen herstellte. Er war ein tüchtiger Mechaniker, der etwas entdeckt hat, was damals in Pittsburg noch unbekannt war, nämlich: daß alles, was die Herstellung mit Maschinenbetrieb lohnt, auch wert ist, in besonderer Güte hergestellt zu werden. Er war gründlich wie alle Deutschen. Seine Konstruktionen waren unerhört teuer; aber wenn sie einmal zur Anwendung kamen, waren sie jahrelang gebrauchsfähig. Damals war es bei der Lieferung von Achsen einfach eine Glücksfrage, ob sie eine bestimmte Zeit lang laufen oder aber schon vorher brechen würden. Materialanalysen oder irgendeine wissenschaftliche Berechnung dafür gab es noch nicht.

Was hat dieser Deutsche nicht alles geschaffen! Er führte als erster die kalten Sägen ein, um kaltes Eisen der Länge nach zu durchschneiden. Er erfand Maschinen zur Herstellung von Brückengliedern, mit denen er die ganze Welt in Erstaunen setzte; er errichtete auch das erste »Universal«-Eisenwerk in Amerika. Kapitän Eads brauchte Kuppelungen für die Brückenbögen in St. Louis, aber seine Lieferanten konnten sie ihm nicht herstellen, und die ganze Sache ging nicht weiter; da zeigte uns Kloman, weshalb die anderen die Arbeit nicht hatten leisten können, und daß er wohl dazu imstande wäre. Und er bewies es durch die Tat, indem er die größten Halbkreise herstellte, die bis dahin überhaupt gewalzt worden waren.

Ich habe schon davon gesprochen, wie innig wir mit der Familie Phipps befreundet waren. In der Jugend war mein Freund hauptsächlich der ältere Bruder John. Harry war einige Jahre jünger als ich, aber als ein aufgeweckter, kluger Bursche hatte er schon damals meine Aufmerksamkeit erregt. Eines Tages bat er seinen Bruder, ihm einen Vierteldollar zu leihen. John sah, daß er irgend etwas Wichtiges mit dem Geld vorhatte, und gab ihm ein blankes Vierteldollarstück, ohne viel zu fragen. Am nächsten Morgen erschien im Pittsburgh Dispatch eine Anzeige: »Arbeitsfreudiger Junge sucht Beschäftigung.« So hatte der energische und strebsame Harry das Geld angewandt; wahrscheinlich war es der erste Vierteldollar, den er in seinem Leben auf einmal ausgab. Er bekam eine Antwort von der bekannten Firma Dilworth & Bidwell; sie ersuchten den »arbeitsfreudigen Jungen«, sich bei ihnen vorzustellen. Harry ging hin, bekam eine Stellung als Laufbursche und mußte, wie es damals allgemein Brauch war, jeden Morgen das Bureau fegen. Von seinen Eltern holte er sich die Erlaubnis zur Annahme der Stellung. So wagte sich das junge Bürschchen auf eigene Faust zum ersten Male auf das offene Meer des Geschäftslebens hinaus. Einen solchen Jungen hielt nichts von seinem Vorhaben zurück. Es war die alte Geschichte. Bald machte er sich seinen Vorgesetzten unentbehrlich und bekam einen kleinen Anteil an einem Seitenzweig des Geschäfts; und dann, stets auf dem Posten, lenkte er bald Mr. Millers Aufmerksamkeit auf sich, der für ihn eine kleine Kapitalanlage bei Andrew Kloman machte. Das Ergebnis war schließlich die Eröffnung des Eisenwerkes in der 29. Straße. Er war ein Schulkamerad und intimer Freund meines Bruders Tom gewesen. Sie hatten als Kinder zusammen gespielt und bildeten bis zum Tode meines Bruders im Jahre 1886 sozusagen einen engeren Konzern innerhalb unseres Konzerns. Ihre Interessen an den verschiedenen Firmen, an denen sie beteiligt waren, blieben unveränderlich immer die gleichen. Was einer tat, das tat auch der andere.

