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In der Schlammhöhle der Krokodile

Als der Affen-Tarzan merkte, daß die großen Kinnbacken eines Krokodils sein Bein fest umklammerten, war er sofort zu tapferer Gegenwehr entschlossen. Jeder andere würde sich in gleicher Lage nur zu bald in sein Schicksal ergeben haben, doch Tarzan war der letzte, der gleichsam die Flinte ins Korn geworfen hätte, ehe nicht alle Möglichkeiten erschöpft waren.

Und so hatte er augenblicklich seine Lungen durch tiefe Atemzüge mit reichem Luftvorrat gefüllt, ohne zunächst in nutzlosem Ringen seine Kräfte zu vergeuden. Als er dann aber von dem mächtigen Wasserungetüm hinabgezogen wurde, setzte er die ganze Kraft seiner gewaltigen Muskeln ein, um freizukommen. Es war ein Kampf auf Leben und Tod, auf beiden Seiten mit größter Erbitterung geführt.

Allein der Affenmensch befand sich hier unter Wasser doch nicht in seinem ureigentlichen Element. Die Kampfbedingungen waren mehr als ungleich, zumal er ja auch noch in seiner Bewegungsfreiheit wesentlich gehemmt wurde.

Je mehr er sich mühte loszukommen, um so mehr schien er das Untier zu reizen. Mit immer größerer Energie zog es sein Opfer in den kühlen Fluten nach sich.

Tarzans Lungen waren schon jetzt fast zum Bersten mit Stickluft gefüllt. Hätte er nur einen einzigen Atemzug in frischer freier Luft tun können, mit übermenschlicher Kraft würde er dann das Äußerste gewagt haben! Er fühlte, es konnte sich nur noch um wenige Sekunden handeln, und er war erledigt. Schon sah er deutlich sein letztes verzweifeltes Sichaufbäumen, aber noch war es Zeit, wenigstens seinen eigenen Tod an diesem Scheusal zu rächen.

Er bog sich rasch dicht an den glatten Panzerleib seines Gegners und, wiewohl ihm sein Beginnen im gleichen Augenblick fast aussichtslos erschien: er wollte wenigstens alles versucht haben, was seine Kräfte noch hergaben. Es schien ihm, als schleife das Tier ihn gerade in seinen unheimlichen Unterwasserbau ..., also rasch, ehe es zu spät war! Und in heftigem Stoße traf sein Messer den Leib des Krokodils in die Seite.

Allein dem Koloß war nicht beizukommen. Das Tier schoß nur immer schneller dahin, und schon drohten Tarzans Kräfte endgültig zu versagen, schon fühlte er, daß in der nächsten Sekunde sein Schicksal besiegelt sein mußte – da wurde er mit einem Male auf schlammigen Grund gehoben: Er war mit dem Kopf über Wasser. Ringsum Grabesstille und alles in dunkle Nacht getaucht ...

Keuchend rang der Affen-Tarzan nach Atem. Kein Zweifel, das Tier hatte ihn in seinen schlammigen stinkenden Pfuhl geschleppt, und im nächsten Augenblick würde es unbarmherzig über ihn herfallen ...

Er tastete seitwärts: Da lag der Riesenkörper, kalt und hart der schützende Panzer, der sich jetzt in gewaltigen Zuckungen auf und ab hob, als schnappe das Tier krampfhaft nach Luft.

Einige Minuten lagen sie beide schnaufend beieinander. Es schien, als habe ein jedes genug mit sich selber zu tun.

Doch mit einem Male erbebte das Krokodil, wild zuckte der Panzerleib in furchtbarem Krampfe, dann sank er starr und steif in den dumpfen Pfuhl zurück.

Tarzan erhob sich langsam auf die Knie und stellte zu seinem größten Erstaunen fest, daß das Ungeheuer tot war. Wie durch ein Wunder war sein scharfes, schlankes Messer an einer vom Schuppenpanzer unbedeckten Stelle verderbenbringend in den massigen Leib seines unerbittlichen Gegners eingedrungen.

Mühsam stand er auf und wankte tastend in der entsetzlichen Schlammhöhle herum. Er war tatsächlich in dem unterirdischen Bau einer Krokodilfamilie gefangen. Weit dehnte sich die schreckliche Höhle, und es schien ihm, als hätten hier gut ein Dutzend oder mehr dieser gewaltigen Wasserungeheuer Platz gehabt.

