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Kapitel 15.
Entwicklung des Stahlkonzerns. Der Streik in den Homestead-Werken.

In England war mir klar geworden, wie wichtig es für die Eisen- und Stahlfabrikation ist, daß man das Rohmaterial aus eigenen Gruben bezieht und den ganzen Artikel von Anfang an bis zur Vollendung selbst herstellt. Nachdem wir in den Edgar Thomson-Stahlwerken die Stahlschienenfrage gelöst hatten, entschlossen wir uns, da es außerordentlich schwierig war, regelmäßige Lieferungen von Roheisen zu bekommen, zu dem weiteren Schritt der Errichtung von Hochöfen. Wir erbauten deren drei; einer davon war bloß ein umgearbeiteter, den wir von der Escanaba-Eisengesellschaft, an der Mr. Kloman früher beteiligt war, gekauft hatten. Wie immer in solchen Fällen, kostete uns dieser Ofen ebensoviel wie ein neuer, und war doch nicht so gut. Nichts ist so unpraktisch, als wenn man minderwertige Anlagen aufkauft.

Aber obgleich dieser Ankauf zunächst ein Mißgriff war, erwies er sich später doch als äußerst günstig für uns, da wir auf diese Weise einen Hochofen besaßen, der klein genug war für die Herstellung von Spiegeleisen und Ferromangan. Wir waren die zweite Firma in den Vereinigten Staaten, die sich ihr Spiegeleisen selbst herstellte, und lange Zeit hindurch die erste und einzige in ganz Amerika, die Ferromangan fabrizierte. Bis dahin waren wir in der Versorgung mit diesem unentbehrlichen Material von anderen abhängig gewesen und hatten den hohen Preis von 80 Dollar pro Tonne dafür bezahlen müssen. Der verdienstvolle Geschäftsführer unserer Hochöfen, Mr. Julian Kennedy, war es, der uns klarmachte, daß wir mit den uns zur Verfügung stehenden Erzen in unserem kleinen Hochofen selbst Ferromangan herstellen könnten. Der Versuch gelang und das Resultat war ein großer Erfolg. Wir konnten die gesamte Nachfrage Amerikas befriedigen, und die Preise fielen infolgedessen von 80 auf 50 Dollar pro Tonne.

Während wir mit den Erzen aus Virginia unsere Versuche anstellten, erfuhren wir, daß diese von europäischen Unternehmern unauffällig für die Herstellung von Ferromangan gekauft wurden, indem sie den Besitzern des Bergwerks vorredeten, man verwende das Erz zu anderen Zwecken. Sofort traf Mr. Phipps Anstalten zum Ankauf der Mine; er bekam von den Besitzern, die weder das Geld noch die Fähigkeit besaßen, um die Mine ertragbringend auszubeuten, ein Angebot. Wir zahlten den hohen Preis, nachdem eine genaue Untersuchung des Bergwerks ergeben hatte, daß hinreichend Manganerze vorhanden waren, um den Kauf zu rechtfertigen. All das ging schnell vor sich; wir ließen nicht einen Tag ungenutzt verstreichen. Hier zeigt sich einer der großen Vorzüge einer offenen Handelsgesellschaft gegenüber einer Aktiengesellschaft. Der Vorsitzende einer solchen hätte zunächst erst die Genehmigung seines Aufsichtsrates einholen und auf dessen Entscheidung wochen- oder gar monatelang warten müssen; inzwischen wäre die Mine wahrscheinlich längst an andere verkauft gewesen.

Wir bauten unsere Hochofenanlage immer weiter aus, jeder neue Ofen war vollkommener als der vorhergehende, bis wir schließlich den Eindruck hatten, nun schlechthin Mustergültiges erreicht zu haben. Kleine Verbesserungen waren ja wohl noch hie und da möglich, aber soweit wir es beurteilen konnten, besaßen wir eine ganz vollkommene Anlage, die imstande war, monatlich 50 000 Tonnen Roheisen zu fördern.

Die Hochofenabteilung war noch kaum ausgebaut, als wir schon einen weiteren Schritt zu unserer Unabhängigkeit und Entwicklung als notwendig erkannten. Da die Kohlenfelder von Connellsville scharf abgegrenzt waren, konnten wir von diesen bisher nur ein bestimmtes Quantum guten Koks bekommen. Ohne genügende Lieferung des für das Schmelzen von Roheisen nötigen Heizmaterials konnten wir aber nicht arbeiten. Eine gründliche Prüfung der Frage brachte uns zu der Überzeugung, daß die Frick-Koks-Gesellschaft nicht nur die besten Kohlen und den besten Koks hatte, sondern in Mr. Frick selbst auch einen ungemein begabten Leiter besaß, der seine Tüchtigkeit durch seinen Aufstieg vom einfachen kleinen Eisenbahnbeamten zu seiner damaligen Stellung bewiesen hatte. So erwarben wir im Jahre 1882 die Hälfte der Aktien dieser Gesellschaft und kamen durch weiteren Ankauf bei Aktionären allmählich in den Besitz der großen Mehrzahl der Aktien.

Nun mußten wir uns nur noch den Bezug von Eisenstein sichern. Wenn uns das noch gelang, dann standen wir so da, wie höchstens zwei oder drei der europäischen Konzerne. Einmal dachten wir schon, wir hätten dieses letzte fehlende Glied unserer Kette in Pennsylvanien gefunden. Die Kapitalanlage in der Tyrone-Region war indessen ein Fehlschlag; wir verloren bei dem Versuch, die Erze dieser Gegend zu ergraben und auszubeuten, beträchtliche Summen. Am Rande der Minen, wo durch atmosphärischen Einfluß im Laufe der Zeit die unreinen Bestandteile fortgewaschen waren, erschien das Erz reichhaltig, als wir aber etwas tiefer vordrangen, erwies es sich doch als zu dürftig zur Verarbeitung.

Wir schickten nun unseren Chemiker, Mr. Prousser, nach einem Hochofen in den Pennsylvanischen Bergen, den wir gepachtet hatten, mit der Anweisung, dort alles Material zu analysieren, das ihm aus dem Distrikt gebracht würde, und die Leute zu ermuntern, ihm Mineralproben zu bringen. Ein schlagendes Beispiel dafür, welchen Respekt damals ein Chemiker den Leuten einflößte, ist die Tatsache, daß wir nur mit größter Schwierigkeit einen Mann oder einen Jungen zur Hilfe im Laboratorium bekommen konnten; man argwöhnte nämlich, daß jener in unerlaubter Verbindung mit den höllischen Mächten stände, wenn er sich vermaß, mit Hilfe seiner unheimlichen, verdächtig aussehenden Apparate zu erklären, was in einem Stein enthalten sei. Wir mußten ihm, glaube ich, schließlich einen Mann aus Pittsburg schicken.

