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Kapitel 10.
Übersiedelung nach Neuyork. Gegen Börsenspekulation. Neue Erfolge. Zukunftsplan. Die Pullman-Schlafwagen-Gesellschaft.

Unser Geschäft wuchs weiter und zwang mich zu häufigen Reisen nach dem Osten, besonders nach Neuyork, das den Brennpunkt aller wirklich wichtigen Unternehmungen in Amerika bildete. Kein großer Konzern durfte dort ohne Vertretung sein. Unseren Betrieb in Pittsburg verwalteten mein Bruder und Mr. Phipps aufs beste. Mir fiel die Aufgabe zu, die allgemeinen Direktiven für die zu unserem Konzern gehörigen Firmen zu geben und die Verhandlungen über besonders wichtige Abschlüsse zu führen.

So siedelte ich im Jahre 1867 nach Neuyork über und mußte wieder die alten Freundschaftsbeziehungen in Pittsburg abbrechen. War das schon für mich sehr schwer, so war es noch viel schwerer für meine Mutter. Indessen sie stand ja noch in der Blüte ihrer Jahre, und wir konnten uns, wenn wir nur zusammenblieben, das Leben ja überall schön gestalten. Trotzdem ging es ihr sehr nahe, daß wir unser schönes Heim in Homewood aufgeben mußten. Wir überließen es meinem Bruder, der sich mit Miß Lucy Coleman, der Tochter eines unserer hochgeschätzten Teilhaber und Freunde, glücklich verheiratet hatte.

In Neuyork waren wir zunächst ganz fremd. Wir wohnten zuerst im St. Nicholas Hotel, das damals berühmt war; als dann der Besitzer Mr. Hawk, der uns ein lieber Freund geworden ist, das weiter in der Stadt gelegene Hotel Windsor eröffnete, zogen wir dorthin. Bis zum Jahre 1887 ist dies unsere Neuyorker Wohnung gewesen. Mein Bureau richtete ich mir in der Broad Street ein. Eine Zeitlang waren die Besuche unserer Pittsburger Freunde, die ab und zu nach Neuyork kamen, fast unsere einzige Freude, und ohne Pittsburger Zeitungen glaubten wir nicht leben zu können. Ich fuhr auch häufig zum Besuch hinüber, und meine Mutter begleitete mich oft, so daß wir immer in Verbindung mit der alten Heimat blieben. Allmählich aber entstanden neue freundschaftliche Beziehungen und neue Interessen, so daß wir begannen, uns in Neuyork heimisch zu fühlen.

Vieles lernte ich hier kennen, was mich stark gefördert hat; ganz besonders gilt dies von dem »Klub des 19. Jahrhundert«, der von Mr. und Mrs. Courtlandt Palmer ins Leben gerufen war und sich einmal im Monat in deren Hause versammelte und viele kluge Männer und Frauen zusammenführte. Meine Wahl zum Mitglied verdanke ich Madame Botta, der Gattin des Professors Botta, einer sehr klugen Frau, deren Haus mehr als irgendein anderes in Neuyork zum »Salon« wurde; ja man kann vielleicht sogar sagen, es war damals der einzige. Als ich eines Tages bei Familie Botta zum Essen geladen war, traf ich dort eine erlesene Versammlung und in dieser zum ersten Male mit einem Manne zusammen, der mir ein Freund und Ratgeber fürs Leben werden sollte: Andrew D. White, damals Rektor der Cornell-Universität, später Gesandter in Rußland und Botschafter in Deutschland und unser erster Delegierter auf der Friedenskonferenz im Haag. Der »Klub des 19. Jahrhundert« war sozusagen eine geistige Arena. Kluge Männer und Frauen diskutierten hier in vornehm-gediegener Art über die wichtigsten Zeitfragen. Bald wurde die Teilnehmerzahl zu groß für eine Privatwohnung; die monatlichen Zusammenkünfte wurden deshalb in die »Amerikanische Kunstgalerie« verlegt. Ich besinne mich noch, daß an dem ersten Abend, an dem ich als Redner aufzutreten hatte, das Thema lautete: »Die Geldaristokratie«. Das war mein erster Vortrag in Neuyork. Späterhin habe ich öfters gesprochen. Das war eine treffliche Übung für mich, denn jedes Mal mußte man sich durch Lektüre und Studien gründlich auf das Thema vorbereiten. –

