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18. Ein Wendepunkt in Hildchens Leben.

Am Morgen nach dem großartigen Feste sieht die Villa verblaßt wie eine übernächtige Schöne aus; aller Reiz ist verstört, alles befindet sich in vollem Durcheinander. Da sich aber viele geschäftige Hände bemühen, die Ordnung wieder herzustellen, sind die Spuren des Festes in Haus und Garten bald verwischt; doch in den Herzen der Bewohner sind sie nicht so leicht auszulöschen.

Das Selbstgefühl des Kommerzienrats hat sich merkbar gehoben. »Ich dächte, wir beide hätten gestern abend unsre Sache ganz gut gemacht,« sagt er, selbstzufrieden lächelnd, zu seiner Schwester.

»Na, na, wenn der Steinbach nicht gewesen wäre!«

»Ja, vom Himmel fällt kein Meister; laß mich aber erst so 'n Dutzend Gesellschaften hinter mir haben …«

»Ein Dutzend Gesellschaften?« fällt Mile erschreckt ein. »Herr des Himmels! Denkst du daran, jede Woche so 'nen Zauber zu geben?« – Und Mile beschließt wieder einmal, in die bescheidenen Verhältnisse ihrer schlesischen Heimat zurückzukehren, wenn ihr Bruder so verderbliche Absichten hegen sollte.

Hildchen denkt an den Festabend wie an einen schönen Traum. Die Musik, die Personen, die Beleuchtung – alles nimmt in ihrer Erinnerung einen traumartigen Charakter an, und sie wundert sich, daß Walter allein aus diesem verschwommenen Gesamtbilde lebhafter hervortritt. – Und mit ihm habe ich eigentlich nicht einmal so viel wie sonst geredet; er hat auch nur eine Polka mit mir getanzt, denkt sie.

Den tiefsten Eindruck aber hat Fe von der Gesellschaft erhalten. Zum erstenmal hat sie Triumphe gefeiert, die ihre hochgespannte Erwartung sogar noch überstiegen haben. Sobald sie die Augen schließt, hat sie die Vorstellung, als sei sie eine Königin, und ihre Bewunderer lägen zu ihren Füßen. Dann fängt ihr Herz so stark zu klopfen an, daß ihr fast der Atem versagt. Gestern war der Anfang eines neuen, herrlichen, eines berauschenden Lebens, und nun wird es so weitergehen; wohin sie auch kommt, überall wird sie siegen. Was ist der Reichtum gegen die Schönheit! Die Schönheit ist die größere Macht, denn der Reichtum wird ihr unterthänig.

Mit gehobenem Haupte, mit strahlendem Lächeln geht Fe umher, aber sie ist nicht so gesprächig wie sonst; stolze Gedanken wogen durch ihre Seele; alle Herzen sollen ihr entgegenfliegen, sie will die Königin jedes Festes werden.

Hat sie aber alle Herzen gewonnen? – Nein; Fe muß sich darüber wundern, doch es giebt wirklich Leute, die ein Vorurteil gegen sie zu haben scheinen, wie zum Beispiel Onkel Edi.

Mit dem sichern Instinkt der verletzten Eitelkeit fühlt Fe: Hier ist eine Schranke deiner Macht; dieser Mann bewundert dich nicht – nein, er denkt sogar nicht einmal vorteilhaft von dir. Fe findet das ungerecht. Was hat sie ihm denn gethan? Könnte sie ihn beleidigt haben? Nein, nein; das ist's nicht. Oder ist er Hildchens wegen eifersüchtig, weil Fe mehr gefällt! Die arme kleine Fe kann ja doch nicht dafür, daß ihr der Himmel als Ersatz für andre Gaben Schönheit verliehen hat.

O wenn ich nur Zeit hätte, denkt die gekränkte Fe und preßt ihre Händchen aufeinander, ich würde mir Onkel Edis Herz schon erobern! Aber die Abreise steht ja leider schon vor der Thür.

Baldinger hatte eine Reise nach der Schweiz beschlossen. Dann müßte sie mit Tante Mile allein in der Villa bleiben? – Nein, dazu hat Fe keine Lust. Lieber geht sie mit ihrer Mama und den beiden Vettern, die Onkel Edis schlechten Geschmack keineswegs teilen, nach dem Harze, wo sich die Familie Stedden in der Sommerfrische aufhält.

Die beiden ältesten Stedden haben sich übrigens als recht gebildete und bescheidene junge Leute gezeigt und nicht die geringste Aehnlichkeit mehr mit Heuschrecken verraten. Onkel Baldinger ist mit der vorteilhaften Veränderung sehr zufrieden und sagt »Auf baldiges Wiedersehen«, als sie sich verabschieden. Auch Hildchen zeigt ihnen eine wahrhaft schwesterliche Neigung, und sogar Tante Miles volle Gunst wäre ihnen zu teil geworden, wenn sie nicht Namen hätten, die sie sich unmöglich merken kann.

