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Wieder auf der Dschungelinsel

Der erste Weg galt der Versorgung mit Trinkwasser und der Auswahl eines günstigen Lagerplatzes, denn alle waren sich darüber klar, daß man aller Wahrscheinlichkeit nach zu längerem Ausharren auf der Dschungelinsel verurteilt sein würde. Es konnte Monate, wenn nicht Jahre dauern, bis zufällig ein rettendes Schiff in diesen Gewässern kreuzte.

Tarzan wußte indessen noch genau Bescheid, und so führte er die bunt zusammengewürfelte Gesellschaft sofort zu der nächsten Wasserstelle. Die Matrosen machten sich dort unverzüglich daran, Schutzhütten und einfaches Wohngerät zu zimmern, während Tarzan die Dschungel nach Fleischbeute durchstreifte. Seinem getreuen Mugambi und der Frau aus dem Mosuladorfe hatte er eingeschärft, besonders für Janes Sicherheit zu sorgen, da er den Matrosen der »Kincaid« nicht recht über den Weg traute. Mehr oder minder gehörten sie schließlich alle zusammen nicht gerade zu den Harmlosesten. Jane litt übrigens am allermeisten unter den Ängsten und Sorgen, die mit der entsetzlichen Schiffskatastrophe über alle hereingebrochen waren. Vernichtet all ihre stolzen Hoffnungen, ihr schon zermartertes Mutterherz zu neuem qualvollen Warten verdammt! Ihr ging es nicht um das eigne Wohl und Wehe, nein, das Schlimmste war das Bewußtsein, daß sie nun nichts, gar nichts über das Schicksal ihres kleinen Erstgeborenen erfahren konnte, ja vielleicht nie herausbekommen würde, wo und in wessen Händen der arme Kleine sich befand. Wie gerne hätte sie ihn endlich wieder einmal an ihr Herz gedrückt, – ihm sein Los erleichtert, sein Los, das sie sich in ihrer Phantasie in den grellsten Farben als unerträglich, ja beinahe als lebensgefährlich ausmalte, wie das von einer zu Tode geängsteten Mutter kaum anders zu erwarten ist. –

Zwei Wochen lang flog die Zeit eigentlich recht rasch dahin, da ein jeder mit wahrem Feuereifer den ihm zugeteilten Arbeiten nachging. Ein Posten stand von Morgengrauen bis in die sinkende Nacht auf dem Ausguck, den man nicht weit vom Lager auf einem Felsvorsprung, zu dessen Füßen das Meer brandete, eingerichtet hatte. Dort war auch ein Holzstoß aus dürren Zweigen und Ästen aufgeschichtet. Ein Funken, und die Flammen mußten hoch auflodern! Zudem hatte man eine lange Stange in den Boden gerammt und an ihr das Notsignal gehißt. Die »Flagge« stammte von einem roten Hemd, das der Steuermann zuletzt noch auf der »Kincaid« errafft hatte. –

Doch so sehr auch jeder, der Wache hatte, Tag für Tag von rechts nach links und wieder zurück mit nimmermüden Augen den Horizont gleichsam abtastete: Kein Pünktchen hob sich rettungverheißend aus fernem Dunst oder über schäumenden Wellenkronen, kein weißes Segel, keine Rauchfahne, die schwarz und doch erlösend von dem weiten, unendlichen Ozean herübergewinkt hätte. –

Tarzan machte schließlich den Vorschlag, man sollte doch versuchen, sich selbst ein kleines Schiff zu bauen, mit dem man wenigstens wieder nach dem Festland hinüberfahren konnte. Er allein war ja in der Lage, ihnen zu zeigen, wie die nötigen Werkzeuge und das wichtigste Material am günstigsten hier beschafft und verwertet werden konnten. Nach und nach hatte man sich auch allgemein mit dieser neuen Idee befreundet, ja die Matrosen gingen sogar mit Begeisterung an die Durchführung dieses Planes, der immerhin einen ernstlichen Fortschritt bedeuten konnte.

Als jedoch nach ein paar Tagen mehr und mehr die Erkenntnis in ihnen dämmerte, daß man eine wahre Herkulesarbeit zu bewältigen hatte, fingen sie an zu murren, liefen mit finsteren Mienen und die Hände in den Taschen herum oder lagen sich gegenseitig in den Haaren. Und als ob es nicht schon genug Sorgen und Gefahren gegeben hätte, waren nun auch Zwietracht und Argwohn im Lager eingezogen.

