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Kapitel 20.
Im Kreise der Freunde und Bekannten.

Es ist nun schon manches Jahr her, daß ich aufgehört habe, Reichtümer anzusammeln, und die erworbenen zu verteilen begann. Das war nun mein eigentlicher Lebenszweck geworden. Ferner beschäftigte und erfreute mich meine Lektüre und Schriftstellerei, gelegentlich hielt ich auch einmal einen Vortrag. Sodann pflegte ich mit herzlicher Freude den Verkehr und die Freundschaft mit den alten Gefährten aus meiner Geschäftszeit.

Eine Reihe von Jahren nach meinem Austritt aus dem Geschäft konnte ich es nicht über mich gewinnen, die Werke wieder zu besuchen. Das hätte mich an, ach, so viele erinnert, die inzwischen dahingegangen waren. Kaum einer meiner alten Freunde war noch da, um mir wie in längst vergangenen Tagen die Hand zu schütteln, nur einer oder zwei noch, die mich mit dem vertrauten Namen »Andy« nennen würden.

Man darf deshalb nicht denken, daß mir meine jüngeren Teilhaber fern gestanden hätten. Im Gegenteil, sie halfen mir sehr dabei, mich mit meiner neuen Lebenslage auszusöhnen. Besonders tat es mir wohl, daß sie sich zu der Carnegie-Veteranen-Vereinigung zusammengeschlossen hatten, die erst dann zu bestehen aufhört, wenn das letzte Mitglied gestorben sein wird; auf das Festessen, das uns alljährlich in meinem Hause in Neuyork vereinigt, freuen wir uns schon das ganze Jahr hindurch; manche der Veteranen machen weite Reisen, um zur Stelle zu sein. Es war meine Frau, die auf den Gedanken kam, unser neues Neuyorker Haus mit dem ersten Veteranenfestmahl einzuweihen: »Zuerst die Arbeitsgefährten!« waren ihre Worte. Ich freue mich, daß sie ihnen dieselbe Sympathie entgegenbringt wie ich.

Meine Frau und ich freuen uns, so viele hervorragende Männer und Frauen als Freunde zu besitzen; aber sie alle können doch den »Jungens« ihren Platz in unserem Herzen nicht streitig machen. Obschon ich der Senior bin, sind wir doch einander immer »die alten Jungens« geblieben. Absolutes Vertrauen, gemeinsame Ziele, einer für alle und alle für einen, wärmste Zuneigung, – all das verband uns wie Brüder. –

Ein anderes alljährlich uns erfreuendes Ereignis ist das Literarische Diner in unserem Hause, das jedesmal unser Freund Mr. Richard Watson Gilder Das große Ereignis war ein Essen um 6 Uhr, wo wir alle sprachen und Carnegie eine hervorragende Rede hielt … Er ist ein wahrhaft bedeutender Mann und besitzt ungeheure Begabung und viel Phantasie. Außer Stedman kenne ich keinen, der einen solchen Schatz von Zitaten hat. (Nicht allein zahlreiche, sondern lange Zitate aus Shakespeare, Burns, Byron usw.) Seine Gedanken sind wirklich großzügig und prophetisch. Und ich bin fest überzeugt, daß er eine wahrhaft ethische Persönlichkeit ist. Ein echter Demokrat. Seine Wohltaten sind tief in seinen Prinzipien und seiner Charakteranlage begründet. Es ist kein bloßer Zufall, daß er der intime Freund von Männern wie Arnold und Morley ist. (Letters from Richard Watson Gilder, Neuyork 1916, S. 374.) [Van Dyke.], der Herausgeber der Zeitschrift Century, arrangiert; seine Einfälle und die Zitate aus den Schriften des jeweiligen Ehrengastes, mit denen er die Tischkarten versieht, sind stets so treffend, daß sie viel Heiterkeit erregen. Auch die Reden der Neuaufgenommenen geben dem Mahl die rechte Würze. Bei seinem Aufenthalt in Amerika im Jahre 1895 war John Morley unser Ehrengast; auf jeder Tischkarte stand ein Zitat aus seinen Werken.

