Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Kapitel 21.
Erinnerungen an berühmte Staatsmänner und eigene politische Einwirkungen.

Mr. Gladstone 1809-98, englischer Staatsmann, Führer der Liberalen Partei, viermal (1868-1874, 1880-85, 1886, 1892-94) Premierminister. Gladstone betätigte sich auch als Schriftsteller über religiöse und kirchliche, wie historische und archäologische Fragen. Er ist in der Westminsterabtei beigesetzt. lernte ich durch die Vermittelung von Lord Rosebery, der damals dem Kabinett Gladstone angehörte und mich mit letzterem zu einem Diner eingeladen hatte, kennen. Das ist in der ersten Hälfte der achtziger Jahre gewesen, denn mein Buch über »Die siegreiche Demokratie« ist 1886 erschienen und ich teilte damals Gladstone einige ihn überraschende statistische Zahlen mit, die mir von der Vorbereitung dieses Buches her im Kopfe waren. Später habe ich dann öfters den Vorzug gehabt, ihn auf seinem Schloß Harvarden aufsuchen zu dürfen.

Als meine Frau und ich im April 1892 dort seine Gäste waren, verbrachte ich einen Vormittag mit ihm in seiner neuen Bibliothek. Während er auf einer Leiter stehend Bücher einstellte (niemand außer ihm selbst durfte das tun), fand ich beim Herumstöbern das Buch »Die Helden von Dunfermline« und rief ihm zu: »Mr. Gladstone, ich finde hier ein Buch, das ein Freund meines Vaters geschrieben hat. Einige dieser Helden habe ich als Kind noch gekannt.« – »Nun«, rief er zurück, »wenn Sie drei oder vier Bücher weiter links greifen wollen, werden Sie noch ein Buch finden, das jemand aus Dunfermline geschrieben hat.« Ich tat dies und erblickte mein Buch »Im amerikanischen Viergespann durch England«. Im selben Augenblicke hörte ich eine wohltönende Stimme von der Leiter herunter deklamieren: »Was Mekka für den Mohammedaner, Benares für den Hindu, Jerusalem für den Christen ist, alles das ist Dunfermline für mich.« Das waren meine eigenen Worte, mit denen ich in jenem Buche meine Empfindungen beim ersten Wiedersehen der alten Heimatstadt geschildert hatte. »Was in aller Welt hat Sie denn veranlaßt, dieses Buch anzuschaffen?« fragte ich; »damals hatte ich noch nicht die Ehre, Ihnen bekannt zu sein, und habe Ihnen infolgedessen doch kein Dedikationsexemplar senden können.« – »Nein«, erwiderte er, »ich hatte damals in der Tat noch nicht das Vergnügen, Sie zu kennen. Aber irgend jemand, ich glaube Rosebery, erzählte mir von dem Buch, ich ließ es mir kommen und habe es mit lebhaftem Interesse gelesen. Ihre Worte über Dunfermline gefielen mir so gut, daß ich sie mir gemerkt habe.« Dieser Vorfall trug sich acht Jahre nach dem Erscheinen meines Buches zu und ist ein neuer Beweis für das wunderbare Gedächtnis Mr. Gladstones.

Wie jugendlich frisch und unternehmungslustig Gladstone noch als Achtzigjähriger war, zeigt eine andere kleine Episode. Es war am Abend des Jubiläumstages der Königin im Juni 1887, als Mr. Blaine und ich von Lord Wolverton in Piccadilly eingeladen waren, Mr. Blaine sollte hier zum ersten Male Mr. Gladstone begegnen. Das Gedränge auf den Straßen war so ungeheuer, daß wir in der St. James-Straße mit unserem Wagen nicht mehr weiterkamen und uns durch einen Polizisten, dem ich sagte, wer mein Begleiter sei, zu Fuß durchhelfen lassen mußten. Als sich die Gesellschaft um 11 Uhr trennte, erklärte Mr. Gladstone, er wolle mit seiner Gattin durch den Hyde-Park und auf Umwegen nach Hause fahren. Mr. Blaine und ich wollten uns das Straßenleben noch etwas ansehen und hofften doch durch das Menschengedränge zu unserem Hotel zu gelangen. Als wir uns mit dem Menschenstrom etwa am Reformklub langsam vorwärts bewegten, hörte ich dicht zu meiner Rechten einige Worte sprechen. »Das war Mr. Gladstones Stimme«, sagte ich zu Mr. Blaine. – »Ausgeschlossen! Wir haben ihn doch soeben auf seinem Nachhauseweg verlassen.« – »Trotzdem bin ich meiner Sache sicher, ich erkenne Stimmen sicherer als Gesichter.« Wir schoben uns einige Schritte zurück und ich flüsterte einer vermummten Gestalt zu: »Was suchen Euer Gnaden zu dieser mitternächtigen Stunde hier auf der Straße?« Mr. Gladstone war entdeckt. Ich sagte ihm, daß ich seine Stimme erkannt hätte. »So kommt also«, fuhr ich fort, »der faktische Herrscher auf die Straße, um sich die Illumination anzusehen, die man der nominellen Herrscherin darbringt.« – »Junger Mann«, erwiderte er, »für Sie scheint es wirklich Zeit, daß Sie zu Bett gehen.« Wir plauderten noch einige Minuten zusammen, wobei er sehr besorgt war, die Kapuze, die seinen Kopf und sein Gesicht verbarg, nicht zu lüften. So hatte sich also der achtzigjährige Herr jung genug gefühlt, sich noch das Schauspiel aus der Nähe anzusehen, nachdem er erst seine Gattin sicher nach Hause geleitet hatte.