Der ehemalige Laufbursche ist heute einer der reichsten Leute in den Vereinigten Staaten und hat den Beweis erbracht, daß er seine Überschüsse wohl anzuwenden versteht. Vor Jahren hat er den öffentlichen Parkanlagen von Allegheny und Pittsburg wundervolle Gewächshäuser geschenkt. Daß er mit der Zeit fortgeschritten ist, beweist seine ausdrückliche Bestimmung, daß diese Gewächshäuser auch am Sonntag geöffnet sein sollten. Diese Klausel bei der Schenkung hat viel Erregung hervorgerufen. Geistliche haben ihn von der Kanzel herunter angegriffen und Kirchenversammlungen haben Beschlüsse gegen diese »Entweihung des Sonntags« gefaßt. Aber das Volk wehrte sich einmütig gegen diesen engherzigen Standpunkt, und der Stadtrat nahm das Geschenk mit lebhafter Zustimmung an. Der gesunde Menschenverstand meines Teilhabers offenbart sich auch in der Antwort, die er einmal auf Vorhaltungen eines Geistlichen gab: »Für Euch Herren ist das alles ja ganz richtig und schön: Ihr arbeitet nur einen Tag in der Woche, seid an den übrigen sechs Tagen Herr Eurer Zeit und könnt die Schönheiten der Natur nach Herzenslust genießen. Aber ich finde, es ist eine Schande, daß Ihr der breiten Masse des arbeitenden Volkes den Genuß alles dessen verwehren wollt, was diesem an dem einzigen Tag, über den es, wie Ihr sehr gut wißt, frei verfügen kann, Unterhaltung und Belehrung gewähren kann.«

Dieselben Geistlichen haben sich kürzlich auf einer Tagung in Pittsburg über die Verwendung von Instrumentalmusik in der Kirche gestritten. Aber während sie noch darüber debattieren, öffnen kluge Leute die Museen, Gewächshäuser und Bibliotheken am Sonntag; und wenn die Herren von der Kanzel nicht bald und besser, als bis jetzt, lernen, daß man in diesem Leben dem Volk das bieten muß, was es wirklich braucht, dann werden diese eifrigen Bewerber um die Gunst des Volkes es sehr rasch dahin bringen, daß ihre Kirchen am Sonntag leer stehen. –

Unglücklicherweise gerieten Kloman und Phipps bald in Meinungsverschiedenheiten mit Miller und drängten diesen aus der Firma hinaus. Da ich der Überzeugung war, daß man Miller unfair behandelt hatte, tat ich mich mit ihm zwecks Gründung eines neuen Werkes zusammen. So eröffneten wir im Jahre 1864 die » Cyklopenwerke«. Als diese schon ganz gut in Gang gekommen waren, bot sich die Möglichkeit, die alten und neuen Werke miteinander zu verschmelzen. Es erschien uns sehr ratsam, diese Möglichkeit auszunutzen. So entstanden durch die Zusammenlegung der beiden Unternehmungen im Jahre 1867 die » Union-Eisenwerke«. Ich hielt Millers Widerwillen gegen ein erneutes Zusammengehen mit seinen alten Teilhabern Phipps und Kloman nicht für unüberwindlich, da diese ja in den Unionwerken keinen maßgebenden Einfluß besitzen würden, den vielmehr wir, Mr. Miller, mein Bruder und ich, uns sichern wollten. Aber Miller zeigte sich ganz halsstarrig und bat mich, ihm seinen Anteil abzukaufen. Ich tat das mit großem Widerstreben, nachdem alle Versuche fehlgeschlagen waren, ihn das Vergangene vergessen zu machen. Später hat mir Miller einmal gestanden, daß er es bedauere, damals meinem Drängen nicht nachgegeben zu haben. Das hätte ihn, der für uns alle der Pionier gewesen war, instand gesetzt, die Früchte zu ernten, die ihm von Rechts wegen zukamen: Millionenreichtum für sich und seine Nachkommen.