Mehr denn je war Tarzan jetzt in Unruhe, so oft er Jane bei diesen unzuverlässigen Gesellen allein von Mugambi und der Mosulafrau beschützt zurücklassen mußte. Doch die Jagd wollte und durfte er nicht versäumen, weil keiner es fertig gebracht hätte, so sicher die Wildnis zu durchstreifen und unversehrt mit reicher Fleischbeute zurückzukehren. Mugambi hatte ihn wohl ein paar Mal abgelöst, doch trafen Pfeile und Speer bei weitem nicht so gut wie des Affenmenschen Wurfseil und Dolch.

Bald drückten sich die Matrosen ganz von der Arbeit und zogen immer zu zweit in die Dschungel, angeblich um zu jagen und zu sehen, wo man eigentlich steckte.

Sheeta oder Akut und die anderen großen Affen hatten sich nie in der Nähe des Lagers gezeigt, doch war Tarzan ihnen öfters bei der Jagd in der Dschungel begegnet. – Und während sich hier am Ostrand der Dschungelinsel im Lager der Schiffbrüchigen die Verhältnisse mehr und mehr zuspitzten, brachte ein anderes Lager Leben an die Nordküste der Insel.

*

Dort war in einer engen Bucht der kleine Schoner »Cowrie« vor Anker gegangen, auf dessen Deck vor ein paar Tagen erst die Offiziere und alle gutgesinnten Matrosen getötet worden waren. Ein Unstern hatte über der »Cowrie« gewaltet, seit man Leute wie Momulla, aus dem Stamme der Maori von den Südseeinseln, Gust und den teuflischen Kai Shang aus Fachan geheuert hatte.

Noch andere waren dabei gewesen – im ganzen etwa zehn –, die sich zusammen rühmen konnten, Abschaum und Schrecken der Südseehäfen zu sein. Gust, Momulla und Kai Shang waren jedoch die »Macher« und gewissermaßen das treibende Rad bei allem, was die Gaunerbande anstellte. Sie hatten auch diesmal als Haupträdelsführer die Meuterei angezettelt, um so kurzerhand die »Cowrie« mit ihrer wertvollen Ladung zu beschlagnahmen. Die reiche Perlenbeute wollten sie unter sich allein verteilen.

Kai Shang hatte den Kapitän ermordet, als er ahnungslos in seiner Kabine schlief, während der Maori Momulla sich mit den anderen auf den wachhabenden Offizier stürzte.

Gust dagegen hatte es ganz nach seiner allereigensten Methode so einzurichten gewußt, daß den anderen die praktische Ausübung des Planes allein zufiel. Man ginge freilich fehl, wollte man das so auffassen, daß er nicht dazu fähig gewesen wäre oder sich gar Gewissensbisse machte. Er war jedoch von Haus aus bei solchen Gelegenheiten vor allem auf seine persönliche Sicherheit bedacht. Denn zweifellos nimmt ja bei jedem Überfall der Angreifer ein gewisses Risiko auf sich, weil das Opfer nur in Ausnahmefällen geneigt sein dürfte, den Tod ruhig und ohne einen Finger zu rühren hinzunehmen. Kommt es doch oft vor, daß der Bedrohte unerwartet mit den gleichen Waffen antwortet und den Angreifer in der Notwehr seinerseits zu seinem Opfer macht.

Gust rechnete jedenfalls auch hier mit allen Möglichkeiten und wußte genau, warum er sich für Zurückhaltung entschieden hatte.

Doch jetzt, nachdem der Handstreich gelungen, suchte Gust, der Schwede, das Oberkommando über die Meuterer an sich zu reißen. Er war sogar soweit gegangen, daß er sich die Uniform des ermordeten Kapitäns der »Cowrie« angeeignet hatte, die er jetzt samt allen sonstigen Abzeichen trug, um seine neue Würde jedem auch äußerlich zu dokumentieren. Kai Shang war außer sich. Er schätzte Vorgesetzte und alles, was mit Autorität zusammenhing, sowieso nicht, geschweige denn, daß er in diesem ihm geradezu lächerlichen Fall Lust verspürt hätte, sich den Befehlen eines simplen schwedischen Matrosen zu unterwerfen.