Mr. Gladstone besaß so vielseitige Interessen, wie vielleicht niemand anders in ganz England. Ich werde nie vergessen, wie lebhaft er bei unserer ersten Unterredung auf alles das einging, was ich ihm an Gesichtspunkten und Zahlenmaterial über die wirtschaftliche Entwicklung Amerikas mitteilte: »Aber warum packt denn kein Schriftsteller dieses Thema an und stellt diese Tatsachen der Welt einfach und klar vor Augen?« äußerte er. Ich sagte ihm, daß ich, weil eben selbst der gebildetste Ausländer so wenig von Amerika wüßte und das Wenige, was er wüßte, meist entstellt sei, diese Aufgabe bereits in Angriff genommen hätte.

Ich hatte schon seit 1882 mit den Vorarbeiten für meine »Siegreiche Demokratie« Triumphant Democracy, or Fifty Years' March of the Republic, Neuyork 1886. begonnen. Das Buch war, während mir »Rund um die Welt« und »Im amerikanischen Viergespann durch England« leicht aus der Feder geflossen waren, für mich eine schwere Arbeit. Zahlen mußten geprüft und zusammengestellt werden; einige Monate war mein Kopf ganz von Statistiken angefüllt. Aber beim Fortschreiten wurde die Arbeit immer interessanter; die Stunden flogen nur dahin, ich dachte, es wäre Mittagszeit, wenn es bereits Abend über der Arbeit geworden war. Die zweite ernstliche Krankheit in meinem Leben rührt wohl von dieser Anstrengung her, denn ich hatte ja gleichzeitig auch mein Geschäft zu besorgen. Ich werde es mir zweimal überlegen, bevor ich mich wieder mit etwas so Faszinierendem, wie Zahlen es sind, einlasse.

Mit Gladstone zu diskutieren war mir immer eine ganz besondere Freude. Als in England die Homerule-Frage brennend geworden war, interessierte man sich dort sehr für unser amerikanisches Foederal-System und erkundigte sich oft bei mir danach; ich hielt auch in mehreren Städten öffentliche Vorträge über die Union als Staatenbund, der den einzelnen Gliedern freieste Selbstverwaltung läßt und doch als Ganzes unter einer äußerst starken Zentralregierung steht. Ich schrieb Morley, daß die erste Homerule-Vorlage gar nicht meinen Beifall habe; Gladstone bedauerte das, als er es erfuhr, lebhaft und zog mich in eine lange Unterhaltung über diese Frage. Ich mißbilligte es, daß man die irischen Abgeordneten vom Parlament ausschließen wollte, und sagte, wir in Amerika würden es nie zugeben, daß die Südstaaten ihre Vertreter nicht mehr nach Washington senden würden. »Und was würden Sie tun, wenn sie sich weigerten zu kommen?« fragte er. – »Wir würden alle möglichen Mittel anwenden, zuerst z. B. die Postbeförderung einstellen.« Das leuchtete ihm ein, er erkannte die lähmende Wirkung, die davon ausgehen müßte.

Auf seine Frage, was nun geschehen solle, schlug ich dann vor, England möge dem Beispiel Amerikas folgen, das viele Gesetzgebende Körperschaften, aber nur den einen Kongreß habe. Man könne Irland, Schottland und Wales zu eigenen Staaten mit selbständiger Gesetzgebung, so wie Neuyork und Virginia es seien, machen und brauche nur das einheitliche Parlament festzuhalten. Da in England unsere Einrichtung des Supreme Court fehle, könne dort das Parlament die oberste Aufsichtsinstanz für die irländischen Angelegenheiten sein, in der Weise, daß alle Beschlüsse der lokalen Gesetzgebung Irlands 3 Monate lang auf dem Tische des Unterhauses liegen müßten und erst, wenn von diesem kein Veto erfolge, Gültigkeit erlangen. Das sei eine bloße Formalität, wenn die Gesetzgebungsakte verständig, aber eine Sicherung, wenn sie nicht einwandfrei seien. Später erzählte mir Mr. Morley, daß er Parnell Charles Stewart Parnell (1846-91) Führer der nationalistischen irischen Partei. diesen Vorschlag gemacht, daß dieser ihn aber zurückgewiesen habe.

Eines Morgens in Hawarden sagte Mrs. Gladstone zu mir: »William hat mir erzählt, daß er immer so interessante Unterhaltungen mit Ihnen führt.« Das war in der Tat so. Er hatte sonst wohl kaum je Gelegenheit gehabt, die unverblümte Meinung eines echten Republikaners kennen zu lernen und z. B. zu erfahren, daß jemand sich dagegen sträube, die diversen ererbten Rangstufen anzuerkennen. Mir erschien es seltsam, daß Menschen freiwillig ihren von ihren Eltern ererbten Namen aufgeben, um mit einer Rangerhöhung einen anderen Namen anzunehmen. Und besonders belustigten mich die neugebackenen Adeligen, die ihren Titel vielleicht für 10 000 Pfund erkauft hatten, und über die die geborenen Edelleute im stillen lächelten, wenn sie jene begrüßten.