Ich hatte lange genug im Pittsburger Geschäftsleben gestanden, um den Unterschied zwischen dem Geist der planmäßigen kaufmännischen Arbeit und der Spekulation erkannt zu haben. Durch meine Tätigkeit als Telegraphist hatte ich die wenigen Pittsburger Persönlichkeiten und Firmen kennengelernt, die mit der Neuyorker Börse arbeiteten; ich verfolgte deren Schicksal dauernd mit größter Aufmerksamkeit. Mir schien ihre Art, Geschäfte zu machen, einfach als eine Art Glücksspiel. Damals wußte ich noch nicht, wie sehr der Kredit aller dieser Männer und Firmen dadurch geschwächt wurde, daß bekannt war (verheimlichen läßt sich das kaum), daß sie viel spekulierten. Aber solcher Firmen gab es damals so wenige, daß ich sie an den Fingern herzählen konnte. Die Öl- und Warenbörse in Pittsburg war noch nicht eröffnet, und die Bureaus der Makler, die in telegraphischer Verbindung mit den östlichen Börsen standen, wurden damals noch nicht benutzt. Pittsburg war in erster Linie Fabrikstadt.

In Neuyork fand ich diese Verhältnisse zu meiner Überraschung ganz anders. Es gab nur wenige Geschäftsleute, die nicht mehr oder weniger ihr Geld in Wall Street aufs Spiel setzten. Man bestürmte mich von allen Seiten mit Fragen nach den verschiedenen Eisenbahngesellschaften, mit denen ich in Verbindung stand. Leute, die ihr Kapital anlegen wollten, trugen mir die Vermittlung an, da sie der Meinung waren, daß ich durch meine tieferen Einblicke in die Verhältnisse ihr Geld vorteilhaft unterbringen könnte. Man forderte mich auf, Gesellschaften beizutreten, die die Absicht hatten, die Hauptaktienanteile an gewissen Unternehmungen aufzukaufen. Das ganze Gebiet der Spekulation lag in seiner verführerischsten Gestalt vor mir.

Aber ich widerstand all solchen Verlockungen. Das bemerkenswerteste Anerbieten dieser Art bekam ich schon kurz nach meiner Übersiedlung nach Neuyork. Jay Gould, der damals auf dem Höhepunkt seiner geschäftlichen Laufbahn stand, trat an mich mit dem Vorschlage heran, er wolle sich die Hauptanteile der Pennsylvania-Eisenbahnaktien kaufen und mir die Hälfte des Nutzens abgeben, wenn ich die Angelegenheit für ihn in die Hand nehmen wolle. Ich lehnte mit dem Hinweis ab, daß ich nie etwas gegen Mr. Scott unternehmen würde, mit dem ich so lange zusammengearbeitet hätte. Mr. Scott erzählte mir später, er hätte gehört, daß ich von Neuyorker Interessenten zu seinem Nachfolger vorgeschlagen worden sei; wie er das erfahren hat, weiß ich nicht, denn ich habe nie darüber gesprochen. Ich konnte ihn aber mit der Mitteilung beruhigen, daß ich nie Präsident einer anderen Eisenbahngesellschaft zu sein wünschte, als einer, die mein Eigentum wäre.

Der Kreislauf des Geschehens ist manchmal seltsam. Dreißig Jahre nach diesem Vorfall, im Jahre 1900, konnte ich dem Sohne dieses Mr. Gould von dem Anerbieten seines Vaters erzählen und ihm meinerseits ein ähnliches machen. »Ihr Vater«, sagte ich, »hat mir den beherrschenden Einfluß über das ganze Pennsylvaniasystem angeboten; jetzt biete ich seinem Sohne den Haupteinfluß über eine internationale Linie, die den einen Ozean mit dem andern verbindet, an.« Den ersten Teil dieses großen Unternehmens führten Gould jr. und ich gemeinsam aus: wir leiteten seine Wabash-Linie weiter bis Pittsburg. Das ließ sich sehr gut machen, indem wir kontraktlich der Wabash ein Drittel der Frachtbeförderung für unsere Stahlgesellschaft zusicherten. Wir waren schon im Begriff, die Linie von Pittsburg weiter östlich bis zum Atlantischen Ozean auszubauen, als mich im März 1901 Mr. Morgan durch Mr. Schwab fragen ließ, ob ich mich wirklich vom Geschäftsleben zurückziehen wolle Diese Anfrage eröffnete die Verhandlungen über den Ankauf der Carnegie-Werke durch Morgan. Vgl. unten S. 172.. Ich bejahte diese Frage, und das setzte jenen Eisenbahnplänen ein Ende.