Unser Unternehmen befand sich damals noch in den Anfängen. Wir kauften für die Cyklopenwerke sieben Morgen Land. Das wurde damals als ein ganz gewaltiger Grundbesitz angesehen. Einige Jahre lang verpachteten wir einen Teil davon. Aber es dauerte nicht lange, bis sich schon wieder die Frage erhob, ob das Grundstück für unsere Eisenfabrikation auf die Dauer zureiche. Es war Mr. Kloman gelungen, eiserne Schwellen herzustellen; auf diesem Gebiet war unser Werk jahrelang allen anderen weit voraus. Wir begannen in dem neuen Werk alle Muster, die verlangt wurden, herzustellen, speziell auch solche, an die sich keine andere Gesellschaft heranwagte; wir verließen uns darauf, daß in unserem in aufsteigender Entwicklung begriffenen Lande die Nachfrage auch nach solchen Dingen steigen würde, die vorläufig nur in bescheidenem Maße gebraucht wurden. Was die anderen nicht machen konnten oder wollten, das gerade wollten wir versuchen: das war unser Geschäftsprinzip, das wir konsequent verfolgten. Wir stellten auch nichts her, was nicht von hervorragender Qualität war. Stets paßten wir uns den Wünschen unserer Kunden an, selbst wenn uns dadurch besondere Kosten erwuchsen; in strittigen Fällen gaben wir zugunsten der Gegenpartei nach und legten die Sache bei. Das war unser Geschäftsgrundsatz. Auf Prozesse ließen wir es nicht ankommen.

Je mehr ich mit der Eisenfabrikation vertraut wurde, desto mehr überraschte es mich, daß man den Kostenaufwand, den die verschiedenen Verfahren beanspruchten, nicht kannte. Durch Rundfragen bei den führenden Pittsburger Fabrikanten fand ich das bestätigt. Das Geschäft ging in Bausch und Bogen, und bis das Lager ausgenommen und die Bücher am Ende des Jahres abgeschlossen waren, hatten die Fabrikanten von dem Ergebnis keine Ahnung. Ich hörte von Leuten, die glaubten, sie würden mit einem Defizit abschließen und am Ende des Jahres zu ihrem eigenen Erstaunen einen Gewinn feststellten, und umgekehrt. Es kam mir vor, als wären wir lauter Maulwürfe, die sich im Dunkeln eingraben. Das erschien mir unerträglich, und mit aller Entschiedenheit bestand ich auf der Einführung eines Systems von Abwiegung und Berechnung in unseren gesamten Werken, das uns instand setzen sollte, die Kosten jedes einzelnen Verfahrens zu berechnen und speziell auch jeden Angestellten in seiner Arbeit zu kontrollieren; wir mußten die Möglichkeit haben, festzustellen, wer an Material sparte, wer es vergeudete, und wer die besten Ergebnisse erzielte.

Das zu erreichen, war viel schwieriger, als man sich vorstellen kann. Jeder Geschäftsführer in den Werken sträubte sich natürlich gegen das neue System; wir brauchten Jahre, bis es gut funktionierte; aber mit Hilfe zahlreicher Bureauangestellter und der Einführung von Wagschalen auf den verschiedenen Stationen der Werke erhielten wir nach und nach doch einen vollen Überblick nicht nur über das, was in jeder Abteilung geleistet wurde, sondern auch über die Tätigkeit jedes einzelnen Arbeiters in den Schmelzöfen; die Ergebnisse wurden dann miteinander verglichen.

Eine der Grundbedingungen für den Erfolg bei jeder Fabrikation ist die Einführung und strenge Durchführung eines gut ausgebildeten Berechnungswesens, das jeden einzelnen Mann zur Verantwortlichkeit für das ihm anvertraute Material oder Geld erzieht. Fabrikanten, die im Bureau keinem kaufmännischen Angestellten fünf Dollar ohne Quittung anvertrauen würden, überließen doch Tag für Tag ganze Tonnen von Material den Arbeitern in den Werken, ohne von ihrer Oberaufsicht Rechenschaft zu verlangen, indem sie nachwiegen ließen, wieviel Material in verarbeiteter Form abgeliefert wurde.