Als ich einmal die Bevölkerungsabnahme Englands im Vergleich zu anderen Ländern erwähnte, fragte mich Gladstone: »Welche Zukunft prophezeien Sie denn überhaupt England?« Ich wies auf die Stellung Griechenlands in der alten Welt hin und sagte, es sei doch kein Zufall, daß Shakespeare, Milton, Burns, Scott, Stevenson, Baco, Cromwell, Wallace, Bruce, Hume, Watt, Spencer, Darwin und andere geistige Größen in England geboren seien; der geistige Genius sei unabhängig von allen äußeren Bedingungen. Lange nachdem England seine Bedeutung als führender Industriestaat eingebüßt haben werde – nicht, weil es selbst versage, sondern weil es von anderen überflügelt worden sei –, werde es meines Erachtens noch das moderne Griechenland unter den Völkern sein und diesen zum geistigen Aufstieg verhelfen. Er griff diese Worte auf und wiederholte sie nachdenklich: »Geistiger Aufstieg, geistiger Aufstieg – das gefällt mir.«

Zum letztenmal sah ich Gladstone im Winter 1897 bei Lord Randall in Cannes. Er war schon sehr leidend, besaß aber noch ganz den alten Zauber und war besonders gegen meine Schwägerin Lucy außerordentlich gütig. Nachdem wir Abschied genommen, sagte letztere leise zu mir: »Ein kranker Adler!« Nichts konnte den Eindruck, den dieser blasse und müde Führer der Menschheit an jenem Tage machte, besser beschreiben. Er ist nicht nur ein großer, sondern ein wahrhaft guter Mensch gewesen, der immer aus den reinsten Beweggründen handelte, eine hohe und erhabene Seele, die stets nach oben schaute. Er hat seinen Ehrennamen »Der erste und beste Bürger der Welt« [Foremost Citizen of the World] wahrhaftig verdient. –

Lord Rosebery Lord Rosebery, englischer Politiker, durch seine Heirat mit Hannah von Rothschild schwer reich, 1881/3 unter Gladstone Unterstaatssekretär, 1886 und 1892/4 Minister des Auswärtigen, 1894/5 Premierminister. hat die erste Bibliothek, die ich gestiftet habe, die für Dunfermline, eingeweiht und kürzlich (1905) auch die für Stornaway [auf einer Hebrideninsel] gestiftete. Er ist ein ganz prächtiger Mensch, dem nur der Umstand, daß er als Edelmann geboren wurde, hinderlich gewesen ist. Wäre er, anstatt ohne jede eigene Anstrengung in das Haus der Lords zu gelangen, zur Arbeit geboren worden und in seiner Jugend in das Unterhaus gekommen, dann würde sein Wesen im rauhen Kampfe des Lebens wohl eine härtere Schale bekommen haben. Er ist ein Mann von großen Fähigkeiten, aber ihm fehlt die Festigkeit und Beharrlichkeit, seine Entschlüsse durchzuführen. Er ist eine bezaubernde Persönlichkeit und ein hinreißender Redner, namentlich auch seine Festreden sind in ihrem vornehmen Stil unübertrefflich. Aber er war äußerst sensibel, von sprunghaften Launen und sehr reserviert.

Als ich ihn eines Morgens einer Verabredung gemäß aufsuchte, sah ich schon beim Eintreten einen Briefumschlag auf seinem Schreibtisch liegen. Er übergab ihn mir und sagte: »Ich wünsche, daß Sie Ihren Sekretär entlassen.« – »Ew. Gnaden erteilen mir da einen für mich recht schwierigen Befehl. Dieser Sekretär ist mir unentbehrlich und noch dazu ein Schotte« erwiderte ich; »was hat er denn verbrochen?« – »Dies ist doch seine Handschrift? Was halten Sie von einem Mann, der Rosebery mit zwei rr schreibt?« Ich sagte ihm darauf, daß mein Leben, wenn ich mich über solche Dinge aufregen wollte, ganz unerträglich sein würde; ich empfange täglich sehr viele Briefe und bin sicher, daß auf 20 oder 30% von ihnen mein Namen falsch geschrieben ist, in allen Varianten von »Karnaghie« bis »Carnagay«. Lord Rosebery hatte das ganz im Ernst gemeint; gerade an solchen Kleinigkeiten nahm er großen Anstoß. Männer der Tat sollten doch lernen, über derlei zu lachen und sich darüber nur zu amüsieren, sonst stehen sie selbst in Gefahr, »kleinlich« zu werden.

Als Lord Rosebery durch seine liberalen Ansichten das Haus der Lords überraschte und einigermaßen in Aufregung versetzte, wagte ich es, ihm gegenüber offen von meinem demokratischen Standpunkt zu sprechen: »Treten Sie kühn für das Parlament ein. Werfen Sie Ihren ererbten Rang von sich und erklären Sie, daß Sie ein Vorrecht, das nicht das Recht jedes Bürgers ist, verschmähen. Machen Sie sich so zum wirklichen Führer des Volkes. Sie sind jung, geistvoll, von gewinnendem Wesen und besitzen eine glänzende Rednergabe. Ohne Frage wird man Sie zum Premierminister machen, wenn Sie das Experiment wagen.« Er hatte interessiert zugehört, erwiderte aber zu meiner Überraschung nur ganz ruhig: »Aber das Unterhaus könnte mich als Peer ja gar nicht zulassen.« – »Das ist's ja gerade, worauf ich hoffe. An Ihrer Stelle würde ich das eben erzwingen. Bestehen Sie darauf, daß jemand, der auf seine erblichen Vorrechte verzichtet hat, eben dadurch in den Bürgerstand erhoben, also sehr wohl wählbar ist. Der Sieg ist Ihnen gewiß. Es gilt, die Rolle Cromwells zu spielen. In einer Demokratie verehrt man diejenigen, die Präzedenzfälle brechen oder solche schaffen.« Wir ließen dann das Thema fallen. Ich kann nicht vergessen, daß mir Morley später einmal in bezug auf Lord Rosebery im Tone der Überzeugung sagte: »In Nr. 38 Berkeley-Square wohnt kein Cromwell.« –

