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Janes Flucht ins Ungewisse

Jane hatte aus ihrer Kabinenluke auf der »Kincaid« verfolgen können, wie man ihren Gatten auf der grünen Dschungelinsel zurückgelassen hatte. Dann setzte das Schiff auch schon seine Reise fort.

Einige Tage sah sie nur Sven Anderssen, den schweigsamen und wenig sympathischen Koch der »Kincaid«. Als sie ihn dann einmal nach dem Namen der Insel, auf der man ihren Gatten ausgesetzt hatte, fragte, erwiderte der Schwede nur in seiner eigenartigen Ausdrucksweise: Das wird sich bald genug finden ...

Mehr war nicht aus ihm herauszubekommen, und sie meinte schließlich, daß seine englischen Sprachkenntnisse mit den paar Brocken zu Ende wären. Weiteres Fragen hielt sie für zwecklos, doch vergaß sie nie Dank und Lächeln, so oft er das Essen auftrug.

Drei Tagereisen nach Tarzans Landung ging die »Kincaid« an der Mündung eines großen Stromes vor Anker. Rokoff trat bei Jane ein.

Wir sind am Ziel, meine Gnädigste! sagte er mit einem bösen Lächeln. Ich biete Ihnen Sicherheit, Freiheit und – Glück. Ihre Leiden sind mir zu Herzen gegangen, ich will alles nach Kräften wieder gutmachen.

Ihr Gatte war ein wildes Tier –, das wissen Sie ja selbst am besten. Man fand ihn, wie er seine Dschungelheimat mit wilden Bestien nackt durchstreifte. Bestien? Nun, das waren eben seine Brüder und Gefährten.

Ich bin dagegen ein gesitteter Mensch, ein Mann von edlem Blut und vornehmer Gesinnung, wie man es bei einem wertvollen Menschen nicht anders erwarten kann.

Liebe Jane, ich biete Ihnen die Liebe eines zivilisierten Menschen und mehr noch ... Darf ich sagen: Zweifellos mußten Sie auf eine gewisse Kultur bei diesem simplen Affen ohne weiteres verzichten, nachdem Sie sich – gestehen Sie es offen – nur in einer echt mädchenhaften Gedankenlosigkeit in diese sogenannte Ehe verrannt hatten. Jane – ich liebe Sie ... Nur ein Wort, ein einziges, und nichts soll Sie mehr betrüben! Sogar ihr Kind sollen Sie unversehrt wieder in ihren Armen wiegen dürfen ...

Draußen vor der Tür wartete Sven Anderssen mit dem Mittagessen, das er gerade Lady Greystoke bringen wollte. Sein kleiner Kopf über dem langen, muskulösen Hals leicht zur Seite geneigt, die fast dicht nebeneinander liegenden Augen halb geschlossen und seine Ohren beinahe so gespitzt, wie man das auch bei witternden Tieren sieht: Kurz, in seiner Haltung schien gespanntes Lauschen bis ins Menschenmögliche verkörpert. Sogar an dem langen, gelblichen Schnurrbart, der sich seltsam zu sträuben schien, hätte man denselben gespannten Ausdruck feststellen können ...

Rokoff schwieg. Jetzt mußte die Antwort kommen, die seinem fast demütigen Antrag gebührte. Doch Jane anfängliches Erstaunen wandelte sich schlagartig in einen Ausdruck von Ekel und Abscheu. Sie schauderte, als sie jetzt diesem Menschen Rede und Antwort stehen sollte.

Eigentlich bin ich gar nicht überrascht, Herr Rokoff, daß Sie mich zur Erfüllung Ihrer abscheulichen Wünsche zu zwingen suchen. Daß Sie aber so albern sind, von mir als der Gattin Lord Greystokes freiwillige Unterwerfung zu erwarten, und das nur, um mir das Leben zu retten, ... das hätte ich Ihnen, offen gestanden, nicht zugetraut. Sie sind ein Schurke, das wußte ich. Für einen Narren hielt ich Sie aber bisher nicht.

Rokoff kniff die Augen zusammen, und Zornesröte schoß jäh über sein blasses Gesicht. Hastig trat er näher.

Wir werden schon sehen, wer schließlich der Narr ist, zischte er. Zu meinen Füßen werden Sie winseln, und wenn erst Ihre elende Yankee-Borniertheit das Verderben von allem, was Ihnen lieb und teuer ist – nebenbei übrigens auch das Leben Ihres Kindes – auf dem Gewissen hat, dann sollen sich, so wahr ich Rokoff heiße, all die Pläne, die ich für euch Gesindel ausgedacht habe, erfüllen: Sie sollen schon begreifen, daß man einen Nikolaus Rokoff nicht umsonst beleidigt!