Die Siemensschen Gasschmelzöfen wurden in England schon in beschränktem Maße zur Erhitzung von Stahl und Eisen verwandt, aber ihr Betrieb galt allgemein für zu teuer. Ich weiß noch recht gut, wie die älteren Pittsburger Fabrikanten ihre kritischen Bemerkungen über unsere ungeheuere Ausgabe für diese neumodischen Schmelzöfen machten. Aber beim Erhitzen größerer Mengen von Material konnte man durch die Benutzung der neuen Öfen oft fast die Hälfte des Abfalles sparen; selbst wenn der Preis noch einmal so hoch gewesen wäre, so hätte sich die Ausgabe doch gelohnt. Trotzdem hat es Jahre gedauert, bis andere unserem Beispiel folgten; und gerade in einigen dieser Jahre war unser Überschuß im übrigen so gering, daß er fast nur aus der Materialersparnis infolge der Einführung der verbesserten Schmelzöfen floß.

Unser strenges Abrechnungssystem setzte uns instand, dem großen Materialverlust, der bei der Erhitzung großer Eisenmengen möglich war, auf die Spur zu kommen. Gelegentlich dieser Verbesserung entdeckten wir eine äußerst schätzbare Kraft in William Borntraeger, einem aus Deutschland gekommenen entfernten Verwandten von Kloman. Er überraschte uns eines Tages mit einer genauen Aufstellung der fast unglaublichen Ergebnisse eines gewissen Zeitraumes; freiwillig und ohne unser Wissen hatte er alle Vorarbeiten zu dieser Aufstellung in den Nachtstunden gemacht. Die Art und Weise war durchweg originell. Ich brauche wohl nicht zu sagen, daß William bald Direktor der Werke und später unser Teilhaber wurde. Der arme deutsche Junge ist als Millionär gestorben. –

Im Jahre 1862 wurde man zuerst auf die großen Petroleumquellen von Pennsylvanien aufmerksam. Mein Freund Mr. William Coleman, dessen Tochter später meine Schwägerin wurde, nahm das größte Interesse an der neuen Entdeckung und ließ mir keine Ruhe, bis ich ihn auf einer Fahrt ins Petroleumgebiet begleitete. Die Reise war äußerst interessant. Eine reine Völkerwanderung ergoß sich über die Ölfelder und der Zudrang war so groß, daß es unmöglich war, für alle ein Unterkommen zu schaffen. Aber den Menschen, die dort zusammenströmten, erschien das nur als eine unwesentliche Schattenseite. In ein paar Stunden war eine Bude aufgeschlagen, und in erstaunlich kurzer Zeit hatten sie sich mit allerlei Bequemlichkeit des Lebens umgeben. Es waren Menschen, die weit über dem Durchschnitt standen, große Summen erspart hatten und bei der Jagd nach dem Glück etwas aufs Spiel setzten konnten.

Was mich besonders überraschte, war die gute Laune, die ich überall vorfand. Es war wie eine große Landpartie mit zahlreichen erheiternden Zwischenfällen. Alle waren höchst vergnügt; denn der Reichtum schien ja nun in greifbarer Nähe; alles war in voller Bewegung. Auf der Spitze der Kräne flatterten Fahnen mit den seltsamsten Aufschriften. Ich erinnere mich noch, daß ich eines Tages am Ufer des Flusses zwei Männer sah, die ihre Pedale eifrig in Bewegung setzten, um Öl zu bohren; auf ihrer Flagge stand »Hölle oder China!«; sie bohrten in die Tiefe, ganz gleich wie weit.

