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Die Urwaldnacht

Einen Augenblick noch musterte Rokoff Jane mit höhnischem Lächeln, dann entdeckte er mit einem Male das kleine Bündel auf ihrem Schoß. Jane hatte das Tuch über das Gesicht des Kindes gezogen, damit es so aussehen sollte, als schliefe das Kind nur.

Sie haben das Kind hierher in dies Dorf gebracht, begann Rokoff. Sie hätten sich die vielen unnützen Beschwerden sparen sollen! Hätten Sie sich lieber um ihre eigenen Angelegenheiten gekümmert, verstanden! Das Kind würde ich schon selbst hierher befördert haben, da können Sie sich darauf verlassen. Und wie gesagt, die Gefahren und Strapazen dieser Reise hätten Sie sich ruhig schenken können. Immerhin, ich bin Ihnen anscheinend zu Dank verpflichtet, weil Sie mir die Unbequemlichkeiten abgenommen haben, die solch kleines Ding unterwegs verursacht. Für dies Dorf war das Kind übrigens von Anfang an bestimmt, denn Maganwazam hat sich erboten, es gut zu ziehen und einen brauchbaren Kannibalen aus ihm zu machen. Sollten Sie also doch noch mit Ihrer Rückkehr in die zivilisierten Länder rechnen: Nun bitte, so wird es Ihnen zweifellos ein besonderes Vergnügen sein, sich alles recht hübsch auszumalen, d. h. den Luxus und die Behaglichkeit Ihres Lebens mit all den netten Einzelheiten zu vergleichen, die Ihrem Söhnchen in Maganwazams Dorfe blühen. Also nochmals meinen besten Dank für Ihre gütige Unterstützung in dieser Angelegenheit!

Nun muß ich Sie jedoch bitten, das Kind mir zu überlassen, damit ich es seinen Pflegeltern anvertrauen kann.

Schon bei den letzten Worten streckte er seine Hände nach dem Kind aus. Rache, Rache war in seinen Zügen zu lesen, und auf seinen Lippen spielte ein gemeines Lächeln.

Er war jedoch sichtlich überrascht, als Jane sich sofort erhob und ihm, ohne ein böses Wort zu verlieren, das kleine Bündel in die Arme legte.

Da haben Sie das Kind, sagte sie dann noch. Gott sei Dank steht es nicht in Ihrer Macht, ihm ein Leid zu tun ...

Blitzartig erfaßte Rokoff die tiefere Bedeutung Ihrer Worte und riß die Decke von des Kindes Antlitz. Wie, wenn sich seine Befürchtungen doch bewahrheiten sollten?

Jane verfolgte gespannt jede Veränderung in seinen Zügen ... Tagelang hatte sie sich nun schon den Kopf darüber zerbrochen, ob Rokoff wirklich um die Verwechselung der Kinder wußte. Und wenn sie sich bisher in quälendem Zweifel fast zerrissen hatte, jetzt schienen diese Nöte mit einem Male alle wie weggeblasen: Die schreckliche Wut des Russen sagte genug, wie er nur das kleine, so bleiche Gesicht des Kindes erblickte. Es war tot und tot auch seine schönsten Rachepläne, die eine höhere Macht ihm kurz vor ihrer Vollendung schändlich durchkreuzt.

Er warf Jane den kleinen Leichnam in die Arme und stampfte unter schrecklichem Fluchen und Verwünschungen in der Hütte auf und ab. Dann blieb er mit einem Ruck vor der jungen Frau stehen. Sein wutverzerrtes Gesicht neigte sich dicht zu ihr herab.

Sie lachen auch noch über mich! schrie er sie an. Denken wohl, Sie haben mich nun klein gekriegt, was ... he ...? Will's Ihnen schon beibringen, wie ich's dem elenden Affen, den Sie Ihren »Gatten« nennen, gezeigt habe, was das heißt, Nikolaus Rokoff in die Quere zu kommen ...