Jane Clayton wandte sich kühl von ihm ab.

Hat es überhaupt Zweck, sagte sie, über Sie auch nur ein Wort zu verlieren? Drohen Sie, womit Sie wollen, tun Sie es! Mir ist das gleich. Mein Kind kann jetzt natürlich noch nicht selbst entscheiden, doch so viel weiß ich als seine Mutter, daß es später, wenn es einmal erwachsen ist, sein Leben gern um der Ehre seiner Mutter willen opfern würde. Dazu liebe ich das Kind zu sehr, als daß ich sein Leben so teuer erkaufe, und täte ich's doch: für immer und ewig würde es sich von seiner Mutter voll Abscheu und Verachtung abwenden.

Rokoff geriet über das völlige Fehlschlagen seines Einschüchterungsversuches nur immer mehr in Erregung. Er haßte sie jetzt. Hatte er sich doch alles so hübsch zurechtgelegt: Geängstet und gepeinigt würde sie, um ihr und ihres Kindes Leben zu retten, unter seinen Willen sich beugen, und dann würde er zur Erfüllung der Rache schreiten. In den Metropolen Europas würde er sich mit ihr zeigen, der ehemaligen Gattin eines Lord Greystoke, als sein Weib!

Er sprang näher, um sich auf sie zu stürzen.

In demselben Augenblick öffnete sich leise die Kabinentür. Rokoff fuhr auf, wandte sich und erblickte den Schweden, der anscheinend völlig gleichgültig daherkam. In seinen sonst so schlau zwinkernden Augen lag beinahe ein blöder Ausdruck, und die herabhängende Unterlippe schien völlige Teilnahmslosigkeit wiederzuspiegeln. Er tat jedoch ziemlich geschäftig, als er Janes Mahlzeit auf dem kleinen Tischchen der Kabine auftrug.

Der Russe maß ihn wütend.

Was fällt Ihnen ein, brüllte er, hier ohne meine Erlaubnis einzutreten? Scheren Sie sich hinaus!

Die wasserblauen Augen des Kochs wandten sich mit einem blöden Lächeln Rokoff zu.

Wird sich alles finden, sagte er nur, und machte sich wieder an den paar Schüsseln auf dem kleinen Tische zu schaffen.

Scher dich fort, alter Esel, oder ich will dir Beine machen, schrie Rokoff und trat drohend einen Schritt näher.

Anderssen lächelte nur genau so blöde wie vorher, doch faßte seine riesige Faust ganz heimlich nach dem Griff des langen schmalen Messers, das er immer zwischen schmutziger Schürze und fettigem Leibgurt trug.

Rokoff bemerkte diese Bewegung und blieb sofort stehen. Dann wandte er sich an Jane.

Bis morgen gebe ich Ihnen Bedenkzeit, überlegen Sie sich, was Sie mir antworten! Unter irgendeinem Vorwand werde ich die gesamte Besatzung an Land beurlauben. Sie, das Kind, Pawlowitsch und meine Wenigkeit bleiben hier. Ohne viel Federlesen werden wir Ihr Kind töten. Sie dürfen sich selbst davon überzeugen!

Er sprach die letzten Worte französisch, um dem Koch seine Pläne nicht zu verraten. Dann warf er mit einem nicht mißzuverstehenden Blick auf den Störenfried die Tür hinter sich ins Schloß.

Kaum war er draußen, wandte sich Sven Anderssen zu Lady Greystoke. Sein blöder Gesichtsausdruck war verschwunden, und statt dieser Maske, hinter der er seine wahre Gesinnung vor Rokoff verborgen hatte, leuchteten Kraft und List aus seinen Augen.

Er denken ... ich ein ... Narr ..., sagte er. Ich ... ein Narr? Haha, ich verstehe Französisch ...

Jane blickte überrascht auf.

Sie haben alles verstanden?

Anderssen lachte:

Selbstverständlich!

Sie hörten also, was vorging, und kamen nur, um mich zu schützen?

Sie sind gut zu mir, erwiderte der Schwede. Der Mensch da behandelt mich ja wie einen räudigen Hund. Ich helfe Ihnen, Lady. Sie müssen warten – –, aber ich helfe Ihnen.

Wie sollten Sie mir helfen können? fragte sie. Wo einfach alle gegen uns sind?

Wird sich finden; nur Ruhe! entgegnete er, wandte sich zur Tür und ging.