Nie in meinem Leben habe ich in spekulativer Absicht eine Aktie gekauft, mit Ausnahme eines kleinen Anteils der Pennsylvania-Eisenbahngesellschaft, in dem ich als junger Mann mein Geld anlegte und den ich damals nicht bar bezahlte, da die Bank mir anbot, ihn für mich gegen ein geringes Entgelt zu verwalten. Im übrigen habe ich immer den Grundsatz befolgt, nichts zu kaufen, was ich nicht bezahlen konnte, und nichts zu verkaufen, was nicht mein eigen war. Nur in meiner Anfangszeit besaß ich einiges, was ich im Laufe der Geschäfte übernommen hatte, darunter einige Aktien und Wertpapiere, die an der Neuyorker Börse notiert wurden; so kam es, daß ich damals, wenn ich des Morgens meine Zeitung aufschlug, natürlich zuerst nach den Börsenberichten sah. Damals beschloß ich, alle meine Anteile an fremden Konzernen zu verkaufen, mein ganzes Interesse auf unsere Pittsburger Fabriken zu konzentrieren und fernerhin keine anderweiten börsenfähigen Aktien mehr zu besitzen. An diesem Grundsatz habe ich auch gewissenhaft festgehalten, mit Ausnahme einiger weniger Fälle, wo mir zufällig geringe Anteile in die Hände gerieten.

So sollte jeder Industrielle und überhaupt jeder berufstätige Mann verfahren. Besonders für den Fabrikanten ist dieser Grundsatz von höchster Wichtigkeit. Er muß einen klaren und freien Kopf haben, wenn er die Fragen, die seinen Betrieb angehen, richtig behandeln will. Nichts ist im großen Rennen um den Erfolg so wichtig wie klares Urteil; wer sich aber in das nervenaufreibende stete Auf und Ab der Börse einläßt, kann kein klares Urteil behalten. Es ist wie ein Rausch: was nicht da ist, das sieht er, und was da ist, das sieht er nicht. Er verliert die Fähigkeit, die wirklichen Werte richtig einzuschätzen und die Dinge so zu sehen, wie sie sind. Er hält einen Maulwurfhaufen für einen hohen Berg und einen hohen Berg für einen Maulwurfhaufen, er faßt sprunghafte Entschlüsse, anstatt sie reiflich zu überlegen. Seine Gedanken gelten nur noch den Kursnotierungen, nicht aber den Fragen, für die man ruhiges Nachdenken braucht. Spekulation ist ein Schmarotzer, der Werte auffrißt, ohne Werte zu schaffen. –

