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2. Eine Heldenthat.

Steinbach hatte sich nicht getäuscht. Mile hatte wirklich ein großes Herz, aber die Leitung eines ansehnlichen Haushalts überstieg ihre Kräfte. So brachte sie weder Ruhe noch Ordnung, sondern nur Verwirrung in das Haus des Bruders.

Weil sie in ihrer Jugend als Dienstmädchen und später bei den Eltern die Wirtschaft zu allseitiger Zufriedenheit geführt hatte, glaubte sie, daß niemand besser als sie ein Hauswesen leiten könnte.

Sie war an eine peinliche Sparsamkeit gewöhnt, und jetzt, wo sie eine große Summe verbrauchen durfte, fehlte es bald da, bald dort. Sie schalt über eine Schippe Kohlen, aber sie merkte nicht, wenn eine Lowry verschwendet wurde. Sie lief den ganzen Tag treppauf und -ab; sie guckte in jeden Winkel, und doch betrogen sie die Dienstleute. Ihre Vergeßlichkeit nahm zu, und sie wurde reizbar. Es war kein Wunder, daß die Leute sie »Konfusionstante« nannten.

Baldinger litt unter diesen Verhältnissen, und doch hätte er die Schwester ungern wieder entbehrt. Es war nicht allein ihre dankbare Liebe, die ihm wohl that. Sie bewies auch einen auffallend scharfen Blick für die praktische Seite seines Geschäfts und noch mehr für die Bedürfnisse der Arbeiter. Selbst wenn ihre Vergeßlichkeit manchmal störend war, konnte er sich doch über vieles, was ihm am Herzen lag, mit Mile besprechen. Nur sein kleines Mädchen betrachtete Baldinger manchmal mit sorgenvollem Blick. War wohl Mile trotz ihres vortrefflichen Charakters geeignet, seine Tochter zu erziehen?

Dieses kleine Geschöpf war für Baldinger der Mittelpunkt des ganzen Hauses. Er hatte es längst verschmerzt, daß ihm der Himmel anstatt eines Jungen ein Mädchen beschert hatte.

Hildchen war kein ungewöhnlich schönes Kind, aber so hold und zutraulich, daß ihm alle Herzen entgegenflogen. Der gute Papa wäre imstande gewesen, sein ergrauendes Haupt unter ihre kleinen Füßchen zu legen, wenn sie es verlangt hätte, und Steinbachs Herz hatte sie völlig erobert.

Nur Tante Mile widerstand tapfer einer »blinden Liebe und thörichten Anbetung«. – »Ich wenigstens muß die Augen offen halten,« sagte sie. »Wenn ihr alle in das Kind vernarrt seid, was soll da aus ihm werden?«

Denn nach der Erfahrung des eignen Lebens glaubte sie, daß brave und tüchtige Menschen nur aus den ärmlichsten Verhältnissen hervorgehen könnten.

»Steinbach ist eine Ausnahme von der Regel,« pflegte sie zu sagen. »Aber ich weiß es, der Hunger und die Not erziehen die Menschen. Und wir werden ja sehen, was herauskommt, wenn das Kind wie eine Prinzessin gehalten wird.«

Baldinger gab der Schwester recht, sobald sie sich über Hildchens Erziehung aussprach. Aber weil er ein ganz schwacher Vater war, fuhr er fort, das Kind zu verwöhnen. Nur ärgerte es ihn, wenn ihm Mile seine Schwachheit vorwarf; dann konnte er ordentlich heftig werden und Mile, die ihn wie einen Abgott liebte und anbetete, tief betrüben.

Da es Mile nicht wagte, den Bruder mit Klagen über schlechte Dienstboten zu belästigen, schüttete sie ihr Herz gegen die gute Frau Pastor Horner aus. Diese war eine freundliche und teilnehmende Seele; während es Mile vorkam, als blicke die Frau des technischen Direktors auf sie herunter. Das aber vertrug Mile nicht. »Ich bin dem Baldinger seine Schwester,« konnte sie mit Selbstbewußtsein betonen, sobald sie es für nötig hielt.

Wenn Mile mit Frau Pastor, wie heute, bei einem Täßchen Kaffee im Garten sitzen und von der Vergangenheit plaudern konnte, fühlte sie sich sehr behaglich. Sie erzählte gern immer wieder von der »großen Wendung« in ihrem Leben, als der Bruder zu verdienen anfing und sie wie die Mutter mit Geldsendungen überraschte.