Eines Tages schickte er uns dann einen Bericht über die Analyse gewisser Erze, die wegen ihrer phosphorfreien Beschaffenheit bemerkenswert erschienen. Es handelte sich wirklich um ein Erz, das vortrefflich für die Fabrikation von Bessemerstahl taugte. Diese Entdeckung erregte natürlich unsere größte Aufmerksamkeit. Der Eigentümer des Bodens war Moses Thompson, ein reicher Farmer, Besitzer von 7000 Morgen besten Ackerlandes in Center County, Pennsylvania. Wir verabredeten eine Zusammenkunft mit ihm an Ort und Stelle. Dabei erfuhren wir, daß die Grube 50 oder 60 Jahre vorher für einen Holzkohlen-Hochofen ausgebeutet worden war, sich dabei aber keinen besonderen Ruf hatte erwerben können, wahrscheinlich deswegen, weil dieses Erz so sehr viel reiner war als andere, so daß die übliche Menge von Flußmitteln beim Schmelzen dieses reinen Erzes Betriebsstörungen verursachte. Das Erz war eben so gut, daß es in jener guten alten Zeit nicht zu gebrauchen war. Wir erwarben schließlich das Recht, die Grube innerhalb der nächsten sechs Monate zu übernehmen.

Nun begannen wir eine genaue Untersuchung, wie sie ein jeder, der eine Erzgrube kaufen will, ganz besonders sorgfältig vornehmen sollte. Wir zogen am Hügelabhange Linien in Abständen von 50 Fuß und senkrecht dazu andere Linien in Abständen von 100 Fuß, und gruben an allen Schnittpunkten dieser Linien Schächte in die Tiefe; ich glaube, es waren im ganzen 80 solcher Schächte. Jedesmal nach ein paar Fuß Tiefe wurde das Erz wieder untersucht, so daß wir, ehe wir die geforderten 100 000 Dollar anlegten, ganz genau wußten, was an Erz vorhanden war. Das Ergebnis überstieg unsere Hoffnungen noch bei weitem. Durch die Tüchtigkeit meines Teilhabers und Vetters Lauder wurden die Kosten für das Graben und Waschen des Erzes bedeutend herabgemindert, so daß diese Mine mit ihrem Scotia-Erz uns nicht nur alle Verluste, die wir an anderen Gruben erlitten hatten, reichlich wieder einbrachte, sondern noch einen guten Gewinn abwarf. So erzielten wir auch auf diesem Gebiete nach manchen Mißerfolgen zu guter letzt doch einen vollen Erfolg. Unter der Führung des Chemikers war es eben ein sicheres Vorwärtsschreiten. –

Wir hatten Verluste und Gewinne gehabt, das ist nicht anders. Im Geschäftsleben kommt man manchmal gerade noch mit knapper Not an einer Klippe vorbei. Als Mr. Phipps und ich eines Tages am Bureau der National Trust Company in der Penn Street in Pittsburg vorüberfuhren, sah ich zufällig an den Fensterscheiben die großen Goldbuchstaben: »Die Aktionäre sind persönlich haftbar.« Gerade an diesem Morgen hatte ich bei einer Durchsicht unseres Geschäftsberichtes gesehen, daß auf der Liste der Aktiven auch 20 Anteile der National Trust Company standen. Ich sagte also zu Harry: »Wenn dies das Geschäft ist, bei dem wir beteiligt sind, dann sei so gut und verkaufe unsere Anteile, noch ehe Du heute nachmittag wieder ins Bureau gehst.« Er sah die Sache nicht für so eilig an und meinte, er würde es schon zur rechten Zeit besorgen. »Nein, Harry, Du tätest mir einen sehr großen Gefallen, wenn Du es sofort erledigen wolltest.« Er gab infolgedessen die Anteile gleich ab. Das war wirklich ein Glück für uns, denn kurz darauf brach die Bank mit einem ungeheuren Fehlbetrag zusammen. Auch mein Vetter Morris befand sich unter den Aktionären, die hierbei zu Schaden kamen, und viele andere teilten sein Schicksal. Es waren stürmische Zeiten und wenn wir persönlich für alle Schulden der National Trust Company haftbar gewesen wären, wäre unser Kredit zweifellos schwer gefährdet gewesen. Wir kamen gerade noch so davon. Dabei besaßen wir überhaupt nur 20 Anteile im Wert von 2000 Dollar, die wir genommen hatten, um einigen Freunden gefällig zu sein, die unseren Namen auf der Liste ihrer Aktionäre sehen wollten! Aus dieser Lektion haben wir wohl gelernt. Man folge immer dem gesunden Geschäftsprinzip, daß man, wenn man einen Überschuß besitzt, wohl freigebig mit Geld sein mag, aber nie seinen Namen hergeben soll – weder für Wechsel noch als Mitglied einer Handelsgesellschaft mit persönlicher Haftpflicht. Ein paar tausend Dollar sind ja nur eine geringe Anlage, gewiß nur eine Kleinigkeit, aber eine Kleinigkeit, die die verhängnisvollsten Folgen haben kann. –

Wir hatten schnell begriffen, daß in der unmittelbaren Zukunft das Eisen schnell durch den Stahl verdrängt werden würde. Selbst in unseren Keystone-Brückenwerken kam immer mehr der Stahl an Stelle des Eisens zur Anwendung. Der junge König Stahl war im Begriff, seinen Vorgänger, den alten König Eisen, abzusetzen und uns immer mehr unter seine Botmäßigkeit zu zwingen. Wir hatten im Jahre 1886 gerade beschlossen, dicht bei den Edgar Thomson-Werken eine neue Fabrik zur Herstellung verschiedener Stahlwaren zu errichten, als man uns mitteilte, daß die fünf oder sechs führenden Pittsburger Fabrikanten, die sich zum Bau einer Fabrik in Homestead zusammengetan hatten, uns dieses Werk verkaufen wollten.

Ursprünglich war dieses Werk von einem Syndikat von Fabrikanten gebaut worden, um den notwendigen Stahl für ihre verschiedenen Konzerne zu erhalten. Aber da damals gerade im Stahlschienengeschäft eine starke Hausse herrschte, hatten sie ihre Pläne geändert und eine Stahlschienenfabrik daraus gemacht. Solange die Preise hoch blieben, hatten sie Schienen herstellen können; aber da das Werk ursprünglich nicht für diesen Zweck bestimmt war, fehlten ihnen die zur Versorgung mit Roheisen unentbehrlichen Hochöfen und auch die Kohlenfelder zur Beschaffung von Heizmaterial. Sie waren nicht in der Lage, auf die Dauer mit uns zu konkurrieren.