Hier half keine Beschönigung, es war kein Zweifel: Er steckte in dem grausigen Unterschlupf jener Ungetüme, und über ihm wölbte sich das feste steinige Uferland. Wollte er überhaupt hier herauskommen, würde ihm nichts anderes übrig bleiben, als wieder in die tiefen Fluten zu tauchen, denn sicher lag der Eingang zu dieser seltsamen Höhle weit unter Wasser. Es hieß also den Weg finden, auf dem das Krokodil ihn hereingeschleppt hatte.

Fort von hier, das war natürlich sein erster Gedanke gewesen, aber daß er nun sogleich an die Wasseroberfläche des Stromes und damit auch dicht an das rettende Ufer gelangen würde, kam ihm durchaus unwahrscheinlich vor. Wie, wenn der enge Unterwasserzugang sich zwischen Klippen und kantigen Felsen hindurchwand, oder wenn er – und das wäre das Schlimmste – gar einem der scheußlichen Höhlenbewohner, der vielleicht gerade von seinem Beutezug zurückkehrte, gleichsam in den Rachen schwämme? Und sollte er doch unbehelligt hier unten durchkommen: Auch dann bestand ja immer noch die Gefahr, daß er von anderen angegriffen wurde, bevor er noch daran denken konnte, in verzweifeltem Sprung das Ufer zu erreichen.

Indessen, er hatte hier nicht zu wählen. Es gab nur eines, er mußte es wagen. Noch einmal sog er in tiefen Zügen Luft in die Lungen, und dann hieß es, dieser dumpfen, verpesteten Höhle den Rücken zu kehren.

Der Affen-Tarzan tauchte hinab in die dunkle kühle Wassergruft. Nicht einen halben Meter weit konnte er sehen in diesem schlammdurchsetzten Wasser, und nur mühsamem Tasten mit Füßen und Beinen war es zu verdanken, daß er sich überhaupt zurechtfand.

Das Bein, um das sich vorhin der Rachen des Krokodils geschlossen hatte, schien arg mitgenommen zu sein, doch er fühlte wenigstens, daß die Knochen nicht gebrochen waren. Selbst Muskeln und Sehnen mochten kaum wesentlich verletzt sein, sonst hätte er ja das Bein überhaupt nicht bewegen können. Er hatte nur heftige Schmerzen, das war alles. Und dafür war er der Affen-Tarzan, gewohnt, das Schlimmste zu tragen, ohne mit der Wimper zu zucken.

So machte er sich auch weiter keine Gedanken darüber, als er festgestellt hatte, daß das Bein nicht sonderlich in Mitleidenschaft gezogen war und daß es voll seinen Dienst tat, wiewohl die scharfen Zähne des Wasserungetüms vorhin nicht gerade sanft zugepackt hatten.

Halb kroch, halb schwamm er, so rasch es eben ging, durch den schmalen Unterwassergang, der sich anfangs sogar erst abwärts senkte, aber endlich in breiter Öffnung nach oben auslief.

Als er aus den Fluten des Stromes heraustauchte, sah er auch schon das Ufer: Nur ein paar Meter noch, dann war er gerettet Unter Anspannung aller Kräfte schwamm er weiter und schwang sich blitzschnell ins Geäst eines Baumes, dessen Zweige das Wasser dicht am Ufer beschatteten.

Um ein Haar wäre es zu spät gewesen, denn kaum war er auf sicherem Baumsitz geborgen, als ihm von unten aus den trüben Fluten zwei Krokodilsrachen schrecklich geweitet entgegenfuhren ...

Tarzan gönnte sich nun ein paar Minuten Ruhe. Er war gerettet, und das hatte er nur diesem Baum zu verdanken, der ihm gleichsam im letzten Augenblick helfend die Hand gereicht. Dann schweiften seine Blicke stromabwärts, doch soweit sich von hier aus der Strom mit seinen zahlreichen Windungen übersehen ließ, war nicht das Geringste von dem Russen oder seinem Boot zu entdecken.

Er verband sein verwundetes Bein, so schlecht und recht es eben ging, und mit dem Gefühl, sich einigermaßen erholt zu haben, nahm er sofort die Verfolgung des treibenden Bootes wieder auf. Er wußte zwar, daß er jetzt auf der anderen Uferseite war, denn das furchtbare Abenteuer hatte ja drüben begonnen; doch das war nicht von Belang: Sein Opfer würde ohnehin die sicheren Fluten mitten im Strom kaum verlassen, und so schien es einerlei, ob er ihn drüben oder hier am Ufer einholte.