»Sehen Sie, Frau Pastorn,« berichtete Mile, »es war doch gerade so, wie wenn's Frühling werden wollte. Erst dachten wir, die Mutter und ich, der August is 'n guter Mensch, nu ja, der darbt sich's ab, und da trugen wir das Geld auf die Sparkasse. Wir hätten das Geld nicht angerührt! Gott bewahre. Aber 's war doch 'n Notgroschen, wenn man mal krank würde. Nu aber kam immer mehr Geld – immer mehr. Ich genierte mich ja, so viel Geld auf die Sparkasse zu tragen. Und der August schrieb, wir sollten nich mehr sparen. Wir sollten uns was Guts anthun, er wäre ja nu ein reicher Mann. Und da war's doch, als ob's Sommer geworden wäre! Und wir nahmen 'ne hübsche Wohnung mit 'm Garten, und ich nahm mir auch 'ne Hilfe – die Röse, und nu ging's hoch her bei uns, Frau Pastorn. Da habe ich die schönsten Tage meines Lebens gehabt. Und Sonntags, da saßen wir alle drei beisammen und hatten zum Kaffee unsern Streußelkuchen, und ich las 'ne Geschichte vor – denn ich hab' immer gern ein schönes Buch gelesen, Frau Pastorn; aber ich hatte nur immer keine Zeit dazu. Ach, du lieber Gott, am liebsten wäre ich bis an mein seliges Ende in Liegnitz geblieben …« Ein Schrei unterbrach sie. »Barmherziger Gott, wer hat denn geschrieen? Frau Pastorn – da ist ein Unglück mit dem Kinde …«

Bild: Fritz Bergen

Der Junge warf sich auf das Tier und umklammerte es mit seinen kräftigen Händen …

Die Frauen stürzten nach dem vordern Teile des Gartens, wo Baldinger, wie Mile wußte, in der Veranda die Zeitungen las und das Kind unter der Aufsicht der Kinderfrau an einem Sandhaufen spielte.

Nun machte aber die Kinderfrau, was Mile nicht ahnte, hinten ein Schwätzchen mit der Waschfrau, und die kleine dreijährige Hilde trippelte durch die nicht geschlossene Gartenthür auf die Straße.

Das Kind kam nicht nur allen Menschen freundlich und vertrauend entgegen, es fürchtete sich auch nicht wie andre Kinder vor Tieren.

»Armes, krankes Hundchen,« sagte es mitleidig und ging mit ausgestrecktem Händchen einem Hunde entgegen, der mit stierem Blick, heraushängender Zunge und eingezogenem Schwanze die Straße herunterkam.

Doch ehe es noch dem tollen Hunde nahe gekommen war, schrie ein großer Junge: »Weg da, Kind!« und schleuderte es zurück, sodaß es hinfiel. Der Junge aber warf sich auf das Tier und umklammerte es mit seinen kräftigen Händen, es am Halse würgend.

Bei des Jungen Schrei war Baldinger aufgefahren, erkannte die furchtbare Gefahr, in der sein Kind schwebte, und der bunten Pracht seiner Blumenbeete nicht achtend stürzte er auf dem geradesten Wege durch Heliotrope und Geranien nach der Straße.

Gott sei Dank, sein Liebling war noch unverletzt!

Er hob das erschreckte, schreiende Kind auf seinen Arm und preßte es an sein angstvoll schlagendes Herz. Er, der niemals eine Ohnmacht gefühlt und in den schwierigsten Verhältnissen die Geistesgegenwart nicht verloren hatte, mußte sich an dem Gartengitter halten, weil ihm schwindelte.

Nun kamen auch die beiden Frauen herbeigelaufen, denen er das Kind übergab.

Indes hatte ein Arbeiter den Hund mit einer Schlinge, die er um seinen Hals warf, erdrosselt. Zuckend, mit Schaum vor dem Maule, lag das Tier am Boden, und der mutige Bursche, der das Kind seines Herrn mit Gefahr des eignen Lebens gerettet hatte, war aus seiner furchtbaren Lage befreit worden.

Jetzt drängte er sich zwischen der sich schnell ansammelnden Menschenmenge hindurch, als wolle er sich den neugierigen Blicken entziehen.

»Warum willst du dich fortschleichen, Junge?« – Der befehlende Ruf Baldingers hielt ihn zurück, und mit gesenkten Augen kam er langsam und schüchtern näher.

Baldinger aber ließ ihn fast zornig an. »Hast du denn gar keine Vorstellung, was du eben gethan hast, Junge? Das Kind ist mein einziges« – Baldingers Stimme bebte –, »und du hast mir's gerettet. Du hast dich nicht erst besonnen und gefragt, ob du dabei Gefahr liefest, und nun willst du mich hindern, dir zu danken? Ich soll dem Lebensretter meines Kindes nicht einmal danken dürfen?«

Ein beifälliges Gemurmel der Leute ließ sich hören. Der junge Mensch aber stand rot und verlegen da, als habe er soeben nicht eine Heldenthat, sondern eine rechte Dummheit begangen.

»Wer hat dem Hunde den Strick um den Hals gelegt?« forschte Baldinger jetzt weiter mit seiner klaren, durchdringenden Stimme, der man anhörte, daß sie zu befehlen gewohnt war.

