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Von seinen Tieren befreit

Die Krieger waren Tarzan und Sheeta dicht auf den Leib gerückt. Wenn das auch ein Leopard von Fleisch und Blut war, man mußte sich nur ein wenig zusammenreißen .., und unter dem gewaltigen Speerhagel würde selbst Sheeta sein Schicksal ereilen ...

Rokoff redete heftig auf den Häuptling ein, er solle doch endlich seinen Leuten die todbringenden Geschoße freigeben, und diesem lag das entscheidende Wort auch schon auf der Zunge, da streiften seine Blicke über Tarzan und ... weiter.

... Und mit einem gellenden Schreckensschrei wandte sich der Häuptling und floh in Richtung auf das Dorftor. Nicht anders seine Leute: Sehen, was sich da heranwälzte ... und Hals über Kopf ihm nach, das war das Werk eines Augenblickes ...

Kein Wunder, denn Akuts furchtbare Affenherde war polternd und wutschnaubend auf dem Plan erschienen, die wuchtigen Gestalten im grellen Mondlicht bis ins Unwahrscheinliche verzerrt und noch unheimlicher im Flammenschein der lodernden Feuerbrände.

Und als der Affenmensch jetzt sah, daß die Eingeborenen sich in wilder Flucht zu retten suchten, da brauste sein gewaltiger Kampfruf jäh über die angstgepeitschten schwarzen Scharen. Brüllend antworteten Sheeta und die Affen und stürzten sich in grimmer Wut über die Flüchtenden. Wohl suchten einige Krieger sich in verzweifeltem Kampfe ihrer rasenden Gegner zu erwehren, doch lagen sie nur zu bald unter reißenden Pranken und fletschenden Zähnen in ihrem Blute.

Anderen sprang der Tod in den Nacken, ehe sie sich's noch versahen, ja als sie sich schon durch ihre Flucht gerettet glaubten. Erst als kein Mensch mehr im Dorfe zu sein schien, erst als die letzten Schwarzen das schützende Dickicht erreicht hatten, gelang es Tarzan, die unbändige Horde zu sich zurückzurufen.

Er mußte leider gleich die schmerzliche Entdeckung machen, daß keines, nicht einmal der immerhin intelligentere Akut, begreifen konnte, daß er nun endlich aus seinen Fesseln vom Pfahl befreit werden wollte.

Nach und nach würde es ja in diesen Dickschädeln dämmern, doch was konnte sich bis dahin alles ereignen! Die Schwarzen würden mit Verstärkung geschlossen zurückkehren. Oder die Weißen knallten einfach von den Bäumen in der Runde alles nieder, was die nächtliche Feier gestört hatte. Und er mußte eines elenden Todes sterben, bloß weil diese dummen Affen noch nicht auf den Gedanken gekommen waren, ihm die Fesseln einfach zu durchbeißen.

Sheeta? Das große Katzentier konnte ihn hierin gleich gar nicht verstehen, wiewohl er sich immer mehr über die einzigartigen Fähigkeiten, die Sheeta an den Tag gelegt hatte, wunderte. Sheeta war ihm wirklich gut Freund, daran durfte nicht gezweifelt werden; denn, als das Tier jetzt die Schwarzen zum Teufel gejagt hatte, trottete es immer vor ihm auf und ab, schmiegte sich wohlig an seine Beine und schnurrte fast wie ein Kätzchen, dem man mit der Hand über das Fell streichelt. Er war auch fest davon überzeugt, daß seine Affenhorde einzig und allein von Sheeta zu Hilfe gerufen worden sein konnte. Sein Sheeta war einfach ein Juwel unter den Tieren der Dschungel.

Daß Mugambi nicht mitgekommen war, befremdete den Affenmenschen nicht im geringsten. Er fragte aber Akut, wie es mit dem Schwarzen stehe. Es konnte ja leicht möglich sein, daß die Raubtiernaturen der wilden Affen seine Abwesenheit benutzt hatten, um nach altgewohntem Dschungelrecht über den Schwarzen herzufallen und ihn zu vernichten.

