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Die »Kincaid« brennt

Kurz nach Tagesanbruch war Tarzan an Deck, um sich ein Bild über die Wetterlage zu machen. Der Sturm war abgeflaut, der Himmel klar und wolkenlos. Es schienen somit alle Bedingungen gegeben, um ohne Bedenken die Rückfahrt nach der Dschungelinsel zu wagen. Dort sollten die Tiere wieder in ihre heimischen Jagdgründe freigelassen werden, und dann ... ging es endlich nach der Heimat!

Der Affenmensch weckte den Steuermann und bedeutete ihm, daß die »Kincaid« unter allen Umständen sofort in See gehen müsse, sobald Wind und Strömung günstig seien. Die überlebenden Matrosen machten sich augenblicklich an ihre Arbeit; man sah ihnen an, daß sie gern und guten Muts bei der Sache waren. Lord Greystoke hatte ihnen ja auch versichert, er verbürge sich dafür, daß sie nicht in Konflikt mit der Polizei kommen würden, weil sie den beiden Russen bei ihren Schandtaten Vorschub geleistet hatten. Und das genügte ihnen, sie trauten seiner Zusage und glaubten – nach der Art zu urteilen, wie er sie behandelte – allen Grund dazu zu haben.

Die Tiere schienen froh, ihr enges dunkles Nachtquartier verlassen zu dürfen. Sie trotteten auf Deck herum, ohne jedoch die Matrosen bei ihrer Arbeit irgendwie zu belästigen. Denen war es jetzt freilich nicht gerade wohl zumute, denn allzu lebhaft stand ihnen noch der schauerliche Nachtkampf vor Augen: Wie diese Tiere wütend und unerbittlich über ihre Kameraden hergefallen waren ... Kein Wunder, wenn sie sich des Gedankens nicht erwehren konnten, daß es die Bestien jetzt vielleicht nach neuer Beute gelüstete.

Allein Tarzan und Mugambi wichen nicht von Deck und hatten die Tiere scharf im Auge, so daß Sheeta und den Affen Akuts der an sich begreifliche Appetit verging. Sie schienen sich übrigens derart in der Gewalt zu haben, daß die Matrosen, die bei ihren Arbeiten an Deck fortwährend mit den Tieren in Berührung kamen, sich in dieser Gesellschaft bald sicherer fühlten, als sie zuerst zu hoffen gewagt hatten.

Endlich war alles vorbereitet, und langsam glitt die »Kincaid« den Ugambi hinab und in die Wogen des Atlantischen Ozeans.

Tarzan und Jane blickten lange zurück nach den dschungelumsäumten grünen Gestaden, die nach und nach über dem Kielwasser des Schiffes entschwanden. Es ging fort vom schwarzen Erdteil, an dessen Ufern der Affenmensch einst das Licht der Welt erblickt, in dessen unermeßlichen Wäldern er jahrelang gelebt und gekämpft hatte, und doch: Er weinte ihm jetzt keine Träne nach.

Kein Schiff – und wäre es mit siebenfacher Geschwindigkeit über die Wasser dahingebraust – hätte ihn auch nur halb so schnell von Afrika davontragen können, wie er es jetzt wünschte, wo es galt, seinen armen elternlosen Jack zu suchen und zu finden. Man hatte ihm sein Kind geraubt, immer und immer wieder waren seine Hoffnungen in dieser langen bangen Zeit nur in Enttäuschungen und neue Sorgen umgeschlagen. Es durfte niemanden wundern, wenn es ihm jetzt in seiner Ungeduld erschien, als ob die »Kincaid«, dieser alte langsame Kasten, nur vorwärtsschliche.

Das Schiff kam gleichwohl ziemlich rasch voran, und schon nach wenigen Stunden tauchten westwärts voraus am Horizont die Hügelketten der Dschungelinsel auf. Bald konnte man schon Einzelheiten unterscheiden.

In Alexei Pawlowitschs Kabine tickte noch immer das kleine unruhige Etwas in dem schwarzen Kästchen. Tick, tack, tick, tack ..., immer der gleiche einförmige Ton, als müsse es bis in alle Ewigkeit so gehen.

Und doch: Ein kleiner unscheinbarer »Arm« wurde Sekunde für Sekunde von Rädern und Räderchen vorwärtsgestoßen, näher, immer näher an einen anderen winzigen »Arm« heran, der von dem Zeiger aus nach innen ragte, den Pawlowitsch auf dem Zifferblatt des Uhrwerks auf einen ganz bestimmten Punkt gestellt hatte. Berührten sich diese beiden »Arme«, dann mußte es aus sein mit diesem Tick-Tack ..., für immer zu Ende! –

Jane und Tarzan standen auf dem Oberdeck und lugten scharf nach der Dschungelinsel hinüber. Auch die Matrosen waren auf dem Vorderdeck; sie verfolgten mit Spannung, wie das Land nach und nach immer mehr aus dem Meere herauswuchs, während die Tiere es sich im Schatten bequem gemacht hatten und schlafend beieinanderhockten. Totenstille lag über den Wellen und auf dem Schiff. Kaum, daß sich ein Lüftchen regte.