Mein erstes bedeutendes Unternehmen nach meiner Übersiedlung nach Neuyork war der Bau einer Brücke über den Mississippi bei Keokuk. (Die Brücke war 2300 Fuß lang und hatte eine Spannweite von 380 Fuß.) Mr. Thomson, Präsident der Pennsylvaniabahn, und ich schlossen über den ganzen Bau ab, sowohl Fundament und Mauerwerk wie Oberbau; Obligationen und Aktien wurden in Zahlung genommen. Die Sache bedeutete in jeder Hinsicht einen glänzenden Erfolg, nur nicht finanziell. Durch eine Krisis gerieten die beteiligten Eisenbahngesellschaften in Bankrott und konnten die festgesetzte Summe nicht bezahlen. Konkurrenzgesellschaften überbrückten den Mississippi bei Burlington und bauten eine Bahn am westlichen Ufer des Flusses entlang bis Keokuk. So entging uns der schöne Gewinn, auf den wir gerechnet hatten. Mr. Thomson und ich erlitten wenigstens keine eigenen Verluste, freilich blieb für uns auch nur wenig übrig. Der Oberbau für diese Brücke wurde in den Pittsburger Keystonewerken hergestellt. Ich mußte öfters nach Keokuk fahren und lernte dort reizende, kluge Menschen kennen. Als ich später einmal mit einigen englischen Freunden dorthin kam, waren diese ganz überrascht von dem Eindruck, den sie von dem gesellschaftlichen Leben im fernen Westen empfingen; sie hatten geglaubt, hier sei alle Kultur zu Ende. Die Gesellschaft, die wir eines Abends bei einem Empfang im Hause des Generals Reid trafen, konnte sich in jeder englischen Stadt sehen lassen; mehr als einer der Gäste hatte im Bürgerkriege an hervorragender Stelle gestanden und spielte im parlamentarischen Leben eine Rolle.

Der Bau der Brücke von Keokuk hatte mir einen solchen Ruf verschafft, daß sich auch die Herren, die mit den Entwürfen für die bereits erwähnte Mississippibrücke von St. Louis beauftragt waren, an mich wandten. Damit hängt mein erstes größeres Geldgeschäft zusammen. Im Jahre 1869 kam eines Tages der Leiter jenes Unternehmens, Mr. Macpherson, ein echter Schotte, in mein Bureau und sagte, man suche Kapital zum Bau der Brücke; er möchte wissen, ob ich einige der östlichen Eisenbahngesellschaften für das Projekt gewinnen könnte. Nach eingehender Prüfung des Projekts schloß ich den Vertrag für den Bau der Brücke im Namen der Keystone-Brückenwerke ab, wobei ich das Verfügungsrecht über vier Millionen in ersten Schuldverschreibungen der Brückengesellschaft erhielt. Im März 1869 fuhr ich nach London, um dort diese Papiere unterzubringen.

Während der Reise setzte ich einen Prospekt auf, den ich gleich nach meiner Ankunft in London drucken ließ. Da ich bei einem früheren Besuche den berühmten Bankier Junius S. Morgan kennengelernt hatte, besuchte ich diesen eines Morgens, sprach mit ihm über das Geschäft und ließ ihm den Prospekt dort. Als ich am anderen Tag wieder zu ihm kam, fand ich zu meiner Freude, daß Mr. Morgan die Angelegenheit günstig ansah. Ich verkaufte ihm einen Teil der Schuldverschreibungen und stellte ihm frei, auch den Rest zu übernehmen. Aber als er seine Anwälte dann um Rat fragte, forderten sie eine Reihe von Änderungen im Wortlaut der Schuldverschreibungen. Mr. Morgan meinte, wenn ich doch nach Schottland reisen wollte, so sollte ich das lieber gleich tun; ich möchte nach St. Louis schreiben und anfragen, ob man dort mit den vorgeschlagenen Abänderungen einverstanden wäre, und wenn ich dann in drei Wochen wiederkäme, wäre es ja noch immer Zeit, um die Angelegenheit endgültig zu regeln.

Aber so lange wollte ich die Sache doch nicht in der Schwebe lassen und sagte ihm, daß ich schon am nächsten Morgen telegraphisch die Zustimmung zu allen Änderungen haben würde. Das atlantische Kabel war schon geraume Zeit im Gebrauch, aber ich bin überzeugt, daß ein so langes Privattelegramm wie das meinige vorher noch nicht auf diesem Wege übermittelt worden war. Ich hatte die Zeilen des Schuldscheins einfach sämtlich numeriert und dann genau angegeben, welche Änderungen, Auslassungen oder Zusätze bei jeder Zeile vorgenommen werden sollten. Als ich Mr. Morgan das Telegramm vor der Absendung zeigte, sagte er: »Junger Mann, wenn Ihnen das gelingt, dann verdienen Sie eine besondere Auszeichnung.« Als ich am nächsten Morgen ins Bureau kam, fand ich auf dem für mich reservierten Pulte in Mr. Morgans Privatkontor die Depesche mit der Antwort: »Gestern abend Ausschußsitzung, alle Änderungen angenommen.« – »Nun, Mr. Morgan«, sagte ich, »kann es weitergehen; ich nehme an, daß jetzt auch Ihre Anwälte mit dem Schuldschein zufrieden sein werden.« Das Geschäft kam schnell zustande.

