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25. Mile macht eine Hauptkonfusion.

Baldinger ging in seiner Stube auf und ab, einen offenen Brief in der Hand; die Pfeife, die er noch zwischen den Zähnen hielt, war kalt geworden. »Na, da schlag doch 'n Pferd drein!« knurrte er; dann folgten noch mehr Verwünschungen. Manchmal hielt er im Gehen inne und schüttelte heftig den Kopf; das war kein gewöhnlicher Aerger – das war mehr ein gewaltiger Grimm, der in ihm wühlte.

Jetzt wurde die Thüre geöffnet und Hildchen guckte herein; sie trug ein dunkles Pelzbarett auf dem blonden Haar und sah ganz reizend aus. »Der Wagen wartet schon, Papachen. Du wolltest mich doch zu Frau von Holborn begleiten?«

»Habe keine Zeit,« kam die barsche Antwort.

Da muß was los sein, dachte das liebe Mädchen, das bei seiner Rückkehr nur eitel Sonnenschein auf des Vaters Gesicht zu sehen gewohnt war. Auf ihre Macht vertrauend, trat sie aber ein.

Doch gerade Hildchens Anblick war's, der den Zorn im Herzen des guten Kommerzienrats verstärkte. So ein herrliches Kind! fuhr's durch seinen Kopf. Und liebt ihn. Und er kommt nicht einmal, um es wiederzusehen! – Diese Gedanken hatten Baldingers Grimm gesteigert, und das arme Mädchen wurde infolgedessen noch unfreundlicher angelassen. »Ich habe doch gesagt, daß ich keine Zeit zum Ausfahren habe, und bitte mich in Ruhe zu lassen.«

Hildchens Blick fiel auf einen Brief. Gewiß ein Geschäftsbrief, der den armen Papa geärgert hat, dachte sie und zog sich bescheiden zurück; doch ehe sie das Haus verließ, lief sie noch einmal zur Tante.

»Papa muß sich über den Brief sehr geärgert haben, er will mich nicht zu Frau von Holborn begleiten,« berichtete sie. »Nicht wahr, Tante, du siehst später einmal nach, wie's ihm geht?«

»Na, sorge dich nur nicht, Herzenskind! Das ist nun mal seine Art; du bist jetzt nur nicht mehr daran gewöhnt. Was wird's denn weiter sein, als irgend 'ne große Bestellung, die zurückgenommen worden ist.«

»Aber du siehst einmal nach ihm, Tantchen, ja?«

»Na, das will ich dir versprechen, wenn dich's beruhigt. – Und grüße mir auch die Frau von Holborn. Ist eine sehr liebe Dame; hat mir immer recht gut gefallen.«

»Am liebsten bliebe ich zu Hause; aber ich soll bei Frau von Holborn den Maskenanzug anprobieren und noch allerhand mit ihr beraten, und diese Hilfe kann ich nicht entbehren.« Damit verließ Hildchen die Tante.

Ihre Besorgnis hatte Mile gerührt. Unsre Hilde ist durch die Pension nicht verdorben worden, dachte sie und strickte dabei tapfer an ihrer grauwollenen Socke. Ich möchte eher sagen, daß ihr Wesen noch liebevoller ist als früher. Ein Herzensschatz ist das Mädel. Aber lange werden wir's wohl nicht mehr behalten; wenn ich nicht sehr irre, werden wir bald Verlobung feiern. Denn wenn sich der August was vornimmt, wird's auch allemal durchgeführt, und das muß man ihm lassen, einen bessern Mann, als den Roland, konnte er sich für Hilde nicht aussuchen.

Die Socke war inzwischen bis zur Ferse gediehen, und Mile wünschte sie an der Zwillingssocke zu messen; aber diese war nun wieder einmal nirgends zu finden. Mile geriet in Aufregung, und Röse wurde herbeigerufen. Beide Frauen fuhren nun in der Stube umher, die von dem anbrechenden Winterabend schon verdüstert wurde.

Auf einmal zog Mile die Socke aus der Tasche ihres Kleides und hielt sie Röse vor die Nase. »Es ist wirklich merkwürdig, daß du auch niemals eine Sache finden kannst!«

Darüber hatte sie es aber ganz vergessen, nach dem Bruder zu sehen; jetzt lief sie stracks hinüber.

Baldinger saß, in dichte Tabakswolken gehüllt, bei einer Lampe, deren Schein durch den Rauch sehr gedämpft wurde.