Der große Affe wußte jedoch nichts weiter zu antworten, als immer stumm nach der Richtung zu zeigen, aus der die ganze Horde vorhin so plötzlich rettend erschienen war.

Die ganze Nacht über blieb Tarzan noch immer in seiner verzweifelten Lage am Marterpfahl gefesselt, und im ersten Morgengrauen fand er seine Befürchtungen bestätigt: Der Dschungelsaum rings um das Dorf wimmelte von nackten schwarzen Gestalten. Ab und zu wagte sich der eine oder der andere schon ein Stück weiter ...

Man kam also wieder ...

Und wenn erst die Sonne hell vom Himmel strahlte, würden sie sich stark genug fühlen, es dieser handvoll Tieren heimzuzahlen, daß man sie aus Haus und Hof so schändlich hinausgejagt hatte. Der ganze Erfolg des nächtlichen Überfalls war mit einem Schlage zunichte gemacht, wenn die Schwarzen jetzt Aberglauben, Schrecken und Furcht beiseitewarfen und im Vollgefühl ihrer zahlenmäßigen Überlegenheit mit Speeren und Pfeilen über die Eindringlinge Tod und Verderben ausschütteten. Weder Sheeta noch die Affen würden solchen Ansturm lebend überstehen ...

Einige Minuten später war es auch schon klar, daß die Schwarzen sich ernstlich zum Angriff rüsteten: Ab und zu zeigte sich ein stärkerer Trupp auf freiem Felde zwischen Dorf und Dschungel, sie tanzten und sprangen, fuchtelten mit ihren Speeren wild in der Luft herum und schienen sich mit wütendem Kampfgeschrei und herausfordernden Rufen nicht genug tun zu können.

Tarzan kannte diese Manöver: Die Schwarzen würden sich so lange in immer größere Kampflust hineinsteigern und gegenseitig anfeuern, bis der Mut wenigstens zu einem kurzen raschen Angriff zu reichen schien. Wenn es ihnen dann auch nicht gleich im ersten Vorstoß gelingen sollte, den Zugang zum Dorfe zu erzwingen ..., beim zweiten oder dritten Male würden sie schließlich doch ihr Ziel erreichen. Und damit das Ende seiner zwar furchtbaren, aber doch unbewaffneten und undisziplinierten Verteidiger ...

Er fand seine Vermutungen auch sofort bestätigt. Unter gräßlichem Kampfgeheul stürmte die erste Welle heran, doch löste ein schriller markerschütternder Schrei des Affenmenschen die Reihen der schwarzen Krieger in wilder Flucht. Eine halbe Stunde lang suchten sie durch Tanzen und gellendes Geschrei ihren gesunkenen Mut wieder aufzupeitschen, und als sie sich endlich auf dem Höhepunkt ihrer Kampfgelüste glaubten, setzten sie zum neuen Vorstoß an.

Diesmal kamen sie bis dicht an das Dorftor. Als aber Sheeta und die schreckengebietende Affenhorde nicht zauderten, Ernst zu machen, ja als die Schwarzen einige der Bestien schon mitten unter sich gewahrten, rannten sie abermals Hals über Kopf in die Dschungel zurück.

Und abermals begannen drüben Tanz und Lärm, und immer lauter schollen prahlende Kampfrufe vom Walde. Kein Zweifel: Beim nächsten Angriff nahmen sie das Dorf. Sie würden reinen Tisch machen. Tarzan gab sich keiner Täuschung hin: Jetzt würde sich der Kreis ihrer Rache schließen, es ging zu Ende. Hätten sie die Unterstützung der Weißen gehabt, so wäre ohne Zweifel gleich der erste Ansturm geglückt ...

So nahe die Hilfe ... und doch keine Hilfe, weil die armen wilden Freunde einfach nicht begriffen, was ihm jetzt allein Rettung bringen konnte ..., o, das war das Bitterste für ihn. Doch er durfte es ihnen nicht übelnehmen – sie hatten getan, was in ihren Kräften stand. Sie würden auch jetzt an seiner Seite bleiben und in dem aussichtslosen Verteidigungsringen bis zum letzten Atemzuge für ihn kämpfen. Bis sie alle tot den Rasen deckten ...