Sie haben mir das Kind geraubt, ich kann es nun nicht zum Sohn eines Kannibalenhäuptlings machen, aber ... – er wartete, als solle seine Drohung in ihrer ganzen Wucht auf sie herniedersausen – ich kann seine Mutter wenigstens einem Kannibalen zur Frau geben ... Das werde ich tun, ja, ich tue das; aber zuvor will ich selbst mit ihr abgerechnet haben! –

Wenn er sich etwa eingebildet hatte, daß sich irgendein Zeichen wilder Angst in Janes Zügen widerspiegeln müsse, hatte er sich gründlich getäuscht. Sie war darüber hinaus. Dazu waren ihre Nerven und Sinne doch schon zu sehr abgestumpft, jetzt, wo Leid auf Leid und Schicksalsschlag auf Schicksalsschlag folgte.

Im Gegenteil, er war überrascht: Auf ihren Lippen lag ein mattes, fast glückliches Lächeln. Ihr Herz war so dankbar, wenn sie daran dachte, daß dies arme, tote Geschöpfchen nicht ihr lieber kleiner Jack war. Und daß Rokoff offenbar die Wahrheit nicht wußte, das war das Allerschönste.

Am liebsten hätte sie ihn jetzt prahlend über diese ihm unbekannten Zusammenhänge aufgeklärt, doch wagte sie es schließlich nicht. Mochte er ruhig dabei bleiben, daß dies Kind hier ihr eigenes sei! Um so sicherer war ja nur der wirkliche kleine Jack geborgen, wo er auch sein mochte. Sie hatte natürlich keinerlei Anhaltspunkt über das Wo und Wie ihres Kleinen, aber sie glaubte jetzt wenigstens genau zu wissen, daß er noch am Leben war. Zum mindesten galt das ihr als wahrscheinlich.

Es war doch möglich, daß einer der Helfershelfer des Russen ohne besten Wissen die Kinder vertauscht hatte. Vielleicht war ihr Sohn gerade jetzt bei den Freunden in London? O, sie besaß ja so viele vermögende Freunde, die alle zusammen sofort bereit gewesen sein würden, auch ein hohes Lösegeld für unversehrte Rückgabe des kleinen Lord Greystoke Rokoffs ungetreuen Handlangern ohne Zögern hinzuwerfen!

Hundertmal und immer wieder hatte sie sich im stillen mit diesem Gedanken beschäftigt, seit sie die Entdeckung gemacht, daß das Kind, das Anderssen ihr in jener letzten Nacht auf der »Kincaid« in die Arme gedrückt hatte, nicht ihr eigenes war. Bis in alle Einzelheiten hatte sie sich's ausgemalt, und zu einer Quelle nur immer wachsenden Glückes war ihr diese süße heimliche Hoffnung geworden ...

Nein, der Russe wußte es bestimmt nicht, daß dies hier nicht ihr Kind war. Doch dann empfand sie auch wieder die ganze Trostlosigkeit ihrer eigenen Lage: Anderssen tot, gemordet der geliebte Gatte ... und keine Menschenseele auf der weiten, weiten Welt, die ihr jetzt helfen konnte, die auch nur gewußt hätte, wo sie zu finden war ...

Sie durfte sich nicht täuschen: Rokoffs Drohungen waren keine leeren Worte! Sie war überzeugt, daß er alles daransetzen würde – und wenn er es auch bloß bis zum Versuche brächte –, sein Wort wahr zu machen. Aber schlimmstenfalls hatte das auch nicht viel zu sagen. Was tat's: Ein wenig eher oder später erlöst von allen Ängsten ..., vorüber, was sie erlitten. O, sie brauchte nur darauf zu sinnen, wie sie selbst Hand an sich legen könne, ehe noch der Russe neue Marter über sie häufte ...