Die Saat der Mißgunst und Unzufriedenheit war deshalb bald nach Verlassen der »Cowrie« im Lager der Meuterer am Nordrand der Dschungelinsel aufgegangen. Kai Shang war jedoch schlau genug: Er wußte, daß er hier nur vorsichtig vorgehen durfte, denn unter all den bunt zusammengewürfelten Leuten war Gust der einzige, der in der Navigation richtig Bescheid wußte. Er hatte zweifellos viel Erfahrung und großes Geschick, man konnte es ihm anvertrauen, das Schiff sicher aus den südlichen Gewässern des Atlantischen Ozeans um Kap Horn herum in Zonen hinüberzusteuern, wo man nicht gleich dingfest gemacht wurde. Man würde dort ohne Schwierigkeiten die reiche Beute verkaufen können, und damit war das ganze Abenteuer erledigt. Kein Mensch kümmerte sich darum.

Am Tage bevor die Dschungelinsel in Sicht gekommen war, hatte der Posten im Ausguck am südlichen Horizont erst Rauch aufsteigen sehen und dann die Schornsteine eines Kriegsschiffes festgestellt. Man hatte schnell in einer kleinen Bucht, die durch eine Landzunge fast völlig vom Meere abgeschlossen wurde, Unterschlupf gefunden, und auch jetzt lag die »Cowrie« dort noch ruhig vor Anker.

Gewiß, es wäre möglich gewesen, daß man von dem Kriegsschiff angehalten wurde und sich eine genaue Kontrolle gefallen lassen mußte; und so hatte man es vorgezogen, sich ein paar Tage unsichtbar zu machen, bis die Gefahr vorüber war. Übrigens hatten bei weitem nicht alle für Unterbrechung der Fahrt gestimmt.

Gust aber ging jetzt sogar soweit, daß er sich unter keinen Umständen wieder auf die offene See hinauswagen wollte. Die anderen konnten reden, was sie wollten, er bestand eben darauf, daß das Kriegsschiff, das man flüchtig beobachtet hatte, es nur auf die »Cowrie« abgesehen habe. Kai Shang führte hiergegen an, dies könne überhaupt nicht in Frage kommen, denn keine Menschenseele außer ihnen selbst habe auch nur eine Ahnung davon, was an Bord der »Cowrie« passiert war.

Allein Gust war einfach nicht zu überzeugen, denn er wälzte in seinem Hirn einen ganz anderen Plan, der sich besser lohnen würde, ja der ihm seinen Beuteanteil mit einem Schlag verdoppeln oder verdreifachen sollte. Über das Wie war er sich zunächst noch nicht ganz klar, aber soviel stand fest, daß er allein die »Cowrie« steuern konnte, und daß die anderen ohne ihn nicht von der Dschungelinsel wegkamen. Was sollte ihn da eigentlich hindern, den Schoner mit ein paar leidlich zuverlässigen Matrosen – aber nicht mehr, als unbedingt nötig – zu bemannen und dann Kai Shang, dem Maori Momulla, und dem Rest der bisherigen Mannschaft einfach vor der Nase wegzufahren, sobald sich eine günstige Gelegenheit bot?

Und darauf wartete Gust jetzt. Eines Tages mußte schließlich die Stunde kommen, wo Kai Shang, Momulla und drei oder vier der anderen nicht im Lager waren, mochten sie nun auf Jagd sein oder bloß umherstreifen, um sich ein Bild von der nächsten Umgebung zu machen.

Der Schwede zermarterte sich fast den Kopf nach irgendeinem erfolgversprechenden Vorwand, auf den Kai Shang, Momulla und die Matrosen, die nicht mitgenommen werden sollten, hereinfallen mußten, und der sie wenigstens auf ein paar Stunden vom Ankerplatz des Schiffes weggelockt hätte.

Er setzte deshalb eine Jagd nach der anderen an und suchte die ganze unerwünschte Gesellschaft immer wieder für diese spannende Abwechslung zu begeistern. Allein merkwürdigerweise schien der Teufel in diesen dickköpfigen Kai Shang gefahren zu sein. Es war wie verhext: Der gerissene Bursche wollte niemals mit auf Jagd gehen, wenn Gust nicht selber dabei war.

Eines Tages nahm Kai Shang den braunen Maori Momulla auf die Seite und flüsterte ihm leise ins Ohr, daß und warum ihm der Schwede verdächtig vorkomme. Momulla war daraufhin sofort dafür, den Verräter zu stellen und ihn einfach aus dem Wege zu schaffen. Ein Dolchstoß ins Herz – und man sei aller Sorgen ledig.