Einmal kam Gilder schon sehr zeitig, um noch die Tischordnung zu besorgen. Sie war schon festgelegt, aber er sagte, es sei ein Glück, daß er sie noch einmal kontrolliert habe, denn er habe entdeckt, daß John Burroughs und Ernest Thompson Seton nebeneinander sitzen sollten, die gerade in einer hitzigen Kontroverse über die Lebensgewohnheiten der wilden Tiere und Vögel begriffen waren und infolgedessen etwas auf dem Kriegsfuß standen. Gilder meinte, es wäre unmöglich, die beiden zusammenzusetzen, er hätte sie also getrennt. Ich sagte nichts dazu, schlich mich aber noch einmal unbeobachtet in den Speisesaal und legte die Karten wieder wie vorher. Gilders Überraschung, als er die beiden Herren doch zusammensitzen sah, war groß; aber das Ergebnis war, wie ich es erwartet hatte. Die beiden versöhnten sich wieder und schieden als gute Freunde. Moral: Wenn man Frieden stiften will, muß man die beiden Gegner zusammensetzen, wo sie gezwungen sind, höflich zu sein. In der Tat hassen wir immer nur diejenigen, die wir nicht kennen. Streitigkeiten werden meistens erst dadurch ernsterer Art, daß die Gegner einander nicht sehen und nicht in Berührung kommen, sondern immer nur von anderer Seite über ihre Differenzen reden hören. Sie verstehen infolgedessen den Standpunkt der anderen Partei und alles, was zu deren Gunsten angeführt werden könnte, kaum. Weise ist der, welcher zuerst die Hand zur Versöhnung bietet; aber wehe dem, der diese Hand zurückweist.

Keiner von meinen Freunden freute sich herzlicher über meinen Rücktritt vom Geschäftsleben als Mark Twain Samuel Clemens (1835-1910), der unter seinem Schriftstellernamen Mark Twain weltbekannte amerikanische Humorist.. Als die Zeitungen viel über meinen Reichtum berichteten, bekam ich von ihm folgenden Brief:

 

Sehr geehrter Herr und Freund!

Es scheint Ihnen jetzt ja ganz gut zu gehen. Könnten Sie wohl einem eifrigen Bewunderer, der sich ein Gesangbuch kaufen möchte, anderthalb Dollar leihen? Gott wird Sie dafür segnen, dessen bin ich von ganzem Herzen gewiß. Und ich will es auch tun. Sollten jedoch andere Bittgesuche vorliegen, dann brauchen Sie dieses nicht zu berücksichtigen.

Ihr
Mark.

P.S. Bitte, senden Sie kein Gesangbuch, sondern das Geld. Ich möchte es mir selbst aussuchen. M.

Als er in Neuyork krank lag, besuchte ich ihn häufig; wir hatten sehr viel Spaß zusammen, denn seine lustige Stimmung verließ ihn, selbst wenn er zu Bett lag, nie. Als die Gründung des Pensionsfonds für die schottischen Universitätsprofessoren in Neuyork bekannt wurde, schrieb mir Mark darüber einen an den »Heiligen Andrew« adressierten Brief nach Schottland, aus dem ich folgende Worte zitiere:

»Sie können meinen Heiligenschein haben. Hätten Sie mir erzählt, was Sie getan haben, schon als Sie an meinem Bett saßen, dann hätte ich ihn Ihnen schon damals überreicht. Er ist aus reinem Zinn und auf dem Transport vom Himmel gebührend verzollt.«

Diejenigen, die Mr. Clemens genauer kannten, werden mir bestätigen, daß er ein bezaubernder Gesellschafter war. Solche Menschen bringen Sonnenschein in das Leben ihrer Freunde.