Zeit wünschte sie sich jetzt, nur ein wenig Zeit für sich selber, Stille, um sich für das Letzte zu bereiten. Sie fühlte freilich, daß sie diesen letzten furchtbaren Schritt nicht eher tun dürfe, als bis sich jede Möglichkeit zur Flucht erschöpft hatte. Nichts galt ihr das Leben mehr, es sei denn, sie könnte irgendeinen Ausweg finden, der ihr die Bahn freimachte zurück nach der Heimat, zurück zu dem Einzigen, das ihr geblieben. Und mochte auch der letzte Hoffnungsschimmer am Verlöschen sein ..., nichts sollte ihr unmöglich erscheinen, solange nicht der letzte Atemzug ihre Lippen berührte, solange nicht die nackte eisige Wirklichkeit sie vor die Wahl stellte: Nikolaus Rokoff oder der Tod, freiwillig und erlösend.

Machen Sie, daß Sie fortkommen, schrie sie den Russen an. Fort hier, und lassen Sie mich in Frieden mit meinem Toten. Haben Sie nicht genug Elend und Ängste über mich gehäuft, daß Sie mich noch ganz zur Verzweiflung bringen wollen? Was habe ich Ihnen denn getan? Weshalb hören Sie nicht endlich einmal auf, mir nachzustellen?

Ganz einfach, erwiderte er. Sie haben für die Übeltaten eines Affen zu büßen, den Sie sich zum Gatten erwählten, wo sie doch die Liebe eines Ehrenmannes, wo sie die Zuneigung eines ... Nikolaus Rokoff besitzen konnten ... Doch derlei Fragen pflegt man nicht in der Öffentlichkeit zu erörtern. Wir werden das Kind jetzt sofort hier begraben, und dann haben Sie mich auf der Stelle nach meinem Lager zu begleiten. Morgen bringe ich Sie hierher zurück. Ich werde das Vergnügen haben, Sie sodann Ihrem neuen Herrn Gemahl – unserem liebenswürdigen verehrten Maganwazam – zu übergeben. Kommen Sie!

Er wollte ihr das Kind wegnehmen, doch Jane drehte ihm einfach den Rücken zu.

Ich selbst werde es jetzt zur letzten Ruhe betten, sagte sie, und es klang, als dulde sie keinen Widerspruch. Lassen Sie immerhin draußen vor dem Dorfe das Grab herrichten ...!

Rokoff schien sehr daran gelegen, daß die ganze Geschichte hier im Dorfe sofort erledigt würde, damit er nun endlich zum Lager zurückeilen könnte. Auch paßte es ihm gar nicht, daß er in ihren Zügen so etwas wie Gleichgültigkeit zu erkennen glaubte. Ob sie sich gar schon mit ihrem Schicksal abgefunden hatte?

Er verließ die Hütte und gebot ihr, zu folgen. Seine Leute schlossen sich an, und so zogen sie – Jane in ihrer Mitte – hinaus an den Dorfrand, wo die Schwarzen unter einem großen Baum das kleine Grab ausschaufelten.

Jane hüllte das winzige Geschöpf vollständig in die Decken ein und barg es in der dunklen Erdengruft. Ganz langsam und zart löste sich das kleine Bündel von ihrer Hand, dann wandte sie sich ab: Nein, sie mochte es nicht mit ansehen, wie nun die Erde dumpf auf dies ärmste kleine Kindchen hinabpolterte ... In stillem Gebet kniete sie beiseite. Es war wie ein letzter Gruß an dies kleine Namenlose, das sie doch so ganz von Herzen lieb gewonnen hatte ...

Das war nun auch vorüber. Tränenlos und doch von tiefer Wehmut zerwühlt, erhob sie sich. Der Russe befahl ihr, zu folgen, und so zogen sie durch die pechschwarze Dschungelnacht. Zwar schlängelte sich der schmale Pfad in unzähligen Windungen unter dem undurchdringlichen Blätterdach vom Dorfe zu Rokoffs Lagerplatz; Maganwazam, der schwarze Kannibale, führte jedoch seinen weißen Freund sicher und gut.

Dickicht reihte sich an Dickicht zur Rechten und zur Linken, und über allem wölbten sich in stolzem Bogen die vom Mond bestrahlten Zweige, in die sich tausend und abertausend Pflanzenarme in unergründlichem Wirrsal verschlungen hatten. Heimlich und leise hallten Tritte herüber: Nicht Menschengang war das ..., die großen wilden Bestien kreuzten das Dickicht, und bald erhob sich weithin in der Runde das tiefe furchtbare Gebrüll jagender Löwen, daß die Erde zu dröhnen schien ...