Beim Abschied findet Fe, daß sich Hildchen kühler zeigt, als sie erwartete. Das arme Ding ist neidisch auf mich, denkt Fe und fühlt dabei eine fast stolze Genugthuung.

Mile ist vom Bruder aufgefordert worden, die Schweizerreise mitzumachen. Sie hat aber die Begleitung abgelehnt. »Nein, Kinder, ich bleibe daheim! Bei meiner Vergeßlichkeit ließe ich gewiß in jedem Hotel was liegen, und wenn ich wieder in unsrer Villa landete, wären meine Koffer leer.«

Es ist jetzt beschlossen, daß Hildchen in Genf zurückgelassen wird, um in die Pension der Madame Chandron – dieselbe, in der sich Mariechen befindet – einzutreten.

Tante Mile ist mit einer Pensionserziehung nicht einverstanden und macht sich darüber die wunderlichsten Vorstellungen. Aber Onkel Edi hat im Verein mit der verständigen Schönchen dafür gewirkt und wie immer den Sieg davongetragen.

»Hildchen muß für die Stellung, die sie in der Gesellschaft einnehmen soll, erzogen werden,« setzt er auseinander. »Ihre Aufgabe wird es einmal nicht sein, ihren Jungen die Hosen zu flicken, wozu die gute Frau Professor Stedden genötigt ist. Hildchen muß lernen, ein Hauswesen in großem Maßstabe zu leiten. Sie soll eine Vorstellung bekommen, welche soziale Pflichten einer Dame obliegen, die über ein so großes Vermögen, wie sie, frei verfügt. – Das wird Hildchen freilich in der Pension nicht lernen, denn dafür giebt es keine Lehranstalten; aber sie muß eine allgemeine gesellschaftliche Bildung erhalten und sich ungezwungener benehmen lernen. Wer mit seinem Näschen nur über den nächsten Zaun guckt und sich niemals unter Fremden bewegt hat, der lernt nicht den richtigen Maßstab an die eigne Persönlichkeit zu legen, der hält sich entweder für einen Mittelpunkt in der Welt, oder er bildet sich ein, überhaupt nichts leisten zu können.«

Baldinger sieht gleichfalls ein, daß es für Hildchen vorteilhafter wäre, zwei Jahre außerhalb des Hauses zu leben. Aber seitdem er sich dieses schwere Opfer auferlegt hat, schaut er das Kind manchmal mit traurigen Augen an; doch klagt er nicht wie Tante Mile.

Für Fräulein Schönchen, die so lange Jahre in seinem Hause zugebracht hat und seiner Hilde eine so treue, verständnisvolle Erzieherin gewesen ist, hat Baldinger ausreichend gesorgt und ihr eine lebenslängliche Rente von zweitausend Mark ausgesetzt.

Von dieser Großmut fühlt sich Fräulein Schönchen ganz überwältigt. Nun sieht sie einem sorgenfreien Leben entgegen, das sie im Hause der alten Eltern zubringen wird; aber zunächst liegt die Trennung von ihrem lieben Mädchen wie ein Alp auf ihr und läßt sie nicht mit Freude an die Zukunft denken.

Manchmal erscheint Hildchen die Aussicht, in einem Kreise junger Mädchen zu leben, sehr verlockend; zu andern Zeiten findet sie es von Papa und Onkel Edi grausam, daß sie unter fremde Leute geschickt werden soll, und dann fällt sie laut weinend Fräulein Schönchen um den Hals.

Hildchen leidet seit einiger Zeit überhaupt wieder mehr an »Stimmungen«. Jedenfalls ist ihre Laune sehr wechselnd, wenn auch zum Glück die gute Laune vorherrscht; schlägt aber das heitere Wetter um, dann folgen Thränenergüsse, die unversiegbar scheinen.

Die Koffer stehen gepackt, und der niedlichste Reiseanzug für Hildchen liegt bereit.

»Aber Papa, ich kann doch nicht abreisen, ohne von Wermsdorf und Walter Abschied genommen zu haben,« behauptet Hildchen.

Baldinger lächelt und findet, seine Tochter sei ein gutes Kind; sie werde den Jugendfreund auch in der Schweiz nicht vergessen.

»Niemals,« versichert Hildchen. »Aber warum läßt sich Walter nicht bei uns sehen, Papa? Ich habe gestern den ganzen Tag auf ihn gewartet.«

»Wahrscheinlich bildet er sich ein, die Werke in diesem Augenblick nicht verlassen zu können; Steinbach war vorgestern draußen und schien über die Stimmung unter den Leuten beunruhigt. Es sollen einige aufrührerische Flugblätter in Umlauf gesetzt worden sein, und ein paar Gesellen sollen gar drohende Reden geführt haben. Was wird's weiter sein? Unzufriedene giebt's überall und die machen sich mal Luft; man kann ja auch seine Leute nicht vor allen Wühlereien hermetisch abschließen. Doch Bangemachen gilt bei uns nicht.«

»Aber Papa, wenn Walter nicht hereinkommen kann, müssen wir hinaus.«

»Kann dich leider nicht begleiten,« versetzt Baldinger. »Es findet heute eine Versammlung der Großindustriellen statt, die ich mitmachen muß. Es gärt eben überall, nicht bloß in Wermsdorf, und man muß beizeiten daran denken, sich seiner Haut zu wehren.«

Fräulein Schönchens lebhafte Phantasie malt ihr Wermsdorf in vollem Aufruhr mit Barrikaden, Mord und Totschlag aus, und sie bietet ihre ganze Beredsamkeit auf, den Besuch zu verhindern.

