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15. In der neuen Villa.

Ein Jahr ist vergangen, in dessen Laufe sich im Kreise unsrer Freunde ziemlich eingreifende Veränderungen zugetragen haben.

Das Landhaus in Wermsdorf hat seine Bewohner gewechselt. Im untern Geschoß wohnt Inspektor Stichelmann mit seiner Familie, und auf einem Schilde im obern Stock liest man: Direktor Walter Roland.

Baldinger hat sich, nur für den Fall, daß er einmal genötigt würde, auf den Werken zu übernachten, zwei Zimmer vorbehalten; denn Steinbach hat ihn endlich bestimmt, in die Stadt zu ziehen und die Leitung des großartigen Fabrikanwesens andern Händen anzuvertrauen. Er soll jetzt auch einmal die Früchte seiner Thätigkeit genießen.

Leicht ist es dem alten Herrn nicht geworden, die Stätte zu verlassen, auf der er so lange gewirkt und sich ein dauerndes Andenken gegründet hat; auch behielt er sich die oberste Leitung, oder doch wenigstens eine beratende und beschließende Stimme vor. Nachdem aber der schwere Entschluß gefaßt war, fühlte Baldinger die ungewohnte Freiheit als köstliche Errungenschaft und begann sie mit Behagen zu genießen.

Seine Fabrik weiß er unter der Leitung tüchtiger Beamten und Werkführer in den besten Händen. Die meisten dieser Leute haben sich unter ihm gebildet und heraufgearbeitet. Steinbach hat zwar die großen Reisen jüngern Kräften anvertraut, widmet sich aber dem kaufmännischen Teile des Geschäfts so eifrig wie sonst. Von Walter Rolands Thätigkeit, als neuernannten technischen Direktors, erwarten seine Chefs einen noch glänzendern Aufschwung des Unternehmens.

Der Bau der neuen Villa hat auch Baldingers Gegenwart in der Stadt häufig beansprucht. Zwar überließ er Plan und Ausführung einem ausgezeichneten Berliner Architekten wie dem künstlerischen Beirat Steinbachs, in weiser Erkenntnis, daß er von diesen Dingen nichts verstünde; aber schließlich wollte man, wenn auch ohne seinen Rat, doch nicht ohne seine Zustimmung handeln, und so wurde er oftmals nach der Stadt gerufen, um die Fortschritte des Baues, die Anlage des Gartens, wie auch die Einrichtung der Zimmer in Augenschein zu nehmen. Er kam nicht ungern. Das Entstehen und Werden der neuen Heimat zu beobachten, machte ihm Vergnügen, und er fühlte sich stolz, ein angesehener Mitbürger der großen Stadt zu werden.

Mile teilte die Freude an dem neuen Bau so wenig als an der Uebersiedlung nach der Großstadt. Sechzehn Jahre hatte sie in dem einfachen Landhause – das ihren schlichten Vorstellungen anfänglich sehr großartig vorkam – verlebt, und nachdem Steinbach durch eine »Palastrevolution«, wie man wohl sagen darf, die Wirtschafterin eingesetzt hatte, mit zunehmendem Behagen.

Die prachtvolle Ausstattung der neuen Villa erschreckte sie, noch mehr die Aussicht, daß der Kommerzienrat Baldinger ein Haus machen wolle.

»Der Steinbach mit seiner ewigen Noblesse, die obligieren soll, hat den August ganz rappelig gemacht,« klagte Mile. »Und wenn so 'ne Geschichte erst ins Große geht, giebt's keine Grenzen mehr. Mich aber soll niemand aus meinen vier Pfählen herauslocken, um wie 'n aufgetakeltes Schiff mit einer ›Schleppe‹ durch die Zimmer zu fegen und mich von den vornehmen Herrschaften über meine altmodischen Manieren auslachen zu lassen.«

So unternahm denn die arme Mile unter Jammern und Stöhnen und mit großer Verwirrung den Umzug. Der Abschied von den ihr so anhänglichen Arbeiterfrauen machte ihr die Trennung nicht leichter; doch that ihr die Anhänglichkeit und die dankbare Liebe der Leute wohl. Ein Trost war es auch, daß ihr die Erlaubnis wurde, in der neuen Villa ihre Zimmer in altgewohnter Weise mit den alten Möbeln einzurichten.