Nun hatte Kai Shang bestimmt keinen anderen Beweis für seine Verdächtigungen als das, was seine eigene Hinterlist und stetige neue Bereitschaft zu Schurkereien ihm eingegeben hatten. Er glaubte eben in Gusts vermeintlichen Plänen das zu erkennen, was er selbst am allerliebsten getan hätte, wäre er dazu nur ebenso befähigt gewesen. Zu dumm, daß nur der Schwede auf See Bescheid wußte!

Er wagte es deshalb nicht, den Schweden durch Momulla um die Ecke bringen zu lassen, denn allein von dessen Leitung hing es ja ab, ob man das Schiff in die Südsee in Sicherheit bringen konnte oder nicht. Und das war wenigstens zunächst die Hauptsache.

Immerhin meinten die beiden, es könne nichts schaden, wenn man Gust seiner Sache unsicher zu machen suchte und vor allem einmal darauf pochte, daß er ihren Befehlen zu gehorchen hatte. Der Maori zögerte auch nicht lange und machte sich an den Schweden heran, der sich so ohne weiteres das Oberkommando angemaßt hatte.

Er brachte das Gespräch sogleich auf das Thema, das Gust am meisten reizen mußte: Wir wollen unverzüglich wieder in See gehen, sagte er.

Gust entgegnete wie gewohnt, daß das Kriegsschiff aller Wahrscheinlichkeit nach gerade in den Strichen kreuze, die man auf der Fahrt nach Süden unbedingt berühren müsse. Es sei gar kein Zweifel, das Schiff warte nur darauf, daß man den Versuch mache, hinüber in den Stillen Ozean zu entkommen. Momulla ging höhnisch über die Befürchtungen seines Kameraden hinweg. Er wies darauf hin, daß doch kein Mann an Bord des Kriegsschiffes von der Meuterei auf der »Cowrie« etwas wissen könne. Es sei deshalb auch absolut nicht einzusehen, warum man ihnen irgendwie verdächtig sein sollte. Aha! fuhr Gust im Brustton der Überzeugung fort, da haben wir's. Du bist im Unrecht, und ihr könnt von großem Glück reden, daß ihr einen gebildeten Mann bei euch habt, der euch sagt, was ihr tun und lassen sollt. Du bist zum Beispiel bloß ein armer Nigger, mein lieber Momulla, und so kannst du unmöglich was von drahtloser Telegraphie wissen!

Der Maori sprang auf, seine Hand lag am Messergriff.

Ich bin kein Nigger, brüllte er.

Versteh doch einen Spaß! fuhr der Schwede fort und beeilte sich, die Sache wieder einzurenken. Ich kann doch mal einen Scherz machen, Momulla! Wir zwei alten, guten Freunde können uns ja überhaupt nicht in den Haaren liegen, weißt du, vor allem schon deshalb nicht, weil der schlaue Kai Shang darauf aus ist, uns um unseren Anteil an der Perlenbeute zu betrügen. Glaube mir: Wenn der einen Mann fände, der die »Cowrie« sicher hinübersteuerte, er würde noch heute über alle Berge sein und uns kaltlächelnd hier zurücklassen! Sein ganzes Drängen, hier so schnell wie möglich fortzukommen, hat nur einen einzigen Grund: Er weiß schon ganz genau, wie er uns dann eines schönen Tages los wird!

Aber das mit der drahtlosen Telegraphie ...?, unterbrach ihn Momulla plötzlich, und man sah ihm an, daß ihm der Gedanke an diese eigentümliche unbekannte Macht nicht angenehm war. Was hat denn das Drahtlose damit zu tun, ob wir hier bleiben oder nicht?

Viel, sehr viel! entgegnete der Schwede und kratzte sich dabei hinter dem Ohr, denn er wunderte sich, daß der Maori wirklich so ein Dummkopf war und den krassen Schwindel glaubte, den er ihm jetzt vorsetzte.