Der Besitz dieser Werke bedeutete für uns einen großen Vorteil. Ich war der Meinung, daß es nur einen Weg gab, um mit ihren Eigentümern zu verhandeln: wir mußten ihnen eine Vereinigung mit Gebrüder Carnegie & Co. vorschlagen. So boten wir ihnen die Vereinigung unter gleich zu gleich an: jeder Dollar ihres im Geschäft befindlichen Kapitals sollte von einem Dollar unseres Geldes ausgeglichen werden. Auf dieser Grundlage kam das Geschäft denn auch schnell zustande. Wir räumten aber sämtlichen Teilhabern das Recht ein, ihr Geld zurückzuziehen. Sehr zu unserem Glück taten dies auch alle, außer Mr. George Singer, der zu seiner und unserer vollsten Zufriedenheit bei uns blieb. Er erzählte uns später, seine Teilhaber hätten sich Gedanken darüber gemacht, wie sie sich zu dem Vorschlage verhalten sollten, den wir ihnen unterbreiten würden; sie fürchteten, ich könnte sie übervorteilen wollen, und waren sprachlos, als ich ihnen gleiche Bedingungen, Dollar gegen Dollar, vorschlug.

Dieser Kauf führte zu einer Umgestaltung unserer gesamten Firmen. Die neue Firma Carnegie, Phipps & Co. wurde im Jahre 1886 gegründet, um die Homestead-Werke in Gang zu bringen; die Firma Wilson, Walker & Co. ging in ihr auf, und Mr. Walker wurde zu ihrem Präsidenten gewählt. Mein Bruder wurde Vorsitzender von Carnegie Brothers & Co. und stand an der Spitze des Ganzen.

Eine fernere Erweiterung unseres Geschäftes bedeutete die Errichtung der Hartman-Stahlwerke in Beaver Falls, die in hundert verschiedenen Formen die Erzeugnisse der Homestead-Werke verarbeiten sollten. So stellten wir fast alles her, was sich aus Stahl machen läßt, von ganz dünnen Nägeln an bis zu 20 Zoll starken stählernen Tragbalken. Wir hielten es damals nicht für möglich, daß wir jemals noch ein neues Feld für unsere Tätigkeit finden würden.

Es dürfte interessant sein, hier auf den Fortschritt hinzuweisen, den unsere Werke in den 10 Jahren zwischen 1888 und 1897 zu verzeichnen hatten. Im Jahre 1888 hatten wir 20 Millionen Dollar im Geschäft stehen, 1897 war das Kapital mehr als doppelt so groß, nämlich über 45 Millionen. Die Förderung von 600 000 Tonnen Roheisen im Jahre 1888 hatte sich verdreifacht; wir stellten fast 2 Millionen her. Die Tagesproduktion von 2000 Tonnen Eisen und Stahl im Jahre 1888 hatte sich auf 6000 erhöht. Unsere Kokswerke umfaßten damals etwa 5000 Öfen; diese Zahl stieg gleichfalls auf das Dreifache, und unsere Förderung wuchs von 6000 auf 18 000 Tonnen pro Tag. Unsere Frick-Koksgesellschaft hatte im Jahre 1897 Kohlenfelder in der Ausdehnung von 42 000 Morgen, mehr als zwei Drittel der gesamten Kohlenfelder von Connellsville. In den nächsten 10 Jahren wird sich die Produktion wohl mit gleicher Schnelligkeit steigern. Man kann es als eine unumstößliche Wahrheit ansehen, daß in einem Lande, das wie das unsere im Aufblühen begriffen ist, ein Fabrikationsbetrieb zurückgeht, sowie er aufhört, sich auszudehnen.

Um eine Tonne Stahl herzustellen, muß man 1½ Tonne Eisenstein ergraben, 100 Meilen weit mit der Eisenbahn nach den Seen schaffen, Hunderte von Meilen zu Schiff befördern, in Wagen verladen und wieder 150 Meilen weit mit der Eisenbahn bis Pittsburg bringen; 1½ Tonne Kohle müssen gefördert, zu Koks verarbeitet und dann einige 50 Meilen weit mit der Eisenbahn transportiert werden; und eine Tonne Kalkstein muß gegraben und 150 Meilen weit nach Pittsburg gebracht werden. Wie war es dabei möglich, 3 Pfund fertigen Stahl für 2 Cent zu verkaufen, ohne zuzusetzen? Ich gestehe offen, daß mir selbst das unglaublich und rätselhaft erschien, fast wie ein Wunder, aber es war doch so.

Amerika wird bald nicht mehr das teuerste, sondern das billigste Land für die Stahlindustrie sein. Schon sind die Schiffswerften von Belfast unsere Kunden, aber das ist erst der Anfang. Unter den gegenwärtigen Verhältnissen kann Amerika den Stahl genau so billig liefern wie irgendein anderes Land, trotzdem unsere Arbeiter höhere Löhne bekommen. Auf dem Gebiet der Technik ist der teure Arbeiter der billigste, wenn er nur frei, zufrieden und arbeitseifrig und der Lohn seiner Arbeit angemessen ist. Und hier geht Amerika allen andern Ländern voran.

Einen großen Vorteil wird Amerika im Konkurrenzkampf auf dem Weltmarkt haben: die amerikanischen Fabrikanten haben das beste inländische Absatzgebiet. Schon durch dieses wird sich das Anlagekapital rentieren, die überschüssigen Erzeugnisse können dann immer noch mit Nutzen ausgeführt werden, selbst wenn die Preise, die sie erzielen, nicht mehr als die Herstellungskosten decken – vorausgesetzt natürlich, daß die Exportwaren einschließlich aller zum eigentlichen Herstellungspreise hinzukommenden Spesen berechnet werden. Das Volk, das den besten Absatz im eigenen Lande hat, kann, besonders wenn seine Waren so musterhaft sind wie die unsrigen, bald jegliche ausländische Fabrikation aus dem Felde schlagen. Das Wort, das ich in diesem Zusammenhang einmal in England zuerst geprägt habe: »das Gesetz vom Überschuß« ( The Law of the Surplus), ist später für Erörterungen über Handelsangelegenheiten allgemein in Gebrauch gekommen. – –