Das große Publikum kennt Mr. Clemens nur von einer Seite: als Humorist. Es weiß nichts davon, daß er in politischen und sozialen Fragen ein Mann von größter Überzeugungstreue und hoher sittlicher Auffassung war. Einzigartig war die Feier seines 70. Geburtstages. Das literarische Element war in der Überzahl. Seine Vertreter behandelten in ihren Reden alle nur die schriftstellerische Tätigkeit des Gefeierten. Als ich an die Reihe kam, betonte ich, daß unser Freund als Mensch ebenso hoch stehe wie als Schriftsteller. Sir Walter Scott und Mark Twain gehören zueinander, ebenso wie Scott wurde unser Freund durch die Fehler seiner Teilhaber, die bankerott machten, ruiniert. Zwei Wege lagen nun vor ihm. Der eine war eben, bequem und kurz: der vom Gesetz vorgeschriebene, alles, was er noch hatte, den Gläubigern zu überlassen, das Konkursverfahren durchzumachen und wieder von neuem anzufangen. Der andere Weg war lang, dornenvoll und mühselig, ein Kampf ums Dasein, bei dem er alles opfern mußte. Seine Entscheidung war: »Es kommt nicht darauf an, was ich meinen Gläubigern schuldig bin, sondern darauf, was ich mir selbst schulde.« Für die meisten Menschen kommen Zeiten, wo sie zu erweisen haben, ob sie Schlacke oder reines Gold sind. Die Entscheidung, die sie in solcher kritischen Lage treffen, offenbart ihren Charakter. Unser Freund ging als Mensch in den feurigen Ofen und kam als Held wieder zum Vorschein. Er zahlte seine Schulden bis auf den letzten Heller ab aus dem Honorar für die Vorträge, die er auf Reisen um die ganze Welt hielt. »Ein amüsanter Kauz, dieser Mark Twain«, das klingt ganz schön und wird allgemein gesagt; aber Mr. Clemens steht auch als Mann und als Held so hoch und groß da, daß er Sir Walter gleicht. Seine Frau stand ihm an Tapferkeit nicht nach. Sie hielt ihn aufrecht und begleitete ihn auf seiner Weltreise als ein rechter Schutzengel, sie führte ihn zum Aufstieg und zum Sieg. –

Matthew Arnold englischer Dichter und Schriftsteller (1822-88), zuerst Schulmann, 1857-67 Professor für englische Poesie in Oxford, später schriftstellerisch, auch über religiöse und kirchliche Fragen, tätig. war, darin stimmten John Morley und ich überein, der bezauberndste Mensch, den wir je gekannt haben. Es ging in der Tat ein »Zauber« von ihm aus. Dies ist das einzige Wort, das die Wirkung, die seine Gegenwart und Unterhaltung ausübten, zum Ausdruck bringt. Schon sein Blick und sein ernstes Schweigen konnten bezaubern.

Als er sich 1881 mit uns auf einer Wagenfahrt durch Südengland befand und wir uns einem hübschen Dorf näherten, fragte er mich, ob der Wagen dort einige Minuten halten dürfe, er möchte hier das Grab seines Paten, Bischof Keble John Keble (1792-1866), englischer Geistlicher und Dichter, 1831 Professor der Poetik in Oxford, einer der Führer der hochkirchlichen sogen. Oxforder Bewegung, seit 1836 Geistlicher; seine Sammlung geistlicher Gedichte The Christian Year (1827) ist noch heute in vielen kirchlich gesinnten englischen Häusern zu finden., besuchen. »Ach, mein lieber, lieber Keble!« fuhr er fort, »wie viel Kummer habe ich ihm durch meine theologischen Ansichten bereitet. Aber trotz seiner Betrübnis reiste er nach Oxford, um dort für meine Ernennung zum Professor der Poetik zu wirken.«

Später kam Arnold öfters auf seine theologischen Ansichten und den Kummer, den er durch sie seinen besten Freunden bereitet habe, zu sprechen. »Mr. Gladstone gab einmal seiner großen Enttäuschung und seinem Mißfallen darüber Ausdruck, daß ich nicht Bischof geworden sei. Zweifellos sind meine Schriften dem hinderlich gewesen. Aber so sehr sie auch meine Freunde schmerzten – ich konnte doch nicht anders, ich mußte meine Überzeugungen offen aussprechen.« Er hatte in der Tat eine neue Auffassung zu verkünden. Der Lauf der Zeit hat inzwischen die Menschen dafür reif gemacht; jetzt erregen Ansichten, wie die seinigen, kaum mehr Anstoß. Wenn es je einen tief religiösen Menschen gegeben hat, dann war es Matthew Arnold. Kein unfrommes Wort ist je über seine Lippen gekommen; darin gleicht er Gladstone. Und trotzdem hat er mit seinem einen kurzen Satze: »Die Wunderfrage hat sich erledigt. Es geschehen keine Wunder!« den ganzen Supranaturalismus erschüttert.