Hildchen war zu Ostern noch in Wermsdorf zugleich mit Klärchen von Pastor Horner eingesegnet worden. Vor und auch nach der Konfirmation befand sie sich in schwärmerischer Stimmung, und der Umzug nach der Stadt schien sie nicht so lebhaft, wie Baldinger erwartete, zu beschäftigen. Ihr war, als seien ihrer Seele plötzlich Flügel gewachsen, und diese schienen sie hoch über allen Erdenstaub und alle irdische Eitelkeit emporzutragen. Sie bevorzugte ernste Gespräche, kämpfte mit Feuer für ihre Ueberzeugung und verteidigte den guten Pastor eifrig, sobald Tante Mile an seinen Predigten etwas auszusetzen wagte.

Beim Abschied von der alten Heimat zerfloß Hildchen in Thränen. Ihr Schmerz war so lebhaft, daß Walter, sein viel tieferes Weh verleugnend, es übernahm, sie zu trösten und ihr die großen Vorteile ihres zukünftigen Lebens anzupreisen.

Hildchen war gerührt und nahe daran, Walter aus Dankbarkeit und Rührung um den Hals zu fallen; denn trotz seiner scheinbaren Gelassenheit fühlte sie heraus, wie viel schwerer ihm die Trennung werden mußte. Doch sie reichte ihm nur die Hand und blickte ihm treuherzig in die Augen. »Soll ich's Ihnen schwören, daß ich Sie niemals vergessen werde?« fragte sie mit dem Ernste ihres jungen, aufrichtigen Herzens.

Da mußte der junge Mann doch lächeln. »Nein, nein, schwören Sie ja nicht; ich hoffe, daß wir fürs Leben gute Freunde bleiben werden.«

Für das Klärchen ist die Konfirmation wie eine Thür, durch die sie aus der Kinderstube in den Kreis erwachsener Leute tritt. Sie war verurteilt, etwas länger als andre junge Mädchen auf das Oeffnen dieser Thür zu warten, denn da sie besonders zart und klein angelegt war, hat man sie erst mit siebzehn Jahren konfirmiert.

Klärchen bildet sich ein, seit diesem wichtigen Augenblick sei eine große Veränderung mit ihr vorgegangen, die andre nur in kleinen Äußerlichkeiten bemerken: das Kleid hat ein längeres Schwänzchen erhalten, und am Halse glänzt eine von Baldinger gespendete Brosche; sonst ist eigentlich keine Veränderung zu sehen, aber Klärchen behauptet es trotzdem.

»Man fühlt's, daß man erwachsen ist,« sagt Klärchen und grüßt Walter Roland mit herablassendem Nicken. Sie ist überhaupt ausnehmend huldvoll und gnädig gegen den jungen Mann, und wenn er einmal bei Pastors vorspricht, erscheint Klärchen, ein frisches, weißes Schürzchen vorgebunden, in der Wohnstube und sitzt mit ihrer Häkelarbeit recht bescheiden in der Fensternische. Wenn ihr die Tante dann einen Wink giebt, entfernt sie sich nur, um mit einer Erfrischung zurückzukehren, und weil sie »gebildet« ist, läßt sie's am Nötigen nicht fehlen. Roland muß sich mindestens drei Tassen einschenken lassen, so lebhaft er sich auch dagegen sträubt. Klärchen lächelt dann triumphierend und denkt: Ich wenigstens verstehe, was sich gehört.

Seit Baldingers nach der Stadt gezogen sind – es ist kaum vierzehn Tage her – kommt Roland öfters als früher zum Pastor, weil er dort am ehesten auf Nachricht von den lieben Freunden hoffen kann. Heute ist's ihm sogar vergönnt, Grüße zu schicken, denn Klärchen fährt mit der Tante hinein.