Da ich gerade von unseren Fabrikangelegenheiten spreche, möchte ich auch erzählen, daß am 1. Juli 1892, während ich mich im schottischen Hochland aufhielt, der einzige wirklich ernsthafte Streit mit unseren Arbeitern ausbrach, der in unserer ganzen Praxis vorkam. 26 Jahre lang hatte ich stets die Vermittlerrolle zwischen uns und unseren Leuten gespielt, und es war mein ganzer Stolz, wie erfreulich das Verhältnis immer gewesen war. Ich denke, ich habe die Antwort wirklich verdient, die mein erster Teilhaber Phipps auf den Vorwurf, ich hätte mich während des Streiks in Homestead hübsch im Auslande aufgehalten, anstatt rasch zurückzukommen und meinen Teilhabern zu helfen, in einem Artikel im New York Herald vom 30. Januar 1904 gegeben hat; er schrieb nämlich, ich sei immer geneigt gewesen, den Forderungen der Leute nachzugeben, selbst wenn sie noch so unvernünftig waren, daher hätten einer oder zwei meiner Teilhaber es lieber gesehen, daß ich nicht zurückkam Der Artikel des Mr. Phipps lautet vollständig: »Man hat behauptet, daß Mr. Carnegie aus Feigheit nicht von Schottland nach Amerika zurückkam, um zur Stelle zu sein, als der Streik in Homestead um sich griff. Antwort: Als Mr. Carnegie hörte, was in Homestead los war, drahtete er umgehend, er wolle das erste Schiff benutzen, das nach Amerika ginge; aber seine Teilhaber baten ihn, davon Abstand zu nehmen, da sie der Meinung waren, es sei für die Gesellschaft besser, wenn er zu dieser Zeit nicht im Lande wäre. Sie kannten seine Neigung, jeden Wunsch der Arbeiterschaft zu gewähren, selbst wenn er noch so unvernünftig war. Von allen, die mit dem Geschäft zu tun hatten, wüßte ich keinen, der sich darüber beklagt hätte, daß Mr. Carnegie damals abwesend war; im Gegenteil: alle Teilhaber waren nur froh, daß sie auf diese Weise die Angelegenheit nach ihrem eigenen Ermessen behandeln konnten.«. Selbst wenn ich die innere Befriedigung, die ein herzliches Verhältnis zwischen dem Arbeitgeber und den Arbeitnehmern dem ersteren gewährt, ganz außer Betracht lasse und die ganze Frage nur unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten betrachte, meine ich: höhere Lohnzahlungen an Leute, die ihre Arbeitgeber schätzen und durch anständigen Lohn glücklich und zufrieden sind, sind eine treffliche Kapitalanlage, die gute Dividenden abwirft.

Die Stahlfabrikation war durch die Erfindung der offenen Herde und die Verwendung von Laugen im Bessemerverfahren völlig umgestaltet worden. Die bisher verwandten Maschinen waren nunmehr veraltet, und unser Haus wandte in richtiger Erkenntnis dieser Tatsache einige Millionen daran, um die Werke in Homestead umzubauen und zu erweitern. Die neuen Maschinen schafften ungefähr 60 % mehr Stahl als die alten. 218 Akkordarbeiter, d. h. solche, die pro Tonne Stahl bezahlt wurden, waren mit dreijährigem Kontrakt angestellt, und im Laufe des letzten dieser drei Jahre wurden die neuen Maschinen eingeführt. Dadurch war also ihr Verdienst für die Zeit bis zum Ablauf des Kontraktes um fast 60 % gestiegen.

Die Firma schlug nun vor, in dem neuen Lohntarif, der für später aufgestellt werden sollte, diese 60 % in der Weise mit den Arbeitern zu teilen, daß diese 30 % mehr verdienen sollten, als unter dem alten Tarif, während die übrigen 30 % die Neuanschaffungen der Firma decken helfen sollten. Da die neuen Maschinen gegen die alten bedeutend verbessert waren, hatten die Arbeiter trotz der gesteigerten Produktion keineswegs schwerere Arbeit zu leisten. Unser Vorschlag war nicht allein korrekt und entgegenkommend, sondern geradezu großmütig; unter normalen Verhältnissen wäre er mit Freuden von den Leuten angenommen worden. Aber die Firma hatte damals Aufträge auf die Lieferung von Waffen für die Regierung der Vereinigten Staaten, deren Fabrikation wir schon zweimal abgelehnt hatten und die jetzt dringend gebraucht wurden. Auch hatte sie sich verpflichtet, Material für die Weltausstellung in Chicago zu liefern. Einige der Arbeiterführer, die diese Lage kannten, bestanden daher auf ihrer Forderung, daß die ganzen 60 % den Arbeitern zufallen sollten, weil sie dachten, die Firma würde das unter diesen Umständen bewilligen müssen. Diese konnte sich aber darauf nicht einlassen und wollte einem solchen Versuche, ihr die Pistole mit dem Ruf »Geld oder Leben« auf die Brust zu setzen, keinesfalls nachgeben. Es war vollkommen richtig, daß man diese Forderung der Arbeiter ablehnte. Wäre ich zu Hause gewesen – diesem unerhörten Erpressungsversuch hätte auch ich mich um keinen Preis gebeugt.

Bis dahin war alles ganz korrekt verlaufen. Bei Meinungsverschiedenheiten mit unseren Leuten hatte ich immer das Prinzip verfolgt, ruhig abzuwarten, vernünftig mit ihnen zu reden und ihnen zu zeigen, daß ihre Forderungen unbillig seien, niemals aber hatte ich versucht, neue Leute an ihrer Statt einzustellen. Der damalige Direktor der Homestead-Werke aber bekam von den 3000 Arbeitern, die mit dem Streik nichts zu tun hatten, die Versicherung, daß sie den Betrieb weiterführen könnten und nichts sehnlicher wünschten, als die 218 loszuwerden, die sich zu einer festen Gruppe zusammengeschlossen hatten, zu der die Arbeiter anderer Abteilungen bisher nicht zugelassen, sondern nur die Heizer und Walzarbeiter der Abteilung »Stahl« ausgenommen wurden.

Durch diesen Direktor, der selbst irregeführt war, wurden nun wieder meine Teilhaber irregeführt. Da er erst kürzlich aus einer untergeordneten Stellung zu seinem gegenwärtigen Posten aufgerückt war, hatte er noch keine besondere Erfahrung in solchen Fragen. Die unbilligen Forderungen der wenigen zu der Sondergruppe gehörigen Leute und die Meinung der 3000 anderen, daß diese Forderungen in der Tat unbillig wären, brachten ihn natürlich zu der Auffassung, daß keinerlei ernsthafte Konflikte entstehen und daß die Arbeitswilligen ihr Versprechen halten würden. Es gab – wenigstens berichtete man mir das – genug Leute unter den 3000, die die Stellen der 218 einzunehmen bereit und imstande waren.

