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19. Unerwartete Uebereinstimmung.

Baldinger ist von der Reise, nachdem er sich in Genf von seinem Hildchen getrennt hat, wieder eingetroffen; aber, wie Mile meint, »ist mit dem August jetzt nicht gut Kirschen essen«, denn der Kommerzienrat zeigt eine auffallend reizbare Stimmung. Selbst die prachtvolle Villa, an der er sich erfreut hatte, wie ein Kind an einem neuen Spielzeuge, scheint ihm nicht mehr der Beachtung wert: wenn er, die Pfeife rauchend, durch den Garten geht, blickt er nicht rechts noch links auf die reizenden Teppichbeete, immer nur geradeaus, und immer mit einer Miene, als wolle er den Leuten schon von ferne zurufen: »Nehmt euch vor mir in acht!«

Sagen will er nicht, daß ihm Hildchen fehlt, aber natürlich haben sie es erraten. Mile hätte alle Ursache, eifersüchtig zu werden; doch die Eifersucht hat sie im Laufe der Jahre, wo auch ihr das Kind immer mehr ans Herz gewachsen ist, ganz vergessen.

Fräulein Schönchen, die, wie schon gesagt, aus Freundschaft und Dankbarkeit noch im Hause geblieben ist, um Mile Gesellschaft zu leisten, hat nun vor abzureisen; doch sobald sie eine Andeutung macht, »brüllt der Löwe« – so bezeichnet wenigstens Fräulein Schönchen das unverständliche Gebrumme, womit Baldinger ihre Anspielungen aufnimmt.

Er sieht sie ungern scheiden: ihre Gegenwart ist ihm eine lebensvolle Erinnerung an das liebe Mädchen. Ein hingeworfenes Wort, nur eine Andeutung – von Hildchen zu sprechen hütet sich Baldinger – und Fräulein Schönchen fällt wie ein Schauspieler nach dem Stichwort ein, um allerlei Kinderanekdoten zu erzählen. Der Vater hört jetzt mehr von seinem Kinde, als zu der Zeit, wo es unter ihm aufgewachsen ist. Wer hätte nur dem nie rastenden Geschäftsmanne diese Gemütstiefe, diese Liebe zugetraut?

Fräulein Schönchen arbeitet krampfhaft in künstlichen Blumen. »Schweigen wäre eine Sünde, nachdem ich weiß, daß das arme Kind einem ungeliebten Manne vermählt werden soll,« denkt sie. »Ich muß mit dem Kommerzienrat sprechen.«

Sie fürchtet sich sehr vor dieser Unterredung, aber sie liebt Hildchen und kennt ihre Pflicht.

Nach dem Abendessen – die arme Schönchen hat nur zum Schein daran teilgenommen – begeben sich die drei vereinsamten Menschen in den Garten. Es ist ein schöner, warmer Augustabend. Unter der herrlichen Platane nehmen sie Platz, und Fräulein Schönchen bekommt in immer kürzern Pausen Hustenanfälle.

Dieses andauernde Hüsteln wird Baldinger verdächtig. Er kann Erkältungshüsteln gar wohl von Verlegenheitshüsteln unterscheiden, und nachdem er Fräulein Schönchen eine Weile beobachtet hat, entscheidet er sich für Verlegenheitshüsteln. Was kann es zu bedeuten haben? Fräulein Schönchen ist mehr als zehn Jahre in seinem Hause; sie hat sich stets bescheiden, aber niemals schüchtern gezeigt, und morgen reist sie ab, sagt sich Baldinger; da muß man ihr Anliegen ja gewissermaßen als einen letzten Wunsch betrachten. – Er beschließt, sie offen zu fragen. »Immer geradeaus« ist einer von seinen Wahlsprüchen.

»Na, was haben Sie denn, Fräulein Schönchen?« fragt er zuvorkommend. »Genieren Sie sich nicht; sprechen Sie sich nur aus.«

»Ach ja, Herr Kommerzienrat, ich habe noch was auf dem Herzen.«

»Auf dem Herzen?« Baldinger verhandelt nicht gern über Herzensangelegenheiten.

Zaghaft, doch entschlossen fährt Fräulein Schönchen fort: »Sie haben mir zwar einmal befohlen, diese Sache nie mehr zu berühren« – Baldinger kann sich nicht erinnern und wird unruhiger – »aber es ist meine Pflicht, das heikle Thema vor meiner Abreise noch einmal zur Sprache zu bringen.«

Baldinger wirft der armen Schönchen durchdringende Blicke zu. »Was für ein Thema? Ich verstehe nicht, worauf Sie anspielen, und muß bitten, daß Sie sich deutlicher erklären.«

Arme Schönchen! Diese forschenden Baldingerschen Blicke sind recht peinlich; aber wenn auch errötend, schreitet sie doch tapfer weiter: »Ich spreche von Hildchens Zukunft.«

Baldinger atmet erleichtert auf: der Schönchen geängstigtes Wesen hat ihn selbst unsicher gemacht. Es ist ihm auf einmal der furchtbare Verdacht aufgestiegen, sie wolle ihm vor der Abreise eine dritte Heirat anraten. Jetzt schilt er sich in Gedanken einen Dummkopf und kommt auf einmal in eine nachgiebige, milde Stimmung.