Er war jedoch schmerzlich überrascht, als sich unterwegs herausstellte, daß die Beinverletzungen nicht so einfach zu nehmen waren, wie er sich erst gedacht hatte, ja daß sie ihn ernstlich am raschen Vorwärtskommen hinderten. Nur unter größter Selbstbeherrschung schleppte er sich weiter, und dabei schien ihm sein Tempo langsamer, als wenn er mit gesunden Gliedern bequem spazieren gegangen wäre. Als er dann in seiner altgewohnten Art auf halber Höhe der Bäume vorzudringen suchte, fand er auch da nicht die erhoffte Steigerung seiner Marschleistung. Im Gegenteil: Das war jetzt noch gefährlicher und konnte den Zustand seines Beines nur verschlimmern ...

Er dachte mit einem Male an das, was ihm das alte Negerweib Tambudza neulich erzählt hatte. Zweifel und böse Ahnungen quälten ihn schon lange, und im stillen grübelte er darüber nach, was er eigentlich aus diesen immerhin verworrenen Nachrichten über die Seinen machen sollte. Die Alte hatte auch gesagt, daß die weiße Frau über den so plötzlichen Tod des kleinen Kindes tief bekümmert gewesen sei, doch hatte sie dann hinzugefügt, daß das arme Geschöpfchen nach ihrer Überzeugung kaum das eigene Kind jener Frau gewesen sein könne.

Tarzan konnte anderseits nicht einsehen, aus welchem Grunde Jane es hätte für ratsam halten sollen, die Eingeborenen über ihre volle Zugehörigkeit zu dem Kinde hinwegzutäuschen. Dann blieb eben nur nach allem Für und Wider als einziger Schluß die Tatsache, daß die weiße Frau, die sein Kind und den Schweden auf der schnellen Flucht nach Innerafrika begleitet hatte, überhaupt nicht seine Jane gewesen war.

Und je länger ihn diese ganze Frage beschäftigte, um so mehr kam er zu der festen Überzeugung, daß sein Kind nun wirklich tot und seine Frau in London sicher geborgen war. Nur gut, sie wußte wenigstens nicht um das schreckliche Schicksal, das ihren Erstgeborenen in dieser Wildnis ereilt hatte.

Damit wäre nun auch Rokoffs geheimnisvolle höhnische Anspielung auf Jane hinfällig, und er hätte die lange Zeit eigentlich eine doppelte Sorgenlast unnötigerweise auf sich genommen, meinte schließlich der Affenmensch. Gewiß, der Tod seines kleinen Jack hatte ihn tief erschüttert, aber wie er jetzt immer klarer über Janes Schicksal geworden zu sein glaubte, kam es ihm vor, als könne und dürfe er doch ein wenig aufatmen.

Freilich ..., welche schrecklicher Tod war dem Kleinen beschieden gewesen! Alle Einzelheiten dieses Fiebersterbens meinte er im Geiste vor sich zu sehen, das Kind mußte furchtbar gelitten haben, das kleine, unschuldige Geschöpfchen! Und ihm, dem Affen-Tarzan, den keine Gefahr und kein Todesrachen in der weiten und unbarmherzigen Dschungel je erzittern ließen, ihm, dem Tarzan, wie er leibte und lebte, jagte ein Schauer eiskalt über den Rücken, als er jetzt an die qualvollsten Stunden seines kleinen Jack dachte.

Mühsam und unter fortwährenden Schmerzen bahnte er sich den Weg nach der Küste. All die furchtbaren Schandtaten, die der Russe verübt, kamen ihm keinen Augenblick aus dem Sinn, ja er hatte sich in einen derartigen Zorn hineingesteigert, daß die große Narbe auf seiner Stirn fast ununterbrochen wie ein scharlachrotes Band leuchtete. Und das war ein Zeichen, daß er wieder einmal von den wildesten Leidenschaften durchwühlt war, und daß ihm niemand hätte in die Quere kommen dürfen, wenn er nicht sein Leben riskieren wollte.

Bisweilen erschrak er über sich selbst, wenn sich mit einem Male – fast unwillkürlich – wilde Schreie und grausiges Gebrüll seiner Kehle entrangen, und die kleineren Dschungeltiere dann angstgepeitscht seinen Weg kreuzten und auf Nimmerwiedersehen in ihre Verstecke verscheucht wurden.