Die Träger zündeten die Fackeln an, und grell funkelte ihr Schein, wenn sie in der Luft kreisten, die beutehungrigen Bestien zu schrecken ...

Rokoff trieb zu immer größerer Eile an: Zittern lag im Klang seiner Stimme, und Jane wußte, daß er vor Furcht bebte ...

Alles, was der Nachtwind ihr just aus den tiefen Gründen der Dschungel zutrug, ließ sie jene Tage und Nächte noch einmal durchleben, die sie einst fast ebenso mit ihrem Gatten durchwacht und durchgekämpft. Mit ihm, dem Herrn der Dschungel, dem unerschrockenen und unüberwindlichen Affen-Tarzan. Neu und unbekannt war ihr das damals alles gewesen, und doch hatte keine Angst ihr Herz erschreckt, ja das Gebrüll des Löwen war ihr als das einzig Ehrfurchtgebietende und Bewundernswerte auf dem großen Erdenrund erschienen.

Wie anders würde ihr es jetzt zumute sein, wüßte sie, daß ihr Tarzan irgendwo noch in der Wildnis lebte und nach ihr suchte! O, dafür hätte sich's noch zu leben gelohnt ..., sie hätte allen Grund gehabt, auf nahe Hilfe zu vertrauen ...

Doch er war nun tot! Tot? Fast brachte sie es nicht fertig, zu glauben, daß es wirklich so sein sollte.

Es schien ihr, als könne es für diesen Riesenkörper mit seinen mächtigen Waffen, die die Natur ihm verliehen, gar keinen Platz im Totenreiche geben. Hätte Rokoff selbst ihr die Kunde von ihres Gatten Tod gebracht, sie hätte es ihm sofort angesehen, ob er die Wahrheit sagte oder ob er log.

Und was konnte Maganwazam an ihr und dem Schicksal ihres Mannes liegen? Warum hatte er ihr dies Schreckliche überhaupt enthüllt? Das gab ihr jetzt mit einem Male zu denken. Wußte sie doch nicht, daß der Russe mit dem wilden Häuptling noch gesprochen hatte, kurz ehe dieser in die Hütte kam und ihr die Trauerbotschaft brachte ...

Endlich erreichten sie den Lagerplatz des Russen, der von dessen Trägern rings mit einem mächtigen Verhau umgeben worden war. Man fand alles in Aufruhr und in wildem Durcheinander, und, wenn sie auch nicht wußte, um was es sich eigentlich handelte, sah sie doch, daß Rokoff mehr als bloß erzürnt war. Ein paar Brocken von dem, was hin und her geredet wurde, waren ihr verständlich. Sie reimte sich alles dann so zusammen, wie es wohl auch den Tatsachen entsprach:

In Rokoffs Abwesenheit hatten sich wieder einige seiner Leute aus dem Staube gemacht und sogar die Hauptbestände an Proviant und Munition mitgeschleppt.

Als er dann seine Wut an denen ausgelassen hatte, die nicht desertiert waren, kam er zu Jane zurück, die er inzwischen ein paar weißen Matrosen in Gewahrsam gegeben hatte. Er packte sie roh am Arm und suchte sie mit sich in sein Zelt zu ziehen. Die junge Frau sträubte sich mit allen Kräften, sie wollte diesem Schurken nicht preisgegeben sein.

Die beiden Matrosen zuckten sich nicht; sie standen da und schauten zu, anscheinend hocherfreut über solch seltenes Schauspiel. Schließlich lachten sie gerade heraus.

Rokoff war jedoch von jeher gewohnt, selbst die gemeinsten Mittel nicht zu scheuen, sowie nur der geringste Widerstand die Erfüllung seiner Wünsche bedrohte.

So schlug er jetzt einfach Jane ein paarmal ins Gesicht, bis sie halb bewußtlos zur Erde sank. Dann schleifte er sie in sein Zelt.