Wiewohl Jane bezweifelte, daß der Koch irgendein Machtmittel in der Hand haben konnte, um hier wirklich zu helfen, überkam sie doch ein Gefühl tiefen Dankes für das, was er bereits für sie getan hatte. Allein das Bewußtsein, wenigstens ein mitfühlendes Herz mitten unter diesen Kerlen zu wissen, war ihr wie ein Sonnenstrahl, der sich zum erstenmal auf der endlosen Fahrt über die quälenden Nächte und bangen Stunden wärmend und lindernd ergoß. Weder Rokoff noch sonst jemand ließ sich diesen Tag sehen. Als Sven dann mit dem Abendessen kam, suchte sie ihn wegen der geäußerten Rettungspläne ins Gespräch zu ziehen, doch bekam sie nur seinen üblichen Wetterbericht zu hören, wie das so alle Tage der Fall gewesen. Er schien auch mit einem Male wieder in seine fast blöde Gleichgültigkeit zurückverfallen zu sein.

Als er jedoch nach kurzer Zeit wiederkam und die leeren Schüsseln aus der Kabine wegräumen wollte, flüsterte er ihr leise zu:

Behalten Sie Ihre Kleider an und rollen Sie die Decken zusammen. Ich bin bald wieder da.

Als er eben rasch aus der Kabine schlüpfen wollte, faßte Jane ihn noch am Ärmel.

Und mein Kind? fragte sie mit großen, ängstlichen Augen. Ohne das Kind kann ich nicht gehen ...

Sie tun, was ich sage, erwiderte Anderssen gereizt. Ich helfe Ihnen; wenn nicht – sind Sie einfach verloren.

Als er dann wieder draußen war, wollte sie vor lauter Ratlosigkeit schier verzweifeln. Da lag sie nun auf ihren zerwühlten Kissen und wußte nicht ein noch aus. Was hatte der Schwede eigentlich vor? Verdacht und Zweifel marterten sie ... Konnte nicht alles noch viel, viel schlimmer werden, wenn sie sich jetzt in seine Gewalt begab ...?

Nein, ... nirgends würde es schlimmer sein können als bei diesem Nikolaus Rokoff. Da war ja der leibhaftige Teufel besser, denn der tat wenigstens nicht noch so, als sei er ein Ehrenmann.

Sie gelohte es sich ein dutzendmal, daß sie die »Kincaid« nicht ohne ihr Kind verlassen wolle, und legte sich dann lange nach ihrer gewohnten Stunde zur Ruhe nieder. Sie hatte sich nicht entkleidet, die Decken lagen fest verschnürt bereit.

Es mochte Mitternacht sein, als es plötzlich leise klopfte. Schnell huschte sie zur Tür und schob den Riegel zurück. In dem leicht geöffneten Spalt erblickte sie den Schweden. Er war dicht vermummt und trug unter dem Arm ein Bündel, offenbar seine Decken. Der rechte Zeigefinger über seinen Lippen zwang sie zum Schweigen.

Er trat ganz nahe an sie heran.

Da, nehmen Sie das, flüsterte er. Und bleiben Sie mäuschenstill, wenn Sie sich's näher betrachten, ... es ist ihr Kind.

Sie riß ihm das Bündel förmlich aus dem Arm, und Mutterhände umspannten das friedlich schlummernde Kind an ihrem Herzen. Heiße Freudentränen rannen über ihre Wangen, und im Zittern ihres ganzen Körpers spiegelten sich Größe und Glückseligkeit jenes überraschenden Augenblicks.

Kommen Sie, drängte Anderssen. Wir haben keine Zeit zu verlieren.

Er nahm ihre Decken und draußen auch noch sein eigenes Bündel. Auf Deck schlich er leise voraus und spähte dann nach allen Seiten, während sie die Strickleiter zum Boot hinabkletterte. Das Kind hatte er ihr der Sicherheit halber inzwischen abgenommen. Im nächsten Augenblick war er selbst zur Stelle. Ein Schnitt durch den Strick, und das Boot war frei. Behutsam griff er in die mit Lappen umwickelten Ruder, doch bald konnte er seine ganze Kraft einsetzen. Schon winkten die schwarzen Schatten des Ugambi.

Anderssen ruderte, als sei er seiner Sache durchaus sicher, und als nach einer halben Stunde der Mond das dichte Gewölk durchbrach, erblickten sie zur Linken die Mündung eines Nebenflußes des Ugambi. Der Schwede hielt scharf auf diese schmale Fahrtrinne zu.