O gewiß, mein Lieber! Du müßtest wissen, daß jedes Kriegsschiff mit solch einem geheimnisvollen Ding ausgerüstet ist. Ding? Na, wir nennen es einfach Radioapparat. Mit diesem Apparat können die Leute sich erstens einmal mit anderen Schiffen verständigen. Hundert oder ein paar hundert Meilen, das spielt keine Rolle. Und dann – das ist das Wichtigste jetzt! – können sie auch alles und jedes hören, was auf den anderen Schiffen gesprochen wird. Verstehst du nun? Als die ganze Schießerei auf der »Cowrie« losging, da wurde ja auch nicht zu knapp geredet und herumgeschrieen ..., und es kann absolut kein Zweifel darüber sein, daß man auf dem Kriegsschiff, das südlich von uns kreuzte, alles, aber auch alles ... gehört hat! Sie werden natürlich nicht gerade gehört haben, daß unser Schiff »Cowrie« heißt, aber sonst haben sie sicher genug aufgefangen. Soviel jedenfalls, daß die Mannschaft auf irgendeinem Schiff in der Nähe gemeutert und die Offiziere auf die Seite gebracht hat. Du siehst, daß sie jedenfalls schon lange auf die Übeltäter warten und jedes Schiff, das sie auftauchen sehen, gründlich inspizieren werden. Meiner Meinung nach können sie jetzt nicht mehr weit weg sein.

Als der Schwede geendet hatte, setzte er eine gewichtige Miene auf, zog die Stirne in Falten, als sei er die Weisheit selber, und gab sich im übrigen so sicher, daß Momulla, der die ganze Zeit aufmerksam zugehört hatte, eigentlich gar nicht erst Verdacht schöpfen konnte. Er sollte nun einfach glauben, was er ihm vorgefaselt hatte.

Momulla saß noch einige Zeit schweigend und nachdenklich da. Er wandte keinen Blick von Gust. Schließlich stand er auf.

Du bist ein großer Lügner! fuhr er sein Gegenüber an. Wenn du uns nicht spätestens morgen das Schiff flott machst und uns dann dorthin steuerst, wo wir hinwollen, wirst du das Lügen ein für alle Mal sein lassen. Ich hörte nämlich, wie zwei Matrosen sagten, sie würden dich einfach niederstechen, wenn du ihnen zumutest, noch länger hier in diesem elenden Winkel zu bleiben. Verstanden?

Geh' und frage Kai Shang! erwiderte Gust, ohne seine Ruhe zu verlieren. Er wird dir sagen können, ob es Radio gibt oder nicht. Paß' auf, er wird dir alles bestätigen, er wird es dir ebenso sagen, daß Schiffe sich auf Hunderte von Meilen über Wasser miteinander verständigen können. Und den beiden, die mich ermorden wollen, kannst du erklären, daß sie ihre Tat schwer bereuen werden; sie würden dann kaum selbst mit dem Leben davonkommen, geschweige denn, daß sie je von dem Erlös ihres Beuteanteils sich etwas zugute tun können. Es liegt allein in meiner Hand, euch sicher in irgendeinen Hafen zu steuern. Das solltet ihr alle zusammen nicht vergessen!

Momulla ging sofort zu Kai Shang und fragte ihn, ob es Radioapparate oder, wie die Dinger heißen mochten, gäbe, und ob es wahr sei, daß Schiffe sich mit deren Hilfe auf große Entfernungen miteinander verständigten. Und Kai Shang konnte alles nur bestätigen.

Momulla war verlegen. Allein er wollte unter allen Umständen fort von der Insel und lieber sein Glück in den Gefahren auf hoher See versuchen, als länger in diesem trostlosen Dschungelwinkel bleiben.

Wenn nur einer unserer Leute hier, außer Gust, ein Schiff richtig steuern könnte! jammerte Kai Shang. –

Am Nachmittag des gleichen Tages ging Momulla mit zwei anderen Maori auf die Jagd. Man hatte sich nach Süden gewandt und war noch gar nicht allzu weit vom Lager entfernt, als plötzlich aus der Dschungel vor ihnen Stimmen herüberschallten.

Da sie genau wußten, daß keiner von der übrigen Schiffsbesatzung vorausgegangen war, und da ihrer Überzeugung nach die Insel völlig unbewohnt sein mußte, wollten sie sofort Kehrt machen.

Kein Zweifel, es spukte hier ..., vielleicht riefen sogar die Geister der ermordeten Offiziere und Kameraden von der »Cowrie«?

Bei Momulla überwog jedoch die Neugierde alle abergläubischen Regungen, und so bezwang er den an sich begreiflichen Drang, Übernatürlichem und Geheimnisvollem lieber aus dem Wege zu gehen. Seinen Begleitern bedeutete er, sie sollten sich in allem wie er verhalten. Dann kroch er auf Händen und Knien mit bebendem Herzen lautlos den Stimmen entgegen.