Der Angriff war auch schon im Gange. Ein paar Beherzte sprangen voraus und feuerten die anderen zu raschem Nachdringen an. Schon traten die ersten auf die Lichtung, und im nächsten Augenblick mußte der ganze wilde Kriegerschwarm aus dem nahen Dschungeldickicht hervorbrechen.

Tarzan dachte an sein Kind, wie es nun in den grausamen und unbarmherzigen Armen der Wildnis verkommen würde. Sein Herz bäumte sich auf im qualvollen Bewußtsein, nie und nimmermehr dem Kinde Rettung bringen zu können ...

Und dazu Jane! Was würde sie alles zu dulden haben! Tapfer und ohne Zittern sah er seine letzten Minuten heranschleichen, und doch: Dieser Berg bangender Gedanken schien ihn fast zu erdrücken.

Als in letzter Nacht sein Schicksal schon einmal besiegelt schien, da war Hilfe gekommen, Rettung, wie es schien ..., und nun war auch diese einzige Hoffnung grausam ins Nichts zerflossen. Zerstoben ... dahin ...

Die Schwarzen bewegten sich jetzt in raschem Tempo über das freie Gelände zwischen Waldrand und Dorf. Mit einem Male wurde Tarzans Aufmerksamkeit abgelenkt. Sonderbare Unruhe hatte sich eines seiner Affen bemächtigt, dann starrte das Riesentier unentwegt auf eine der gegenüberliegenden Hütten. Ein Stein fiel Tarzan vom Herzen, er hätte vor Freude am liebsten laut aufgeschrien: Mugambi kam, er erkannte ihn sogleich am prächtigen Wuchs seines glänzenden Körpers.

Der Schwarze keuchte schwer, wiewohl er ja nicht gerade der Schwächste war. Er mußte körperlich und seelisch Unerhörtes durchgemacht haben. Im Nu war er neben Tarzan, und als die vorderste Reihe der Angreifer gerade das Tor erreicht hatte, sprengte Mugambis Messer mit scharfem Schnitt die letzte Fessel, die Tarzan am Pfahle hielt.

Die Opfer des Nachtkampfes lagen noch auf der Dorfstraße, wie sie unter den Pranken und Fängen der Tiere gefallen waren. Tarzan ergriff sofort Speer und knorrigen Knüttel und stürmte mit Mugambi an der Spitze seiner wutschnaubenden Horde den Eingeborenen entgegen, die gerade in wilden Scharen durch das Dorftor hereinströmten.

Ein Kampf bis aufs Messer folgte, schrecklich anzuschauen ..., schließlich wichen die Schwarzen, wie es schien, vor allem von furchtbarem Entsetzen gepackt: Ein Weißer, ein Schwarzer und mit ihnen gar ein Leopard und Akuts zähnefletschende Affenbestien ..., das war zuviel, um mutig und zähe Trotz zu bieten. Sie sahen ein, daß diesen Gegnern auch mit ihrer Übermacht nicht beizukommen war.

Tarzan hatte einen Gefangenen gemacht und suchte sogleich von ihm zu erfahren, was aus Rokoff und dessen Leuten geworden sei. Erst als er dem Schwarzen Leben und Freiheit zugesichert, erzählte er alles, was er über die weiteren Unternehmungen Rokoffs wußte.

Demnach hatte der Häuptling am Morgen die Weißen zu gemeinsamer Rückkehr nach dem Dorfe zu bewegen versucht. Sie sollten die scheußlichen Eindringlinge einfach mit ihren Gewehren niederknallen. Doch schien Rokoff vor dem weißen Riesen und seinen unheimlichen Kampfgenossen noch mehr Angst als die Schwarzen gehabt zu haben.

Er wollte unter keinen Umständen sich auch nur bis zum Dschungelrand zurückwagen, ja er hatte sich mit seinen Leuten eiligst zum Strom zurückgezogen und dort einfach einige von den Schwarzen versteckte Boote für sich und die Seinen mit Beschlag belegt. Schließlich hätten sie sich mit größter Geschwindigkeit stromaufwärts davongemacht. Die Träger, die Rokoff in Kaviris Dorf angeworben hatte, mußten rudern.

