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6. Tante Mile wird entthront.

Mile erwachte mit Kopfschmerzen; ein häßlicher Traum hatte ihr die ganze Nacht verdorben. Er war gleichsam eine Fortsetzung des gestrigen Mittagsmahles. Mile mußte auch im Traum noch nach dem Weinkellerschlüssel suchen. Und wo fand sie ihn? In der Kleidertasche der gestrengen Frau Konsul. Als ihr aber Mile den Schlüssel triumphierend unter die Nase hielt, bekam sie von der beleidigten Dame eine Ohrfeige. Empört wandte ihr Mile den Rücken, sie rannte an Fritz, der die Suppenschüssel über sie ausgoß; dabei sprangen Champagnerpfropfen von selbst aus den Flaschen, und Onkel Edi erklärte, jetzt hätte er die Wirtschaft satt und Tante Mile müsse abgesetzt werden.

Darüber erschrak die arme Mile und erwachte.

Nun stellten sich aber allerhand peinliche Erinnerungen an den gestrigen Tag ein. Sie hätte gern einen Sündenbock entdeckt, aber es wollte sich keiner finden. Darauf ging Mile mit sich selbst einmal scharf ins Gericht, und weil sie, wenn sie sich in ihrer Stube und ganz allein befand, nicht ungerecht war, so sprach sie sich schuldig.

Das war ihr nun nicht leicht geworden. Sie fühlte sich sehr bedrückt und fürchtete sich vor dem Wiedersehen mit dem Bruder. »Was nur der August sagen wird!« – Und sie seufzte.

Leise wurde an die Thür geklopft, und ein liebliches Gesichtchen guckte herein.

»Ich wollte nur hören, wie du geschlafen hast, Tantchen,« fragte Hildchen. »Du hast dich gestern so sehr angestrengt. Aber du wirst sehen, wenn ich erst groß bin, dann sollst du es gut haben und dich den ganzen Tag ausruhen.«

Tante Mile wurde so gerührt, daß ihr die Thränen in die Augen traten. »Ach Herzenskind,« – sie seufzte und streichelte die schmalen Händchen. Ihre Schuld drückte sie, aber Hildchen war doch noch zu jung, als daß ihr eine alte Tante beichten konnte. Sie schickte das Kind fort und versprach bald zum Frühstück zu kommen.

Baldinger war nach der gestrigen Geburtstagsfeier nicht in der besten Laune und geneigt, ein gelindes Donnerwetter loszulassen. Aber es war, als hätte Hildchen das geahnt. Während sie dem Vater den Kaffee einschenkte und ihm die Buttersemmel strich, wußte sie reizend zu plaudern. Die Verdienste der Tante traten in helle Beleuchtung, und alle Konfusionen schienen nur Tücken eines unglücklichen Zufalls. Baldinger aber gab sich den Anschein, Hildchens Bericht nicht zu bezweifeln. Als Mile zaghaft und niedergeschlagen herunterkam, fragte der Bruder liebevoll nach ihrem Befinden. »Hast dich an meinem Geburtstag über deine Kräfte anstrengen müssen,« schloß er mit einem besorgten Blick.

Mile hatte sich auf einen ganz andern Empfang gefaßt gemacht und fühlte sich von des Bruders Güte fast beschämt.

Der Verkehr mit der Köchin wäre an diesem Morgen auch etwas peinlich gewesen. Aber als Mile nach dem Schlüsselkörbchen griff, um sich nach der Küche zu begeben, nahm es ihr Hildchen mit einem Kuß aus der Hand.

»Heute möchte ich einmal herausgeben, Tantchen. Ach bitte, laß mir heut einmal das Vergnügen. Morgen habe ich wieder Stunde. Und nicht wahr, Fräulein Schönchen, Tante sieht gerade aus, als müßten wir sie auf ein Sofa setzen und es in der Stube dunkel machen, damit sie sich ausruhen kann?«

»Unsre Hilde hat wieder mal ganz recht,« rief der beglückte Vater.

Sollte sich Mile sträuben? Fühlte sie nicht selbst die zarte Rücksicht des Kindes heraus?

»Woher nur das Mädel das liebreiche Wesen hat?« fragte Baldinger die Schönchen, als Mile und Hilde das Zimmer verlassen hatten. »Ich bin doch eher 'n rauher, bärbeißiger Geselle, und Mile hat auch nicht gerade was Anschmiegendes.«

Diesmal aber traf die Schönchen das Richtige. »Sie sind beide gut, Herr Baldinger, aber es kommt nicht so heraus. Bei Hildchen aber schwimmt die Güte oben, wie Fettaugen auf der Suppe.«

»Na, das muß man Ihnen lassen, liebe Schönchen, Sie machen wirklich sehr treffende Vergleiche,« rief Baldinger belustigt.