Mr. Blaine James Blaine (1830-93), amerikanischer Staatsmann, gewandter republikanischer Politiker, 1884 Präsidentschafts-Kandidat, 1881 und 1889/92 Staatssekretär des Äußeren. war eine fröhliche, sonnige Natur und ein reizender Gesellschafter. Er war einer der besten Geschichtenerzähler, den ich jemals gekannt habe; für jede Gelegenheit hatte er eine zutreffende heitere Geschichte bereit, aber nie hörte ich ihn dabei auch nur ein Wort gebrauchen, das selbst für die feinfühligste Gesellschaft hätte verletzend sein können.

Niemals habe ich Mr. Blaine glücklicher gesehen als während seines Aufenthaltes bei uns in Cluny. Er war wie ein Junge und wir alle waren überhaupt eine ausgelassene Gesellschaft. Er hatte noch nie mit der Fliege gefischt. Ich nahm ihn mit zum Laggan-See und er begann wie alle zunächst sehr ungeschickt, lernte jedoch bald den richtigen Schwung. Ich werde seinen ersten Fang nie vergessen. Beglückt rief er aus: »Mein Freund, Sie haben mich eine neue Freude im Leben gelehrt. In Maine gibt es Hunderte von Seen, in denen man fischen kann. Ich werde in Zukunft alle meine Ferientage dort verbringen und Forellen fischen.«

In Cluny gab es keinen warmen Juniabend, an dem wir nicht bis spät in die Nacht im schimmernden Zwielicht auf dem Rasen tanzten. Mrs. Blaine, Miß Dodge, Mr. Blaine und andere Gäste versuchten, den schottischen Dreher zu tanzen und wie wirkliche Hochländer zu pfeifen. Wir waren diese zwei Wochen fröhliche Nachtschwärmer. Später erzählte Mr. Blaine einmal bei einem Essen in unserem Haus in Neuyork, zu dem hauptsächlich Freunde, die uns in Cluny besucht hatten, geladen waren, daß er hier entdeckt habe, wie ein wirklicher Fest- und Feiertag sein müsse: »An solchen Tagen müssen einem die bloßen Kleinigkeiten und Spielereien wie wichtigste Ereignisse des Lebens erscheinen.«

Die Nachricht von Mr. Harrisons Wahl zum Präsidenten im Jahr 1888 erreichte Mr. Blaine, der auch als Kandidat galt, als er sich mit uns auf einer Wagenfahrt von London nach Cluny Castle befand. Als wir von Edinburg nach Lininthgow kamen, fanden wir den Bürgermeister und die Vertreter der Stadt in ihren prächtigen Gewändern versammelt, um uns einen würdigen Empfang zu bereiten. Wir wurden von ihnen durch die Hauptstraße zu dem Schlosse geleitet, das wundervoll mit Flaggen geschmückt war. Begrüßungsreden wurden gehalten und erwidert. Mr. Blaine wurde vom Volk begrüßt und dankte mit einer kurzen Ansprache. In dem Augenblick wurde ihm ein Kabelgramm überreicht mit dem Inhalt: »Harrison und Morton gewählt.« So war Mr. Blaines Aussicht auf das höchste aller politischen Ämter entschwunden. Er hätte einen vorzüglichen und zuverlässigen Präsidenten abgegeben. Mr. Blaine war wirklich ein hervorragender Staatsmann, ein Mann von weitherzigen Ansichten, von gesundem Urteil und in allen internationalen Fragen von unbeirrbarer Friedensliebe.

Eines Abends bei einem Essen in London geriet Mr. Blaine in eine etwas peinliche Lage. Ein anwesender führender Staatsmann sagte, man hätte den Eindruck, daß Mr. Blaine dem Mutterlande gegenüber immer feindselig gewesen sei. Mr. Blaine bestritt das. Man führte dagegen einen Notenaustausch aus jüngster Zeit als Beispiel an. Darauf antwortete Mr. Blaine: »Als ich Minister wurde, fand ich zu meiner großen Überraschung, daß Ihr Außenminister uns immer bekannt gab, was Ihre Majestät »erwarte«, während unser Minister Ihnen mitteilte, was unser Präsident »zu hoffen wage«. Als ich wieder einmal eine Depesche bekam, die mitteilte, was Ihre Majestät erwarte, antwortete ich mit der Mitteilung, was unser Präsident »erwarte«.« – »Gut, Sie geben also zu, daß Sie den Ton des Notenwechsels geändert haben?« fuhr man ihm entgegen. Wie aus der Pistole geschossen kam seine Antwort: »Nicht mehr, als sich die Lage geändert hatte. Die Vereinigten Staaten konnten nicht mehr »zu hoffen wagen« gegenüber einer Macht, die »erwartet«. Ich bin nur Ihrem Beispiel gefolgt und, wenn Ihre Majestät »zu hoffen wagt«, so wird unser Präsident sofort dasselbe tun. Aber ich fürchte, solange Sie »erwarten«, werden die Vereinigten Staaten gleichfalls »erwarten«.«