Könnte er nur endlich diesen Russen fassen und seinem Herzen Luft machen!

Zweimal kam er auf der langen Wanderung zur Küste in die Nähe von Ortschaften, und jedesmal suchten die kampflustigen Eingeborenen ihm mit unmißverständlicher Gebärde und unter Drohungen den Weg abzuschneiden. Doch sowie sein unheimlicher Affenruf ihnen entgegendonnerte, blieben sie starr vor Entsetzen stehen, und als der mächtige weiße Riese dann gar brüllend auf sie zustürzte, wandten sie sich in wilder Flucht und tauchten nicht eher wieder aus ihren Unterschlupfen im dichtesten Dschungelgestrüpp hervor, als bis der böse Fremdling über alle Berge war.

In bezug auf das, was schnell oder langsam war, dachte der Affenmensch von jeher stets an die Fixigkeit der kleinen Affen, und so stellte er jetzt zu seinem großen Schmerze immer wieder fest, daß er nur äußerst langsam vorwärtskam. In Wirklichkeit leistete er aber dasselbe wie Rokoff, der in seinem Boot auf dem Strom abwärts trieb, und erreichte schließlich die Bucht und das Meer an demselben Tage – allerdings erst nach Einbruch der Dunkelheit –, an dem Jane und Rokoff sich am Ende ihrer beschwerlichen Flucht aus dem Inneren der Wildnis sahen.

Schwer lastete die Finsternis über den dunklen Fluten des Ugambi, die Dschungel ringsum war in pechschwarze Nacht getaucht. Tarzan, dessen Augen doch mehr als einmal in wilder undurchdringlicher Dschungelnacht nicht versagt hatten, konnte heute kaum ein paar Meter weit sehen. Es war wie verhext. Und dabei hatte er sich fest vorgenommen, noch bei Nacht das ganze Ufer abzusuchen, denn er glaubte bestimmt, daß Rokoff und vor ihm auch diese Frau, die er schon in der Dschungel verfolgt hatte, an der Mündung des Ugambi angelangt sein mußten. Er ahnte natürlich nicht im entferntesten, daß nur etwa hundert Meter vor ihm ein Schiff – und sogar die »Kincaid« – vor Anker lag, denn kein Signal war auf dem Dampfer gesetzt, und auch sonst war nirgends Licht.

Tarzan hatte sich eben auf die Suche nach den beiden Flüchtlingen gemacht, als plötzlich ein Geräusch an sein Ohr drang, das er anfangs noch nicht wahrgenommen hatte. Es konnte nicht weither kommen, jedenfalls klang es, als rudere jemand vorsichtig in ein paar Meter Entfernung an ihm vorüber. Wie in Stein gemeißelt stand er da und lauschte.

Jetzt wurde der Ruderschlag schon schwächer, und mit einem Male war Ruhe. Dann vernahm er plötzlich einen schürfenden oder knarrenden Ton. Blitzschnell durchzuckte es den Affenmenschen, er hatte sofort mit seinem feinen Gehör erkannt, daß es hier nur eine Möglichkeit gab: Da mußte einer mit Lederschuhen die Sprossen einer Strickleiter an Bord klettern ... An Bord? Und doch, so sehr sich seine Blicke in die Finsternis bohrten, da war kein Schiff zu sehen, weit und breit nicht. Dafür hätte er seine Hand ins Feuer legen wollen.

Er starrte immer noch regungslos in die stockdunkle Nacht, doch vergeblich: Nicht der leiseste Schatten, der ihm das Rätsel gelöst, hob sich auf dieser schwarzen, schier unendlichen Wasserfläche ab. Mit einem Male wurde er wie vom Schlage gerührt: Ganz unerwartet durchbrach heftiges Gewehrgeknatter drüben auf dem Wasser jäh die Stille der Nacht. Dann hallte der markerschütternde Aufschrei eines Weibes unheimlich herüber.

Wiewohl der Affen-Tarzan die brennenden Wunden mehr denn je spürte, und das entsetzliche Abenteuer mit dem Krokodil ihm warnend in voller Deutlichkeit vor Augen stand, zögerte er nicht eine Sekunde, von neuem den Sprung in die Fluten zu wagen, als jener angsterfüllte Schrei schrill herüberdrang und ihm in alle Glieder fuhr. Hier war jemand in Not, es hieß sofort handeln.

