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Nachtkampf auf der »Kincaid«

Als Mugambi sich mit dem Tiertrupp wieder in die Dschungel zurückgewandt hatte, schwebte ihm ein ganz bestimmter Plan vor. Er wollte sich unter allen Umständen ein Boot verschaffen und dann mit Tarzans Tieren hinüber auf die »Kincaid«.

Leider dauerte es länger, als er gedacht hatte, bis seine Bemühungen mit Erfolg gekrönt wurden. Die Abenddämmerung kroch schon heran, da stieß er an einem kleinen Nebenfluß des Ugambi auf ein Boot. Es war zwar am Ufer versteckt, doch hatten ihn verschiedene Spuren noch rechtzeitig stutzig gemacht.

Ohne auch nur eine Minute Zeit zu verlieren, verstaute er alle seine Tiere im Boot, und die Fahrt ging los. Einsteigen und schon mit voller Kraft flußabwärts rudern – das war alles derart rasch vor sich gegangen, daß niemand etwas davon bemerkt hatte, daß das Boot bereits einen Insassen in sich barg. Stockdunkle Nacht hatte sich inzwischen herniedergesenkt, und so war die Frauensperson, die in festem Schlummer unten im Boote lag, überhaupt nicht gesehen worden.

Das Boot schoß schon flott dahin, als Mugambi durch wildes Geknurr eines Affen darauf aufmerksam wurde, daß vor ihm im Boot irgendetwas nicht in Ordnung sein mußte. Wie er näher hinsah, fiel sein Blick auf eine junge Frau, die zitternd zwischen ihm und dem unwillig knurrenden Menschenaffen am Boden hockte. Mugambi war besonders erstaunt, als er in ihr eine Eingeborene erkannte, und nur seinem großen Geschick in der Behandlung der Affen war es zu verdanken, daß man ihr nicht an den Hals sprang. Nach einiger Zeit gelang es ihm sogar, auch das Weib einigermaßen zu beruhigen.

Wie sie sagte, war sie ihrem alten und unleidlichen Manne davongelaufen und hatte sich zunächst in dem Boot, das sie zufällig bei ihrer Flucht ins Ufergestrüpp gefunden hatte, versteckt gehalten.

Nun war es Mugambi zwar unangenehm, die Frau mit im Boot zu haben, zumal die Affen schließlich doch in einem unbewachten Augenblick sie zerreißen konnten. Aber in Anbetracht ihrer Lage und mit Rücksicht darauf, daß Umkehren und Landen nur unnützer Zeitverlust gewesen wäre und seine Pläne vielleicht ernstlich gefährdete, fand er sich mit der wenig erfreulichen Tatsache ihrer Anwesenheit ab.

Ringsum lastete stockdunkle Nacht. Das Boot trieb gleichwohl mit beträchtlicher Geschwindigkeit dem Ugambi und der »Kincaid« entgegen, zumal die Menschenaffen trotz ihrer immerhin oft unbeholfenen Ruderbewegungen herausholten, was in ihren Kräften stand. Es dauerte dann allerdings ziemlich lange, bis Mugambi überhaupt herausbekam, wo der Dampfer war; doch, als er sein Boot zufällig so gesteuert hatte, daß die »Kincaid« zwischen ihm und dem hellen Hintergrund des Meeres lag, konnte er die Umrisse des Dampfers genau erkennen. Von beiden Ufern des Ugambi aus war freilich nichts zu sehen gewesen.

Zu seiner nicht geringen Verwunderung mußte er jedoch bemerken, daß das Schiff immer mehr von ihm abzurücken schien, und schließlich war er überzeugt, daß es bereits in Fahrt sei und nach dem Meer hinausgetrieben wurde. Sofort feuerte er die Affen an, sich noch mehr ins Zeug zu legen, um den Dampfer auf jeden Fall einzuholen, als mit einem Male nur vier bis fünf Meter vom Bug entfernt ein anderes Boot aus der Dunkelheit herausschoß.

Die Insassen jenes Bootes schienen in demselben Augenblick Mugambis Boot entdeckt zu haben, wenn sie auch auf den ersten Blick kaum erkannt haben konnten, daß sie Tarzans gefürchtetem Tiertrupp gleichsam in den Rachen fuhren.