Darauf zog der Affen-Tarzan mit seinem wilden Tiertrupp sofort von neuem los. Es galt, das Kind zu finden, also den Schändlichen auf den Fersen zu bleiben.

Langsam schlichen die nächsten Tage dahin. Das Land war weit und breit fast unbewohnt, und mit Mühe und Not ließ sich immer gerade noch feststellen, daß man die rechte Spur noch nicht verloren hatte. Drei von Akuts Affenschar waren in den Dorfgefechten gefallen, sodaß außer Akut, Sheeta und Mugambi nur noch fünf dieser gewaltigen Ungetüme die Wanderung mit fortsetzten.

Über die drei – den Weißen, die Frau und das Kind – die sich anscheinend vor Rokoff geflüchtet hatten, kam dem Affen-Menschen nichts mehr zu Ohren. Er konnte sich zwar nicht das geringste Bild davon machen, wer eigentlich jener Mann und jene Frau sein mochten. Auf jeden Fall war aber sein Kind bei diesen beiden Unbekannten; das mußte ihm genügen, um in der Verfolgung auch nicht einen Augenblick nachzulassen. Rokoff war zweifellos hinter ihnen her, und so schien es ihm klar, daß ihm auf der Spur des Russen am ersten die sehnlichst erwartete Stunde schlagen würde, da er sein Kind den Gefahren und lauernden Schrecken der Wildnis entreißen konnte.

Einmal mußten sie doch die Spur verloren haben. Sie gingen ein Stück zurück und entdeckten zufällig die Stelle, an der der Russe an Land gegangen war und nunmehr in nördlicher Richtung den Weg durch die Dschungel eingeschlagen hatte.

Tarzan schloß daraus, daß die beiden mit dem Kind wahrscheinlich auch vorher dort den Wasserweg verließen.

Er konnte indessen nirgends unterwegs irgend etwas in Erfahrung bringen, was ihn von der Richtigkeit seiner Annahme überzeugt hätte. Er fragte hier und da einen Eingeborenen aus, aber keiner hatte von den Flüchtigen etwas gesehen oder gehört. Fast alle wußten jedoch von dem Russen zu berichten; teils hatten sie ihn selbst gesehen, teils konnten sie es nur vom Hörensagen bestätigen, daß er in der Nähe gewesen sei.

Überdies war es nicht leicht, mit den Eingeborenen ins Gespräch zu kommen. Tarzans wilde Reisegesellschaft erblicken und Hals über Kopf das Weite suchen, das war gewöhnlich eins. Ihm blieb nur übrig, ab und zu sich von seiner Horde zu trennen und es dem Glück zu überlassen, daß ihm einmal ein Schwarzer allein in der Dschungel begegnete.

Als er eines Tages wieder auf der Lauer lag, stieß er plötzlich auf solch einen Wilden, wie er seinen Speer drohend auf einen weißen Mann richtete, der, anscheinend bereits verwundet, kriechend unter einem dichten Gebüsch am Wege Schutz gesucht hatte. Tarzan hatte den Weißen oft gesehen; er erkannte ihn auch auf den ersten Blick.

Tief, zu tief, hatten sich diese häßlichen Züge in sein Gedächtnis eingegraben: die eng beieinanderstehenden flackernden Augen, der gelbe Bart, der so struppig nach unten hing ... Es fiel dem Affenmenschen auch sofort ein, daß dieser Mensch nicht unter Rokoffs Leuten bei ihm im Dorfe gewesen war; neulich in der Hütte, als er gefangen dalag, hatte er sich ja die ganze Gesellschaft genau betrachtet, aber dieser da ...?

Hier gab es nur eine einzige Erklärung: Dieser Mann war Rokoff mit jener Frau und dem Kinde entflohen – und die Frau ... war seine Jane. Jetzt ging ihm ein Licht auf, er entsann sich Rokoffs Drohungen.

Der Affenmensch wurde blaß vor Wut, als er jetzt das aufgedunsene und verlebte Gesicht des Schweden sah.