Bald hielt er am Rande einer kleinen Lichtung. Er atmete erleichtert auf, denn vor ihm saßen auf einem umgestürzten Baumstamm in lebhafter Unterhaltung ... ganz einfach zwei Männer von Fleisch und Blut! Also keine Spur von Geistern, Spuk und dergleichen.

Der eine der beiden war der Steuermann Taylor der »Kincaid«, der andere ein einfacher Matrose, namens Smith.

Du, Smith, ich meine es geht, sagte Taylor. Ein gutes Kanu wird nicht schwer zu bauen sein, und drei Mann können es in einem Tag bequem nach dem Festland hinüberrudern, wenn der Wind günstig und die See einigermaßen ruhig ist. Es hat gar keinen Zweck, darauf zu warten, bis die Leute ein großes Boot gebaut haben, das alle zusammen faßt; denn sie murren schon jetzt nicht zu knapp und haben die Arbeit satt, in die sie Tag für Tag wie Sklaven eingespannt sind. Was geht uns überhaupt der Lord an? Uns kann es ja gleich sein, ob er hier fortkommt oder nicht. Er mag nur für sich selber sorgen. Das ist meine Ansicht, und damit basta!

Er wartete einen Augenblick. Dann sah er seinen Kameraden scharf an – wahrscheinlich, um die Bedeutung der nächsten Worte besonders zu betonen – und fuhr fort: Die Frau des Lords müssen wir aber mitnehmen. Eine Schande wär's, eine so hübsche Frauensperson in einem elenden, weltabgeschiedenen Winkel, wie diese Insel, zurückzulassen ... Smith blickte auf und lachte.

Stimmt, jawohl. Sie ist schön, sehr schön, nicht wahr? fragte er. Warum hast du das nicht gleich gesagt? Ein glänzender Gedanke, gar nicht übel. Aber was gibst du mir, wenn ich dir helfe?

Sie muß natürlich schwer zahlen, wenn wir sie wieder in zivilisierte Länder bringen, erklärte Taylor sofort. Und was ich dir gebe? Na, ich will es gleich sagen, ich werde alles, was sie zahlt, mit den beiden teilen, die mir zur Seite stehen. Mir gehört die eine Hälfte, die andere mag geteilt werden, zwischen dir und dem, der noch Lust hat mitzumachen. Jedenfalls habe ich diese Gegend satt, und, je eher ich hier herauskomme, um so besser. Was meinst du zu der ganzen Geschichte?

Gut so. Ist mir gerade recht! entgegnete Smith. Ich wüßte nicht, wie ich sonst das Festland je wieder betreten sollte, wenn ich auf mich allein angewiesen wäre. Und auch keiner von den anderen ist dazu in der Lage, denn nur du verstehst dich ja auf die Navigation. Bist ein rechter Kerl, topp, ich bin dabei! – Der Maori Momulla spitzte seine Ohren. Er hatte so ziemlich von allen Sprachen seefahrender Nationen etwas aufgeschnappt und mehr als einmal war er unter englischer Flagge in See gegangen. Er hatte also alles leidlich gut verstanden, was zwischen Taylor und Smith zur Sprache gekommen war, seit er so unerwartet auf sie gestoßen.

Er sprang auf und trat in die Lichtung. Taylor und sein Kamerad fuhren sofort in die Höhe; man sah ihnen an, daß sie vor Erregung zitterten, gleich als sei ihnen eine Geistergestalt plötzlich aus dem Dickicht entgegengeschwebt. Taylors Hand umklammerte den Revolver. Momulla erhob indessen seine Rechte, und zwar so, daß der Handteller nach vorn zeigte. Er wollte den Überraschten damit sogleich bedeuten, daß er in friedlicher Absicht käme.

Ich bin gut Freund, rief er ihnen zu. Wohl hörte ich, was ihr miteinander bespracht; habt aber keine Angst, ich sage es niemanden weiter. Soviel zunächst: Ich kann dir helfen und du mir! Er wandte sich mit diesen Worten an Taylor.