Rokoffs Diener hatte unterdessen die Lampe angezündet. Ein Wink seines Herrn genügte, und er verschwand von der Bildfläche. Jane lag mitten im Zelte unten am Boden. Langsam kam sie wieder zum Bewußtsein, doch dann fuhr es ihr blitzartig durch das Hirn, daß sie jetzt alle Sinne anspannen müsse, um zu retten, was zu retten war. Ihre Augen suchten rasch das ganze Zeltinnere von unten bis oben ab. Sie mußte wissen, was sich hier für den äußersten Notfall finden ließ.

Der Russe suchte sie jetzt auf sein Feldbett zu ziehen, das auf der einen Seite des Zeltes aufgeschlagen war.

Im selben Augenblick hefteten sich ihre Blicke fest auf den schweren Revolver an seinem Gürtel; es zuckte ihr in der Hand, sie wollte schon das rettende Ding an sich reißen ..., doch da fühlte sie noch, daß es besser sei, einen günstigeren Moment abzuwarten. Sie tat so, als fiele sie wieder in Ohnmacht; in Wahrheit folgte sie mit halbgeschlossenen Augen jeder Bewegung ihres Gegners.

Und der rechte Augenblick kam schneller, als sich hoffen ließ. Rokoff war gerade dabei, sie auf sein Feldbett zu heben, da stutzte er mit einem Male. Es mußte sich jemand draußen vor dem Zelteingang etwas zu schaffen machen, er wandte jedenfalls plötzlich den Kopf nach rückwärts und horchte ...

Der Revolvergriff war nur ein paar Zentimeter von ihrer Hand entfernt. Mit einem blitzschnellen Ruck riß sie sich hoch und die Waffe aus Rokoffs Gurt. Der fuhr zurück. Er hatte im Bruchteil einer Sekunde die Gefahr erkannt.

Sollte sie losfeuern? Sie wagte es nicht, denn auf den Schuß hin würden sicher sofort seine Leute hereingestürzt kommen, und, obwohl Rokoff ein für allemal erledigt war, würde sie nun den anderen Schurken auf Gnade und Ungnade ausgeliefert sein. Die waren nicht viel besser, wenn es nicht gar noch schlimmer kam, als sie es sich überhaupt vorstellen konnte. Die Szene von vorhin stand ihr sofort wieder deutlich vor Augen: die beiden Matrosen mit ihrem rohen Gelächter, die keinen Finger rührten, als Rokoff sie mißhandelte ...

Der Russe wollte sich gerade über sie werfen; sein ganzer Körper bebte vor rasender Wut und Angst ..., da holte Jane im letzten Augenblick zum furchtbaren Schlage aus: Alle ihre Muskeln waren bis aufs äußerste gespannt, sie sah deutlich das schwammige Gesicht des Russen, und wie ein Hammer sauste die schwere Waffe ihm auf die Stirn.

Er brach lautlos zusammen. Als sie erkannte, daß er nicht mehr bei Besinnung war, trat sie ein paar Schritte beiseite. Sie atmete auf: Für ein paar Minuten wenigstens brauchte ihr vor ihm nicht bange zu sein.

Dann hörte sie draußen vor dem Zelt dasselbe Geräusch, das Rokoffs Aufmerksamkeit vorhin von ihr abgelenkt hatte. Sie konnte sich absolut nicht denken, was das eigentlich war; doch befürchtete sie, Rokoffs Diener könne noch einmal kommen und entdecken, was hier vorgegangen war, und so huschte sie rasch zum Tisch hinüber und löschte die qualmende schmierige Öllampe.

Stockfinster war es jetzt hier drinnen im Zelt. Einen Augenblick wollte sie sich Ruhe gönnen; es hieß alle Gedanken zusammennehmen und jeden Schritt bedenken, sollte jetzt das Wagnis gelingen.

Wieder frei sein? Rings im Lager lauter Feinde, und drüben hinter dem Zaun die schwarze wilde Dschungelnacht, unermeßliche Wälder, beutehungrige Raubtiere und noch mehr solche Menschenbestien wie diese hier ...