Bei einem anderen Festessen waren auch Mr. Joseph Chamberlain und Sir Charles Tennant, der Präsident der Schottischen Stahlgesellschaft, als Gäste zugegen. Im Laufe des Abends sagte der erstere, sein Freund Carnegie sei ein prächtiger Mensch und alle freuten sich über seine Erfolge, aber, warum die Vereinigten Staaten ihm für mehr als eine Million Sterling Schutzzoll im Jahre zubilligten, nur als Belohnung dafür, daß er sich herabließe, Stahlschienen zu fabrizieren, das vermöge er nicht einzusehen. »Nun«, sagte Mr. Blaine, »wir sehen die Sache doch von einem anderen Gesichtspunkt an. Wir bezahlten früher für Ihre Schienen 90 Dollar pro Tonne und mußten froh sein, wenn wir sie überhaupt bekamen. Gerade vor meiner Abreise sind aber mit unserem Freunde Carnegie große Abschlüsse zu 30 Dollar pro Tonne zustandegekommen. Ich habe den Eindruck, daß wir Ihnen heute noch 90 Dollar pro Tonne zahlen müßten, wenn nicht Carnegie und andere ihr Geld aufs Spiel gesetzt hätten, um drüben die Stahlindustrie zur Vollkommenheit zu entwickeln.« Bei diesen Worten fuhr Sir Charles dazwischen: »Dessen können Sie versichert sein. Neunzig Dollar war unser abgemachter Preis für alle Ausländer.« Mr. Blaine bemerkte darauf nur mit feinem Lächeln: »Mr. Chamberlain, ich glaube, Sie haben Ihre Sache gegen unseren Freund Carnegie nicht sehr geschickt geführt.« – »Nein«, erwiderte er; »wie konnte ich das auch, wenn Sir Charles mir derartig in die Parade fährt!« – und die ganze Gesellschaft lachte.

Mr. Blaine erwies sich als Staatsminister in Harrisons Kabinett sehr erfolgreich. Der Pan-Amerikanische Kongreß Der erste Panamerikanische Kongreß tagte vom Okt. 1889 bis April 1890 in Washington und vereinigte die Vertreter aller amerikanischen Republiken zu dem Zwecke, eine Zollunion, Münz- und Gewichtseinheit, vor allem aber eine engere politische und nationale Fühlung zwischen dem romanischen Süden und der Union herbeizuführen, mit der Tendenz, den Einfluß des nichtamerikanischen Auslandes auf die kleineren Staaten auszuschließen, im Sinne des »Amerika den Amerikanern!« Blaine war der Hauptvertreter dieser Zusammenschluß-Bestrebungen. Das äußere Ergebnis des Kongresses war gering. war sein größter Triumph. Damit hängt das einzige politische Amt, das ich je bekleidet habe, zusammen: es war das eines Delegierten der Vereinigten Staaten zu diesem Kongresse. Ich bekam dadurch einen höchst interessanten Einblick in die Verhältnisse und Probleme der südamerikanischen Republiken. Es zeigte sich, daß die südamerikanischen Vertreter den Plänen und Absichten ihres großen Bruders etwas mißtrauisch gegenüberstanden. Ein starker Geist der Unabhängigkeit machte sich bemerkbar, dem wir Rechnung tragen mußten. Ich denke, daß uns das gelungen ist; auch spätere Regierungen werden das Nationalgefühl unserer südlichen Nachbarn rückhaltlos anzuerkennen haben. Wir sollten nicht danach streben, die Herrschaft über sie zu erlangen, sondern unser Ziel sollte auf freundschaftliches Zusammenarbeiten auf der Basis vollkommener Gleichheit gerichtet sein.

Ich saß neben Manuel Quintana, der später Präsident von Argentinien wurde. Er nahm großes Interesse an den Verhandlungen und kritisierte eines Tages eine Kleinigkeit ziemlich scharf, was zu einer erregten Aussprache mit dem präsidierenden Mr. Blaine führte; ich glaube, die Ursache dazu war eine falsche Übersetzung aus einer Sprache in die andere. Ich stand auf, schlich mich auf der Plattform hinter den Präsidenten und flüsterte ihm im Vorübergehen zu, daß meines Erachtens der Streit beigelegt werden könnte, wenn eine Vertagung beantragt würde. Er nickte zustimmend. Ich kehrte zu meinem Platz zurück und beantragte Vertagung, und während der Pause wurde alles zur Zufriedenheit beigelegt. Beim Schreiben fällt mir ein kleiner Vorfall ein, der sich zutrug, als wir die Halle verließen und an den Delegierten vorbeigingen. Ein Delegierter umfaßte mich mit dem einen Arm und schlug mir mit der anderen Hand an die Brust, dabei ausrufend: »Mr. Carnegie, Sie haben hier noch mehr als da« – indem er auf seine Tasche zeigte. Unsere südlichen Brüder wissen ihre Gefühle so drastisch auszudrücken. Warmes Klima, warme Herzen. –