Die breite Narbe quer über Tarzans Stirn quoll gleichsam in dunkler Röte hervor ..., die Narbe, die wie ein Band jenes Wundmal deckte, das Terkop ihm vor Jahren in wildem Ringen in die Stirn gerissen, damals, als er sich das Königsrecht in Kerschaks Affenstamm erkämpft hatte.

Er wollte den Weißen jetzt richten, der Schwarze sollte nichts mehr mit ihm zu tun haben ... Tarzan sprang auf den Krieger los und schlug ihm den Speer aus der Hand, ehe er noch den Weißen berührte. Sofort zog der Schwarze sein Messer und nahm den Kampf mit seinem neuen Gegner auf. Dem Schweden aber, der jetzt unbehelligt im Gebüsch lag, bot sich ein Schauspiel, wie er es nie auch nur im Traum gesehen hatte: Ein halbnackter Weißer und ein halbnackter Schwarzer in furchtbarem Zweikampf, erst in grausigem Handgemenge mit Waffen, mit denen wohl nur die rohen Urmenschen auf einander losgegangen sein mochten, und dann mit Händen, Armen und Zähnen ineinander verkrampft ...

Anfangs hatte Anderssen den Weißen nicht erkannt. Doch als es endlich in ihm dämmerte, daß er diesen Riesenmenschen schon einmal gesehen haben mußte, weiteten sich seine Augen vor Entsetzen: Dieses brüllende, raubtierähnliche Ungeheuer sollte der elegante Engländer gewesen sein, den man als Gefangenen an Bord der »Kincaid« mitgeschleppt hatte ...?

Ein englischer Adeliger auch noch? Lady Greystoke hatte ihm ja unterwegs während der Flucht auf dem Ugambi erst alles Nähere über die Persönlichkeit der Gefangenen anvertraut, denn vorher, solange er es nur mit dem Gesindel auf dem Schiffe zu tun gehabt, hatte er sich nicht darum gekümmert, was es mit den beiden eigentlich für eine Bewandtnis habe. – Der Kampf war aus. Tarzan hatte den Schwarzen töten müssen, da der Mann sich nicht ergeben wollte.

Der Schwede sah, wie der Weiße sich jetzt von seinem Opfer erhob und einen Fuß auf das Genick seines Gegners setzte. Und gewaltig scholl der Siegerschrei der Riesenaffen durch die Dschungel ...

Ein Schauer durchlief Anderssen. Dann sah er Tarzans stahlgraue Augen auf sich gerichtet. Eisig kalt und unerbittlich war dieser Blick, und in ihm stand geschrieben: du mußt sterben ...

Wo ist meine Frau? schrie ihn der Affenmensch an. Und mein Kind?

Anderssen wollte antworten, doch nahm ihm ein plötzlicher Hustenanfall den Atem. Noch steckte ja der Pfeil in seiner Brust, und als die schwergetroffenen Lungen jetzt nach Atem rangen, schoß ihm plötzlich das Blut aus Mund und Nase.

Tarzan wartete. Der Anfall mußte ja vorübergehen. Wie eine Bronzestatue – kalt, hart und unbarmherzig – stand er bei diesem hilflosen Mann. Er wartete! Nun noch aus diesem Kerl herauspreßten, wonach ihn verlangte ... dann war er erledigt.

Das Husten ließ nach, und sogleich suchte der Verwundete wieder zu sprechen. Seine Lippen bewegten sich nur schwach. Tarzan kniete zu ihm nieder.

Meine Frau und mein Kind? fragte er noch einmal.

Anderssen wies auf den schmalen Fußpfad.

Der Russe ... sie ... gefangen ..., flüsterte er.

Wie kommst du hierher? Warum bliebst du nicht bei Rokoff? fuhr Tarzan fort.

Sie ... überfielen ... uns ..., hauchte Anderssen. Der Affenmensch konnte es kaum verstehen, so leise kamen diese Worte hervor. Sie haben ... uns ... überfallen. Ich kämpfte, aber die anderen ... alle ... ausgerissen.

Sie ließen mich hier liegen ... mit diesen Wunden. Rokoff sagte ... für die ... Hyänen ... schlimmer als ... gleich tot. Weib und Kind ... hat er mitgenommen ...