Jedenfalls hatten sich die beiden Boote einander schon soweit genähert, daß der Zusammenstoß unmittelbar bevorstand, als eine Männerstimme herausfordernd irgend etwas Unverständliches herüberbrüllte.

Sofort antwortete von Mugambis Boot der Leopard mit lautem, drohendem Knurren. Sheeta war mit einem Satz in den Bug gesprungen und starrte mit seinen Glutaugen den zu Tode erschrockenen Insassen des anderen Bootes entgegen. Seine Pranken klammerten sich zitternd vor Wut und Kampfgier an den Bootsrand, und es schien, als müsse das Tier sich im nächsten Augenblick mitten unter seine nahenden Opfer stürzen.

Rokoff hatte jedoch blitzschnell, den ganzen Ernst der Lage erfaßt, die ihn und seine Leute dem Untergang weihen mußte, würden nicht die Ankömmlinge sofort rücksichtslos angegriffen. So kommandierte er denn augenblicklich »Feuer«, – und das war jene Salve, die den markerschütternden Schrei der Negerin in Mugambis Boot auslöste und von Tarzan wie von Jane gehört wurde.

Bevor Mugambis Boot, das von den rudernden Affen doch nicht so geschickt und rasch bewegt wurde, wie es zum augenblicklichen Einsatz ihrer Übermacht nötig gewesen wäre, beidrehen konnte, hatten die Gegner sich in die reißende Strömung hineingerettet. Sie griffen auch in die Ruder, als gälte es ihr Leben, und hielten direkt auf die »Kincaid« zu, die sie jetzt erst erblickt zu haben schienen.

*

Der Dampfer war, nachdem er von der Sandbank losgekommen, in eine Strömung geraten, die von der Bucht aus dem Ugambi dicht an seinem Südufer entgegenläuft und sich stromaufwärts etwa hundert Meter von seiner Mündung in einem Wirbel wieder mit den Fluten vereinigt, die sich der Bucht und dem Meere zuwälzten. So wurde Jane mit der »Kincaid« direkt in die Hände ihrer Feinde zurückgetragen ...

*

Als Tarzan kurz entschlossen in den Strom sprang, war nichts von dem Schiffe zu sehen gewesen. Er schwamm mitten hinein in Nacht und Ungewißheit, ohne auch nur eine Ahnung zu haben, daß ein Schiff immer näher und näher an ihn heran, getrieben wurde. Einzig und allein der Lärm und der Ruderschlag, der von zwei Booten herzurühren schien, wiesen ihm die einzuschlagende Richtung.

Wie er so mit kräftigem Arm die nachtschwarzen Fluten des Ugambi teilte, dachte er immer wieder an sein letztes grausiges Wasserabenteuer, und ab und zu überkam ihn wohl auch ein leises Schaudern.

Zweimal war es ihm, als stoße irgend ein todbringendes Etwas aus den unergründlichen Tiefen herauf, ja als streife es schon kalt und gierig seine Beine; doch er riß sich zusammen und arbeitete sich unerschrocken weiter voran. Und mit einem Male waren Krokodile oder was es sonst sein mochte, vergessen, vergessen durch das, was seinen erstaunten[*] Blicken schwarz und massig und fast ins Riesenhafte verzerrt aus den Wassern entgegenragte, die er eben noch endlos und höchstens von zwei Booten durchfurcht gewähnt hatte.

So nahe war er schon dem Wasserkoloß, daß ihn ein paar kräftige Stöße dicht heranbrachten. Als er die Hand ausstreckte, berührte er zu seiner erneuten Verwunderung die Planken eines Schiffes.

Behend kletterte der Affenmensch nach oben, und gerade, als er sich über die Reling schwang, vernahm er von der anderen Seite des Decks rohe Rufe, als lägen sich ein paar Matrosen in den Haaren.

Rasch stahl er sich hinüber.

Der Mond war inzwischen aufgegangen, und, obwohl schwere schwarze Wolken noch immer über den Himmel jagten, lichtete sich das Dunkel ringsum, das einen bisher kaum die Hand vor den Augen hatte sehen lassen. So gewahrte er auch sogleich, daß zwei Männer über eine Frau hergefallen waren und sie jetzt gerade trotz verzweifelter Gegenwehr zu Boden warfen.