»Tante und ich haben Besorgungen zu machen,« erklärt Klärchen, »aber wir sprechen bei Baldingers vor. Sie würden es uns sonst übelnehmen. Hildchen war's ja ohnehin so furchtbar schwer, sich von mir zu trennen. Ich bin doch ihre einzige Freundin; jetzt hat sie keinen Menschen, gegen den sie sich aussprechen kann.«

Von dieser innigen Freundschaft habe ich ja noch gar nichts gewußt, denkt Walter, findet aber nicht für notwendig, sein Erstaunen darüber gegen Klärchen auszusprechen.

Wenn es auch Klärchen nicht gestehen will, der Besuch bei Baldingers ist die alleinige Ursache einer Fahrt nach der Stadt. Frau Pastor ist neugierig, die Villa zu sehen. Klärchen aber brennt ordentlich vor Verlangen danach.

»Liebe Tante,« erklärt sie, »wenn ich wie du wäre, nähme ich mir zu Baldingers eine Droschke. Es macht sich doch anders, wenn wir vorfahren; findest du's nicht auch?«

Auf Klärchens Wunsch entschließt sich die Tante wirklich, eine Droschke zu nehmen. Das anscheinend so sanfte und bescheidene Mädchen ist nämlich ein kleiner Tyrann, und wenn ihm die Tante nicht den Willen thun will, versteht das liebe Klärchen zu drängeln und zu quängeln, bis die gute Tante es nicht länger aushält und nur bereut, nicht gleich nachgegeben zu haben.

Heute also sträubt sie sich nicht, und die Damen besteigen eine offene Droschke. Klärchen lehnt sich zurück, spannt ihr Sonnenschirmchen auf, streckt das kleine Füßchen vor und bildet sich ein, daß sie als vornehme Dame in ihrer Equipage einen Besuch mache. Sehr angenehme Einbildung!

Die neue Villa liegt in der Vorstadt an einer breiten, mit Linden bepflanzten Straße, von der sie durch einen Vorplatz getrennt ist. Eine Ceres von Begas schüttet hier ein Füllhorn aus, und auf der andern Seite empfängt sie ein kleiner Faun mit grinsendem Lächeln.

Mit den Besitzern einer solchen Villa zu verkehren ist erhebend. Klärchen bezahlt, von der Tante beauftragt, den Droschkenkutscher mit einer Miene, als wollte sie sagen: »Wissen Sie auch, wie viele Millionen der Name Baldinger bedeutet?«

Ach, wenn sie doch in diesem Augenblicke von ihren Bekannten in Aschersleben gesehen werden konnte! Da dieser Wunsch aber zu den unmöglichen Wünschen zu rechnen ist, nimmt Klärchen mit zwei Damen, die gleich an ihr vorübergehen müssen, vorlieb und zögert einen Augenblick, ehe sie den Knopf der Klingel am Gitterthore berührt.

Sobald sie jedoch den Vorplatz betritt, gönnt sie nicht einmal der marmornen Ceres einen Blick, und es stört sie, daß die Tante bei jedem Schritte ausruft: »Ach wie schön! Ach wie prächtig!« Klärchen findet das fortwährende Bewundern nicht vornehm. Gegen Hildchen ist sie an diesem Tage sogar mehr herablassend als freundschaftlich. Klärchen will zeigen, daß sie Charakter besitzt und sich durch äußern Glanz nicht imponieren läßt.

Die Villa ist wirklich das stattlichste Gebäude der ganzen Vorstadtstraße. Sie ist nach jeder Seite bald mit einer Loggia, bald mit einer Plattform, oder einem zierlichen Erker versehen. Aus dem Mansardendache sehen vier runde Fenster von bläulichem Glase auf eine Vortreppe hinab.

Durch eine Glasveranda voll blühender Topfgewächse, Farne und Palmen kommt Hildchen den Freunden entgegen und führt sie ins Haus.

Der geschmackvolle Bau verrät auch im Innern nichts von der unliebsamen Prunksucht, die die Wohnung eines self-made man so oft kennzeichnet. Ueberall stilvolle Formen und gedämpfte Farben. Selbst die reichlich vorhandenen Kunstschätze drängen sich dem Auge nicht prahlerisch auf, gewähren aber dem Kenner einen um so nachhaltigern Genuß.

Manche Bäume des neuangelegten Parkes zählen wohl über hundert Jahre. Einst standen sie weit draußen, mit der Zeit aber ist ihnen die Stadt näher gerückt und hat sie endlich in ihren Bereich gezogen.