Doch plötzlich und ohne irgendein warnendes Vorzeichen ein donnerähnlicher Krach, und das Kabinendach flog in die Luft. Schwarzer Qualm quoll in dichten Wolken gen Himmel und über das ganze Schiff: Eine furchtbare Explosion ließ die »Kincaid« in allen ihren Fugen erzittern.

Mit einem Schlage schien auf Deck alles in wilder Panik aufgelöst. Akuts Affen rasten zu Tode erschrocken, brüllend und knurrend, bald hierhin, bald dahin. Sheeta nicht anders, nur daß er mit seinen Sprüngen und dem geradezu unheimlich-schauerlichen Gebrüll die so schon tief erschrockenen Matrosen der »Kincaid« fast zur Verzweiflung brachte. Sie waren starr vor Entsetzen und unfähig, irgendwie einzugreifen, um zu retten, was noch zu retten war.

Auch Mugambi zitterte am ganzen Leibe, und nur der Affen-Tarzan und seine Frau bewahrten ihre Ruhe.

Das Allerschlimmste war kaum vorüber, da eilte der Affenmensch auch schon zu seinen Tieren. Er suchte sie zu beruhigen, indem er mit leiser freundlicher Stimme auf sie einredete, ihnen die zottigen Rücken streichelte und, so schlecht und recht es eben ging, begreiflich machte, daß die Hauptgefahr vorüber sei.

Ein flüchtiger Blick auf das halbzertrümmerte Schiff ließ erkennen, daß jetzt am meisten vom Feuer zu fürchten war. Es hatte rasch an dem Gebälk der in tausend Stücke zerfetzten Kabine Nahrung gefunden, und überall im Umkreis züngelten die Flammen gierig weiter, um alles, was noch nicht in ihrer Gewalt, mit weitgreifenden glühenden Armen zu ersticken. Schon prasselte das Feuer im Unterdeck, wohin ihm die gewaltige Explosion den Weg gebahnt: Ein riesiges Loch klaffte jäh nach unten, als hätte der Leib des Schiffes mit einem Schlage zerrissen werden sollen. Wie durch ein Wunder war niemand bei der Katastrophe, deren Entstehungsursache wohl immer ein unlösbares Rätsel bleiben würde, verletzt worden oder gar umgekommen. Rätsel? Einer ahnte sicher die Zusammenhänge, und das war der Matrose, der nur zu genau wußte, warum Pawlowitsch vergangene Nacht an Bord der »Kincaid« und in seiner Kabine gewesen war. Aber er hüllte sich wohlweislich in Schweigen. Denn er konnte nicht im Zweifel sein, was mit dem Mann passieren mußte, der den Todfeind von allen zusammen, die hier an Bord waren, auf die »Kincaid« kommen ließ. Obendrein hatte er noch Wache gehabt, um das Schiff im Falle irgendeiner nächtlichen Störung zu alarmieren – –, und da war es möglich gewesen, daß dieser Pawlowitsch eine Höllenmaschine mit allen Schikanen in Gang brachte, um alles an Bord rettungslos ins Jenseits zu befördern ... Nein, niemals durfte er über diese Nacht auch nur ein Sterbenswörtchen verlieren. Das mußte er hübsch ruhig für sich behalten. –

Als das Feuer immer weiter um sich griff, war Tarzan der Überzeugung, daß die Explosion – mochte sie herkommen, woher sie wollte – auf jeden Fall hochgradig explosive Stoffe herausgeschleudert haben mußte, die alles, was an Holz und Brennbarem überhaupt in der Nähe war, gleichsam verseucht hatte. Man hatte zwar die Pumpe in Tätigkeit gesetzt, doch so sehr man sich auch mühte, der Flammen Herr zu werden, es schien, als rase das Feuer nur immer wütender durch das krachende Gebälk. An Löschen war nicht zu denken.

Fünfzehn Minuten nach der gewaltigen Explosion, die das Todesurteil des Schiffes empordonnerte, quollen von neuem schwarze Rauchwolken aus dem halbzerschmetterten Schiffskörper. Die Flammen hatten den Maschinenraum erreicht. Das Schiff stand still, es schien sich keinen Fuß breit mehr dem Strande zu nähern. Sein Schicksal war binnen kurzem besiegelt, denn schon schlugen hier und da gierige Wellen über seinen verkohlten, qualmenden Trümmern zusammen.