Mile kam zur richtigen Stunde; denn der bekümmerte und gekränkte Kommerzienrat fühlte das Bedürfnis, sich gegen eine teilnehmende Seele auszusprechen. Aber der in ihm arbeitende Grimm erlaubte nicht, die Schwester herzlich willkommen zu heißen. »Na, was giebt's denn schon wieder?« fragte er barsch, als hätte ihn die gute Mile den ganzen Tag überlaufen.

»Was es giebt, das will ich dich eben fragen, August,« sagte Mile. »Das Kind hat sich gekränkt, weil du's angerasselt hast. So was ist unsre Hilde nicht mehr gewohnt.«

Anstatt der Antwort sprang Baldinger auf, rannte an den Schreibtisch, neben dem Mile Platz genommen hatte, rückte ihr die Lampe näher und ergriff den offenen Brief, den er ihr reichte. »Da lies!« sagte er grimmig und setzte dann wie erklärend hinzu: »Ich hatte Roland geschrieben, daß Hilde zurück sei, und daß ich ihn erwarte. Dachte natürlich, er würde heute kommen; anstatt seiner aber kam dieser Brief.« – Die letzten Worte wurden in grollendem Tone hervorgestoßen.

Mile hatte indes die Brille aufgesetzt und las:

»Hochverehrter Herr Kommerzienrat! Ich hätte mich Ihrem Wunsche gemäß schon morgen in Ihrer Villa eingestellt, um das Fräulein Tochter – »hm,« machte Mile und warf einen besorgten Blick auf den Bruder – zu begrüßen; aber, wie Sie ja wissen, bin ich mit den Arbeiten für den neuen Maschinensaal so überhäuft, daß ich die Nächte zu Hilfe nehmen muß. Doch sobald die Zeichnungen beendet sind – so in acht bis vierzehn Tagen –« »hm hm,« brummte Mile jetzt vernehmlich.

Baldinger war aufgesprungen. »In acht bis vierzehn Tagen will der Mensch hereinkommen! Na, da schlag doch ein Pferd drein! Rappelt's mit dem Roland seinem Verstand? Herrgott, 's wird mir doch nicht passieren, daß mein einziges Kind von einem Manne verschmäht wird? Das wird mir doch nicht passieren! Ich dächte, es wäre eine Ehre für Roland, daß ich ihn mir zum Schwiegersohne auserwählt habe! Und das Mädel, dächte ich, wäre doch auch nicht zu verachten!«

»Hat denn der Roland eine Ahnung, daß er dein Schwiegersohn werden soll?«

Baldinger stutzte; dann fuhr er heftig auf: »Wer soll zuerst reden? Der Vater oder der Mann, der das Mädchen heiraten will?«

»Irgendwo ist ein Haken; denn daß der Roland die Hilde gern hat, daran kannst du nicht zweifeln, das hat die Schönchen auch herausgefunden und selbst der Steinbach.«

»Wollte, der Steinbach dehnte seine Hochzeitsreise nicht bis in die Ewigkeit aus!« brummte Baldinger.

»Ja, ich wollte auch, er wäre zurück; der hätte so 'ne Angelegenheit gleich wieder eingerichtet.«

»Was ist da einzurichten?« fuhr jetzt Baldinger wieder auf. »Ich kann den Roland doch nicht anflehen, die Hilde zu heiraten. Er will nicht – damit Punktum.«

»August – hier liegt ein Mißverständnis vor.«

»Ein Mißverständnis? Geht denn aus seinem Briefe hervor, daß er den meinen mißverstanden hätte?« – Und da Mile ihm keinen Rat oder Trost zu geben vermochte, wünschte er allein zu bleiben.

Der Abend verlief nicht sehr gemütlich. Hildchen fand die Laune des Vaters nicht verbessert. Tante Mile wickelte sich in ein geheimnisvolles Schweigen und zog sich schon um neun Uhr in ihr Zimmer zurück. Aber sie dachte nicht an Schlaf. Es gärte in ihr von Vermutungen, alten Erinnerungen und neuen Plänen – ein Wirrsal, durch das sich Miles Geist durchringen mußte. Wenn sie sich gar nicht mehr zurechtfinden konnte, stöhnte sie laut. Aber so nach Mitternacht setzte sie sich im Bette auf. Sie hatte gefunden, wonach sie suchte – das Gegenstück zu Rolands Benehmen. Aus ihrer eignen Jugend trat ihr das Bild entgegen, und sie selbst war es gewesen, die wie er gehandelt hatte.