»Sie meinen damit wahrscheinlich die Verheiratung meiner Tochter, mein liebes Fräulein?«

»Na, ich dächte, darüber bliebe noch Zeit zu reden, wenn das Kind aus der Pension zurück ist,« wirft Mile dazwischen. – »Wie kommen Sie denn schon jetzt auf das Heiratskapitel, liebe Schönchen?«

»Weil der Herr Kommerzienrat schon vor länger als einem Jahre die Absicht geäußert hat, Hildchens Gemahl selbst auszuwählen.«

»Habe meine Meinung in dem Punkte auch noch nicht geändert,« versetzt Baldinger.

»Wo du den Zukünftigen schon aufgegabelt hast, das möchte ich doch wissen, August?«

»Wir wollen erst mal hören, was Fräulein Schönchen zu sagen hat.«

»Ich habe mir schon damals erlaubt, Sie aufmerksam zu machen, Herr Kommerzienrat, daß Hildchen einen sehr bestimmten Willen habe.«

»Bin öfter in den Fall gekommen, mich davon zu überzeugen.«

»Ich erlaubte mir auch zu bemerken, daß, wenn ihr Herz einmal sprechen sollte …«

»Hoffe, es hat schon gesprochen.«

»Sie hoffen, Herr Kommerzienrat? Wäre es möglich, daß Sie doch ihre Meinung geändert hätten? Oder sollten Sie sich über meine Besorgnisse belustigen wollen?«

»I, wo werde ich!« ruft er gutmütig lachend, und zum erstenmal seit seiner Rückkehr zeigt er etwas von der gewohnten Behaglichkeit.

»Nun, dann erlauben Sie mir vielleicht fortzufahren, Herr Kommerzienrat?« – Er nickt. – »Sie werden entschuldigen, wenn ich ganz offen rede; aber es ist meine Pflicht, Sie zu warnen. Ich habe es schon vor einem Jahre für notwendig gehalten, Sie zu warnen; aber – Sie wissen ja bekanntlich Ihren Willen in sehr bestimmter Weise auszudrücken, Herr Kommerzienrat, sodaß ich mich nicht näher zu erklären wagte. Doch heute muß es geschehen. Wir sehen uns vielleicht in diesem Leben nie wieder« – ihre Stimme wird weich; Tante Mile fängt an, das Schnupftuch aus der Tasche zu ziehen – »und ich habe Beobachtungen gemacht, Herr Kommerzienrat. Wenn Sie Hildchens Hand selbst vergeben wollen, sollten Sie doch den intimen Verkehr …«

Baldinger unterbricht sie mit dem herzlichsten Lachen. »Gut beobachtet, Fräulein Schönchen, vortrefflich beobachtet!«

Fräulein Schönchen richtet sich gerade, ihre Mundwinkel ziehen sich abwärts, ihre Augen werden größer, sie sieht beleidigt aus. »Ich weiß nicht, wie ich mir Ihre Heiterkeit deuten soll, Herr Kommerzienrat?« versetzt sie mit Würde. »Sollten Sie meine Beobachtungen verlachen, so bin ich bereit, Thatsachen anzuführen …«

»Um so besser, Fräulein Schönchen, um so besser! – Sie bestätigen damit nur meine gute Meinung; Sie haben Scharfblick bewiesen, mein liebes Fräulein!«

Mile blickt verständnislos von einem zum andern: der Bruder in heiterster Laune, Fräulein Schönchen trotz seiner schmeichelhaften Versicherung gekränkt. »Nun bitte ich, mir nur wenigstens einmal zu erklären, was die Schönchen beobachtet hat?«

»Ich versichere dir, Mile, daß mir Fräulein Schönchen keine größere Freude hätte bereiten können. Ihre Beobachtung stimmt vollständig mit der meinigen überein.« – Er wendet sich jetzt zu der ihn mit einem fragenden Blick anschauenden Erzieherin. »Ja, mein liebes Fräulein, hoffentlich stimmen wir auch in dem Gegenstande überein; denn ich wünsche mir keinen bessern Mann für meine Hilde, als Walter Roland.«

»Ach, Gott sei Dank!« Die gute Schönchen atmet erleichtert auf, und vor lauter Freude wird ihr Gesicht ordentlich jung und hübsch.