Präsident Harrison Benjamin Harrison, 1889-93 Präsident der V. St., als republikanischer Kandidat gewählt; sein Großvater Will. Henry Harrison war 1841 Präsident († 1841). war Soldat gewesen und hatte auch als Präsident seine Neigung zum Kämpfen nicht ganz abgelegt. Das bereitete seinen Freunden manchmal Sorgen. Als z. B. die Differenz mit Chile ausgebrochen war, schien es eine Zeitlang unmöglich, den Präsidenten von einem Vorgehen zurückzuhalten, das unfehlbar zum Kriege führen mußte. Ich fuhr nach Washington, um zu versuchen, ob ich nicht irgend etwas zur Versöhnung der beiden Parteien tun könnte, da ich als Mitglied der ersten panamerikanischen Konferenz mich mit den Vertretern unserer südlichen Schwesterrepubliken aufs beste verstanden hatte. Zufällig traf ich beim Eintritt in das Shoreham-Hotel den Senator Henderson aus Missouri, der gleich mir Delegierter jener Konferenz gewesen war; er begrüßte mich und sagte dann, indem er nach der anderen Straßenseite hinübersah: »Da drüben geht der Präsident und winkt Ihnen zu.« Ich ging über die Straße. »Hallo, Carnegie, wo kommen Sie denn her?« – »Ich bin eben angekommen, Herr Präsident; ich wollte gerade ins Hotel gehen.« – »Was führt Sie denn hierher?« – »Ich wollte etwas mit Ihnen besprechen.« – »Schön, dann begleiten Sie mich, wir können das ja gleich erledigen.«

Der Präsident nahm mich am Arm und so gingen wir über eine Stunde lang in lebhaftester Unterhaltung in der Dunkelheit durch die Straßen von Washington. Ich sagte ihm, er hätte doch den südamerikanischen Delegierten beim Abschied die Versicherung gegeben, daß wir in der großen Familie der Republiken sozusagen der »große Bruder« waren und daß alle eventuellen Streitigkeiten durch friedliche Entscheidung geschlichtet werden würden. Deswegen überrasche und bekümmere es mich sehr, daß er jetzt einen ganz anderen Kurs verfolge, indem er in einem doch recht geringfügigen Streitfall dem kleinen Chile gleich mit dem Kriege drohe. »Sie sind Neuyorker und haben nichts anderes im Sinn als Geschäfte und Dollars. So sind alle Neuyorker. Sie denken nicht an die Ehre und Würde unserer Republik«, sagte Seine Exzellenz. – »Herr Präsident, ich gehöre zu denjenigen Männern in den Vereinigten Staaten, die am meisten an einem Kriege verdienen würden. Da ich der größte Stahlfabrikant bin, würde mir der Krieg Millionen in den Schoß werfen.« – »Ja, in Ihrem Falle mag das stimmen; daran hatte ich nicht gedacht.« – »Herr Präsident, wenn ich kämpfe, dann suche ich mir einen Gegner, der mir gewachsen ist.« – »Ja, wollen Sie denn aber deshalb, weil ein Volk klein ist, ruhig mit ansehen, daß es Sie beleidigt und Ihrer Ehre zu nahe tritt?« – »Herr Präsident, mich kann keiner beleidigen, als ich selbst. Ehrenwunden schlägt man sich immer selbst.« – »Ja, aber unsere Matrosen wurden an Land angegriffen und zwei von ihnen wurden getötet; und das wollen Sie dulden?« fragte er. – »Herr Präsident, ich glaube nicht, daß jedesmal die Ehre der Vereinigten Staaten leidet, wenn sich ein paar betrunkene Matrosen raufen. Ich würde lieber den Kapitän des Schiffes zum Teufel jagen, weil er die Matrosen hat an Land gehen lassen, als in der Stadt Unruhen herrschten und die öffentliche Ordnung schon verschiedentlich gestört worden war.«

Die Debatte ging weiter, bis wir schließlich in der tiefsten Dunkelheit am Weißen Hause ankamen. Der Präsident lud mich für den nächsten Tag zum Diner ein; ich würde nur seine Familie treffen, und wir könnten dann ungestört plaudern.

Am nächsten Morgen besuchte ich Mr. Blaine, der damals Minister war. Er streckte mir zur Begrüßung beide Hände entgegen: »O, warum sind Sie gestern abend nicht bei uns zu Tisch gewesen? Als der Präsident meiner Frau erzählte, daß Sie hier sind, sagte sie: ›Denke nur, Mr. Carnegie ist hier, er hätte doch so schön heute noch zum Essen zu uns kommen können.‹« – »Nun, Mr. Blaine, ich glaube, es ist ganz gut, daß ich nicht bei Ihnen war«, erwiderte ich und erzählte ihm dann mein Erlebnis mit dem Präsidenten. – »Ja«, sagte er, »dann war es wirklich gut. Der Präsident hätte sonst denken können, wir konspirierten miteinander.«

Zufällig kam in diesem Augenblick Senator Elkins, ein intimer Freund von Mr. Blaine und auch ein guter Freund des Präsidenten, ins Zimmer und berichtete, der Präsident hätte ihm erzählt, daß ich bei der gestrigen Unterhaltung sehr in Hitze geraten sei. »Aber Herr Präsident«, habe er geantwortet, »Mr. Carnegie denkt ja sehr radikal, aber Ihnen gegenüber wird er sich doch wohl einige Zurückhaltung auferlegt haben.« Darauf habe der Präsident gesagt: »Von Zurückhaltung habe ich bei ihm wahrhaftig nicht die leiseste Spur gemerkt. Das können Sie mir glauben.« Dank der für Mr. Blaine charakteristischen Friedenspolitik wurde die Angelegenheit beigelegt. Ich weiß aus persönlicher Erfahrung, daß er mehr als einmal die auswärtige Politik der Vereinigten Staaten vor Konflikten bewahrt hat.