Die Anpassungsfähigkeit des Amerikaners zeigte sich hier aufs glänzendste. Aus dem Chaos entwickelten sich schnell geordnete Zustände. Kurz nach unserem Eintreffen bekamen wir ein Ständchen von einer Musikbande, deren Mitglieder sich aus den neuen Ansiedlern zusammensetzten. Ich möchte wetten, daß tausend Amerikaner, die in ein neues Land kommen, sich organisieren und Schulen, Kirchen, Zeitungen und Musikchöre gründen, kurz: sich alles verschaffen, was zur Kultur gehört, und zu Pionieren für die Entwicklung ihres Landes werden, bevor eine gleiche Anzahl von Engländern sich noch darüber einig geworden wäre, wer unter ihnen den vornehmsten Stammbaum und, infolge der Verdienste seines Großvaters, den ersten Anspruch auf Führerschaft besäße. Der Amerikaner kennt nur eine Regel: Freie Bahn dem Tüchtigen!

Heute ist Oil Creek eine Stadt von vielen tausend Einwohnern, wie auch Titusville auf der anderen Seite des Flüßchens. Der Distrikt, der zuerst nur ein paar Tonnen Öl in jeder Saison lieferte, die von den Seneca-Indianern mit Decken von der Oberfläche des Baches abgeschöpft wurden, hat jetzt mehrere Städte und Raffinerien, die mit einem Kapital von Millionen arbeiten. Damals aber war der ganze Betrieb noch höchst primitiv. Wenn man das Öl fand, dann ließ man es in flache Boote laufen, die aber stark leckten; so drang das Wasser von unten in die Boote hinein, und das Öl floß oben über den Rand hinweg in den Fluß. An verschiedenen Stellen hatte man Dämme angelegt; zu bestimmten Zeiten wurden die Schleusen geöffnet, und mit dieser Flut schwammen die Ölboote nach dem Alleghanyfluß und dann weiter nach Pittsburg. Auf diese Weise war nicht nur der Bach, sondern auch der Alleghanyfluß buchstäblich mit Öl überzogen. Man schätzte den Verlust auf der Fahrt bis Pittsburg auf reichlich ein Drittel der Gesamtmenge, und ein anderes Drittel war schon, ehe die Ölboote überhaupt abfuhren, durch deren schadhafte Böden verlorengegangen. Anfänglich wurde das Öl, das die Indianer schöpften, in Pittsburg in Flaschen gefüllt und als Medizin zu hohen Preisen verkauft: 1 Dollar für ein kleines Fläschchen. Es genoß den Ruf eines großartigen Heilmittels gegen Rheumatismus; als es aber reichlicher floß und billiger wurde, ließ die Heilkraft nach. Was für Narren die Menschen doch manchmal sind!

Die berühmtesten Quellen lagen auf der Storeyfarm. Diese wurde uns für 40 000 Dollar zum Kauf angeboten. Wir erwarben sie. Mr. Coleman, immer zu raschen Einfällen geneigt, schlug vor, man solle einen Teich graben, der 100 000 Tonnen Öl fassen könne; dieser solle mit Öl gefüllt werden und, was verloren ging, durch tägliche Zuführung neuer Ölströme ersetzt werden. Dieses Sammelbecken sollte für die nicht mehr ferne Zeit dienen, in der, wie wir annahmen, die Ölquellen wieder versiegen würden. Der Vorschlag wurde sofort ausgeführt, aber noch heute warten wir vergebens auf den Tag, an dem der Ölzufluß aufhören soll. Infolgedessen gaben wir nach einer Weile, nachdem wir Tausende von Tonnen Öl vergeudet hatten, das Reservebecken auf. Coleman hatte damit gerechnet, daß man im Falle eines Aufhörens des Zuflusses 10 Dollar für die Tonne bekommen könnte, so daß wir in unserem Teiche für eine Million Dollar Öl hätten; wir dachten nicht an das unterirdische Vorratslager, aus dem die Natur ohne das geringste Anzeichen von Erschöpfung noch immer täglich Tausende von Tonnen liefert.