Ein großes steinernes Bassin, in dessen klarem Wasser sich Goldfische tummeln und aus dessen Mitte ein riesiger Wasserstrahl aufsteigt, der in silbernem Geriesel rauschend wieder in seine Wiege zurückkehrt, erregt – wirklich ganz gegen ihren Willen – Klärchens Bewunderung, und sie kann einen staunenden Ausruf nicht ganz unterdrücken. Erst nachdem sie den prachtvollen Garten nach jeder Richtung durchwandert haben, lassen sich die jungen Mädchen unter einer Platane von seltenem Ebenmaße des kolossalen Gliederbaues nieder, und sobald sich Klärchen von den ihrer Bewunderung entschlüpften Ausrufen wieder erholt und ein Täßchen Kakao mit Waffeln genossen hat, erinnert sie sich auf einmal der Grüße, die ihr von Roland aufgetragen worden sind.

Bild: Fritz Bergen

Ein großes steinernes Bassin erregt Klärchens Bewunderung …

»Es ist wirklich ein Glück, daß man jetzt zu den Erwachsenen zählt,« fährt sie dann mit einer Logik fort, die Hildchen nicht ganz verständlich ist. »Ich finde, daß man als erwachsenes Mädchen soviel vorurteilsfreier denkt; findest du das nicht auch, Hildchen?«

Da Hildchen darauf nur mit dem Kopfe zu schütteln weiß, fährt Klärchen fort: »Ich dachte soeben an den Herrn Direktor.« – Sie spricht von Roland nur noch in seiner Eigenschaft als Direktor. – »Was kann der Aermste am Ende dafür, daß sein Vater nur Schulmeister gewesen ist? Ich,« mit Beziehung, als nähme Hildchen daran Anstoß – » ich werde es wenigstens dem Herrn Direktor nicht nachtragen.«

Hildchen lacht.

»Ja, was hast du denn?« fragt Klärchen gereizt; Hildchens Lachen ist dem verständigen Klärchen manchmal unangenehm.

»Natürlich muß ich lachen, weil's aussieht, als ob du den armen Walter deshalb entschuldigen müßtest. Papa hält sehr viel auf unsre Schullehrer; Papa meint, ihnen verdankten wir's, daß wir in mancher Beziehung über andern Nationen stehen.«

»Aber, liebes Hildchen, ich habe doch vorhin gesagt, daß ich dem Herrn Direktor keinen Vorwurf daraus mache. Meine Freundinnen in Aschersleben würden in diesem Punkte vielleicht anders denken; sie sind sehr exklusiv. In Beamtenkreisen – du kannst das natürlich nicht beurteilen – aber in Beamtenkreisen ist man nun einmal sehr exklusiv. Entschuldige das Fremdwort; ich weiß, du kannst Fremdwörter nicht leiden, aber exklusiv bezeichnet eben meine Empfindung …«

»Ich glaube schon, daß du dafür kein richtiges deutsches Wort finden kannst; mir kommt diese ganze Empfindung etwas unklar …«

Klärchen faßt Hildchens Hand liebevoll und unterbricht sie dadurch. »Hildchen, Hildchen,« warnt sie, »weißt du, was ich seit einiger Zeit an dir bemerke? Aber du mußt mir's nicht übelnehmen; Freundinnen sollen sich ja auf ihre Fehler aufmerksam machen. Ich finde – besonders seit du in der neuen Villa wohnst, denn es tritt mir heute noch mehr als sonst entgegen – wirklich, es kommt mir so vor, als pochtest du darauf, eine Erbin zu sein.«

»Ja was soll denn das wieder heißen? Eine Erbin hat mich noch kein Mensch genannt. Natürlich muß ich einmal Papa beerben« – Klärchen lächelt überlegen – »aber von so etwas Schrecklichem – nein, Klärchen, davon darfst du nie mehr reden.«

»Mache nur nicht gleich ein solches Aufheben! Ich ermorde deinen Vater doch nicht, wenn ich davon rede, daß du eine Erbin seist.«

»Ach, bitte, rede nicht davon! Es klingt so – ich weiß nicht – aber es widersteht mir, an so was nur zu denken.«

»In manchen Punkten bist du wirklich noch ein Kind; aber die Kinderzeit ist vorüber. Ich kann Fräulein Schönchen offen gestanden nicht recht begreifen; sie müßte dich doch zuerst auf Dinge aufmerksam machen, über die schon viel geredet worden ist.«

»Worauf denn?« fragt Hildchen errötend.