Tarzan ahnte erst nicht im entferntesten, daß er die Frau vor sich hatte, die mit Anderssen nach Innerafrika geflohen war, doch als ihm Verschiedenes darauf hindeutete, daß ein seltsamer Zufall ihn gleichsam von selbst gerade wieder auf die »Kincaid« zurückgeführt hatte, mußte die Vermutung nahe liegen, daß jene Frau Anderssens ehemalige Reisegefährtin war.

Allein jetzt war schließlich nicht die Zeit, um lange über derlei Möglichkeiten nachzudenken. Eine Frau war in Gefahr, sie war offenbar zwei Schurken in die Hände gefallen: Das genügte dem Affenmenschen, um ohne langes Hin und Her einzugreifen und gegebenenfalls mit Gewalt Ordnung zu schaffen.

Das erste, was den Matrosen zum Bewußtsein brachte, daß jetzt jemand anderes auf dem Schiffe ein gewichtiges Wörtchen mitzureden hatte, war ein heftiger Schlag, der sie gleichzeitig auf ihre Schultern traf. Und dann wurden sie gepackt und mit einem Griff von ihrem Opfer weggeschleudert, als würden sie vom sausenden Rad einer Maschine erfaßt und im Wirbel fortgerissen.

Was soll das heißen? herrschte sie eine tiefe, zornige Stimme an.

Sie konnten gar nicht erst antworten, denn Tarzans Worte waren kaum verhallt, als die junge Frau auch schon blitzschnell aufgesprungen war und sich mit einem leisen Freudenschrei ihrem Retter entgegenwarf.

Tarzan! Tarzan! rief sie.

Der Affenmensch schleuderte gerade die beiden Matrosen aufs Deck nieder. Halb betäubt und starr vor Schrecken rollten sie weiter und verschwanden im Speigatt auf der anderen Seite. Dann schloß er, vom Augenblick überwältigt, Jane erschüttert in die Arme.

Doch nur zu kurz war dieses erste Wiedersehen.

Kaum hatten sie einander recht erkannt, als dicht vor ihnen etwa ein halb Dutzend Matrosen in rasendem Tempo das Deck der »Kincaid« erklommen.

Immer mehr hatte sich die Dunkelheit in fahles Licht gewandelt. Er bemerkte denn auch sogleich, daß der Russe als erster heraufdrängte.

Jetzt strahlte der Mond mit einem Male in vollem Glanze vom Tropenhimmel und tauchte das ganze Deck fast in Tageshelle. Rokoff war oben, seine Leute dicht hinter ihm. Tarzan und Jane erblicken und mit wildem Schrei »Feuer« kommandieren, das war eins.

Tarzan schob Jane augenblicklich in die Kabine hinein, an der sie eben noch starr vor Freude und neuem Schrecken gelehnt hatte. Dann stürzte er mit raschem Sprung auf Rokoff los.

Schon legten die Matrosen, die Rokoff auf dem Fuße gefolgt waren, ihre Gewehre an, und in der nächsten Sekunde hätten sie Tarzan niedergeknallt, wäre nicht ihre Aufmerksamkeit durch die Panik abgelenkt worden, die jäh und unheimlich unter ihren eigenen Kameraden ausgebrochen war: Auf der Strickleiter hinter ihnen drängten sich laut brüllend und knurrend furchtbare Gegner herauf.

Zuerst kamen wutschnaubend fünf riesige, fast menschenähnliche Affen, mit fletschenden Zähnen und weit geöffneten Fängen, und dicht hinter ihnen ein schwarzer Krieger, nicht minder schrecklich anzuschauen, wie er mit seinem langen Kampfspeer drohend herumfuchtelte, daß die blanke, scharfe Spitze nur so im grellen Mondlicht blitzte.

Doch das, was halb hinter dem Schwarzen geduckt sich heraufschlängelte, schien ihnen das Allerfurchtbarste zu sein: Sheeta, der Leopard, mit wütenden, haßfunkelnden Augen, die elastischen Glieder schon wie zum Sprunge gespannt, Pranken und Rachen bereit, im nächsten Augenblick jeden zu zerfetzen, der sich ihm in den Weg stellen mochte.