Er riß sich zusammen. Ein Sprung, und er war über das hemmende Ufergestrüpp hinweg. Das Wasser spritzte hoch auf, als es zuerst über ihm zusammenschlug, und dann arbeitete er sich in mächtigen Stößen in der undurchdringlichen Finsternis voran. Er schwamm, was die Kräfte hergaben. Nichts schien ihm den Weg zu weisen, den er nehmen mußte. Ihm schwebte nur dunkel die Richtung vor, aus der jener entsetzliche Schrei ihm entgegengehallt. Vielleicht hielt ihn auch noch der Wind zum Narren, oder schreckliche Wasserungetüme würden plötzlich aus den Tiefen des Tropenstromes beutegierig nach ihm schnappen?

*

Das Boot, das Janes Aufmerksamkeit auf sich gelenkt hatte, als sie oben an Deck der »Kincaid« nach Dschungel, Strom und Strand hinüberspähte, war von Rokoff ebenfalls sofort bemerkt worden, und auch Mugambi mit seinem Tiertrupp auf dem entgegengesetzten Ufer war es nicht entgangen.

Der Russe hatte es erreicht, daß das Boot auf seine lauten Hilferufe hin sogleich auf ihn zuhielt und, als man sich erkannt hatte, auch anlegte. Nach einer kurzen Beratung ruderte man wieder los, und zwar nahm man unmittelbar Kurs auf die »Kincaid«. Sie hatten jedoch noch nicht die halbe Strecke zwischen Ufer und dem Dampfer zurückgelegt, als sie vom Deck aus mit Gewehrfeuer empfangen wurden. Einer der Matrosen am Bug des Bootes wurde auch sofort getroffen und stürzte kopfüber ins Wasser.

Sie verlangsamten augenblicklich ihr Tempo, doch schon hatte Jane von neuem eine todbringende Kugel herübergejagt ...

Es blieb ihnen nichts anderes übrig, als unverzüglich ans Ufer zurückzurudern und dort bis zum Einbruch der Dunkelheit abzuwarten ... –

Die wilde knurrende Tierhorde hatte drüben aus der anderen Seite des Stromes in unermüdlicher Verfolgung den Meeresstrand erreicht. Mugambi, der schwarze Krieger und Häuptling der Wagambi, hatte klug und sicher die Führung in der Hand behalten. Er allein konnte ja auch nur genau wissen, wer Freund oder Feind seines großen weißen Herrn war, den sie so plötzlich aus den Augen verloren.

Hätten sie jetzt nur ein Boot gehabt oder gar auf die »Kincaid« kommen können, sie würden mit jedem, der ihnen in den Weg gelaufen wäre, rücksichtslos kurzen Prozeß gemacht haben. Doch das dunkle unergründliche Wasser der Bucht mochte ihnen gewaltigen Respekt einflößen, ja es hielt sie einfach von jedem weiteren Versuch, ihr Mütchen an den Feinden ihres Herrn zu kühlen, ab, als sei es das unendliche Meer selber, das sie von ihren Opfern trennte.

Mugambi wußte übrigens ziemlich genau darüber Bescheid, weshalb man damals Tarzan auf der Dschungelinsel ausgesetzt hatte, und warum er nachher die Weißen auf dem Ugambi verfolgte: Sein weißer Gebieter suchte Weib und Kind, die ihm von dem weißen Schurken geraubt worden waren, dem sie selbst bis weit ins Innere des Landes mit nachgeeilt waren.

Und nun hatten sie ihn zum Meere zurückgejagt ... und er war ihrer Rache entgangen!

Es schien ihm kein Zweifel darüber, daß eben dieser Schuft inzwischen den mächtigen weißen Riesenmenschen ermordet hatte, den er in einer Weise verehrte und liebte, wie es nie auch den größten Häuptlingen seiner Rasse begegnet wäre. Und so loderten jetzt Wut und wilder Haß wie ein prasselndes Feuer in Mugambis Brust: Komme, was da wolle, er mußte diesen Schurken noch fassen und schreckliche Vergeltung für die schändliche Ermordung des Affenmenschen üben.