Heute, wo die Sache hinter uns liegt, ist es leicht zu sagen, daß der entscheidende Schritt, das Werk weiterarbeiten zu lassen, auf jeden Fall hätte unterbleiben müssen. Die Firma hätte nichts weiter tun dürfen, als den Leuten sagen: »Wir stehen in Konflikt mit einem Teil eurer Kollegen, und ihr müßt die strittige Angelegenheit untereinander abmachen. Die Firma hat euch ein äußerst entgegenkommendes Angebot gemacht. Die Arbeit wird wieder aufgenommen, sowie der Streitfall erledigt ist, und keinen Augenblick eher. Eure Stellen werden bis dahin für euch offengehalten.« Oder der Direktor hätte den 3000 Leuten sagen können: »Schön, wenn ihr wollt, dann kommt und führt den Betrieb auf eure Gefahr hin weiter«, d. h. er hätte ihnen selbst die Verantwortung für ihren Schutz überlassen können, da sie ja 3000 gegen 218 waren. Statt dessen hielt man es aber für ratsam (soviel ich weiß, war das eine Vorsichtsmaßregel seitens der Behörden), den Sheriff mit einer Abteilung Soldaten kommen zu lassen, um die 3000 Mann gegen die 218 zu schützen. Die Führer der letzteren waren angriffslustige Hitzköpfe; sie hatten Gewehre und Pistolen und waren, wie sich bald zeigte, wohl imstande, die 3000 einzuschüchtern.

Ich zitiere hier etwas, was ich einmal grundsätzlich festgelegt habe: »Die Gesellschaft sollte als ihre bestimmte Auffassung bekanntgeben, daß sie mit einer Arbeitseinstellung in allen Werken einverstanden ist, daß sie ehrlich mit den Arbeitern verhandeln und ruhig abwarten will, bis sie von selbst zur Arbeit zurückkehren, daß sie aber niemals daran denkt, neue Leute einzustellen.« Wer auf der Straße nach Arbeit suchen muß, ist kaum jemals der beste Mann und noch seltener der beste Arbeiter. Beschäftigungslos ist gewöhnlich nur der minderwertige Arbeiter. Solche Leute, wie wir sie brauchten, läßt man selten ihre Arbeit verlieren, selbst nicht in schlechten Zeiten. Es ist ganz unmöglich, neue Leute zu bekommen, die mit gleichem Erfolg wie der eingearbeitete Mann die komplizierten Maschinen einer modernen Stahlfabrik handhaben.

Der Versuch, neue Arbeiter einzustellen, kühlte die Sympathie der 3000 alten, arbeitswilligen Arbeiter für unser Verhalten recht wesentlich ab; denn man kann immer darauf rechnen, daß Arbeiter mit der Einstellung neuer Kräfte nicht einverstanden sind. Und wer will ihnen das verübeln? Immerhin, wenn ich zu Hause gewesen wäre, hätte ich mich vielleicht doch überreden lassen, auf den Wunsch des Direktors hin die Arbeit weitergehen zu lassen, schon um zu probieren, ob unsere alten Arbeiter wirklich, wie sie versprochen hatten, zur Arbeit kommen würden. Aber es ist zu bedenken, daß die Einstellung neuer Arbeiter nicht zuerst von meinen Teilhabern ausgegangen, sondern im Gegenteil, wie man mir bei meiner Rückkehr sagte, gerade auf den Wunsch unserer 3000 alten Arbeiter erfolgt ist. Das ist für die Beurteilung der Sachlage sehr wesentlich. Meine Teilhaber waren auf keinen Fall zu tadeln, weil sie dem Rat des Direktors in dieser Angelegenheit folgten. Bis dahin hatten wir unsern Grundsatz, keine neuen Leute einzustellen, sondern zu warten, bis die alten zurückkamen, noch nie verlassen. Auch im Hinblick auf die zweite Eröffnung der Werke, nach der Erschießung der Offiziere des Sheriffs durch die Streikenden, ist es leicht, vom heutigen Standpunkt aus zu sagen: »Wie viel besser wäre es gewesen, das Werk so lange zu schließen, bis die alten Arbeiter die Rückkehr beschlossen.« Aber inzwischen hatte ja der Gouverneur von Pennsylvanien mit 8000 Bewaffneten in die Situation eingegriffen.

Ich reiste, als der Konflikt zum Ausbruch kam, gerade im schottischen Hochland umher und erfuhr erst zwei Tage später davon. Kaum etwas von allem, was ich vorher oder nachher erlebt habe, hat mich so tief geschmerzt. All die Narben von den Schlägen während meiner geschäftlichen Tätigkeit sind verheilt; nur die von Homestead brennt noch. Das Ganze war so völlig unmotiviert. Die Leute waren ganz ohne Zweifel im Unrecht. Die Streikenden hätten mit den neuen Maschinen nach dem neuen Tarif 4-9 Dollar am Tage verdient, das heißt 30 % mehr, als sie bei den alten Maschinen bekamen. Die Führer der Sondergruppe unserer Arbeiter schickten mir folgendes Telegramm nach Schottland: »Lieber, guter Herr, lassen Sie uns wissen, was wir tun sollen, und es soll für Sie geschehen.« Das war sehr rührend, aber leider zu spät. Das Unheil war geschehen, die Werke waren in der Hand des Gouverneurs; es war zu spät.

Ich empfing während meiner Abwesenheit im Ausland zahlreiche liebe Briefe von Freunden, die über die Lage genau orientiert waren und sich denken konnten, wie unglücklich ich war. Folgender Brief von Mr. Gladstone bereitete mir besondere Freude:

 

Mein lieber Mr. Carnegie!

Schon vor einiger Zeit hat meine Frau Ihnen ja unseren Dank für Ihre liebenswürdigen Glückwünsche übermittelt. Aber ich denke daran, welchen Kummer Sie gehabt haben und welchen Vorwürfen Sie ausgesetzt gewesen sind, weil Sie so tapfer versucht haben, reiche Leute zu einem einsichtsvolleren Verhalten zu bewegen, als es gewöhnlich ihnen eigen ist. Ich wünschte, ich könnte diese Vorwürfe der Journalisten von Ihnen abwenden, die nur zu oft vorschnell, dünkelhaft, von obenher urteilend, boshaft und übelwollend sind. Wenig nur, viel zu wenig kann ich für Sie tun; ich kann Ihnen nur die feste Versicherung geben, daß keiner, der Sie kennt, von den unseligen Geschehnissen jenseits des großen Wassers sich wird beeinflussen lassen. (Wir können natürlich von hier aus nicht die ganze Tragweite beurteilen.) Keiner Ihrer Freunde wird auch nur im geringsten sein Vertrauen zu Ihren großzügigen Ansichten oder seine Bewunderung für die guten und wahrhaft großen Werke ändern, die Sie bereits vollbracht haben.