Es schien kaum möglich zu sein, auch nur ein paar Tage noch zu überleben. Gefahren über Gefahren lauerten und würden immer von neuem über sie hereinbrechen.

Dann dachte sie daran, durch wieviel unzählige Nöte und Bedrängnisse sie unversehrt hindurchgekommen, und wie vielleicht gerade jetzt irgendwo in der weiten Welt ein kleines Kind nach seiner Mutter schrie ... Das war's, was den Ausschlag gab. Nein, nicht zaudern. Es galt, das Unmöglichste zu wagen, sich hineinzustürzen in das Land der Schrecken, die Küste zu erreichen und an eine Hilfe zu glauben – und nahe sie im schwankenden Boot ...

Rokoffs Zelt stand genau in der Mitte des Lagerplatzes, umgeben von den Zelten und Unterschlupfen seiner weißen Leute und der schwarzen Safari. Hier unbemerkt durchzukommen, und dann gar noch durch den Zaun ..., das schienen freilich schier unüberwindliche Hindernisse. Lohnte es sich eigentlich, solche Flucht auch nur in Erwägung zu ziehen? Und doch: Es gab keinen anderen Ausweg. Sollte sie hier im Zelt bleiben, bis man sie entdeckte, bis alles, was sie um ihrer Freiheit willen errungen, wieder in Nichts zerflossen wäre? Nein, abermals nein.

Vorsichtig schlich sie sich zur Rückwand des Zeltes. Alle ihre Nerven waren bis aufs äußerste gespannt. Käme jemand, sie würde einfach durchbrechen.

Sie tastete die Leinwand von oben bis unten ab. Hier war keine Öffnung. Also rasch zurück: Da lag der Russe ja immer noch ohnmächtig, wie er vorhin zu Boden gesunken. Wieder tasteten ihre Finger, jetzt fühlte sie den Gurt ... und da war sein langes scharfes Jagdmesser mit dem festen Griff! Ein Schnitt, und die Zeltwand klaffte. Der Weg war frei.

Leise huschte sie hinaus. Ein Stein fiel ihr vom Herzen: Das ganze Lager schien in festem Schlummer. Kein Laut, nur der Schein der flackernden Lagerfeuer, ein einziger Posten drüben an der anderen Seite der Umzäunung. Sie beugte sich vor: Auch den hatte der Schlaf übermannt. Er hockte am Boden, den Kopf auf die Brust gesenkt.

Trotzdem ging sie so, daß Rokoffs Zelt sie deckte. Rechts und links drohten gespensterhaft die übrigen Zelte, doch bald hatte sie den Zaun erreicht.

Sie stand schon Auge in Auge mit der wilden Dschungelnacht. Pechschwarze Nacht, wie ein tiefer Rachen schrecklich geweitet ... In das Brüllen der Löwen mischte sich fernes Hyänengeheul, und all die unzähligen Stimmen der Dschungel hallten herüber, unheimlich und in unsagbarem Durcheinander.

Einen Augenblick zögerte Jane. Sie zitterte. Entsetzlicher Gedanke: Jetzt hinaus in diese Nacht, wo all diese Bestien gierig das Dickicht durchstreiften! Doch dann gab sie sich einen Ruck. Es hieß tapfer sein. Ihre kleinen Hände griffen fest in das Dornengestrüpp, und, ob sie sich blutende Wunden riß, was tat's? Fast atemlos arbeitete sie sich vorwärts, immer mehr lichtete sich die schmale Öffnung, und endlich war sie so weit, daß sie ihren schlanken Leib hindurchzwängen konnte.

Der Zaun lag hinter ihr, und mit ihm ein Schicksal, schlimmer als der Tod.

Vor ihr zwar nichts anderes: Ein bitteres Los, und doch: Es war dies ja nur der Tod ... o, ein rascher, ein erlösender, ein ehrenvoller Tod!

Sie war gefaßt. Ohne mit der Wimper zu zucken, hastete sie davon. Fort, nur fort von diesem Lager ... Ein paar Sekunden, und die unheimliche Dschungelnacht hatte Jane verschlungen.


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