Tarzan sah die Gewehre der beiden Matrosen auf sich gerichtet. Er war schon dicht an Rokoff heran, da wich der Russe zwischen ihm und seinen beiden Leuten nach rückwärts aus und raste unter fast wahnsinnigen Angstrufen nach dem Vorderdeck.

Für ein paar Sekunden hatte Tarzan mit seinem Gegenüber genug zu tun, konnte also dem Feigling nicht sofort nachspringen. Inzwischen waren die Affen und Mugambi jedoch an Deck angelangt und bereits in heftigem Kampf mit dem Rest von Rokoffs Leuten verwickelt.

Der Tiertrupp hatte derart wütend zum Angriff angesetzt, daß die Matrosen nach allen Richtungen auseinanderstoben, – soweit sie dazu überhaupt noch in der Lage waren. Denn die riesigen Fänge der Affen Akuts und die reißenden Pranken Sheetas hatten bereits mehr als eines ihrer Opfer ins Jenseits befördert.

Vier Matrosen waren gerade noch entkommen und in einem Raum unter Deck verschwunden, den sie sofort verbarrikadieren wollten, um, wie sie hofften, jedem weiteren Angriff wirksamer begegnen zu können. Sie waren nicht wenig erstaunt, Rokoff hier vorzufinden.

Dann aber kam ihre lang unterdrückte Wut mit einem Schlage zum Ausbruch. Sie dachten daran, wie brutal er sie bisher stets behandelt hatte, und was sie von ihm auch noch in Zukunft zu gewärtigen haben mochten, wenn man diesen Kampf jetzt überstand. Obendrein hatte er sie vorhin in der höchsten Not einfach im Stich gelassen. Das war ihnen denn doch zu viel, und so zögerten sie keinen Augenblick, die günstige Gelegenheit zu benutzen und sich jetzt ihres verhaßten Herrn hoffentlich ein für allemal zu entledigen.

All sein Bitten und fast unterwürfiges Betteln halfen nichts. Sie packten ihn und warfen ihn förmlich hinauf auf Deck. Mochten die schrecklichen Bestien, denen sie selbst zum Glück eben noch entronnen waren, mit ihm machen, was sie wollten! Tarzan sah, wie jemand mit voller Wucht auf Deck geschleudert wurde; ein Blick – und er erkannte seinen Todfeind. Doch noch ein anderer hatte ihn zu gleicher Zeit entdeckt!

Sheeta war's; mit fletschenden Zähnen schlich er vorsichtig an den so schon zu Tode Geängsteten heran.

Als Rokoff nun gar erst gewahrte, was auf leisen Sohlen ihm nahte, entrangen sich gellende Hilferufe seiner Brust. Er war aufgesprungen, seine Knie zitterten, und dann starrte er wie gelähmt auf das Tier, aus dem der Tod ihm erbarmungslos entgegengrinste, als es jetzt immer näher und näher herankroch.

Tarzan trat einen Schritt auf den Russen zu. Wie lodernde Flammen wüteten Haß und Rachgier in seinem Innern, denn endlich hatte er den Mörder seines Kindes in der Gewalt. Sein Recht war es jetzt und seines allein, furchtbare Rache zu üben.

Einmal früher hatte Jane seine Hand noch zurückgehalten, als sie schon zum tödlichen Schlage ausholte, als er bereit war, selbst zu richten und diesem Rokoff die lange Reihe seiner Schandtaten mit dem verdienten Tode heimzuzahlen ... Jetzt war das Maß voll, es war übervoll. Nichts sollte die Rache diesmal aufhalten. Seine Finger spreizten sich wie weitgeöffnete Pranken, dann krampften sie sich zäh zusammen. Er stand Rokoff Auge in Auge gegenüber. Der zitterte an allen Gliedern, als Tarzan wie ein Raubtier seine Beute umschlich.

Als Tarzan bemerkte, daß Sheeta sich schon zum Sprunge geduckt hatte, wollte er von ihm nicht um das Rachewerk betrogen werden, das ja ihm allein nach diesen qualvollen Wochen und Monaten zustand.