Im Jahre 1883 waren er und seine Tochter unsere Gäste sowohl in Neuyork wie in unserem Landhaus in den Alleghanybergen. So konnte ich viel mit ihm zusammen sein, aber mir immer noch nicht genug. Meine Mutter und ich begleiteten ihn zu seinem ersten Auftreten in Neuyork vor einem auserlesenen Zuhörerkreis. Es war aber kein rechter Erfolg, da er im öffentlichen Vortrage zu wenig geübt war; man verstand ihn nicht. Als wir nach Hause kamen, war seine erste Frage: »Nun, was sagen Sie? Wie mache ich mich als Vortragsredner?« Ich sagte ihm offen, daß er sich erst noch im öffentlichen Vortrag üben müsse und einen Redekünstler zu Rate ziehen sollte. Er versprach mir das und wandte sich dann an meine Mutter: »Und Sie, liebe Mrs. Carnegie, wie fanden Sie meinen Vortrag?« – »Zu priestermäßig, Mr. Arnold, viel zu priestermäßig!« gab sie langsam und mit sanfter Stimme zur Antwort. Mr. Arnold kam öfters auf dieses Urteil zurück, weil es nach seiner Meinung den Nagel auf den Kopf traf. Als er von seiner Tour nach dem Westen zurückkam, füllte seine Stimme den großen Saal der Musikakademie in Brooklyn vollkommen aus; er war meinem Rate gefolgt und hatte in Boston einige Stunden bei einem Professor der Redekunst genommen.

Als uns Arnold 1887 in Schottland besuchte, sprachen wir eines Tages über den Sport. Er sagte, er könne kein Tier töten, das er am klaren blauen Himmel fliegen sehe. Aber das Fischen liebe er, all das Drum und Dran dabei sei so ergötzlich. Er erzählte, er sei glücklich darüber, daß irgendein Herzog – ich habe den Namen vergessen – ihm ein paarmal im Jahre erlaube, bei ihm auf Fischfang zu gehen. Wir fragten ihn, wie er zu so intimen Beziehungen zu einem solchen Herrn gekommen sei. »Oh«, sagte er, »ein Herzog ist bei uns immer eine Persönlichkeit, ganz gleichgültig, wie er sonst ist. Wir sind nun einmal alle »Snobs«, die Jahrhunderte haben uns dazu gemacht. Wir können nichts dafür. Es liegt im Blut.« Das sagte er lächelnd und ich glaube, daß er uns seine eigentliche Ansicht darüber vorenthielt. Denn er selbst war keineswegs ein »Snob«, sondern lächelte über den Stolz darauf, auf eine lange Ahnenreihe zurückblicken zu können.

Aber Leute von Rang und Reichtum interessierten ihn doch, und ich weiß noch, daß er bei seinem Aufenthalt in Neuyork Gewicht darauf legte, Mr. Vanderbilt kennenzulernen. Ich riskierte, ihm zu sagen, er würde zwischen diesem und anderen Menschen keinen wesentlichen Unterschied finden. »Wenn auch das nicht«, erwiderte er, »es ist doch immerhin etwas, den reichsten Mann der Welt persönlich zu kennen. Zweifellos stellt doch ein Mann, der seinen Reichtum selbst erworben hat, diejenigen, welche ihren Rang von anderen geerbt haben, weit in den Schatten.«

Von unserem Sommersitz Cresson im Alleghanygebirge aus fuhr ich mit Arnold nach dem rußgeschwärzten Pittsburg, um ihm die Edgar Thomson-Stahlwerke zu zeigen. Als wir die zwei steilen Treppen, die von diesen zur Eisenbahnbrücke hinaufführen, emporstiegen, blieb Arnold auf der Treppe plötzlich stehen, stützte sich auf das Geländer und sagte, die Hand auf sein Herz legend: »Das wird einmal mein Tod sein, gerade wie es der meines Vaters war.« Ich wußte bis dahin noch nicht, daß er herzleidend war. Nun konnte ich diesen Eindruck nicht wieder vergessen. Nicht lange darauf kam aus England die Trauerkunde von seinem plötzlichen Tode infolge einer Überanstrengung. Das war für mich ein schwerer Verlust. Ich gehörte zu dem auserwählten Kreise seiner nächsten Freunde, der ihm ein würdiges Denkmal errichten durfte. –