Ich war ja freilich nur ein armer Dienstbote; aber ich hatte meinen Stolz, gerade wie der arme Schulmeisterssohn. Er ist eben zu stolz, sich um eine reiche Erbin zu bewerben. Er will nicht für 'nen Spekulanten gelten, er will sich auch nicht sagen lassen: »Du bist mir für meine Tochter nicht gut genug.«

Das Erlebnis ihrer Jugend stand wieder so lebhaft vor ihrer Seele, daß sie die Schmerzen, die doch so lange schon geheilt waren, noch einmal zu fühlen glaubte.

Wie die Hilde nur lachen würde, wenn sie hörte, daß die alte häßliche Tante Mile auch einmal einen Verehrer gehabt habe! Es war eine einfache Geschichte, der Mile aber hatte sie fast das Herz gebrochen.

Er studierte in Breslau und wohnte bei der Pastorin, wo Mile diente. Er schien sie kaum zu beachten und nur an seine Bücher zu denken. Selten redete er ein Wort mit ihr, war aber stets zuvorkommend höflich. Sie hatte keine Ahnung, daß er von ihr etwas hielte. Aber in seiner stillen, bescheidenen Art wurde er Miles Ideal. Da, am Tage, wo er in die großen Ferien reisen sollte, ergriff er zum erstenmal ihre Hand und gestand ihr, daß er sie von Herzen liebe; er habe sich lange dagegen gesträubt, aber nun sei er überzeugt, daß er mit ihr allein glücklich werden könne. Während er noch mit ihr redete, trat unerwartet sein Vater ein, der gekommen war, den Sohn abzuholen. Mile merkte, wie der Sohn zusammenfuhr, und wie der Vater eine große Miene aufsteckte und gar streng nach ihr blickte. Da dachte sie, daß ein armer Dienstbote nicht in eine angesehene Familie paßte, und als der Student im Herbst wiederkehrte, hatte Mile den Ort verlassen.

Nachdem sie die vergessene Geschichte sich selbst noch einmal vorerzählt hatte, wurde sie müde und schlief bis in den Morgen hinein. Als sie aufwachte, war ihr klar, wie sie zu handeln habe.

Am Tage eines großen Maskenballes findet eine junge Dame zum Glück keine Zeit, an einen Jugendfreund, der nicht kommt, noch an die schlechte Laune des guten Papas zu denken. So dachte Hildchen auch nur an den ersten Abend, wo sie in die Gesellschaft treten sollte, und spürte deshalb nicht, daß die Temperatur in Villa Baldinger auf dem Nullpunkte stand – wirklich eine recht unbehagliche Temperatur! Selbst Tante Mile schloß sich in ihre Stube ein und erklärte durch ein Ritzchen, daß sie Kopfschmerzen habe und ruhig bleiben wolle.

Eine schöne Ruhe! An dem aufgeschlagenen alten Schreibsekretär saß Mile mit erhitztem Gesicht, auf dem dünnen grauen Zöpfchen ein schwarztaftenes Mützchen – die Haube hatte sie heruntergerissen – und vor ihr lagen, wirr durcheinander, beschriebene Wäschzettel, beschriebene Rechnungen – als Concept benutzte – und angefangene Briefe, die wieder durchstrichen waren. Doch endlich wurde ihre Mühe belohnt – sie hatte glücklich zwei Briefe zustande gebracht.

Sie adressierte gleich zwei Couverts; das eine davon an Walter Roland, und da sie ihre Vergeßlichkeit fürchtete, steckte sie auch das ihr vom Bruder geschenkte Billet zum Maskenballe hinein und darauf den folgenden Brief:

 

»Lieber Freund! Arbeit allein macht nicht glücklich; sie kann auch sehr kränkend sein. Ich menge mich in eine Geschichte, die mich eigentlich nichts angeht. (Das heißt sie geht mich schon an.) Die Sache ist, mein Bruder macht sich Gedanken, mehr sage ich nicht; ein Wort mehr ist schon vom Uebel. Es wird große Konflikte geben; aber ich finde nichts schrecklicher als Taktlosigkeit in solchen Dingen. Wenn Sie auf den Maskenball kommen, und es hat nichts auf sich, so können Sie das ja meinem Bruder sagen; er wird durch eine falsche Nase kenntlich sein. Wenn ich heut konfus bin, ist's kein Wunder; Schlaf ist alten Leuten notwendig. Ich gehe nicht mit, aber die Sorgen bekommen mir auch nicht gut. Also vergessen Sie nicht, daß ich Ihnen hiermit einen guten Rat geben wollte.