Während ich noch in dem Bureau saß, kam Mr. Sampson, der Handelsredakteur der Times, herein. Ich unterhielt mich eingehend mit ihm über die Sache, denn ich wußte, daß einige Worte aus seiner Feder den Preis der Schuldverschreibungen an der Börse stark in die Höhe treiben würden. Kurz zuvor waren amerikanische Wertpapiere heftig angefeindet worden infolge des Verhaltens von Fisk und Gould, die mit der Erie-Eisenbahngesellschaft in Verbindung standen, und ihrer Beeinflussung der Neuyorker Justizbehörden, die ganz von dem Willen ihrer Gesellschaften abhängig erschienen. Ich wußte, daß man diesen Fall auch zu einem Vorstoß gegen uns benutzen würde, und suchte dem von vornherein vorzubeugen. Ich machte Mr. Sampson darauf aufmerksam, daß das Privileg der St.-Louis-Brückengesellschaft von der Unionsregierung selbst erteilt sei; infolgedessen wäre vorkommendenfalls die Instanz für Klagen der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten, also eine Behörde, die sich wohl mit den englischen Gerichten auf eine Stufe stellen konnte. Mr. Sampson sagte, er würde dieses wichtige Moment sehr gern besonders hervorheben. Ich schilderte ihm, daß die Brücke das unentbehrliche Zwischenglied der großen Verbindungsstraße des Festlandes bedeute, und das schien ihm einzuleuchten. Als er fortging, klopfte mir Mr. Morgan auf die Schulter und sagte: »Ich danke Ihnen, junger Freund; durch Ihr Verhalten heute morgen ist der Wert dieses Papiers um 5 % gestiegen.«

Der Erfolg war glänzend, und das Geld für die St.-Louis-Brücke war gesichert. Ich selbst erzielte einen recht namhaften Gewinn bei diesem meinem ersten Geschäft mit einer europäischen Bank. Einige Tage später berichtete mir Mr. Pullman, daß Mr. Morgan bei einer Gesellschaft die Geschichte mit dem Telegramm erzählt und dazu bemerkt hätte: »Dieser junge Mann wird noch von sich reden machen.« –

Nachdem ich mit Mr. Morgan fertig war, besuchte ich meine Heimat Dunfermline. Damals schenkte ich der Stadt eine Volksbadeanstalt; ich erwähne das besonders, weil es meine erste größere Stiftung gewesen ist. Früher hatte ich einmal, auf die Anregung meines Onkels Lauder hin, einen Beitrag zu einer Sammlung für das Wallacedenkmal, das auf den Höhen von Stirling mit dem Blick auf Bannockburn steht, gesandt; aber das war nicht viel, denn ich stand damals noch im Telegraphendienst, wenn auch bei einem monatlichen Einkommen von 30 Dollar, die für die Familie dringend gebraucht wurden, immerhin eine ganz anständige Summe. Mutter sah das keineswegs ungern, sie war im Gegenteil sogar ganz stolz darauf, daß der Name ihres Sohnes auf der Liste der Stifter stand, und der Sohn selbst kam sich bei dieser selbständigen Spende wie ein richtiger Mann vor. Als ich nach Jahren mit meiner Mutter nach Stirling kam, wurde im Wallace-Monument eine Porträtbüste von Sir Walter Scott enthüllt, die sie dem Denkmalskomitee zum Geschenk gemacht hatte. Wir waren damals finanziell schon gut vorwärts gekommen im Vergleich zu der Zeit der ersten kleinen Spende. Aber mit der eigentlichen Verteilung meines Reichtums hatte ich damals noch nicht begonnen. Ich befand mich noch in der Periode der Ansammlung des Reichtums.

 

[Die Pläne und Hoffnungen, mit denen sich Carnegie damals trug, erhellen aus folgender Niederschrift, die erst vor kurzem gefunden worden ist:

 

St. Nicholas-Hotel, Neuyork,
Dezember 1868.