Im Jahre 1891 fuhr Präsident Harrison mit mir von Washington nach Pittsburg, um die Carnegie-Halle und Bibliothek einzuweihen, die ich der Stadt Allegheny zum Geschenk gemacht hatte. Als wir uns bei Dunkelheit Pittsburg näherten, war er über die glühenden Koksöfen und die dichten Rauch- und Feuersäulen sehr erstaunt; die bekannte Bezeichnung für Pittsburg als »Hölle ohne einen Deckel drauf« fand er sehr zutreffend. Die Eröffnungsfeier verlief infolge der Anwesenheit des Präsidenten sehr glänzend. Am nächsten Morgen wollte der Präsident unsere Stahlwerke besichtigen. Er erhielt hier von unseren Arbeitern einen begeisterten Empfang. Im Vorübergehen stellte ich ihm jeden Abteilungschef vor. Schließlich, als Mr. Schwab ihm vorgestellt wurde, sagte er zu mir: »Wie kommt das, Mr. Carnegie, Sie stellen mir ja nur lauter junge Leute vor?« Ich erwiderte: »Jawohl, Herr Präsident, aber bitte bemerken Sie auch, was für Jungens das alles sind!« – »Gewiß ist jeder von ihnen eine hervorragende Kraft«, war seine Antwort. Er hatte recht. Man hätte auf der ganzen Welt keine besseren jungen Kräfte für unsere Werke finden können.

Daß der Präsident nicht Pittsburg, sondern Allegheny auf der anderen Seite des Flusses besuchte, hatte noch eine wichtige Folge. Mitglieder des Stadtrats von Pittsburg kamen darauf zurück, daß ich das Geld für eine Halle und Bibliothek ursprünglich der Stadt Pittsburg angeboten, und erst, als es von ihr zurückgewiesen wurde und mich daraufhin die Stadt Allegheny darum bat, es dieser überlassen hatte. Sie kamen am Morgen nach der Feier zu mir und fragten mich, ob ich mein Angebot an die Stadt Pittsburg nicht erneuern wolle; würde ich mich dazu entschließen können, dann wolle die Stadt zur Erhaltung der Stiftung gern eine noch größere Summe bewilligen, als ich damals gefordert hatte. Ich tat das mit Freuden und bot ihnen meinerseits statt der früheren 250 000 eine Million Dollar an. Denn meine Pläne hatten sich jetzt erweitert. Auf diese Weise ist das Carnegie-Institut gegründet worden. Das vornehme Quartett – Bibliothek, Bildergalerie, Museum und Musikhalle – das in dem riesigen Gebäude vereinigt ist, bildet für mich eine der größten Genugtuungen, die mir das Leben gewährt hat. Das ist mein Monument; hier habe ich meine Jugend verlebt und meine Laufbahn begonnen und noch heute bin ich im Herzen ein treuer Sohn des lieben alten rußigen Pittsburg. –

John Hay 1838-1905; 1897 amerikanischer Botschafter in London, 1898 Staatssekretär für das Auswärtige. war häufig unser Gast in England und Schottland und stand 1898 eben im Begriff, zu uns nach Skibo zu kommen, als er von Präsident McKinley zum Staatssekretär berufen wurde. Wenige haben dieses Amt mit solchem Erfolg, wie er, verwaltet. Hay flößte den Menschen absolutes Vertrauen zu seiner Aufrichtigkeit ein. Seine Ziele waren stets hoch gesteckt. Er verabscheute den Krieg und sprach aus innerster Überzeugung, wenn er ihn »die grausamste und zugleich sinnloseste Torheit der Menschen« nannte. Das Carnegie-Institut in Washington erfreute sich seines besonderen Interesses und seiner regsten Unterstützung; er war von Anfang an der Vorsitzende des Komitees und wir verdanken ihm manchen guten Ratschlag. Die Welt erscheint mir ärmer, seitdem er sie nun verlassen hat.

Als im Jahre 1898 die Frage der Annexion der Philippinen Nachdem im spanisch-amerikanischen Kriege Admiral Dewey am 1. Mai 1898 die spanische Flotte vor Manila vernichtet hatte, Manila selbst am 13. August gefallen und damit die spanische Herrschaft auf den Philippinen gebrochen war, regte sich in den Vereinigten Staaten der Plan, die Inseln zu annektieren. Carnegie war ein entschiedener Gegner dieses »Expansionalismus«. Im Frieden von Paris mußte Spanien die Philippinen gegen eine Entschädigung von 20 Millionen Dollar an die Vereinigten Staaten abtreten. brennend war, traf ich auf meiner Rückreise nach Neuyork in London mit ihm und dem damaligen Gesandtschaftssekretär (dem späteren Botschafter in Paris) Henry White zusammen. Ich war hocherfreut über die Übereinstimmung unseres Urteils hinsichtlich der projektierten Abweichung von unserer traditionellen Politik, die bisher den Erwerb entlegener und zerstreut liegender Kolonien vermieden und sich auf unser Imperium auf dem amerikanischen Kontinent beschränkt hatte, sodaß sie bisher noch nicht in den Strudel des Militarismus hineingezogen worden war. Hay, White und ich legten in Hays Londoner Geschäftszimmer die Hände fest ineinander und gelobten uns, an dieser Politik festzuhalten.