Diese 40 000 Dollar erwiesen sich als die beste von allen meinen bisherigen Kapitalanlagen (die Ölquellen auf der Storeyfarm brachten in einem Jahre eine Million Dollar in bar und Dividenden, so daß die Farm selbst alles in allem einen Wert von 5 Millionen Dollar bekam). Die Erträgnisse kamen zu einer mir sehr gelegenen Zeit. Der Bau des neuen Werkes in Pittsburg verlangte nicht nur alles verfügbare Kapital, sondern wir mußten auch noch unseren Kredit in Anspruch nehmen, der, wie ich mir heute rückblickend sagen muß, für so junge Leute doch erstaunlich gut war.

Da ich nun selbst für die Ölspekulation interessiert war, unternahm ich mehrmals Reisen in jenen Distrikt und fuhr auch im Jahre 1864 in ein neues Ölgebiet in Ohio, wo man eine neue große Quelle erbohrt hatte, die eine besondere, als Maschinenöl gut verwendbare Sorte lieferte. Die letztere Reise, die ich zusammen mit Mr. Coleman und Mr. David Ritchie unternahm, war mit das Sonderbarste, was ich je erlebt habe. Wir verließen die Eisenbahn einige hundert Meilen von Pittsburg entfernt und drangen durch eine dünn besiedelte Gegend bis zum Duck Creek vor, um uns das Wunderding von einer Quelle zu besehen. Noch ehe wir heimfuhren, war sie in unserem Besitz.

Aber auf der Rückreise begannen die Abenteuer. Das Wetter war schön gewesen, und auf der Hinfahrt waren die Wege ganz gut fahrbar. Aber während unseres Aufenthaltes hatte ein heftiger Regen eingesetzt. Wir machten uns in unserem Wagen auf den Heimweg, waren aber noch nicht weit gekommen, als die Sache schwierig wurde. Die Landstraße hatte sich in einen weichen, zähen Schlammbrei verwandelt, und unser Wagen mußte sich schrecklich quälen. Es regnete in Strömen, und offenbar wollte das die ganze Nacht so weitergehen. Mr. Coleman lag lang ausgestreckt auf einer Seite des Wagens, Mr. Ritchie auf der anderen, und ich – damals war ich nämlich recht schlank und wog kaum mehr als hundert Pfund – lag zwischen den beiden wohlbeleibten Herren, wie eine Wurstscheibe zwischen zwei Semmeln. Ab und zu kam der Wagen noch ein paar Schritte mit geradezu beängstigendem Rucken vorwärts; aber schließlich saß er ganz fest. So verbrachten wir die Nacht, aber trotz der unbequemen Situation in größter Heiterkeit.

Am nächsten Abend kamen wir glücklich in einem Landstädtchen an, dessen Einwohner sich in größter Verlegenheit befanden. Die kleine Holzkirche der Stadt war hell erleuchtet und die Glocken läuteten gerade. Kaum waren wir in unserem Gasthof angelangt, als ein Komitee erschien und uns erklärte, daß man schon auf uns warte und die ganze Gemeinde versammelt sei. Offenbar erwartete man irgendeinen bekannten Prediger, der, wie wir, unterwegs aufgehalten worden war. Man hielt mich für den erwarteten Geistlichen und fragte mich, wann ich mit zum Versammlungshaus kommen könnte. Fast war ich schon mit meinen Reisegefährten bereit, den Spaß bis zum Ende durchzuführen (wir waren zu allen Dummheiten aufgelegt), aber ich war doch zu müde dazu. Noch nie war ich der Würde, eine Kanzel zu besteigen, so nahe gewesen. –