Du kannst ein Schiff regelrecht und sicher steuern, du hast jedoch kein Schiff. Wir haben ein Schiff, aber niemanden, der sich auf Navigation versteht. Wenn du jetzt mitkommst und nicht erst lange herumfragst, sollst du das Schiff haben und mit ihm machen können, was du willst. Vorausgesetzt natürlich, daß du uns erst in einem Hafen, den wir dir später genau bezeichnen werden, an Land gesetzt hast. Die Frau, von der du sprachst, kannst du ruhig mitbringen; wir werden uns um dich und deine Angelegenheiten absolut nicht kümmern. Topp, abgemacht?

Taylor erbat erst nähere Aufklärung und erhielt sie auch, soweit es Momulla für angebracht hielt, ihm reinen Wein einzuschenken. Dann machte der Maori den Vorschlag, erst noch einmal mit Kai Shang zu sprechen.

Die beiden Leute von der »Kincaid« folgten Momulla und dessen Spießgesellen, bis man zwar immer noch im Dschungeldickicht, aber nicht mehr weit vom Lager der Meuterer entfernt war. Hier bestimmte er sie zu warten, während er Kai Shang suchen wolle. Seinen Maorileuten schärfte er gleichzeitig ein, die beiden Engländer ja gut im Auge zu behalten, damit für den Fall, daß die beiden anderen Sinnes würden, jeder Fluchtversuch sofort niedergeschlagen werden könnte. Taylor und Smith waren also im Grunde Gefangene, ohne daß sie es ahnten.

Momulla kam sogleich mit Kai Shang zurück, den er inzwischen in großen Zügen über das Wichtigste informierte. Jedenfalls hatten sie wieder einmal großes Glück gehabt!

Der Chinese zog zunächst Taylor in ein längeres Gespräch, in dessen Verlauf er – einmal ungeachtet sein übliches Mißtrauen, das er allen Menschen, mochten sie nun Vertrauen verdienen oder nicht, entgegenbrachte – zu der festen Überzeugung kam, daß Taylor genau so ein Gauner war, wie er selber, und daß der Bursche vor allem darauf aus war, der Insel endlich den Rücken kehren zu können.

Unter diesen beiden Voraussetzungen konnte kaum ein Zweifel darüber herrschen, daß Taylor durchaus zuverlässig sein würde, wenn er einmal sein »Kommando« für die »Cowrie« angenommen hatte. Das Weitere dann? Kai Shang wußte, daß er schon Mittel und Wege finden würde, um den Mann für seine weiteren Wünsche klein zu kriegen ...

Als Taylor und Smith nachher in der Richtung auf ihr eigenes Lager davongingen, atmeten sie erleichtert auf. Sie fühlten sich hundertmal wohler, als so und so oft früher und vor allem in letzter Zeit. Endlich hatte sich ihnen ein Weg geöffnet, der sie tatsächlich von dieser Insel wegführte, und noch dazu auf einem seetüchtigen Schiffe. Alle harte Arbeit und Plage mit dem langwierigen Schiffbau gingen sie nichts mehr an, sie brauchten ihr Leben nun auch nicht auf einem simplen »Kahn« zu riskieren, bei dem es wahrscheinlicher war, daß er in die Tiefe gezerrt oder irgendwo in tausend Stücke zerschellen würde, als daß er je das Festland erreichte.

Außerdem würden sie auf Hilfe rechnen können, wenn man sich die hübsche Frau wegfing ..., oder besser gleich beide Frauen; denn als Momulla erfahren hatte, daß sich auch eine Schwarze drüben im anderen Lager aufhielt, hatte er darauf bestanden, daß sie ebenso wie die Weiße mit an Bord der »Cowrie« gebracht werden müsse. –

Kai Shang und Momulla waren unterdessen zum Lager zurückgekehrt. Sie hatten mit Befriedigung festgestellt, daß sie Gust absolut nicht mehr brauchten und gingen geradenwegs auf das Zelt los, in dem sie ihn jetzt anzutreffen hofften. Wiewohl es für die ganze Meutererbande weit bequemer gewesen wäre, einfach an Bord des Schiffes zu bleiben, hatte man sich gemeinsam dahin geeinigt, daß es für alle sicherer sei, am Strande ein Zeltlager aufzuschlagen.