Der Reichtum ist heutzutage ein Ungeheuer, das das ganze sittliche Leben des Menschen zu verschlingen droht; Sie haben seinem gierigen Rachen durch Ihre Lehre und Ihr Vorbild einen Teil seiner Beute wieder entrissen. Dafür danke ich Ihnen.

Ihr sehr ergebener
W. E. Gladstone.

 

Ich füge diesen Brief hier ein, um, wenn das überhaupt noch nötig wäre, einen Beweis dafür zu geben, welch edler, liebenswerter Charakter Mr. Gladstone war: stets zugänglich und teilnehmend für alles, was Mitgefühl erweckt, heute für die Neapolitaner, Griechen oder Bulgaren, morgen für einen vom Unglück betroffenen Freund.

Das große Publikum wußte natürlich weder, aus welchen Ursachen der Konflikt in Homestead entstanden, noch daß ich damals in Schottland war. Man wußte nur, daß in den Carnegie-Werken Arbeiter getötet worden waren und daß ich die Hauptanteile dieser Werke besaß. Das genügte, um meinem Namen auf Jahre hinaus einen üblen Beigeschmack zu geben.

Aber dann kam doch eine gewisse Genugtuung für mich. Senator Hanna war Präsident der National Civic Federation, einer Vereinigung von Kapitalisten und Arbeitern, die auf Arbeitgeber wie Arbeitnehmer einen gleichmäßig wohltuenden Einfluß ausübte. Ihr damaliger Vizepräsident, der ehrenwerte Herr Oscar Straus, lud mich zu einem Essen in seinem Hause ein, wo ich die Spitzen dieser Vereinigung treffen sollte. Kurz vor dem festgesetzten Tage starb plötzlich Mark Hanna, der Präsident, mein langjähriger Freund und ehemaliger Vertreter in Cleveland. Ich wohnte dem Essen bei. Nach der Mahlzeit erhob sich Mr. Straus und sagte, man hätte die Wahl eines Nachfolgers für Mr. Hanna erwogen, und er könne berichten, daß jede Arbeiterorganisation, die ihre Meinung geäußert habe, mit der Wahl von Mr. Carnegie einverstanden sei. Mehrere Arbeiterführer waren anwesend und standen einer nach dem anderen auf und bestätigten Mr. Straus' Worte.

Selten bin ich so vollständig und, wie ich offen zugebe, so angenehm überrascht gewesen. Ich wußte wohl, daß ich mich um die Arbeiterschaft verdient gemacht hatte. Ich war mir selbst meiner warmen Sympathie für die arbeitende Klasse bewußt und ich hatte auch stets das Wohl unserer eigenen Arbeiter im Auge. Aber nach dem Streik in Homestead war natürlich die Bevölkerung entgegengesetzter Ansicht. »Carnegie-Werke« bedeutete für die Leute soviel wie Mr. Carnegies Kampf gegen den wohlverdienten Lohn der Arbeiterschaft.

Ich stand auf und erklärte den Anwesenden, daß es für mich kaum möglich sein würde, die große Ehre anzunehmen, da ich während der Sommerhitze auf ärztliches Gebot verreisen, der Führer der Vereinigung aber doch zu jeder Jahreszeit sofort erreichbar sein müßte, um im Falle des Ausbruchs eines Konflikts gleich eingreifen zu können. Die Situation war für mich schwierig, aber ich wendete die Sache so, daß sie alle davon überzeugt waren, daß mir ihr willkommenes Angebot Balsam für die Wunden meiner Seele bedeute. Ich schloß meine Ansprache mit den Worten, es würde mir eine große Ehre sein, wenn ich an Stelle meines verewigten lieben Freundes in das Exekutivkomitee der Vereinigung gewählt werden sollte. Einstimmig wählte man mich zu dieser Stellung. Dadurch wurde ich endlich von dem bedrückenden Gefühl befreit, daß ich in der gesamten Arbeiterschaft als verantwortlich für den Streik in Homestead und den Tod von Arbeitern angesehen würde.

Diese Ehrenrettung verdanke ich Mr. Oscar Straus, der meine früheren Aufsätze und Reden über die Arbeiterfrage gelesen und den Arbeitern gegenüber häufig zitiert hatte. Die beiden Arbeiterführer der »Vereinigten Union«, White und Schaeffer aus Pittsburg, waren gleichfalls in der Lage und bestrebt, die Mitglieder ihrer Vereinigung über mein Einvernehmen mit der Arbeiterschaft zu belehren, und taten dies mehr als gern. Später fand eine Massenversammlung der Arbeiter und ihrer Frauen im Saal der Bibliothek in Pittsburg statt, um mich zu begrüßen. Ich hielt dort eine Ansprache, die mir tief aus dem Herzen kam; der eine Satz, auf den ich mich noch besinnen kann, hatte den Inhalt: Kapital, Arbeiterschaft und Arbeitgeber sind wie ein dreibeiniger Schemel, alle drei Beine sind gleich unentbehrlich, und keines hat einen Vorzug vor den beiden anderen. Darauf folgte ein herzhaftes Händeschütteln, und alles war in schönster Ordnung. Nachdem auf diese Weise innerlich und äußerlich das Einvernehmen mit unseren Arbeitern und ihren Frauen wiederhergestellt war, hatte ich das Gefühl, daß mir ein schwerer Stein vom Herzen genommen war. Aber der Streik ist ein schreckliches Erlebnis für mich gewesen, obschon ich Tausende von Meilen vom Schauplatz der Ereignisse entfernt gewesen war. –

Als ich 1892 nach dem Aufruhr in Homestead nach Pittsburg zurückkam, ging ich in die Fabriken und traf dort viele der alten Arbeiter, die am Streik nicht beteiligt gewesen waren. Sie gaben der Meinung Ausdruck, daß es, wenn ich zu Hause gewesen wäre, nie zum Streik gekommen wäre. Ich sagte ihnen, die Gesellschaft hätte doch ein großzügiges Angebot gemacht, und darüber würde auch ich nicht hinausgegangen sein; noch bevor mich ihr Telegramm in Schottland erreichte, sei der Gouverneur des Staates schon mit seinen Truppen auf dem Schauplatz erschienen gewesen und hätte Vergeltung für den Rechtsbruch gefordert; dadurch hätten meine Teilhaber auf die Gestaltung der Dinge dann keinen Einfluß mehr gehabt. Ich fügte hinzu: »Sie waren schlecht beraten; Sie hätten das Anerbieten meiner Teilhaber annehmen sollen. Es war mehr als großzügig. Ich glaube nicht einmal, daß ich so weit gegangen wäre.« Darauf sagte mir einer der Walzarbeiter: »Ach, Mr. Carnegie, es handelte sich im Grunde gar nicht um das Geld. Von Ihnen hätten sich die Jungens schlagen lassen; aber von den anderen wollten sie sich kein Haar krümmen lassen.«