Er scheuchte den Leoparden mit lautem Warnungsruf zurück. Allein es schien, als hätten des Affenmenschen drohende Worte auf einen Schlag den Bann gebrochen, der Rokoff todgeweiht an ein und dieselbe Stelle fesselte. Ein wilder verzweifelter Aufschrei, und der Russe raste zum Oberdeck hinauf.

Sheeta sprang sofort nach, ohne sich um die Drohungen seines Herrn zu kümmern.

Auch Tarzan wollte eben folgen, als sich zwei Hände leicht auf seinen Arm legten. Er wandte sich um und erblickte Jane. Sie schmiegte sich an ihn.

Laß mich nicht allein, flüsterte sie. Er sah in ihren großen ängstlichen Augen, daß sie sich fürchtete. Wie sollte es auch anders sein!

Hinter ihr drängten sich Akuts gewaltige Affen heran, einige sogar mit weitgeöffneten, kampfbereiten Fängen und drohendem Knurren.

Der Affenmensch wies sie zurück. Er hatte ganz vergessen gehabt, daß sie doch immer nur Tiere, dumme wilde Tiere waren, die Freund und Feind unter Menschen nicht sofort unterscheiden konnten.

Obendrein waren ja alle Raubtierinstinkte in dem eben beendeten Kampf mit den Matrosen derart aufgepeitscht worden, daß sie nun glauben mochten, Beute sei Beute und jeder fremde Mensch ein Feind, den man einfach zerreißen müsse.

Die Affen schienen jedoch bald zu begreifen, und so eilte Tarzan sofort wieder zurück, um die Sache mit dem Russen endlich ins Reine zu bringen. Er war schon wenig erbaut darüber, daß ihm wahrscheinlich die persönliche Rache versagt sein würde, wenn Rokoff nicht wie durch ein Wunder Sheetas Pranken entgangen wäre.

Als er näher kam, fand er seine Befürchtung bestätigt. Rokoff stand zitternd und mit schreckensstarren Augen am äußersten Ende des Oberdeckes. Sheeta schlich langsam an ihn heran. Jetzt kroch der Leopard auf dem Bauche über die Planken hin. Dumpf und unheimlich drohte sein Knurren Rokoff entgegen. Der lehnte wie versteinert an der Reling, seine Augen traten ihm aus den Höhlen, sein Mund war vor Entsetzen weit geöffnet, kalter Angstschweiß perlte ihm von der Stirn.

Hinter sich, unten auf Deck, hatte er die großen Menschenaffen gesehen und deshalb nicht den Mut gehabt, in dieser Richtung weiterzufliehen, wiewohl er sich von dort aus dann hätte vielleicht wenigstens ins Wasser retten können. Jedenfalls war es jetzt schon zu spät, denn einer der Menschenaffen war eben am Gestänge nach dem Oberdeck geklettert und zog sich gerade dicht neben dem Russen über die Reling.

Vor ihm lag der Leopard. Er knurrte nicht mehr, doch waren seine Muskeln zum Sprunge gespannt.

Kein Ausweg mehr für Rokoff. Seine Knie schlotterten, laute verworrene Schreie entrangen sich seiner Brust.

Dann ein Sichaufbäumen, als wolle er noch auf und davon, ein wilder Schrei – und er sank auf die Knie nieder.

Sheeta sprang. Mit seinem lohfarbenen Körper deckte er Rokoffs Brust und zwang ihn auf den Rücken nieder. Tief gruben sich seine Pranken in Herz und Hals des verhaßten Opfers ...

Jane wandte sich entsetzt ab.

Anders der Affen-Tarzan. Ein kaltes Lächeln huschte über seine Lippen, Genugtuung spiegelte sich in seinen Zügen, und die Narbe, die noch eben scharlachrot und zornig von seiner Stirn geleuchtet hatte, trat auf einmal zurück und verschmolz mit seiner straffen, gebräunten Haut.

Rokoff wehrte sich verzweifelt mit Händen und Füßen, doch vergeblich. Sein Schicksal hatte ihn ereilt. Knurrend und brüllend wälzte sich Sheeta mit reißenden Pranken über ihm.

Und so war er in wenigen Sekunden dem schrecklichen Tode verfallen, der ihn für seine unzähligen Ränke und schweren Verbrechen bestrafte ...