Jeder wußte zu genau Bescheid, daß im Innern seines sogenannten Kameraden jederzeit genug Bereitschaft zu Verrat und tückischem Anschlag steckte, und so war es schließlich eine unsichere Sache, wenn man an Land ging und es den anderen überließ, mit der »Cowrie« nach Gutdünken zu schalten und zu walten. Es durften sich demgemäß nie mehr als zwei oder drei Mann gleichzeitig an Bord des Schiffes aufhalten, es sei denn, daß alle zusammen sich auf dem Schiffe einfanden. – Während die beiden also zu Gusts Zelt hinübergingen, fuhr der Maori mit seinem schwieligen Daumen noch einmal gleichsam prüfend über die Schneide seines langen Messers. Der Schwede würde sich in seiner Haut alles andere als wohl gefühlt haben, hätte er diese unmißverständliche Handbewegung sehen oder in den Zügen des Niggers lesen können, was für Gedanken er in seinem Hirn wälzte.

Zufällig war Gust im Zelt des Kochs, nur ein paar Meter von seinem eigenen Zelt. Er hörte also Kai Shang und Momulla kommen, ohne natürlich auch nur im geringsten zu ahnen, daß das für ihn irgendeine besondere Bedeutung hatte.

Es traf sich jedoch, daß er hinter der Öffnung jenes Zeltes halb neugierig gerade in dem Augenblick hervorschielte, als Kai Shang und Momulla dicht vor dem Eingang zu seinem eigenen Zelt angelangt waren. Er bemerkte sofort in ihren Bewegungen und in ihrer ganzen Art etwas Unheimliches, Lauerndes, was sich zweifellos wenig mit freundschaftlicher Gesinnung vertrug. Und wie sie sich vorsichtig drüben ins Zelt hineinschlichen, entdeckte Gust gerade noch, daß der Maori Momulla ein langes Messer hinter seinem Rücken gezückt hatte.

Die Augen des Schweden weiteten sich vor Entsetzen, eine Schwächeanwandlung ließ ihm die Haare zu Berge stehen.

Sein wettergebräuntes Gesicht wurde leichenblaß, und ohne sich noch eine Sekunde zu besinnen, stürzte er fluchtartig aus dem Zelt des Kochs davon. Nein, er gehörte gewiß nicht zu denen, die erst noch lange nach Erklärungen suchen, wenn die Dinge an sich schon gar zu deutlich davon reden, was los ist!

Er hatte im Augenblick erfaßt, daß Kai Shang und Momulla auf der Bildfläche erschienen waren, um ihn zu morden, ja er war fest davon überzeugt, als ob er diesen schändlichen Plan selbst gehört.

Bisher hatte ihm das Bewußtsein, daß er allein die »Cowrie« aus ihrer mißlichen Lage in ungefährliche Gewässer hinübersteuern konnte, als Garantie für seine persönliche Sicherheit genügt. Offenbar mußte sich inzwischen irgend etwas zugetragen haben, wovon er keine Ahnung hatte. Aber was? Jedenfalls mochte es seinen Wert aufwiegen und so seine Genossen dazu bestimmt haben, ihn jetzt einfach beiseite zu bringen.

Ohne erst noch zu zögern, raste Gust vom Strand in die Dschungel. Wohl fürchtete er sich vor diesen weiten Wäldern, diesen Irrgärten, die sich in wilder Verstrickung hinter dem Strande über das geheimnisvolle Land dehnten, aus dessen Tiefen unsagbare schreckliche Schreie und Gebrüll herüberhallten ...

Allein, ihm mochte noch so sehr vor der Dschungel grauen ..., am meisten fürchtete er doch Kai Shang und Momulla. Die Gefahren der Dschungel waren immerhin noch etwas Unbestimmtes, doch, was er von der drohenden Hand seiner Genossen zu erwarten hatte, das war feststehende Tatsache, etwas, worüber es keinen Zweifel geben konnte, was sich einfach in den paar Worten zusammenfassen ließ: Eiskalter Stahl ... nur einige Zentimeter lang ... oder ein Strick ... und eine Schlinge. Er war ja selbst Zeuge gewesen, wie Kai Shang in Pai-sha einen Mann glattweg erdrosselt hatte. In einem finsteren Gäßchen hinter dem Loo-Kotai-Platz ...

Vor dem Strick hatte er deshalb eine Heidenangst, mehr noch als vor dem Messer des Maori. Und er fürchtete sich viel zu sehr vor diesen beiden Kerlen, um sich auch nur eine Sekunde länger in der Reichweite dieser grausamen Mordgesellen aufzuhalten. Da war ihm die Dschungel lieber, mochte sie auch ebenso unbarmherzig sein.


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