Als er aber das Boot auf dem Strom herantreiben sah und Rokoff darin erkannte, der geradenwegs auf die »Kincaid« zusteuerte, war es ihm sofort klar, daß er seinen Tiertrupp nur dann mit voller Wucht und mit Aussicht auf Erfolg zu Kampf und Rache führen könne, wenn er selbst ein Boot besäße.

So war es gekommen, daß die Tierhorde mit Mugambi wieder in der Dschungel verschwunden war, noch ehe Jane den ersten Schuß in Rokoffs Boot jagte ...

*

Nachdem sich der Russe mit seinen Leuten, die unter Pawlowitschs Führung die »Kincaid« schon vor längerer Zeit verlassen hatten, um die Rückkehr des Schiffes von irgendeiner Kohlenstation an Land abzuwarten, unter Janes Feuer nach dem Ufer zurückgezogen hatte, glaubte diese die kurze Frist, die sie nach abgeschlagenem Angriff jetzt von ihrem Posten würde weichen können, rasch und rücksichtslos ausnützen zu müssen. Denn soviel war offenbar: Nur ein tollkühner Fluchtversuch konnte sie vor den neuen Drohungen und Schandplänen jenes Rokoff ein für allemal retten.

Zunächst galt es also mit den beiden Matrosen zu verhandeln, die sie unter Deck gefangen hielt. Binnen kurzem hatte sie deren Zustimmung zu ihren Plänen, zumal sie ihnen drohte, daß sie bei der geringsten Bewegung, die auf Verrat oder Angriff schließen ließe, von ihr niedergeknallt würden. Mit Einbruch der Dunkelheit öffnete sie den Lukendeckel ...

Die Burschen sollten gleich gehörigen Respekt vor ihr bekommen, und so erzwang sie mit vorgehaltenem Revolver noch einmal das Versprechen, daß beide gewillt waren, auf jeden Fall zu ihr zu halten. Gleichwohl ließ sie erst den einen und dann den anderen an Deck steigen. Sie befahl »Hände hoch« und durchsuchte jeden sorgfältig nach Waffen. Mit Befriedigung stellte sie jedoch fest, daß die beiden keinerlei Waffe bei sich trugen, und gab ihnen sogleich den Auftrag, die Ankerkette einfach zu kappen und so die »Kincaid« aus ihren Fesseln zu befreien.

Sie hatte nämlich keinen geringeren Plan, als den Dampfer unter allen Umständen flott zu machen und ihn von der Strömung in die offene See hinaustreiben zu lassen. Mochte sie dort Sturm und Wellen auf Gnade und Ungnade ausgeliefert sein ..., was immer ihr da draußen auch passierte, es würde niemals furchtbarer und schlimmer über sie hereinbrechen, als wenn sie jetzt von neuem in die Hände dieses Nikolaus Rokoff fiele.

Vielleicht wurde die »Kincaid« auch von irgendeinem vorüberfahrenden Schiff draußen auf dem Ozean entdeckt. Wie die Matrosen ihr wiederholt versicherten, waren genug Proviant und Trinkwasser an Bord, und überdies mußte die Zeit der wilden Seestürme schon vorüber sein. Sie hatte also allen Grund, mit dem Gelingen ihres kühnen Planes zu rechnen.

Pechschwarz senkte sich die Nacht hernieder, schwere Wolken jagten von der Dschungel her über die tiefen Fluten, und nur im Westen, jenseits der Strommündung, dort, wo das Meer in wilden Wogen zum Strande brandete, schien es ihr, als mildere ein heller Schimmer die Finsternis.

Die Nacht war also wie geschaffen, um Janes kühnen Plan unbemerkt in rasche rettende Tat umzusetzen.

Ihre Feinde würden nicht das Geringste von der emsigen Tätigkeit an Bord des Schiffes bemerken, noch würden sie dem Schiff mit ihren Blicken folgen können, wenn es nun von der raschen Strömung in den Ozean hinausgetrieben wurde. Und bevor der Morgen graute, mußte die Ebbe die »Kineaid« so weit vor sich her geschoben haben, daß das Schiff schon in der Westwind-Trift schwamm und in ihr an der Küste Afrikas entlang nach Norden mit fortgerissen wurde. Jane durfte also unbedingt hoffen, die Ugambi-Mündung längst in Nebelferne hinter sich zu haben, ehe Rokoff die so plötzliche Abfahrt des Dampfers überhaupt gewahr wurde. Die junge Frau verfolgte mit Spannung die Arbeit der Matrosen, und als das letzte Glied der Ankerkette klirrend zersprang, atmete sie erleichtert auf: Sie wußte, das Schiff ging nun seinen Weg, getragen von der Strömung, und fort, fort aus dem gefahrenspeienden Rachen des Ugambi ...