Meine Kapitalanlagen erforderten nunmehr meine persönliche Aufmerksamkeit in so starkem Maße, daß ich den Entschluß faßte, die Tätigkeit bei der Eisenbahngesellschaft aufzugeben und mich ausschließlich meinen eigenen Geschäften zu widmen. Kurz vorher hatte mein Freund Thomson mir die Ehre erwiesen, mich nach Philadelphia zu rufen und mir den Posten eines stellvertretenden Generaldirektors mit dem Hauptquartier in Altoona anzubieten. Ich lehnte das mit der Begründung ab, daß ich mich von meiner Tätigkeit bei der Eisenbahn ganz zurückziehen wollte, weil ich die Absicht hätte, ein Vermögen zu erwerben; daß dies aber auf eine anständige Weise selbst bei dem höchsten Gehalt, das mir die Eisenbahngesellschaft bewilligen könnte, unmöglich wäre, und daß es mir widerstrebe, mein Ziel auf Umwegen zu erreichen. Als ich mir in der Nacht alles noch einmal überlegte, konnte ich mich mit gutem Gewissen vor dem höchsten Gerichtshof, dem Richter in der eigenen Brust, verantworten. Seiner Zustimmung war ich sicher.

Diesen Gedanken gab ich auch in meinem Abschiedsbrief an den Präsidenten Thomson Ausdruck, der mich in seinem Antwortschreiben von Herzen beglückwünschte. Am 28. März 1865 schied ich aus meiner Stellung und erhielt von den Angestellten der Eisenbahn als Abschiedsgeschenk eine goldene Uhr. Diese sowie Mr. Thomsons Brief bewahre ich unter meinen wertvollsten Erinnerungsstücken auf. An die Angestellten meiner Abteilung richtete ich folgendes Schreiben:

 

Pennsylvania-Eisenbahngesellschaft, Hauptbureau, Abteilung Pittsburg.

Pittsburg, den 28. März 1865.

An die Beamten und Angestellten der Abteilung Pittsburg.

Meine Herren! Ich kann nicht von Ihnen scheiden, ohne meinem herzlichen Bedauern über die Trennung noch einmal Ausdruck zu geben.

Zwölf Jahre angenehmster Zusammenarbeit haben mich mit aufrichtiger Sympathie für meine treuen Mitarbeiter im Dienste der Gesellschaft erfüllt. Die bevorstehende Veränderung ist mir schmerzlich durch den Gedanken, daß ich nun in Zukunft nicht mehr wie bisher in enger Verbindung mit Ihnen und mit vielen anderen in den verschiedenen Abteilungen stehen kann, die durch den zunächst nur beruflichen Verkehr meine persönlichen Freunde geworden sind. Ich versichere Ihnen, daß, wenn nun auch die offiziellen Beziehungen zwischen uns zu Ende sind, ich dennoch nie aufhören werde, mich auf das lebhafteste für das Wohlergehen derjenigen zu interessieren und es zu fördern, die bisher im Dienst der Abteilung mit mir gemeinsam gearbeitet haben und die hoffentlich noch viele Jahre lang am Erfolge der Pennsylvania-Eisenbahngesellschaft weiter mithelfen und an deren wohlverdientem Gedeihen Anteil haben werden.

Ich danke Ihnen herzlich für die Güte und Freundlichkeit, die Sie alle mir gegenüber an den Tag gelegt haben, für den Eifer, den Sie stets bewiesen haben, um meinen Wünschen entgegenzukommen, und ich bitte Sie, meinen Nachfolger ebenso in seiner Arbeit zu unterstützen. Leben Sie alle wohl.

Ihr Sie hochschätzender
Andrew Carnegie.

 

Von diesem Tage an habe ich nie mehr für Gehalt gearbeitet. Wer nur immer vom Wink eines anderen abhängig ist, kann nicht weit kommen. Selbst wenn er es bis zum Präsidenten einer großen Gesellschaft bringt, ist er noch kaum sein eigener Herr, sofern nicht der größte Teil des Kapitals ihm gehört. Auch die tüchtigsten Präsidenten werden immer noch gehemmt von Aufsichtsrat und Aktionären, die unter Umständen vom Geschäft nicht viel verstehen. –