Mile saß nun auf ihrem Zimmer, halb schon getröstet und doch recht trübselig. Gerade weil sich Bruder und Nichte so ausnehmend liebevoll gegen sie zeigten, fühlte sie doppelt ihre Schuld.

»Das Kind hat wahrscheinlich mehr Geschick die Wirtschaft zu führen, als ich,« dachte sie. »Vielleicht wäre es auch für den Bruder besser, wenn ich wieder in die alte Heimat zurückkehrte.« – Nein, diese Vorstellung war nicht zu ertragen. Nie hatte sie es so gefühlt wie in diesem Augenblick, daß sie die beiden grenzenlos liebte. Und bei dem Gedanken an eine Trennung brach sie in Thränen aus.

Bild: Fritz Bergen

Hildchen nahm ihr das Schlüsselkörbchen aus der Hand …

Da ließ sich aus Miles Schlafstube ein Ausruf der Verwunderung vernehmen, und Röse stürzte, den Weinkellerschlüssel emporhaltend, herein.

»Na, wo hat denn der wieder gesteckt?« fragte Mile kleinlaut.

»In der Kapuze vom Regenmantel, Fräulein.«

»Na, daß ich mit gesunden Sinnen den Schlüssel nicht in die Kapuze gesteckt habe, ist doch klar. Da frage ich nur, wie er da hineingekommen ist?« Und Miles Blick richtete sich nicht gerade freundlich auf die Ueberbringerin. »Das sieht ja beinahe so aus, als hätte ihn einer da hineingesteckt, um sich über mich lustig zu machen.«

»Nu Jeses, Fräulein, Sie müssen halt die Kapuze manchmal für 'ne Kleidertasche halten,« verteidigte sich Röse.

»Ich hielte sie für 'ne Kleidertasche? Nimm mir's nicht übel, es ist doch geradezu unverschämt, wie du so was behaupten kannst.«

»Nu, Fräulein, daneulich hab' ich doch auch Ihr Strickzeug in der Kapuze gefunden, und vorgestern 's Schnupftuch. Es wäre schon besser, wenn Sie die Kapuze wieder 'runternehmen ließen.«

Mile war geschlagen und sah zerknirscht aus. Dann fuhr sie auf: »Wenn ich aber meine Kapuze für 'ne Tasche halte, war's doch deine Pflicht, Röse, dort zuerst nachzusuchen.«

Röse war auch in diesem Punkte andrer Meinung. »Ne, Fräulein, wenn ich in der Kapuze gesucht hätte, wäre der Schlüssel gewiß nicht drin gewesen. Wie Sie doch aus Erfahrung wissen, Fräulein, finden sich halt die Sachen immer da, wo man sie nicht sucht.«

Jetzt wußte Mile nichts mehr zu entgegnen und blieb stumm und wie gebrochen sitzen. War es, nachdem sich der Schlüssel in der Kapuze gefunden hatte, nicht eigentlich ihre Pflicht, Fritz um Verzeihung zu bitten, den sie durch anzügliche Blicke und mißtrauische Bemerkungen tief beleidigt hatte? Dazu aber konnte sie sich doch nicht entschließen. Nur behandelte sie ihn während der nächsten Zeit mit ausgesuchter Höflichkeit.

Wenige Tage später erschien Steinbach und verlangte Mile zu sprechen. Nach einer kleinen Einleitung erklärte er der alten Freundin, seine Mutter habe ganz zufällig eine vorzügliche Wirtschafterin entdeckt, und diese könne, wenn Mile zustimme, gleich antreten.

»Na, da wäre ich also abgesetzt,« meinte Mile und schickte sich an, Vorbereitungen für eine große Rührscene zu treffen, das heißt sie zog das riesige Schnupftuch aus der Tasche.