Jane wunderte sich indessen mehr als einmal über die fabelhafte Ortskenntnis ihres Führers. Wußte sie doch nicht, daß er in seiner Eigenschaft als Koch tags zuvor schon nach einem am Fluß gelegenen kleinen Dorf gefahren war, wo er durch Tausch neue Vorräte für die »Kincaid« eingehandelt und bei dieser Gelegenheit dieses gewagte Abenteuer bis in alle Einzelheiten vorbereitet hatte.

Wenn auch der Vollmond vom Himmel glitzerte: Die Fluten dieses kleinen Flußes waren in völlige Nacht getaucht. Die beiden Ufer lagen eng aneinander. Mächtige alte Bäume reckten sich stolz zum Himmel; ihre Äste reichten sich in gewaltiger Wölbung mitten über den rauschenden Wassern gleichsam die Hände. Lianen und zierliches Grün wanden sich in wilder Fülle von Zweig zu Zweig oder grüßten im Winde tanzend von ihren stolzen Höhen herab, als wollten sie die tausend und abertausend Arme erfassen, die all die üppigen Schlinggewächse vom Wassergrund hinauf zu jenem seltsamen Blütendache streckten. Hin und wieder scheuchte der Ruderschlag plötzlich ein Krokodil aus den sonst glatten Fluten, oder drüben von der Sandbank stürzte sich schnaubend und prustend eine Flußpferdfamilie in ihre kühle Wasserheimat zurück.

Und unheimlich auf der anderen Seite die Dschungel, Nachtschrei an Nachtschrei gereiht, ein Laut immer furchtbarer als der andere: Hyänen, Leoparden mit ihrem heiseren Geknurr und – das tiefe schreckliche Gebrüll des Löwen! Kaum je hatte eine Nacht in solch unsagbar schrecklichen Gesichtern und Geheimnissen ihre Schatten über Jane gebreitet ..., und doch fühlte sie sich glücklicher als an manchem sorgendurchzitterten Tage: Das kleine, zarte, so reizend hilflose Geschöpfchen an ihrer Brust geborgen, so saß sie vorn im Bug des Bootes.

Was wußte sie davon, welchem Schicksal sie entgegenging und was nun von neuem über sie hereinbrechen mochte? Dankbar kostete sie jeden Augenblick, den sie das Kind jetzt in ihren Armen und dicht am Mutterherzen bergen durfte. Kaum konnte sie den Tag erwarten ... O, wenn sie ihrem kleinen lieben Jack nun erst wieder in das runde lächelnde Gesichtchen mit den schwarzen Augen blicken würde!

Ab und zu suchte sie der pechschwarzen Dschungelnacht auch nur so etwas wie ein Fünkchen Licht abzuringen, um die geliebten Züge ihres Kindes von neuem ihrem Mutterherzen einzuprägen, doch vergeblich: Sie konnte gerade nur die Umrisse des kleinen Körperchens erkennen. Und so zog sie das arme kleine Bündel wieder unter immer neuen Liebkosungen an ihr pochendes Herz.

*

Es mußte gegen 3 Uhr morgens gewesen sein, als Anderssen das Boot am Ufer auffahren ließ. Er hatte vorher, soweit es überhaupt bei dieser Dunkelheit möglich war, Ausschau gehalten und endlich im blassen Licht des sinkenden Mondes ein paar mit Dorngestrüpp umzäunte Hütten entdeckt.

Der Schwede mußte erst lange rufen, ehe er Antwort aus dem Dorfe bekam; dies übrigens auch nur, weil man ihn erwartet hatte. So sehr fürchten sich die Eingeborenen vor jeder Stimme, die ihnen aus der Dunkelheit der Nacht entgegenhallt!

Er war Jane beim Aussteigen behilflich, band das Boot fest, nahm die Decken und ging dann voraus.

Eine Frau öffnete ihnen das Dorftor; es war das Weib des Häuptlings, dessen Hilfe sich Anderssen durch eine stattliche Belohnung gesichert hatte. Sie bot ihre Hütte an, doch lehnte Anderssen ab. Er erklärte ihr, daß sie im Freien nächtigen wollten, und so überließ sie die Ankömmlinge ihrem Schicksal. Der Schwede wies Jane noch darauf hin, daß die Hütten vor lauter Schmutz und Ungeziefer für sie nicht bewohnbar seien, und breitete dann ihre Decken im Grase aus. In einiger Entfernung hatte er sich sein eigenes Lager zurechtgemacht und schlief dort bald ein.