So wichtig ist die Rolle, die die persönliche Fühlung im praktischen Leben spielt, zumal im Verkehr mit der Arbeiterklasse. Wer die Arbeiter nicht kennt, glaubt das gewöhnlich nicht; aber ich bin sicher, daß es bei Konflikten zwischen Arbeiterschaft und Kapital in fünfzig von hundert Fällen sich nicht um Lohnfragen handelt. Der Grund ist nur zu oft der Mangel an richtiger Wertschätzung und freundlicher Behandlung der Angestellten durch ihre Arbeitgeber.

Gegen eine große Anzahl der Streikenden waren gerichtliche Verfahren eingeleitet worden, aber als ich zurückkam, wurden sie sofort freigelassen. Alle die alten Leute, soweit sie sich nicht einer Gewalttätigkeit schuldig gemacht hatten, wurden wieder eingestellt. Ich hatte aus Schottland telegraphisch dringend gefordert, daß man Mr. Schwab, der erst kurz zuvor nach den Edgar Thomson-Werken versetzt worden war, wieder nach Homestead zurückschicken sollte. Charlie, wie man ihn liebevoll nannte, ging zurück und stellte schnell Ordnung, Frieden und gutes Einvernehmen wieder her. Wäre er von vornherein in den Homestead-Werken geblieben, so wäre es wahrscheinlich gar nicht zu dem ernsthaften Zusammenstoß gekommen. Charlie liebte seine Arbeiter und wurde von diesen geliebt. Ein unerfreuliches Element blieb allerdings immer in Homestead: das waren die Leute, die wir früher einmal aus irgendwelchen guten Gründen aus unseren Werken entlassen hatten, und die in den neuen Werken, noch ehe wir sie kauften, eingestellt worden waren.

Über eine auch mit dem Homestead-Streik zusammenhängende Episode, die mir mein Freund John C. Van Dyke, Professor am Rutgers College, mitgeteilt hat, berichte ich mit dessen Worten:

»Im Frühling 1900 fuhr ich von Guaymas am Golf von Kalifornien auf die Farm eines Freundes nach La Noria Verde, um in den Bergen von Sonora eine Woche lang auf Jagd zu gehen. Die Farm lag weitab von jeder Zivilisation, und ich hatte erwartet, dort niemand weiter zu treffen als ein paar Mexikaner und eine Menge Yaqui-Indianer; aber zu meiner größten Überraschung begegnete mir dort auch ein Englisch redender Mann, der sich als Amerikaner entpuppte. Ich erfuhr schnell, wie er dorthin verschlagen worden war, denn er fühlte sich sehr einsam und war froh, einmal einen Menschen zu finden, mit dem er reden konnte. Er hieß McLuckie und war bis 1892 als tüchtiger Mechaniker in den Carnegie-Stahlwerken in Homestead beschäftigt gewesen. Er war damals ein schneidiger Kerl, verdiente hohen Lohn, war verheiratet, besaß ein eigenes Haus und ein nicht unbeträchtliches Stück Land. Dazu stand er bei seinen Mitbürgern in hohem Ansehen und war sogar zum Bürgermeister von Homestead gewählt worden.

»Als im Jahre 1892 der Streik ausbrach, stand McLuckie natürlich auf seiten der Streikenden und gab in seiner Eigenschaft als Bürgermeister den Befehl zur Verhaftung der Pinkerton-Detektivs, die zu Schiff nach Homestead gekommen waren, um die Werke zu beschützen und die Ordnung aufrechtzuerhalten. Er hielt sich zu dieser Handlungsweise für vollkommen berechtigt. Wie er mir erklärte, wären die Detektivs eine bewaffnete Macht, die in seinen Amtsbezirk eindrang, und er hätte das Recht gehabt, sie festzunehmen und zu entwaffnen. Aber der Befehl führte zu Blutvergießen, und das gab dem Konflikt die ernsthafte Wendung.

»Jeder kennt ja die Geschichte des Streiks. Die Streikenden unterlagen schließlich. McLuckie selbst wurde wegen Mordes, Aufruhrs, Hochverrats und einer ganzen Reihe anderer Delikte angeklagt. Er mußte aus dem Staate fliehen, wurde verwundet, hungerte, wurde von der Polizei verfolgt und mußte sich verborgen halten, bis sich das Gewitter verzogen hatte. Da entdeckte er, daß er bei der gesamten Stahlindustrie der Vereinigten Staaten auf der schwarzen Liste stand und nirgends Arbeit bekommen konnte. Sein Geld war aufgezehrt, zu allem Unglück starb noch seine Frau, so daß er auch kein Heim mehr hatte. Nach mancherlei Wechselfällen beschloß er, nach Mexiko zu gehen, und als ich ihm begegnete, versuchte er, in den Bergwerken etwa 15 Meilen von La Noria Verde anzukommen. Aber die Mexikaner, die im Bergbau nur die billigsten ungelernten Tagelöhner verwandten, konnten solch einen tüchtigen Mechaniker nicht gebrauchen. Er konnte keine Arbeit finden und hatte keinen Pfennig. Er war buchstäblich bis auf den letzten Groschen abgebrannt. Natürlich tat er mir sehr leid, als er mir seine Leidensgeschichte erzählte, besonders da er außerordentlich intelligent war und nicht unnötig über sein Mißgeschick jammerte.

»Ich glaube nicht, daß ich ihm von meiner Bekanntschaft mit Mr. Carnegie erzählt habe, bei dem ich kurz nach dem Streik von Homestead in Cluny in Schottland zu Besuch gewesen war; ich erzählte ihm auch nicht, daß ich aus Mr. Carnegies Berichten die Kehrseite der Geschichte kannte. Aber McLuckie war sehr darauf bedacht, Mr. Carnegie persönlich nicht zu tadeln; mehrfach sagte er mir, es wäre nie soweit gekommen, wenn ›Andy‹ dagewesen wäre. Er war anscheinend der Meinung, daß ›die Jungens‹ mit ›Andy‹ sehr gut auskommen könnten, besser als mit einigen seiner Teilhaber.