Steinbach aber lachte. »Merken Sie nicht, Tante Mile, wie viel uns allen daran liegt, sie noch recht lange am Leben zu erhalten? Denn wenn Sie fortfahren, den ganzen Tag herumzuwirtschaften, sich mit den Dienstboten zu ärgern und sich vor lauter Pflichtgefühl auch noch um den Schlaf bringen, so leben Sie keine paar Jahre mehr.«

»Dann würde ich mit Ehren in die Grube fahren,« grollte Mile. »Aber wenn ich meinem Bruder nichts mehr nütze bin, dann bleibe ich auch nicht hier; dann will ich wieder nach Schlesien zurückgehen.«

»Tante Mile, darf ich als alter Freund bitten, daß Sie mich einmal ruhig anhören?«

»Sie brauchen sich nicht erst unnötig anzustrengen; ich weiß schon, wo Sie hinauswollen.«

»Sehen Sie, Sie sollen jetzt ja nur die Früchte Ihrer Arbeit genießen, Tante Mile. Sie sollen ein Leben führen, wie es einer alten Dame …«

»Hm! Schöne Dame in Ihren Augen!«

»Gut, sagen wir lieber, einer vortrefflichen alten Frau.«

»Alten Jungfer.«

»Ja, wenn Sie mich immer unterbrechen, kann ich Ihnen nicht ruhig auseinandersetzen, was ich Ihnen zu sagen habe. – Glauben Sie mir, in der rechten Weise das Alter würdig zu genießen, ist eine große Kunst.«

»Bilden Sie sich vielleicht ein, daß ich diese Kunst gelernt hätte?«

»Das ist eine Kunst, die man nach des Tages Last und Mühe zu erlernen noch Zeit hat. – Der Garten mit seinen Blumenbeeten soll Ihrer Fürsorge überlassen bleiben.«

»Damit Sie sich über meine Neigung für altmodische Blumen lustig machen können, gelt?«

»Tante Mile, nicht boshaft sein! – Für Strickwolle zu Socken wird Baldinger in ausreichendem Maße sorgen – Absatzgebiet unser Armen- und Siechenhaus. Und die Lektüre, die Beschaffung von Kriminalnovellen, die Sie so gern lesen, das soll meine Sorge sein. Können Sie sich ein angenehmeres Leben vorstellen, Tante Mile? An der Seite eines Bruders, den Sie anbeten, mit einem Sonnenkinde, wie unser Hildchen, und umgeben von Freunden, die Sie verehren und lieben?«

»Na, mich wundert's nur, da Sie so schön zu lügen verstehen, Steinbach, daß Sie mich nicht lieber gleich fragen, ob ich Sie nicht heiraten wolle. Denn da Sie ganz sicher sind, daß ich der Frau Konsul ihre Schwiegertochter nicht sein möchte …«

Steinbach lachte. »Ja, wenn Sie mir Hoffnungen gemacht hätten, wer weiß, was geschehen wäre. Aber einen Korb wollte ich mir doch nicht holen.«

Dann wurde er ernst und schaute eine Weile nachdenklich vor sich hin. Auf einmal ergriff er lebhaft Miles Hand.

»Ich täusche mich nicht. Sie sind bis jetzt nicht an Ihrem Platz gewesen, Tante Mile. Das Wirtschaften und der Leuteärger haben auf Ihnen zu schwer gelastet, weil Sie vergeßlich und doch pflichttreu sind. Das Stricken und Lesen aber kann eine tüchtige Frau wie Sie nicht befriedigen, und für Hildchens Erziehung sorgt Fräulein Schönchen.«

»Da können Sie wohl recht haben, Steinbach.« – Ein eigentümlicher Glanz strahlte aus Miles Augen. Es war, als sei in ihrer Seele, die unter schwerem Drucke verkümmerte, ein Licht entzündet worden. – »Na, zu thun wird's schon geben. Ich hatte bis jetzt nur keine Zeit, mich um die Arbeiter zu kümmern.«

Steinbach sprang auf. »Das ist's, Tante Mile, das ist's! Ich wünschte nur, daß Sie es zuerst aussprechen sollten. Nach dieser Seite liegt Ihre Anlage und darum auch Ihre Pflicht, weiter ausgreifend zu wirken. Sie sind eine echte Baldinger.« – Seine Stimme war bewegt und er küßte respektvoll Miles Hand.

Der Anfang wurde Mile nicht leicht. Sie war mutlos, weil sie mit ihrem Wirken in des Bruders Haus keinen Erfolg gehabt hatte. Sie fing langsam an, unterhielt sich mit den Arbeiterfrauen, und wo sie hörte, daß Hilfe notwendig war, ging sie in die Häuser. Sie verstand es, mit den Leuten umzugehen, weil sie wußte, wie sie fühlten und dachten. Allmählich gewann sie sich so die Herzen, und Miles stilles Wirken wurde gesegnet.


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