Was hast du mit ihnen zu schaffen gehabt? Wo hast du sie her? fragte Tarzan, und er stürzte sich wütend über den Weißen. Er schien sich nicht mehr in der Gewalt zu haben; Haß und wilde Rachgier und alle Leidenschaften schienen entfesselt. Was hast du meiner Frau und meinem Kind getan? Heraus mit der Sprache, aber rasch, ehe ich ... Das Schlimmste will ich hören, oder ich reiße dich in tausend Stücke!

Anderssen sah, wie die wutverzerrten Augen des Affenmenschen ihn fast durchbohrten ...

Wieso? flüsterte er. Ich hab' ihnen kein Haar gekrümmt, ich suchte sie nur aus der Hand ... des Russen zu retten. Ihre Frau war ... so ... gut ... zu mir auf der »Kincaid«, ich ... hörte das kleine Kind ... so schreien. Immer wieder ... so schreien. Habe Weib und Kind ..., daheim in Kristiania, konnte ... nicht mehr ansehen ... Mutter und das Kleine ... getrennt und in Rokoffs ... Gewalt. Das war alles. Sehe ich so aus ..., als ... ihnen ... ein Leids tun ...? Bei diesen Worten deutete er auf den Pfeil, der ihm tief in der Brust saß.

In der ganzen Art, wie dieser Mann sprach, im Tonfall der Stimme lag etwas Überzeugendes, was Tarzan jetzt stutzig machte. Anderssen schien auch kein böses Gewissen zu haben, es kam ihm vielmehr vor, als sei er geradezu betroffen über die Anklagen, die er über sich ergehen lassen mußte. Anderseits fühlte er sicher sein Ende nahe, und so mochten Tarzans Drohungen ihm kaum besonders nahegehen. Immerhin hatte er aber auch offensichtlich den Wunsch, dem Engländer die Tatsachen zu enthüllen und ihn sogar dahin zu bringen, daß er nicht den geringsten Zweifel mehr in seine Aussagen setzte.

Der Affenmensch beugte sich dicht über den Schweden. Ich bitte um Verzeihung, sagte er jetzt ganz schlicht und ruhig. Ich hatte gemeint, es gäbe nur Schufte in Rokoffs Nähe ... ich sehe ein, das war nicht recht von mir. Doch das ist vorbei. Viel wichtiger ist es, dich jetzt in Sicherheit zu bringen und erst mal nach deinen Wunden zu sehen. Du sollst sobald als irgend möglich wieder auf den Beinen sein.

Ein Lächeln huschte über das Gesicht des Sterbenden. Er schüttelte den Kopf.

Suchen ... Sie lieber ... Weib und Kind ..., kam es leise von seinen Lippen. Ich bin ... schon so gut ... wie ... tot ..., aber ... – er zögerte eine Weile – ... ich  ... denken ... die Hyänen ... Wollen Sie nicht ... lieber gleich ... Schluß machen?

Tarzan war bis ins Mark erschüttert: Noch vor wenigen Minuten war es bei ihm beschlossene Sache gewesen, diesen Mann zu vernichten. Und nun kam er ihm mit dieser letzten Bitte ...! Nein, das war zu viel. Der war ihm ja mehr als sein bester Freund gewesen ...

Er bettete den Kopf des Schweden in seine Arme. Der Ärmste sollte es spüren, daß er es gut mit ihm meinte. Vielleicht lag er so bester.

Doch von neuem packte ihn ein schrecklicher Hustenanfall. Wieder rieselte Blut aus Mund und Nase. Darnach lag Anderssen still mit geschlossenen Augen da.

Tarzan dachte, der Schwede sei nun tot. Doch plötzlich schlug er seine Augen noch einmal auf, ruhig schauten sie den Affenmenschen an, und nach einem kurzen Seufzer flüsterte er ganz leise, kaum daß noch irgend so etwas wie Kraft diesen letzten Worthauch durchbebte:

Das ... wird ... sich ... alles ... bald ... genug ... finden ...

Sprachs, – und verschied.


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