Zu John Morley englischer Schriftsteller und Politiker, 1867-82 Herausgeber der Fortnightly Review, der Biograph Gladstones, seit 1883 als Radikaler Mitglied des Unterhauses, dann Staatssekretär für Irland, seit 1905 für Indien, 1908 zum Viscount und Peer erhoben. (obwohl er in den Adelsstand erhoben worden ist, bleibt er doch immer der schlichte John) bin ich schon frühzeitig als dem Herausgeber der Fortnightly Review, die meinen ersten Beitrag für eine englische Zeitschrift veröffentlichte [die Beschreibung der Vierspännerfahrt durch England], in Beziehung getreten. Unsere erste Bekanntschaft hatte Matthew Arnold vermittelt. Sie wurde bald zur Freundschaft, die sich bis in unsere alten Tage bewährt und vertieft hat. Wir schreiben uns gewöhnlich an den Sonntagnachmittagen kürzere oder längere Briefe, je nachdem wir dazu aufgelegt sind. Wir sind uns keineswegs ähnlich. Im Gegenteil, wir ziehen uns deshalb gegenseitig an, weil der Gegensatz, der zwischen uns besteht, auf jeden von uns wohltätig einwirkt. Ich bin Optimist; alle meine Enten erscheinen mir als Schwäne. Er ist Pessimist, sieht alles nüchtern und düster, voll wirklicher und eingebildeter Gefahren. Mir erscheint die Welt hell und sonnig, und die Erde ist für mich oft wirklich ein Himmel – denn ich bin ja so glücklich und dem gütigen Geschick so dankbar. Morley gerät kaum über irgend etwas in Aufregung, sein Urteil ist stets kühl und klar und seine Augen sehen immer die Flecken auf der Sonne. Er liebt die Musik so tief wie ich; in Skibo genoß er immer besonders die Morgenstunde, während der die Orgel gespielt wird. Er ist wie ich ein großer Verehrer von Burns und hat einmal auf der internationalen Editorenversammlung in London die Zuhörer durch die Behauptung in Erstaunen versetzt, daß einige wenige Verse von Burns mehr dazu beigetragen hätten, die jetzigen verbesserten politischen und sozialen Verhältnisse zu schaffen und zu befestigen, als alle die Millionen von Leitartikeln, die man bisher geschrieben habe.

Endlich konnte ich Morley dazu bewegen, uns in Amerika zu besuchen; im Jahre 1904 unternahm er eine Reise durch einen großen Teil unseres Landes. Wir suchten ihn mit unseren großen Männern bekannt zu machen. Als zu diesem Zwecke eines Tages Elihu Root uns auf meine Bitte hin besucht hatte, äußerte Morley, nachdem der Senator uns wieder verlassen hatte, er habe den Eindruck, in diesem den tüchtigsten amerikanischen Staatsmann kennengelernt zu haben. Er hatte Recht damit. An gesunder Beurteilung und umfassender Kenntnis unserer öffentlichen Angelegenheiten steht keiner über Elihu Root.

Von uns aus fuhr Morley nach Washington, um Präsident Roosevelt im Weißen Hause zu besuchen; er verlebte dort ein paar hochinteressante Tage mit diesem außergewöhnlichen Manne. Zurückgekehrt sagte er: »Nun habe ich zwei Wunder Amerikas gesehen – Roosevelt und die Niagara-Fälle.« Das war eine kluge und wahre Bemerkung: sie sind zwei große dröhnende, fortreißende, gewaltige und sprühende Wunder, die keine Ruhe kennen und beide die Aufgabe, die man ihnen auferlegt hat, wacker erfüllen.