Der Kampf war vorüber. Tarzan trat heran an den Gerichteten, um Janes Bitte zu willfahren. Er wollte dem Leoparden den Leichnam entreißen und ihn nun wenigstens nach Seemannsbrauch in die Fluten versenken. Doch die große Katze deckte von neuem ihr Opfer mit ihrem ganzen Leibe und beantwortete jede Bewegung ihres Herrn, die sie um ihre Beute betrügen zu wollen schien, mit furchtbarem Geknurr. Der Leopard achtete und liebte seinen Herrn nach eigener Art und Laune, die nur den Gesetzen der Dschungel entsprangen, und, da Tarzan seinerseits keinen Grund hatte, seinem Dschungelfreund böse zu sein oder ihn gar durch einen tödlichen Schuß niederzustrecken, überließ er notgedrungen das Tier seinen Instinkten.

Die ganze Nacht über blieb Sheeta, der Leopard, bei dem entstellten Etwas, das einmal Nikolaus Rokoff gewesen war.

Und als die Sonne am anderen Morgen blutrot aus der Dschungel heraufstieg, streiften ihre ersten Strahlen die bleichen Gebeine dessen, der Tarzans schlimmster Feind gewesen.

*

Von den Leuten des Russen wurde nach genauer Durchsuchung des Schiffes nur Pawlowitsch vermißt. Vier Matrosen waren unter Deck gefangen, die übrigen waren im Kampfe geblieben.

Tarzan ließ von den Vieren das Schiff unter Dampf setzen. Es stellte sich übrigens heraus, daß einer der Überlebenden gerade der Steuermann der »Kincaid« war, und so nahm sich Tarzan vor, sofort in See zu gehen und, wenn irgend möglich die Dschungelinsel ausfindig zu machen.

Doch mit Tagesanbruch hatte heftiger Sturm aus West eingesetzt, so daß der Steuermann wegen des hohen Seegangs dringend von der Fahrt abriet. Das Schiff blieb also den ganzen Tag im Schutze der Ugambimündung, und auch, als der Sturm im Laufe der Nacht merklich abflaute, hielt man es für besser und sicherer, bis zum nächsten Morgen zu warten und dann erst die Ausfahrt in der schmalen Fahrtrinne mit ihren vielen Windungen und zwischen den rechts und links drohenden Sandbänken und Klippen zu versuchen.

Die Tiere ergingen sich tagsüber mit sichtlichem Behagen oben auf Deck, ohne daß sie irgendwie bösartig geworden wären. Tarzan und Mugambi hatten ihnen bald genug beigebracht, daß sie jedes menschliche Wesen auf der »Kincaid« zu respektieren hatten. Über Nacht wurden sie allerdings der Sicherheit halber unter Deck eingesperrt ...

Tarzans Freude kannte keine Grenzen, als ihm dann seine Frau erzählte, daß das kleine Kind, das in Maganwazams Dorfe am Fieber gestorben war, nicht der kleine Jack gewesen. Wem das arme Geschöpfchen freilich gehört haben und was aus ihrem eigenen Kind geworden sein mochte, konnten sie sich nicht erklären oder auch nur im geringsten vorstellen, zumal Rokoff tot und Pawlowitsch spurlos verschwunden war, die anderen aber keinerlei Auskunft geben konnten.

Immerhin durften sie jetzt doch etwas aufatmen, denn es war nun wenigstens noch zu hoffen. Und solange ihnen nicht verbürgte Nachricht von dem Tode des Kleinen gebracht würde, wollten sie sich auf keinen Fall dies eine Tröstliche rauben lassen, diese schwache und doch auch wieder so belebende Hoffnung, an die sie sich wie an einen sinkenden Strohhalm immer wieder klammerten.

Ja, es kam ihnen mit einem Male wahrscheinlich vor, daß der kleine Jack überhaupt nicht an Bord der »Kincaid« gebracht worden war. Anderssen hätte es sicher gewußt, wenn dies wirklich der Fall gewesen wäre. Und er hatte ja Jane gegenüber immer und immer wieder beteuert, daß sich einzig und allein das kleine Kind, das er ihr in jener Nacht, da er mit ihr von der »Kincaid« flüchtete, in die Arme gedrückt hatte, an Bord des Schiffes befunden hätte, nachdem der Dampfer in Dover vor Anker gegangen war.


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