33 Jahre alt und ein Jahreseinkommen von 50 000 Dollar! In den nächsten zwei Jahren kann ich es in meinen Geschäften so weit bringen, daß ich auch wenigstens 50 000 Dollar im Jahre einnehme. Nie darüber hinaus verdienen, keinen Reichtum anhäufen, sondern jedes Jahr den Überschuß zu wohltätigen Zwecken verwenden! Kein Geschäft mehr um des eigenen Nutzens willen betreiben!

Nach Oxford ziehen und im Verkehr mit Männern der Wissenschaft eine gründliche Bildung erwerben – dazu werde ich drei Jahre tüchtiger Arbeit brauchen –, besonderes Augenmerk darauf richten, gut vor der Öffentlichkeit zu sprechen; dann nach London ziehen und eine Zeitung oder auf der Höhe stehende Zeitschrift ankaufen und mich emsig mit der Leitung derselben beschäftigen, teilnehmen am öffentlichen Leben, besonders an den Fragen der Erziehung und Weiterbildung der unbemittelten Volksschichten.

Jeder muß einen Götzen haben – das Anhäufen von Reichtümern um ihrer selbst willen ist eine der schlimmsten Sorten von Götzendienst, und kein Götze ist widerwärtiger und erniedrigt mehr als der Götze »Geld«. Ich muß also, was ich unternehme, anders anfangen als gewöhnliche Menschen; darum muß ich darauf bedacht sein, das zum Lebenswerk zu wählen, was mich durch seine ganze Tendenz am meisten emporhebt. Wenn ich mich noch lange so von geschäftlichen Sorgen und dem Gedanken, wie ich am schnellsten reich werde, beherrschen lasse, dann wird meine Seele so vergiftet, daß eine Heilung schließlich nicht mehr möglich ist. Mit 35 Jahren will ich mich vom Geschäft zurückziehen, aber schon in den zwei Jahren, die ich bis dahin noch vor mir habe, will ich meine Nachmittage dazu verwenden, durch Unterricht und systematische Lektüre meine Kenntnisse zu vertiefen.] –

 

Wenn ich erzählt habe, daß ich im Jahre 1867 eine Reise nach Europa machte und mich alles, was ich sah, aufs lebhafteste interessierte, so darf man doch nicht denken, daß ich darüber den Gang der Geschäfte zu Hause aus den Augen ließ. Ununterbrochener Briefwechsel hielt mich über alles, was das Geschäft anging, auf dem laufenden. Durch den Bürgerkrieg war die Frage einer Eisenbahnverbindung nach dem Stillen Ozean akut geworden, und der Kongreß hatte ein Gesetz angenommen, das den Bau einer Bahnlinie anregte. Schon war der erste Spatenstich bei Omaha geschehen, und man beabsichtigte, die Linie schließlich bis nach San Francisco auszubauen. Während meines Aufenthalts in Rom kam mir eines Tages der Gedanke, daß das doch viel eher geschehen könnte, als man damals annahm. Das Volk verlangte, daß alle Gebietsteile des Landes miteinander in Verbindung stehen sollten, und wünschte, daß bei der Durchführung dieses Verlangens keine Zeit verloren würde. Ich schrieb an meinen Freund Mr. Scott und schlug ihm vor, wir sollten mit der großen Californiabahn einen Vertrag abschließen, der uns berechtigte, auf dieser Linie Schlafwagen laufen zu lassen. Seine Antwort enthielt die Worte: »Man muß wirklich sagen, junger Freund, daß Sie die Gelegenheit beim Schopf zu fassen wissen.«

Nach meiner Rückkehr nach Amerika verfolgte ich den Gedanken weiter. Das Schlafwagengeschäft, an dem ich beteiligt war, hatte einen so schnellen Aufschwung genommen, daß wir kaum Wagen genug beschaffen konnten, um der Nachfrage zu genügen. Das führte zur Gründung der jetzigen Pullman-Schlafwagen-Gesellschaft.