Im Jahre 1867 fuhren Mr. Phipps, Mr. I. W. Vandevort (»Vandy«) und ich nach Europa. Es war gerade in der Zeit, wo man sich so lebhaft für Öl interessierte und die Aktien wie die Raketen stiegen. Eines Sonntags im Grase liegend sagte ich zu Vandy: »Wenn du 3000 Dollar verdienen könntest, möchtest du dann wohl mit mir eine Reise nach Europa machen?« – »Möchte eine Ente wohl schwimmen oder ein Ire wohl Kartoffeln essen?« gab er zurück. Die Summe wurde sehr schnell an Ölaktien verdient, indem Vandy einige hundert Dollar, die er erspart hatte, in solchen anlegte. Das war die Vorgeschichte unserer Reise. Wir forderten noch meinen Teilhaber Harry Phipps, der mittlerweile ein wohlhabender Mann geworden war, auf, uns zu begleiten. Wir bereisten England und Schottland und besuchten dann auch die Länder des Kontinents. »Vandy« schloß sich eng an mich an, wir waren beide für Bayard Taylors »Fußwanderungen »Views Afoot.« Taylor, der zahlreiche Reisebeschreibungen und Dichtungen veröffentlichte, ist 1878 in Berlin, kurz nach seiner Ernennung zum amerikanischen Gesandten, gestorben.« begeistert. Wir besuchten fast alle Hauptstädte Europas und erkletterten mit jugendlicher Begeisterung jede Bergspitze, schliefen oben auf Berggipfeln und trugen unser Gepäck im Rucksack. Der Vesuv bildete den Abschluß unserer Reise. Hier faßten wir den Entschluß, einmal zusammen eine Reise um die Welt zu machen.

Auf dieser Reise durch Europa hatte ich viel gelernt. Bis dahin verstand ich nichts von Malerei und Plastik, aber bald vermochte ich schon die Werke der großen Maler in ihrer Eigenart zu würdigen. Man sieht vielleicht im ersten Augenblick nicht recht ein, welchen Nutzen das Studium der Meisterwerke der bildenden Kunst bringt. Aber wenn man dann nach Amerika zurückkommt, lehnt man unwillkürlich vieles ab, was man vordem wirklich schön gefunden hatte, und man beurteilt alles, was man zu sehen bekommt, von ganz neuen Gesichtspunkten aus. Das wahrhaft Große hat sich so tief eingeprägt, daß alles Unechte oder Aufdringliche keine Anziehungskraft mehr besitzt.

Gelegentlich dieses Besuches von Europa hatte ich auch zum ersten Male einen wirklichen musikalischen Genuß. Im Kristallpalast in London wurde die Händelfeier begangen. Nie vorher oder nachher habe ich die Macht und Majestät der Musik in solchem Grade verspürt. Was ich im Kristallpalast und später auch auf dem Kontinent in den Kirchen und in der Oper hörte, hat meine Liebe zur Musik nachhaltig angeregt. Den Höhepunkt von allem aber bildete der päpstliche Chor und die Weihnachts- und Osterfeier in Rom.

Auch in geschäftlicher Hinsicht empfing ich auf meiner Reise durch Europa neue Eindrücke. Man muß erst einmal aus dem Strudel der großen Republik herausgekommen sein, um wirklich zu begreifen, wie schnell sich dort das ganze Leben abspielt. Eine Fabrikationsgesellschaft wie die unsrige konnte kaum schnell genug wachsen, um allen Wünschen des amerikanischen Publikums gerecht zu werden. Im Ausland aber kam es mir vor, als ob es nicht recht vorwärts ginge. Mit Ausnahme einiger europäischer Hauptstädte schien der ganze Kontinent sich im Stillstand zu befinden, während man in Amerika, wohin man auch sah, ein Bild erblickte, das dem vom Turmbau zu Babel in den Geschichtsbüchern glich: Hunderte von Menschen in eifriger Geschäftigkeit, einer immer fleißiger und tätiger als der andere, und alle mithelfend an der Vollendung des mächtigen Bauwerkes.


 << zurück weiter >>