Jetzt fühlt sich aber Mile beleidigt. »Na, das ist doch etwas stark, August! Also hinter meinem Rücken wird die Hilde verheiratet!«

Bild: Fritz Bergen

»Ich weiß nicht, wie ich mir Ihre Heiterkeit deuten soll …

»Vor der Hochzeit hättest du's ja noch erfahren, Mile. Kannst dich übrigens beruhigen; die am meisten dabei beteiligten Personen haben gleichfalls noch keine Ahnung von meinem Plane. Nur diese Schönchen, diese schlaue Schönchen! Hätte Ihnen diese Beobachtungsgabe wirklich nicht zugetraut, mein verehrtes Fräulein; aber was haben Sie denn eigentlich gegen Walter Roland? Denn, wie mir scheint, wollten Sie mich doch vor ihm warnen.«

»Ach, Herr Kommerzienrat, da haben Sie mich völlig mißverstanden!« ruft Fräulein Schönchen mit großem Eifer. »Ich schätze ja den Herrn Direktor außerordentlich und bin fest überzeugt, daß unser Hildchen mit niemand so glücklich werden könnte, als gerade mit diesem ausgezeichneten Manne.«

»Freut mich, daß ich Ihren Geschmack getroffen habe; aber vor welchem Schrecknis wollten Sie mich dann warnen?«

»Ach, verehrter Herr Kommerzienrat, ich hatte Sorge, daß Hildchen ihre Neigung einem Manne zugewendet habe, den Sie ihr nicht bestimmt hätten.«

»Ah, ich begreife; Sie haben sich eingebildet, ich wäre ein Roman-Wüterich, der sein jammerndes Kind ohne Erbarmen einem Ungeheuer in die Arme drückt. Ganz so schlimm bin ich aber doch nicht, Fräulein Schönchen.«

Mile, die Hände auf die Kniee gestützt, scheint sich noch immer zu wundern. »Und solche Geschichten passieren nun hier unter meinen Augen, und ich alte Gans bin die einzige, die nichts davon merkt! – Aber nun erklären Sie mir wenigstens, wie es möglich ist, daß sich ein Kind, wie unsre Hilde, schon Heiratsgedanken in den Kopf setzt. Auf solche dumme Ideen bin ich doch erst viel später gefallen.«

»Ja, Fräulein Mile, der Herr Kommerzienrat hat ja das Beisammensein der jungen Leute in jeder Weise begünstigt.«

»Ganz recht; wieder gut beobachtet!« versetzt Baldinger. »Denn sehen Sie, Neigung mußte erst vorhanden sein – von beiden Seiten; ich wünschte sie herbeizuführen und begünstigte deshalb jede Gelegenheit, wo sie sich sehen konnten. Hätte sich aus ihrem Zusammensein keine Neigung entwickelt – na, dann hätte ich meinem Lieblingsplane entsagen müssen.«

»Das glaube ich nicht; das bildest du dir jetzt nur ein,« bemerkt Mile trocken.

»Daß sich die beiden gern haben?«

»Nein, daß du deinen Plan aufgeben würdest; da kenn' ich dich doch besser, August. Wenn du dir's einmal in den Kopf gesetzt hast, müssen sie sich heiraten, und wenn sie auch gar keine Lust dazu haben.«

Fräulein Schönchen nickt zustimmend, und Baldinger lacht herzlich.

»Ja, weißt du, Mile, jetzt bleibe ich freilich auch fest.« – Und in seinen Augen blitzt es energisch auf. »Und wenn Hilde, will's nicht hoffen, ihre Meinung ändert – dann …«

»Na, der Mensch denkt und Gott lenkt.«

»Ich verstehe nicht, weshalb du dich als Prophet aufspielst, Mile. Steinbach stimmt völlig mit mir überein; und nun hast du auch von Fräulein Schönchen gehört …«

»Ich sage dir, August, die Liebe geht vorüber wie der Schnupfen.«

»Hast du diese Erfahrung selbst gemacht?«

»Nicht bloß einmal; oft, sogar sehr oft.«

»Da muß ich gestehen, daß ich dir so was nicht zugetraut hätte, Mile.«

»Mir? Da hast du schon recht. Ich habe meinen Schnupfen nur einmal gehabt, aber daß sie sich so durch vier bis sechs Bände lieben, das kommt nur in den Romanen vor, und da gefällt mir's ja auch recht gut, wenigstens lese ich nur die Geschichten, wo sie sich kriegen; die Schönchen ist so gut, immer erst auf der letzten Seite nachzusehen. Aber im Leben, weißt du, da ist's nun was ganz andres. Und wenn du willst, daß unsre Hilde den Roland heiratet, dann hättest du sie nicht sollen in eine vornehme Pension schicken, sondern sie mit ihm verloben, das wäre praktischer gewesen.« – Nach diesen Worten erhebt sich Mile, erklärt, der Abend werde kalt und sie wolle zu Bette gehen.

Fräulein Schönchen aber fühlt sich ungemein erleichtert, und Baldinger scheint allen Trennungsschmerz überwunden zu haben. Er wird so gesprächig, daß er Fräulein Schönchen ein langes und breites von seiner Schweizerreise erzählt, während sie miteinander im Mondenscheine bis elf Uhr im Garten auf und ab gehen.


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