Unsere Zentraltransportgesellschaft war einfach nicht imstande, das Land so rasch, als erforderlich, mit Schlafwagen zu versorgen, und Mr. Pullman, der in dem größten Eisenbahnzentrum der Welt, nämlich in Chicago, anfing, war bald ein gefährlicher Konkurrent für unsere erste Gesellschaft geworden. Auch er hatte, ebenso wie ich, erkannt, daß die Pazifikbahn die rentabelste Schlafwagenlinie auf der ganzen Welt werden würde, und ich sah, daß er auf dasselbe Ziel losging wie ich. Er war der Löwe, der uns im Wege stand.

Auch hier kann man aus einem kleinen Erlebnis, das mir Mr. Pullman selbst erzählt hat, ersehen, von was für Kleinigkeiten manchmal die wichtigsten Entscheidungen abhängen. Der Präsident der Union-Pazifik-Bahn kam auf der Durchreise nach Chicago. Mr. Pullman suchte ihn auf und wurde in sein Zimmer geführt. Auf dem Tisch lag ein Telegramm an Mr. Scott, das den Wortlaut hatte: »Ihr Vorschlag bezüglich Schlafwagen ist angenommen.« Mr. Pullman las es unwillkürlich; es lag so, daß er hinsehen mußte. Als Präsident Durrant ins Zimmer trat, erklärte er ihm den Vorfall und sagte: »Ich hoffe bestimmt, daß Sie keine Entscheidung treffen, ehe Sie meine Vorschläge gehört haben.« Mr. Durrant versprach ihm, so lange zu warten.

Kurz danach fand eine Direktionssitzung der Union-Pazifik-Gesellschaft in Neuyork statt. Mr. Pullman und ich befanden uns beide in großer Erwartung, da wir beide um den Preis kämpften, dessen Wert er ebenso richtig einzuschätzen wußte wie ich. Eines Abends stiegen wir gleichzeitig die breite Treppe des St. Nicholas-Hotels hinauf; wir hatten uns vorher schon gesehen, waren aber nicht weiter miteinander bekannt. Als wir jedoch die Treppe hinaufgingen, sprach ich ihn an: »Guten Abend, Mr. Pullman! Da haben wir ja beide denselben Weg. Handeln wir beide nicht eigentlich recht töricht?« Er schien keine Lust zu haben, näher darauf einzugehen, und sagte nur: »Was wollen Sie damit sagen?« Ich erklärte ihm die Sachlage: daß wir uns durch unsere Konkurrenzangebote gerade um die Vorteile brächten, die wir gewinnen wollten. »Gewiß«, sagte er, »aber wie soll man das anders machen?« – »Zusammen gehen!« antwortete ich; »legen wir unsere Vorschläge der Union-Pazifik gemeinsam vor, lassen wir Ihre und meine Gesellschaft Hand in Hand arbeiten und eine neue Gesellschaft bilden!« – »Und wie sollte diese Gesellschaft heißen?« – »Nennen wir sie Pullman-Luxuswagen-Gesellschaft«, schlug ich vor. – »Kommen Sie mit in mein Zimmer, damit wir die Sache genau besprechen können«, sagte der Schlafwagenmagnat. Ich ging mit, und das Ergebnis war, daß wir den Kontrakt gemeinsam bekamen. Die weitere Folge war dann die Verschmelzung unserer beiden Gesellschaften. Wir legten dort Geld an wegen unserer Interessen an der Pazifikbahn. Ich glaube, ich war der größte Aktionär der Pullman-Gesellschaft, bis ich bei der Finanzkrise im Jahre 1873 meinen Anteil verkaufen mußte, um das Geld für unsere Stahl- und Eisenwerke zur Verfügung zu haben.