Noch immer gab sie den beiden Matrosen mit schußbereitem Gewehr diesen und jenen Befehl, um alles an Deck für die ungewisse Fahrt zu rüsten, doch ging sie mit dem Gedanken um, sie nach Erledigung der wichtigsten Arbeiten wieder unter Deck einzusperren. Schließlich ließ sie sich indessen durch deren Versprechungen, die durchaus ehrlich gemeint schienen, umstimmen, zumal sie ihr nachwiesen, daß sie beide jederzeit sofort helfend eingreifen könnten, sowie irgend etwas schief ginge. Und so erlaubte sie, daß die Matrosen mit an Deck blieben.

Einige Minuten trieb die »Kincaid« rasch auf den reißenden Fluten dahin, doch dann fuhr sie plötzlich mitten in der Strömung fest, daß das ganze Schiff in allen seinen Fugen erzitterte. Man war auf eine Sandbank geraten, die die breite Fahrtrinne in zwei Teile spaltete. Es schien nur noch höchstens 400 Meter bis zur offenen See zu sein.

Einen Augenblick hatte sich das Schiff anscheinend festgesetzt; dann wurde es soweit herumgerissen, bis es, mit dem Bug nach dem Strande gerichtet, wieder von einer Strömung erfaßt wurde.

Jane gratulierte sich gerade zu dem großen Glück, daß das Schiff so rasch und gut seine volle Bewegungsfreiheit wieder erlangt hatte, als plötzlich Gewehrfeuer die Stille der Nacht durchbrach. Es mußte drüben am Ufer sein, nicht weit von der Stelle, wo die »Kincaid« vor Anker gelegen hatte. Zwischendurch gellte der Angstschrei eines Weibes schrill und markerschütternd über das Wasser herüber.

Die Matrosen waren sofort überzeugt, daß die Schüsse das Nahen ihres Schiffsherrn und Gebieters anzeigten, und da sie sowieso nicht viel für Janes Plan übrig hatten, der ihnen zumutete, eines schönen Tages auf einem Wrack den Launen der Wellen preisgegeben zu sein, hatten sie sich mit ein paar Worten rasch und unbemerkt dahin geeinigt, daß sie die junge Frau auf der Stelle unschädlich machen oder zum mindesten fesseln müßten. Notfalls konnten sie ja Rokoff und seine Leute zu Hilfe rufen.

Gleich als die ersten Schüsse fielen, hatte Jane ihre Aufmerksamkeit von den beiden Matrosen, die ja nur unter dem Zwange des Revolvers ihren Dienst taten, abgewendet und, anstatt sie wenigstens gewissermaßen mit einem Auge weiterzubeobachten, wie sie es sich vorgenommen hatte, eilte sie schnurstracks nach dem Bug der »Kincaid« und suchte von dort aus irgendetwas über das Wo und Wie dieses rätselhaften Nachtkampfes zu erspähen.

Das Glück schien also den beiden Verrätern hold zu sein, und als sie sich davon überzeugt hatten, daß Jane sie tatsächlich ganz vergessen haben mochte, schlichen sie sich ganz leise von hinten an sie heran.

Plötzlich horchte die junge Frau auf. Sie hatte hinter sich das Knarren von Schuhen gehört und erkannte im Moment, daß das nur Gefahr bedeuten könne. Allein es war zu spät.

Sie wandte sich – da stürzten auch schon die beiden Matrosen über sie her und warfen sie auf Deck. Und noch ehe sie unter der Last ihrer Gegner zusammenbrach, hatte sie einen dritten Mann gesehen, der gerade die »Kincaid« vom Wasser aus erklommen haben mußte: Scharf und deutlich hob sich die schwarze Silhouette gegen die gemilderte Dunkelheit über den Wellen des Meeres im Hintergrund ab.

So waren nun alle ihre kühnsten Hoffnungen, all das, was sie nach unsäglichen Leiden und Strapazen endlich der Freiheit nähergebracht hätte, mit einem Schlage vernichtet. Mit einem halbunterdrückten Aufschrei sank sie nieder. Sie gab den ungleichen Kampf auf.


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