Der Arbeiter trat vor und zog sein Käppchen. Es war ein älterer Mann mit guten, ehrlichen Augen. Er hatte selbst Kinder und konnte nachfühlen, was sein Herr in diesen furchtbaren Augenblicken gelitten hatte.

»Ach, du bist's, Reiner!« rief Baldinger. Nach altmodischer Art war er gewohnt, seine Arbeiter mit Du anzureden. Er streckte dem Manne seine Hand entgegen, die dieser mit seiner schwieligen Faust kräftig schüttelte.

»Nicht jeder hätte gleich daran gedacht, dem Tiere den Garaus zu machen. Soll dir nicht vergessen sein, Reiner. Gut, daß gleich ein Strick zur Hand war. – Wer hat den Strick gegeben?«

Ein zweiter Mann trat vor. – »Ich danke auch dir, Weber. Kommt nach Feierabend alle drei aufs Kontor.«

Die beiden Arbeiter wurden reichlich belohnt, für den jungen Burschen aber bildete diese mutige That den Wendepunkt seines Lebens.

Schon am nächsten Tage, nachdem Walter die kleine Hilde gerettet hatte, erkundigte sich Baldinger auf dem Werke nach ihm.

Der Werkführer war nicht gerade seines Lobes voll. Er könne zwar nichts gegen den Burschen sagen, meinte er. Er komme jederzeit pünktlich, trotz des weiten Weges, den er zu Fuß zurücklegen müsse, thue auch seine Arbeit, und irgend was Ungehöriges habe er noch von niemand über ihn gehört; aber er glaube nicht, daß aus ihm ein richtiger Arbeiter werde, wie sich sein Vater einzubilden scheine. Er habe ihn schon öfter getroffen, die Arme verschränkt und müßig vor sich hinstarrend. Wenn er ihn dann an der Schulter rüttle, fahre er wie aus einem Traume auf. »Die Leute,« setzte er hinzu, »haben ihm auch schon den Spitznamen ›Duseljörge‹ gegeben.«

Zum größten Erstaunen des Werkführers nickte sein Chef äußerst befriedigt und sagte: »Der Bursche gefällt mir; der kann's noch weit bringen.«

»Unter den Soldaten, meinen Sie wohl, Herr Baldinger?« wagte der Werkführer zu bemerken. »Groß genug ist er ja, und daß er Mut haben kann, hat er gestern auch bewiesen.«

»Wissen Sie, was ich glaube?« Baldinger nickte zutraulich. »Ich glaube, daß in dem Jungen Genie steckt.«

Darauf ließ sich Baldinger mit seinem Schützling in eine Unterhaltung ein. Leicht war's ihm nicht, aus dem scheuen Jungen etwas herauszubringen; doch Baldinger verstand mit seinen Leuten umzugehen. Nach einer längern Unterredung hatte er Walters Schüchternheit überwunden, und vor seinen Augen lag eine nach einem hohen Ziele ringende Seele. Aber Baldinger überzeugte sich auch, daß Mangel an Selbstvertrauen dem Jungen das Vorwärtskommen erschweren würde.

Walter Roland war der älteste Sohn des Schullehrers im nächsten Dorfe. Schon als Knabe zeigte er ein stilles, nachdenkliches Wesen; er liebte es, mit dem Messer zu basteln und allerhand kleine Maschinen zu verfertigen. So baute er für die Geschwister ein niedliches Wasserwerk am Bache und für Schwester Lene, der ein Hüftleiden jede Bewegung erschwerte, machte er eine Draisine zurecht, mit deren Hilfe sie sich selber ohne Anstrengung in Hof und Garten bewegen konnte. Trotz seiner Geschicklichkeit war Walter aber ein blöder, schüchterner Junge, der sich nie etwas zutraute und niemals mit sich zufrieden war.

Als er mit vierzehn Jahren die Schule verließ, war es sein heißester Wunsch, eine Gewerbeschule zu besuchen; aber er wagte nicht einmal, das gegen seinen Vater zu äußern. Diesem lag wohl selber daran, dem Sohne eine bessere Ausbildung zu geben; allein er war arm und hatte noch mehr Kinder zu versorgen. Er brachte ihn deshalb nach Wermsdorf und tröstete ihn damit, daß er es, wenn er nur tüchtig arbeite und lerne, auch ohne Vorschule doch einmal zum Werkführer bringen könne.

Baldinger schickte nun Walter auf seine Kosten auf eine gute Gewerbeschule, und nachdem der junge Mensch mit den vorzüglichsten Zeugnissen von dort abgegangen war und sein Jahr abgedient hatte, kam er wieder auf die Werke, um erst praktisch als Schlosser und Maschinenbauer zu arbeiten, ehe ihn Baldinger zur Vollendung seiner höhern Ausbildung auf ein Polytechnikum schickte.


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