Dieser Pullman hat eine so typisch amerikanische Laufbahn gehabt, daß man sie hier wohl mit ein paar Worten erzählen darf. Er war zuerst nur Zimmermannsgeselle, aber als Chicago gehoben werden mußte, schloß er auf eigene Rechnung Verträge auf Versetzung oder Hebung von Häusern gegen bestimmte Summen ab. Das brachte ihm natürlich viel ein, und so wurde er aus kleinen Anfängen schließlich einer der bedeutendsten und bekanntesten Unternehmer auf diesem Gebiete. Wenn ein großes Hotel um 10 Fuß gehoben werden sollte, ohne die Hunderte von Gästen zu belästigen oder den Betrieb des Geschäftes sonstwie zu stören, wandte man sich an Mr. Pullman. Er war einer der seltenen Menschen, die jede Sachlage sofort richtig zu erfassen vermögen, und er schwamm sozusagen immer da, wo die Strömung am stärksten trieb. Er sah bald, wie auch ich, daß der Schlafwagen für Amerika schlechthin unentbehrlich war. So baute er in Chicago zuerst ein paar Wagen und schloß Verträge mit den Linien, die dort zusammentrafen.

Unsere östliche Gesellschaft konnte sich in keiner Weise mit einer von einem so bedeutenden Mann wie Pullman organisierten Gesellschaft messen. Das war mir bald klar. Die Originalpatente waren zwar im Besitz unserer Gesellschaft, und Mr. Woodruff, der eigentliche Erfinder und Patentinhaber, war unser Hauptaktionär; nach einem jahrelangen Prozeß würden wir auch Entschädigungen wegen der Patentverletzung erhalten haben, aber die Zeit, die inzwischen verloren ging, hätte genügt, um Mr. Pullmans Gesellschaft einen Vorsprung zu sichern, der nicht mehr einzuholen war. Ich schlug daher ernsthaft vor, mit ihm zusammenzugehen, wie ich schon bei dem Vertrag mit der Union-Pazifik mit ihm zusammengegangen war. Da die persönlichen Beziehungen zwischen Mr. Pullman und einigen Mitgliedern der Ostgesellschaft nicht die besten waren, hielt man es für das geratenste, wenn ich die Verhandlungen führte, da ich mit beiden Parteien auf gutem Fuße stand. Wir kamen bald dahin überein, daß unsere Gesellschaft, die Zentral-Transportgesellschaft, in der Pullman-Gesellschaft aufgehen solle. Dadurch wurde Mr. Pullmans Einfluß, der bisher auf den Westen beschränkt war, nun auch auf die große Pennsylvania-Hauptstrecke, nach der Küste des Atlantischen Ozeans hin, ausgedehnt. Auf diese Weise war seine Gesellschaft jeder möglichen Konkurrenz von vornherein weit überlegen.

Mr. Pullman war einer der tüchtigsten Geschäftsleute, die ich je gekannt habe. Ich kenne tatsächlich außer ihm niemand, der die Schwierigkeiten der Einstellung von Schlafwagen so glänzend überwunden und noch obendrein den Eisenbahngesellschaften gegenüber gewisse Rechte behauptet hätte. Auch er hatte, wie jeder Mensch, mit Schwierigkeiten und Enttäuschungen zu kämpfen und traf nicht immer ins Schwarze. Das geht jedem so. Im Laufe eines Gespräches erzählte er mir einmal folgende lehrreiche Geschichte, die ihm, wie er sagte, immer sehr tröstlich erschienen sei: Im Westen lebte ein alter Mann, der alles Leid erfahren hatte, das einen Menschen nur treffen kann, und eine ganze Menge mehr, als die meisten Leute zu leiden haben. Seine Nachbarn bemitleideten ihn deswegen. Da antwortete er: »Ja, liebe Freunde, was ihr da sagt, ist alles wahr. Ich habe ein langes, langes Leben voller Sorgen und Leiden hinter mir, aber es hat damit eine ganz eigene Bewandtnis: neun Zehntel davon sind gar nicht wirklich gewesen.«

Das ist eine tiefe Wahrheit: die meisten Leiden der Menschen bestehen nur in der Einbildung und könnten einfach mit einem herzhaften Lachen aus der Welt geschafft werden. Es ist heller Wahnsinn, sich vor einem Steg zu fürchten, bevor man ihn noch sieht, oder dem Teufel guten Morgen zu sagen, ehe man ihn noch trifft; vollständiger Wahnsinn ist das. Zum Klagen ist immer noch Zeit, wenn der Schlag wirklich fällt, und auch dann ist es in neun von zehn Fällen nicht halb so schlimm, wie es vorher aussieht. Der überzeugte Optimist ist und bleibt doch immer der Klügste.


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