Es hat keinen Zweck, länger hier zu bleiben, flüsterte der Affenmensch dem Steuermann zu. Wir können sicher sein, daß über kurz oder lang weitere Explosionen eintreten. Das Schiff ist auf keinen Fall zu retten. Ich halte es daher für das einzig Richtige, wir machen unverzüglich die Boote flott und suchen drüben auf der Insel zu landen.

Tatsächlich blieb kein anderer Ausweg. Die Matrosen konnten gerade noch ein paar Kleinigkeiten aus dem Mannschaftsraum bergen, da das Feuer noch nicht nach dem Vorderdeck übergesprungen war. Auf der anderen Seite in der Nähe der in die Luft geflogenen Kabine war jedoch auch alles, was der ersten Wucht der Explosion standgehalten hatte, schon längst ein Raub der Flammen geworden.

Man ließ zwei Boote zu Wasser. Die See war ruhig, und so vollzog sich die Landung ohne besondere Schwierigkeiten. Tarzans Tiere waren freilich während der ganzen Fahrt recht unruhig und konnten es nicht erwarten, bis sie wieder festen Boden unter den Füßen hatten. Es schien, als witterten sie schon die Heimatluft, während man noch in den kleinen Booten langsam der Insel entgegensteuerte. Kaum waren die Boote mit ihren Kielen knirschend auf den Ufersand aufgefahren, da sprangen Sheeta und die Affen Akuts auch schon heraus und machten sich spornstreichs nach der Dschungel davon.

Tarzan blickte ihnen nach, bis sie im Dickicht untertauchten. Ein traurig-wehmütiges Lächeln zuckte um seinen Mund.

So lebt denn wohl, meine Freunde! murmelte er vor sich hin. Ihr habt mir immer tapfer und treulich beigestanden, ihr werdet mir sehr fehlen!

Ob sie wohl wiederkommen? Was meinst du, Lieber? fragte Jane, die sich an ihn lehnte.

Mag sein, mag auch nicht sein. Wer kann es wissen? erwiderte der Affenmensch. Sie sind beinahe richtig krank geworden, seit sie gezwungen waren, so vielen menschlichen Wesen freundlich zu begegnen. Mugambi und ich –, wir machten ihnen wenig Kopfschmerzen, denn wir beide sind, mit Verlaub zu sagen, eigentlich nur halbe Menschen. Du jedoch und die Matrosen alle, ihr seid schon zu sehr zivilisiert in den Augen meiner Tiere, sie fühlen instinktiv, daß ihr aus einer anderen Welt seid. Und deshalb sind sie auch jetzt fort über alle Berge! Sie haben zweifellos gemerkt, daß sie sich selber nicht mehr recht trauen können, wenn sie sich dauernd in so »leckerer« Gesellschaft bewegen sollen. Sie bringen es einfach nicht fertig, gewissermaßen immer um die besten Bissen mit knurrendem Magen herumzuspazieren, ohne daß sie Gefahr laufen, sich doch eines schönen Tages – natürlich aus »Versehen« – einen »Mundvoll« wegzuschnappen.

Jane lachte herzlich. Ich meinerseits denke, sie werden froh sein, daß sie sich endlich von dir wegstehlen können, gab sie ihm zurück. Du hast ihnen zu oft immer wieder irgend etwas verboten, und sie mochten und konnten absolut nicht begreifen, warum sie das nicht tun sollten, was ein andermal wieder direkt von ihnen gefordert wurde. Sicher freuen sie sich jetzt wie kleine Kinder, daß endlich Gelegenheit da war, sich die fast väterliche Bevormundung, Zucht und Ordnung oder, wie man es nennen mag, vom Halse zu schaffen. Wenn sie übrigens doch zurückkommen sollten, will ich nur hoffen, daß sie nicht gerade bei Nacht erscheinen ...

Du meinst, daß sie nicht gerade kommen möchten, wenn sie Hunger verspüren ...? neckte Tarzan seine Jane und lachte sie vergnügt aus. –

*

Zwei volle Stunden lang seit der Landung standen sie alle am Strande und schauten unentwegt hinüber zu dem brennenden Schiff, das sie so plötzlich hatten verlassen müssen. Dann hörten sie mit einem Male drüben vom Wasser her einen schwachen Knall, als habe soeben eine zweite Explosion stattgefunden. Die »Kincaid« barst fast augenblicklich auseinander ..., ein Sprühregen von Flammen, qualmenden Brettern und Balken ..., und in wenigen Minuten war alles in den Wellen versunken.

Die Ursache zu dieser neuerlichen Explosion schien weniger geheimnisvoll zu sein. Der Steuermann meinte, die Kessel seien geplatzt, denn das verheerende Feuer war ja schon längst bis in die Maschinenräume vorgedrungen. Wie es aber zu jener ersten furchtbaren Katastrophe hatte kommen können, war und blieb allen ein Rätsel, an dessen Folgen die Gestrandeten wohl noch lange zu beißen haben würden.


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