Morley war der richtige Mann, dem ich die Acton-Bibliothek zuwenden konnte. Dieses Geschenk kam so zustande. Auf Veranlassung Mr. Gladstones, der mir erzählte, in welcher Lage sich Lord Acton Sir John Acton (1834-1902), politischer Schüler und Freund Gladstones und Anhänger des die päpstliche Unfehlbarkeit bekämpfenden (Vatikanisches Konzil!) Münchener Professors Döllinger, seit 1895 Professor der neueren Geschichte in Cambridge (England). befand, kaufte ich dessen Bibliothek, überließ sie ihm aber zur lebenslänglichen Benutzung; leider konnte er nur wenige Jahre davon Gebrauch machen. Nach seinem Tode mußte ich anderweit über die Bibliothek verfügen und entschloß mich, sie Morley zu überweisen, mit dem Wunsche, daß er sie später einmal einem geeigneten Institut hinterlassen möchte.

Als Morley ein Jahr, nachdem ich die Stiftung für die schottischen Universitäten gemacht hatte, dienstlich in Balmoral bei Seiner Majestät war, telegraphierte er mir, er müsse mich vor meiner Abfahrt noch sehen. Wir trafen uns und er berichtete mir, daß Seine Majestät über meine Stiftung für die Universitäten und meine übrigen Schenkungen an mein Heimatland außerordentlich erfreut sei und wissen möchte, ob es in seiner Macht stände, mich durch irgendein Zeichen der Anerkennung zu erfreuen. Ich fragte: »Was soll ich dazu sagen?« – Morley erwiderte: »Ich glaubte nicht, daß Ihnen etwas daran liegen würde.« – »Sie haben ganz recht«, sagte ich, »aber wenn Seine Majestät in einem Schreiben seiner Befriedigung über das, was ich getan, ähnlichen Ausdruck geben würde, wie er es Ihnen gegenüber getan hat, so würde ich darüber sehr erfreut sein, und ein solches Schreiben würde auch für meine Nachkommen ein Dokument sein, auf das sie stolz sein werden.« So ist es dann geschehen. Den eigenhändig vom König geschriebenen Brief habe ich bereits an anderer Stelle zitiert [s. S. 178]. –

Mit Herbert Spencer englischer Philosoph (1820-1903). Spencer vertritt den Agnostizismus, daß das Absolute nicht erkannt und erforscht werden könne, sondern nur der religiösen Verehrung zugänglich sei, und erblickt infolgedessen die Aufgabe der Philosophie lediglich in der Vereinheitlichung alles Wissensstoffs, die er durch Anwendung des biologischen Entwicklungsgedankens zu gewinnen sucht, weshalb sein Standpunkt auch als die »Philosophie des Darwinismus« bezeichnet wird. Hauptwerk: System of synthetic philosophy, 1862-96, deutsch 1875 ff. Autobiography 2 Bde. 1904, deutsch 1905.,den ich schon in London kennengelernt hatte, reiste ich 1882 gemeinsam auf der »Servia« von Liverpool nach Neuyork. Da ich mich als seinen Schüler betrachte, nahm ich als erfahrener Reisender ihn unter meine Obhut; wir saßen während der ganzen Reise an einem Tisch zusammen. Einmal unterhielten wir uns darüber, ob der Eindruck, den große Männer machen, wenn man sie persönlich kennen lernt, den Vorstellungen entspreche, die wir uns vorher von ihnen gemacht haben. Ein jeder berichtete über seine Erfahrungen. Die meinige war, daß nichts verschiedener sein könne als die Vorstellung, die man sich von jemand gemacht hat, und sein wirklicher Eindruck. »Nun«, sagte Mr. Spencer, »war das bei mir auch so?« – »Ja«, erwiderte ich, »bei Ihnen sogar mehr als bei irgend jemand. Ich hatte mir meinen Lehrer, den großen abgeklärten Philosophen vorgestellt wie einen Buddha, in Gedanken versunken, über alle äußeren Dinge erhaben. Ich hätte mir niemals träumen lassen, daß ich ihn in Aufregung über die Frage Chester oder Cheddar Käse sehen würde.« Am Tag vorher hatte er nämlich den Chesterkäse, der ihm vom Steward gereicht wurde, ärgerlich zurückgewiesen und ausgerufen: »Cheddar, Cheddar, nicht Chester; ich habe doch Cheddar gesagt.« Es gab ein allgemeines Gelächter, in das niemand herzlicher einstimmte, als der Weise selbst; in seiner Autobiographie hat er dieses kleine Reiseerlebnis auch erwähnt.