»Eine Woche lang war ich auf der Farm und war des Abends viel mit McLuckie zusammen. Dann fuhr ich direkt nach Tucson in Arizona und schrieb von dort aus an Mr. Carnegie, dem ich von der Begegnung mit McLuckie erzählte. Ich fügte hinzu, daß der Mann mir sehr leid täte, und daß ich der Meinung wäre, McLuckie sei sehr übel behandelt worden. Mr. Carnegie antwortete sofort und schrieb auf den Rand des Briefes mit Bleistift: ›Geben Sie McLuckie so viel Geld, wie er braucht, aber erwähnen Sie meinen Namen nicht.‹ Ich schrieb gleich an McLuckie und bot ihm das nötige Geld an; ich nannte keine bestimmte Summe, gab ihm aber zu verstehen, daß es genügen würde, um ihm wieder auf die Beine zu helfen. Er lehnte das Angebot ab. Er sagte, er wolle sich allein durchkämpfen und seinen eigenen Weg gehen: das war echt amerikanisch. Ich konnte mir nicht helfen, ich mußte das an ihm bewundern.

»Ich fand dann Gelegenheit, mit einem Freund, Mr. I. A. Naugle, dem Hauptgeschäftsführer der Sonora-Eisenbahn, über ihn zu sprechen. Durch diesen erhielt McLuckie bei der Bahn Beschäftigung beim Brunnenbau und kam gut dabei vorwärts. Ein Jahr später, oder vielleicht war es noch im Herbst desselben Jahres, traf ich ihn wieder in Guaymas, wo er in den Eisenbahnwerkstätten die Reparatur einiger Maschinen überwachte. Er hatte sich sehr zum Vorteil verändert, schien glücklich zu sein, und um sein Glück vollkommen zu machen, hatte er eine Mexikanerin zur Frau genommen. Und nun, wo er wieder frei von allen Sorgen war, erzählte ich ihm sofort, wie es sich mit meinem Geldangebot verhalten hätte; er sollte nicht ungerecht von denen denken, die gegen ihn hatten kämpfen müssen. Ehe ich mich also von ihm verabschiedete, sagte ich: ›McLuckie, Sie sollen jetzt wissen, daß es nicht mein Geld war, das ich Ihnen anbot. Es war Andrew Carnegies Geld; er bot es Ihnen durch meine Vermittlung an.‹ McLuckie war starr vor Staunen, und alles, was er sagen konnte, war: ›Donnerwetter, das war famos von Andy!‹«

Dieses Urteil von McLuckie halte ich eher für eine Einlaßkarte zum Paradies als alle theologischen Dogmen, die sich die Menschen zurechtgemacht haben. Ich kannte McLuckie gut als einen braven Kerl. Sein Besitz in Homestead wurde auf 30 000 Dollar Wert geschätzt. Wegen der Erschießung der Polizeioffiziere wurde er verhaftet, weil er der Bürgermeister und zugleich der Vorsitzende des Arbeiterkomitees von Homestead war. Er mußte fliehen und alles zurücklassen.

Nachdem diese Geschichte Mr. Carnegie liebte diese Geschichte sehr, denn da er auch nur ein Mensch war, war er für Beifall empfänglich. Als Radikaler vom Schlage des Robert Burns schätzte er den Beifall der Arbeiter mehr als den der Vornehmen. Es gefiel ihm über alle Maßen, daß einer seiner Arbeiter seine Handlungsweise für »famos« erklärt hatte. Er begnügte sich mit dieser Achtungsbezeigung und fragte oder erfuhr nie, warum oder wie die Geschichte bekannt wurde. Hier scheint mir der geeignete Ort, die Geschichte dieser Geschichte zu erzählen.
Im Jahre 1901 hörte ich einmal bei einem Diner in Neuyork, wie jemand behauptete, Mr. Carnegie gäbe nichts ohne die ausdrückliche Bedingung, daß sein Name in Verbindung mit dem Geschenk genannt würde. Die Bemerkung kam von einem Mann in hervorragender Stellung, der eigentlich hätte wissen müssen, was für Unsinn er da sprach. Das ärgerte mich gewaltig. Ich bestritt seine Behauptung und sagte, daß ich selbst schon in Mr. Carnegies Auftrag Geld weggegeben hätte, von dem außer uns beiden niemand wußte, und daß er auf diese Weise viele Tausende durch Vermittlung anderer verschenkt hätte. Als Beispiel erzählte ich die Geschichte von McLuckie. Ein Herr aus Pittsburg erzählte die Geschichte dort weiter, und so kam sie schließlich in die Zeitung. Natürlich ging inzwischen die Hauptsache der Geschichte, nämlich daß Mr. Carnegie manchmal im geheimen gab, verloren, und es blieb nichts übrig als der Kehrreim »das war famos von Andy«. Mr. Carnegie erfuhr nie, was es mit dieser Geschichte auf sich hatte. Er hatte an dem Kehrreim genug. Einige Jahre später (1906), als er in Skibo an seiner Lebensgeschichte schrieb, bat er mich, die Geschichte für ihn zu erzählen. Ich erfüllte seinen Wunsch. [John C. Van Dyke.]
gedruckt worden war, erschien in einer Zeitung das folgende Spottgedicht, weil ich erklärt hatte, daß ich auf meinem Grabstein lieber McLuckies paar Worte als irgendeine andere Inschrift haben möchte, da jene bewiesen, daß ich an einem unserer Arbeiter freundlich gehandelt hatte:

»So nebenbei.«
Sandy an Andy.

Habt ihr gehört, was Andy will auf seinem Grabstein haben,
Wenn all sein Geld er fortgeschenkt und tot liegt und begraben?
Verzichtet auf den Bibelvers und ist zufrieden, wenn die
Unheil'gen Worte darauf stehn: »Das war famos von Andy!«

Aus schmeichelhaftem Epitaph darf sich ein Schott' nichts machen;
Doch so profan war keiner noch, und das ist nichts zum Lachen.
Gibt er nun allen Reichtum fort, so schmeckt das stark nach Dandy;
Dann hat er zu dem Spleen ein Recht; das ist famos von Andy!

Man nennt ihn nicht »verflixter Kerl« und tut im stillen fluchen,
Denn Andy würde nicht mit »ix« das Wort zu mildern suchen.
Er spricht, wie ihm der Schnabel wuchs, und nicht gedrechselt, wenn die
Gesellschaft mit den Worten spielt; das ist famos von Andy!

Drum: ist er tot, so handeln wir nach seinem letzten Willen;
Mit seinem Grabstein wollen wir ihm gern den Wunsch erfüllen.
Er sagt, kein Reicher kommt zu Gott – so wahr mein Nam' ist Sandy:
Er stirbt nicht reich, das sag' ich euch; das ist famos von Andy!


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