Schon vorher, als ich ihn zu seiner Berufung beglückwünscht hatte, hatte er mir folgenden Brief geschrieben:

 

»London, 22. August 1898.

Mein lieber Mr. Carnegie!

Ich danke Ihnen für das schöne Skiboer Birkhuhn sowie für Ihren lieben Brief. Es ist wirklich feierlich und ergreifend, so viele gütige und anerkennende Worte zu hören, wie ich sie in dieser Woche gehört und gelesen habe. Es kommt mir vor, als ob man über einen ganz anderen Mann spräche, während man doch von mir die Leistungen erwartet. Ich wünschte, ein kleiner Teil dieses Wohlwollens wäre mir auch dann noch beschieden, wenn ich mein Amt einmal aufgebe.

Ich habe Ihren Artikel im North American mit größtem Interesse gelesen. In meiner jetzigen Stellung ist es mir leider nicht erlaubt, Ihnen zu sagen, wie sehr ich mit Ihnen übereinstimme. Die Frage, welche Möglichkeit für uns jetzt noch besteht, uns von den Philippinen zurückzuziehen, beschäftigte mich ständig. Ich bin aber froh darüber, daß es nicht meine Aufgabe ist, dieses schwierige Problem jetzt lösen zu müssen.«

 

Es war ein eigenartiges Verhängnis, daß ihm dann doch gerade diese Aufgabe auferlegt wurde, die er sich glücklich gepriesen hatte, nicht übernehmen zu müssen.

Die Besitzergreifung der Philippinen bedeutet einen Schandfleck für uns. Ursprünglich hatte das Kabinett unter dem Vorsitz des Präsidenten nur beschlossen, daß dort eine Kohlenstation für uns gefordert werden solle, und man sagt, daß auch die Instruktion, die den Abgeordneten zu den Friedensverhandlungen nach Paris gekabelt wurde, zuerst so gelautet hat. Dann aber machte Präsident McKinley eine Reise nach dem Westen und man jubelte ihm zu, wenn er von unserem Banner und dem Siege Deweys sprach. Als er zurückkehrte, änderte er seine Politik, weil er glaubte, es würde ihn unbeliebt machen, wenn er den Annexionswünschen des Volkes widerstrebe. Mir wurde von einem Mitgliede des Kabinetts gesagt, daß alle Mitglieder desselben gegen diese Wendung seien. Mein Freund Cornelius N. Bliß, ein hervorragendes Mitglied des Kabinetts, kam zu mir und bat mich, nach Washington zu fahren und mit dem Präsidenten über diese Angelegenheit zu sprechen. Er sagte: »Sie besitzen Einfluß auf ihn. Keiner von uns hat ihn von seiner Auffassung, seit er aus dem Westen zurück ist, abbringen können.« Ich fuhr nach Washington und hatte eine Unterredung mit dem Präsidenten. Aber dieser zeigte sich hartnäckig. Schließlich überredete er mit der Erklärung, er müsse der Volksstimmung Rechnung tragen, und es handele sich ja nur um eine vorübergehende Besetzung und später werde sich schon ein Ausweg finden lassen, das Kabinett, sodaß dieses nachgab. Das klang ganz gut und schön; aber es ist doch sehr zweierlei, von einer Gebietserwerbung abzusehen oder ein einmal käuflich erworbenes Gebiet wieder aufzugeben. Das hat sich denn auch bald gezeigt.

Mit diesem Schritte hat unsere Republik den ersten schwerwiegenden Fehler auf dem Gebiete der internationalen Politik begangen, der sie in den Strudel des Militarismus und des Wettrüstens zur See hineinziehen wird. Schon beginnt man das einzusehen. Als ich vor einigen Wochen (1907) bei Präsident Roosevelt zum Abendessen geladen war, sagte er: »Wenn Sie die beiden Männer sehen wollen, die in den Vereinigten Staaten am sehnlichsten wünschen, die Philippinen wieder los zu sein, hier sitzen sie«; dabei deutete er auf den Staatssekretär Taft und sich selbst. Ich erwiderte: »Und warum geben Sie sie nicht wieder auf? Das amerikanische Volk würde sich darüber nur freuen.« Aber der Präsident wie Mr. Taft meinten, es sei ihre Pflicht, die Inseln erst für die Selbstverwaltung vorzubereiten. Bei der ganzen Sache hat wohl auch die weitverbreitete Befürchtung mitgespielt, daß, wenn wir es nicht täten, Deutschland von den Philippinen Besitz ergreifen würde. Man übersah dabei, daß das schon an dem Widerstand Englands gescheitert wäre; unsere Politik ist über die ausländischen Verhältnisse oft merkwürdig unzureichend unterrichtet. Bis jetzt sind die Vereinigten Staaten ein in sich festgeschlossenes Land gewesen. Es wäre ein Unglück für uns, wenn das jemals anders würde.


 << zurück weiter >>