Er hatte eine Vorliebe für kleine Geschichten und konnte herzlich über solche lachen. Amerikanische Geschichten schienen ihm besonders zu gefallen; ich konnte ihm natürlich manche nette erzählen. Herzlich lachte er auch, als mein kleiner Neffe, während Spencer bei uns weilte, einmal leise die Tür öffnete, neugierig zu uns hereinschaute, und dann, als seine Mutter den elfjährigen Jungen fragte, was er denn wolle, erwiderte: »Mutter, ich wollte bloß einmal den Mann sehen, der in einem Buch Spencer hat 1861 auch ein Buch über Erziehungswesen veröffentlicht: Education, intellectuell, moral and physical. geschrieben hat, daß man nicht mehr Grammatik zu lernen braucht.«

Den Höhepunkt von Mr. Spencers Besuch in Amerika bildete ein Bankett, das ihm zu Ehren bei Delmonico Das vornehmste und eleganteste Hotel-Restaurant Neuyorks. gegeben wurde. Es war ein ganz hervorragender Kreis distinguierter Gäste versammelt. Spencer war sehr in Sorge um seine Rede, denn er wollte den Amerikanern, die die ersten gewesen waren, die seine Werke zu schätzen gewußt hatten, gern etwas Besonderes sagen. Die Ehrenerweisungen, die Spencer von den größten und tüchtigsten Männern dargebracht wurden, standen einzig da. Der Höhepunkt wurde erreicht, als Henry Ward Beecher (1813-87), Prediger zu Brooklyn, der Modeprediger der dortigen reichen Welt, Bruder der Dichterin Harriet Elizabeth Beecher-Stowe. seine Rede mit den langsam und feierlich gesprochenen Worten schloß: »Meinem Vater und meiner Mutter verdanke ich mein leibliches Leben; Ihnen, hochverehrter Herr, verdanke ich mein geistiges Leben. Im kritischen Augenblick haben Sie mir den sicheren Weg aus Sumpf und Morast gezeigt; Sie waren mein Retter und Führer.« Mr. Spencer war tief ergriffen.

Ich bin nie nach England gekommen, ohne mit ihm zusammenzutreffen oder ihn zu besuchen, selbst, als er nach Brighton verzogen war, wo er von seiner Wohnung aus das Meer, das einen so erhebenden und beruhigenden Eindruck auf ihn ausübte, überblicken konnte. Als wir einmal in London im Grand-Hotel saßen und die Leibgarde gerade über den Trafalgar Square marschierte, entspann sich folgendes Gespräch: »Mr. Spencer, wenn ich diese Leute, die wie Hanswürste gekleidet sind, erblicke, überkommt mich stets eine große Traurigkeit und Entrüstung, daß die zivilisierteste Rasse, die zu sein wir uns rühmen, im 19. Jahrhundert noch Männer findet, die gewillt sind, einen Beruf zu ergreifen, der darin besteht, sich auf die Ermordung anderer Menschen einzuüben – und daß dieser Beruf bis vor kurzem sogar als der einzige eines Gentleman würdige angesehen worden ist.« Mr. Spencer erwiderte: »Ich denke über diesen Punkt ebenso wie Sie, aber ich will Ihnen sagen, wie ich meine Entrüstung im Zaum halte. Wenn solche in mir aufsteigt, beruhigt mich stets folgende kleine Geschichte, die Emerson Ralph Waldo Emerson (1803-82), amerikanischer Philosoph und Dichter Freund Carlyles, vertrat eine vornehm-idealistische Lebensauffassung. von sich erzählte: Als er einmal, weil er gegen die Sklaverei zu sprechen gewagt hatte, ausgepfiffen und von dem Rednerpult heruntergeholt worden sei, sei er in heftigem Zorn nach Haus gegangen, bis er durch die Zweige der großen Ulmen, die auf dem Weg vom Gartentor zu seinem bescheidenen Heim stehen, die Sterne erblickte und diese zu ihm sprachen: »Nun, so erregt, mein kleiner Herr?« Lachend dankte ich Mr. Spencer für diese hübsche Geschichte. Manches Mal in meinem späteren Leben habe ich selbst noch zu mir sagen müssen: »Nun, so erregt, mein kleiner Herr?« – und das genügte jedesmal.