»Du denkst natürlich, andre Leute hörten es nicht, wenn du den Herrn Direktor noch immer Walter anredest; aber ich kann dir versichern, es giebt allgemein Anstoß und …«

»Pupupu!« pustet Hildchen aus.

Klärchen zieht die Augenbrauen zusammen. »Wenn dich deine beste Freundin vor dem Gerede der Leute bewahren will, kann ich nicht verstehen …«

»Pupupu!« – Hildchen schüttelt sich vor Lachen. Endlich bringt sie mühsam heraus: »Ich soll wohl auch Herr Direktor sagen?«

Klärchen steht beleidigt auf. »Nun, du brauchst ja auf mich nicht zu hören. Ich bin ja für deine – gelinde gesagt – Unvorsichtigkeit nicht verantwortlich.«

Die freundschaftliche Aussprache ist damit beendet.

Eine Stunde später erscheint Steinbach.

»Denke dir mal, Onkel, ich soll zu Walter jetzt ›Herr Direktor‹ sagen.« – Und diese Anrede erscheint Hildchen so komisch, daß sie von neuem in Lachen ausbricht.

»Wer hat das wieder aufgebracht? Das sieht mir ja gerade so aus, als wäre deine gute Freundin Klärchen hier gewesen?«

»Nicht wahr, Onkelchen, wir kehren uns nicht daran, was die Leute reden?«

»Laß dir nicht weismachen, daß die Wermsdorfer deine Freundschaft zu diesem vortrefflichen Manne tadeln; im Gegenteil wäre es tadelnswert, wenn du deinem Lebensretter die Freundschaft nicht bewahrtest und anfangen wolltest, ihm gegenüber die große Dame zu spielen.«

»Aber, Onkel, das fällt mir doch gar nicht ein!«

»Nein, Gott sei Dank, das fällt dir nicht ein; aber da deiner guten Freundin solche Dinge, wie mir scheint, jetzt öfter einfallen, werde ich mich von ganzem Herzen freuen, wenn sie erst wieder Aschersleben mit ihrer Gegenwart beglückt und wir das liebe Klärchen los sind.«

»Aber, Onkel Edi, du bist zu streng.«

»Nein, Hildchen,« und er ergreift lebhaft ihre Hand, »von diesen Klatschbasen mußt du dich fernhalten; sie sind gefährlicher, als du begreifen kannst.« – Er nimmt Platz und zieht seinen Liebling neben sich nieder. – »Siehst du, es zeugt schon nicht von gutem Geschmack, wenn man sich immer nur über Personen unterhält. Es giebt ja genug interessante Dinge, über die man reden kann. Aus den Gesprächen über Bekanntschaften entstehen erst diese Klatschgeschichten, die mir immer so kleinstädtisch vorkommen, und die so leicht einen boshaften Charakter annehmen. Die guten Eigenschaften eines Menschen bieten selten einen interessanten Unterhaltungsstoff, aber die kleinen Schwächen und Fehler lassen sich oft recht pikant ausschmücken. Und was wird aus diesen Geschichten erst, wenn sie wie freigelassene Vögel durch eine Stadt schwirren! Thatsachen an sich beweisen nichts gegen einen Menschen, aber im Munde einer gewissenlosen – oder sagen wir nur, einer nicht wohlwollend urteilenden Person können sie zu vergifteten Pfeilen werden. Es denken leider nur wenige wie jener Professor,« schloß Steinbach seine Ermahnung. »Dem Professor nämlich war es – sobald er von einem Menschen etwas Unvorteilhaftes hörte – als öffne sich eine Klappe, hinter die das Gehörte versank, um sogleich, nachdem die Klappe wieder zugefallen war, aus seinem Gedächtnisse zu verschwinden.«


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