Ihre recht sehr betrübte
Mile Baldinger.«

 

Der zweite Brief war nach Venedig an Steinbach gerichtet und lautete:

 

»Lieber Freund! Sie müssen meinen Bruder über seine Gesinnung aufklären; wenn es jetzt zum Klappen kommt, bricht ein Unwetter los. Sie kennen August; und er liebt sein Kind. Der Plan ist schon alt; und die Neigung war ja vorhanden, wie selbst die Schönchen beobachtet hat. Als Ehemann werden Sie mit ihm fühlen – ich meine meinen Bruder; denn sie liebt ihn, daran ist gar kein Zweifel. Aber ich weiß, daß Bescheidenheit in seinem Charakter liegt und auch Stolz; ich war gerade so – und wäre ich nicht so gewesen, wer weiß, was aus mir geworden wäre – vielleicht eine Konsistorialrätin. Spekulation liegt ihm fern; aber mein Bruder hat sich's nun einmal in den Kopf gesetzt, er wünscht Roland zum Schwiegersohn. Das müssen Sie ihm sagen; hat er schon eine Braut, dürfen Sie nicht Ungelegenheiten machen, das versteht sich. Ich habe ihn auf den Maskenball eingeladen. Hinter der Larve macht sich ein Wiedersehen besser; aber wenn er sie liebt, und es bricht sich Bahn – wäre mein Bruder glücklich, was ich von Herzen wünsche. So kommen Sie nur bald, damit die Sache nicht etwa schief geht. Und grüßen Sie Mariechen.

Ihre Mile.«

 

Nachdem sie den Brief noch einmal durchgelesen hatte, schob sie ihn gleichfalls in das Couvert an Roland und sah nach der Uhr. Es war die Zeit, in der die Briefe nach Wermsdorf befördert wurden. Sie klingelte also und gab Röse den Auftrag, diesen Brief gleich mit abgehen zu lassen. Dann sah sie das Couvert an Steinbach noch liegen, wurde unruhig und griff schnell nach einem als Concept benutzten Wäschzettel, den sie in das Couvert steckte. Sie hielt diesen Wäschzettel in ihrer Aufregung für den an Steinbach gerichteten Brief. Fritz bekam den Auftrag, Marken darauf zu kleben und ihn in den Briefkasten zu stecken.

Bild: Fritz Bergen

Mile schob den Brief gleichfalls in das Couvert an Roland …

Jetzt, nach einer solchen Anstrengung, gönnte sich die gute Mile Stündchen Ruhe. In ihrem Geiste war der Sturmflut die Ebbe gefolgt – sie dachte nicht mehr und sorgte sich nicht mehr. Ja beim Mittagessen zeigte sie sich sogar ganz heiter, und Hildchen war gern bereit, einzustimmen.

Aber am Nachmittag fing das Denken und Sorgen wieder an. Ich habe was nicht richtig gemacht, war der erste Gedanke, und später: Ich muß was vergessen haben! Richtig, nach einigem Grübeln fand sie denn, daß sie vergessen hatte, Roland Hildchens Kostüm zu beschreiben. Nun kann er sie nicht erkennen – und alles ist umsonst! jammerte sie. – Daß man sich auf einem Maskenballe nach einigen Stunden demaskiert, darauf kam sie in ihrer stets zunehmenden Aufregung nicht: sie dachte immer nur, wie sie ihr Versehen wieder gut machen könne. Da es zu spät war, nach Wermsdorf einen Brief zu senden, und ein Telegramm indiskret gewesen wäre, beschloß sie, selbst auf den Maskenball zu gehen. Roland hatte eine ungewöhnliche Größe; ihn herauszufinden, war nicht schwer, dann wollte sie ihm Hildchens Anzug beschreiben und darauf wieder nach Hause eilen.

Dieser Entschluß war ihr nicht leicht geworden, und sie hielt ihn natürlich geheim. So machte sie sich denn zurecht – es war schon dämmerig – und ging in argem Schneesturme heimlich aus, um noch ein Billet – denn das ihre hatte sie ja Walter geschickt – wie einige andre Kleinigkeiten zu besorgen.


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