Ich habe nie einen Menschen gekannt, der jede Handlung, jedes Wort, selbst das unwichtigste, so sorgfältig abzuwägen schien und sich so völlig von seinem eigenen Gewissen leiten ließ wie Spencer. Er war stets der ruhige Philosoph. Ich glaube, daß er sich von seiner Kindheit an bis zum späten Alter keine unmoralische Handlung oder Ungerechtigkeit gegen irgendein menschliches Wesen hat zuschulden kommen lassen. Er gehörte keineswegs zu den Verächtern der Religion. Für die Theologie hatte er freilich wenig übrig. Er erblickte in ihr ein falsches System, das der wahren Größe nur hinderlich sei, und der Gedanke an Belohnung und Bestrafung erschien ihm lediglich als Antrieb für niedere Naturen passend.

Auf mich hat Spencers Lehre einen großen Einfluß ausgeübt. Ihm und Darwin verdanke ich ungeheuer viel. Als ich in meiner inneren Entwickelung in das Stadium gekommen war, daß ich an der supranaturalen Theologie und besonders an der Erlösung durch das Sühneopfer und der ganzen darauf aufgebauten Dogmatik zweifelte, kamen mir glücklicherweise die Werke jener beiden Männer in die Hände. Ich weiß noch, daß die Erleuchtung wie eine Flut über mich kam und mir alles klar wurde, als ich die Seiten las, die darlegen, wie der Mensch die ihm förderliche geistige Nahrung in sich aufnimmt und das behält, was heilsam für ihn ist, während er das ihm Schädliche von sich weist. Nun hatte ich das wahre Prinzip der Entwickelung kennen gelernt. »Alles ist gut, da alles besser wird«, wurde mein Motto, meine stete Quelle des Trostes. Der Entwickelung des Menschen zur Vollkommenheit sind keine Grenzen gesteckt. Sein Antlitz wendet sich nach dem Licht, er steht in der Sonne und blickt empor.

Die Menschheit ist ein Organismus, der von sich selbst aus alles, was schädlich ist, d. h. das Böse, zurückweist, und alles, was heilsam ist, das ist das Gute, nachdem er es erprobt hat, in sich aufnimmt. Wenn es so liegt, dann müßten wir eigentlich annehmen, daß der Schöpfer des Weltalls die Welt und die Menschen vollkommen geschaffen hätte, frei vom Bösen und aller Not, so wie man sich die Engel im Himmel vorstellt. Das ist freilich nicht geschehen, aber trotzdem hat der Mensch doch viel mehr die Kraft zum Emporsteigen als zum Rückgang verliehen bekommen. Das Alte und Neue Testament behalten, geradeso wie die heiligen Schriften anderer Länder, ihren Wert, da sie Zeugen der Vergangenheit sind und viele gute Lehren enthalten. Unsere Gedanken sollen auf dieses Leben und die damit verknüpften Pflichten gerichtet sein. Konfuzius, der große und weise Lehrer, sagt: »Die Pflichten dieser Welt gut zu erfüllen, ohne sich um eine andere zu kümmern, das ist die höchste Weisheit.« Die andere Welt mit ihren Pflichten geht uns erst dann an, wenn wir in ihr leben werden.

In diesem heiligen, geheimnisvollen, nicht zu ergründenden Weltall bin ich nur wie ein kleiner Staubfleck in der Sonne. Ich erbebe und erkenne die eine Wahrheit. Franklin hatte recht, als er sagte: »Die höchste Gottesverehrung besteht darin, daß man den Menschen diene.« Alles das schließt die ewige Hoffnung auf Unsterblichkeit nicht aus. Es wäre kein größeres Wunder, für ein zukünftiges Leben geboren zu werden, als es die Geburt zu diesem Leben war. Wir haben guten Grund, auf eine Unsterblichkeit zu hoffen. Darum laßt uns hoffen!


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