Jane konnte auf dem harten Boden lange Zeit nicht die richtige Lage herausbekommen, doch wurde sie schließlich von der Müdigkeit übermannt und versank auch in tiefen Schlaf. In ihren Armen schlummerte friedlich das Kind.

Als sie erwachte, stand die Sonne schon hoch am Himmel.

Eine Schar neugieriger Eingeborener hatte sich eingefunden, meist Männer, wie ja die Neugierde bei den Urbewohnern unzivilisierter Gegenden in erster Linie eine männliche »Tugend« ist. Und zwar in ganz außerordentlich gesteigertem Maße im Vergleich mit der bekannten Schwäche bei den Schönen unserer Zonen.

Jane drückte instinktiv das Kind fester an ihre Brust, wiewohl sie sehen mußte, daß die Schwarzen nicht daran dachten, ihr und dem Kind auch nur ein Haar zu krümmen.

Und in der Tat bot ihr einer jetzt sogar einen Kürbis mit Milch. Zwar schien ihr dies eigenartige Trinkgefäß alles andere als sauber zu sein, aber sie bezwang sich. Sie nahm die Schale also rasch in die eine Hand und führte sie an die Lippen. Nur, um den freundlichen Spender nicht zu verletzen, denn daß ihr schon beim bloßen Anblick jenes rauchgeschwärzten »Bechers« jeglicher Appetit vergehen mußte, würde jeder halbwegs kultivierte Mensch ohne weiteres bestätigt haben.

Anderssen schien ihre Verlegenheit zu empfinden. Er nahm ihr die Kürbisschale ab und trank selbst ein paar Schluck. Dann schritt er höflich auf den edlen Geber zu und verehrte ihm einige hübsche blaue Perlen.

Es mußte jetzt schon bald Mittag sein, und das Kind schlief immer noch fest. Jane konnte kaum mehr ihr sehnsüchtiges Verlangen bändigen, endlich einmal auch nur einen flüchtigen Blick in das liebe Gesicht des Kleinen zu wagen. Die Eingeborenen hatten sich gerade auf Wunsch des Häuptlings zurückgezogen, der sich jetzt mit Anderssen in einiger Entfernung ziemlich lebhaft zu unterhalten schien.

Während sie nun hin und her überlegte, ob sie wirklich die Decke, die den Kleinen in seinem Schlummer vor den grellen Sonnenstrahlen schützte, einmal kurz beiseiteschieben dürfe, glaubte sie zu hören, daß der Koch sich mit dem Häuptling in dessen Negersprache verständigte.

Nein, der Schwede war doch ein Allerweltskerl! Dumm, fast blöde war er ihr immer vorgekommen, und nun hatte sie sich in kaum vierundzwanzig Stunden davon überzeugen können, daß er außer Englisch und Französisch gar noch die Sprache dieser afrikanischen Weststämme beherrschte ...

Sie hatte ihn für wankelmütig, roh und jedes Mißtrauens wert gehalten, – – und jetzt war er das reine Gegenteil, wenigstens soweit es sich aus seinem ganzen Verhalten seit Tagesfrist schließen ließ ...

Andererseits schien es ihr mehr als unwahrscheinlich, daß seine Hilfe einem durchaus selbstlosen, fast ritterlichen Empfinden entsprungen sein konnte. Wer konnte wissen, welche Pläne er hinter dieser Maske schmiedete!

Sie griff sich an die Stirn, und als sie ihn dann noch einmal schärfer ansah, wie er mit unstetem Blick und schmutzig-unordentlich da drüben lehnte, lief es ihr eiskalt über den Rücken. Wie sollte man auch hinter solch abstoßendem Äußeren so etwas wie eine edle Gesinnung suchen ...?

Und als ihre Gedanken so zwischen der Sehnsucht nach dem ersten süßen Blick auf das Kind an ihrer Brust und diesen bangen Zweifeln hin- und herwogten, vernahm sie mit einem Male ein leises rührendes Wimmern und dann jenen einfältig schönen Kinderlaut, dem jedes Mutterherz voll Entzücken entgegenschlägt.

Das Kind war wach! Jetzt würde sie gleich in die lieben Kinderaugen lachen können ...

Rasch schob sie die Decke ein wenig beiseite. Anderssen blickte herüber. Er sah alles.

Ihre Füße schienen die Kraft zu verlieren, sie schwankte, hielt das Kind auf Armeslänge von sich ab ... und starrte entsetzt auf das kleine plumpe Gesicht mit den winzigen blinzelnden Augen ...

Ein erbarmungswürdiger Schrei ..., ihre Knie wankten ... und sie brach ohnmächtig zusammen.


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