Damit kommt sie aber bei Tante Mile nicht an. »Vor meines Bruders Arbeitern sollen wir uns fürchten? Nein, darüber können Sie beruhigt sein, daß die dem Kinde und mir nichts thun – und warum gerade Sie totgeschlagen werden sollten, liebe Schönchen, das kann ich wenigstens nicht begreifen.«

Hildchen, mit ihrem unerfahrenen Kindersinn und ihrem Wunsche, von dem Jugendfreunde Abschied zu nehmen, lacht die gute Schönchen nur herzlich aus. »Wenn Papa und Tante nicht ängstlich sind,« meint sie, »wo soll denn da eine Gefahr stecken?«

So wird denn die Fahrt im offenen Wagen beschlossen, und Fräulein Schönchen sitzt schließlich ganz vergnügt neben Tante Mile, Hildchen, lachend und schwatzend, ihnen gegenüber. Sie hat tags zuvor, als die Koffer gepackt wurden, in Abschiedsthränen das mögliche geleistet; heute ist nun die traurige Stimmung ins Gegenteil umgeschlagen, und Hildchen macht so viele Witze, daß Tante Mile und Fräulein Schönchen nicht aus dem Lachen kommen. Der Abschied von dem Freunde scheint ihr nicht sehr nahe zu gehen.

Bei Pastors wird im Vorübergehen gehalten. Doch die Läden sind geschlossen und die Vorhänge herabgelassen, von der herbeieilenden Magd aber hört man, daß die Herrschaft Fräulein Klärchen nach Aschersleben begleitet habe.

In den Straßen des Dorfes zeigt sich nichts Auffälliges: es ist hier einsam wie immer während der Arbeitsstunden. Als der Kutscher jedoch in den Hof der Fabrik einlenken will – Walter ist um diese Zeit nur dort in seiner Arbeitsstube zu finden – winkt ihm der Inspektor Stichelmann zurück, und als der Kutscher etwas betroffen hält, tritt er an den Wagen.

»Ich möchte es den Damen doch anheimstellen, ob sie nicht lieber umkehren wollen,« versetzt der Inspektor höflich, den Hut in der Hand.

»Was ist denn los?« erkundigt sich Mile.

Fräulein Schönchen ist schon erbleicht, aber Hilde lacht sie übermütig an.

»Die Arbeiter versammeln sich gerade in den Höfen,« erklärt Stichelmann, dem gar nicht wohl zu Mute scheint. »Der Herr Direktor hat sich genötigt gesehen, heute morgen fünf Arbeiter, die sich gegen die Ordnung vergangen haben, abzulohnen. Das wollen sich die andern nicht gefallen lassen und ihn zwingen, die fünfe zu behalten; sie drohen mit Arbeitseinstellung. Wie wir fürchten, wird der Herr Direktor nachgeben müssen. Es steht sehr viel auf dem Spiele. Gerade gestern ist eine große Bestellung eingegangen, mit Lieferfrist – das müssen die Leute erfahren haben, und nun rechnen sie darauf, daß sie jetzt unentbehrlich sind. Der Herr Direktor ist freilich andrer Meinung, als ich, und will nicht nachgeben. Aber den Damen möchte ich raten, lieber umzukehren; sie könnten sich doch möglicherweise Insulten aussetzen.«

»Ach ja,« fleht Fräulein Schönchen, »lassen Sie uns umkehren!«

»'s ist mir nur lieb, daß die Hilde nicht auch gleich zu gröhlen anfängt und ausreißen will,« meint Mile. »Werden uns doch nicht vor meines Bruders Leuten fürchten, Stichelmann? Der Kutscher soll außen 'rum fahren, und Sie bringen uns durch eine Hinterthür nach dem Herrn Direktor seiner Stube. Steigen Sie ein, Stichelmann.«

Hildchen nickt der Tante befriedigt zu; Fräulein Schönchen aber giebt sich Mühe, die Lage interessant zu finden.

Walters Stube ist leer; es sieht aus, als sei er eben erst von dem langen Tische, auf dem die Zeichnungen verschiedener Maschinenteile ausgebreitet liegen, aufgestanden.

Zum erstenmal betritt Hildchen sein Arbeitszimmer. Sie würde sich gern darin umsehen, denn im Augenblick empfindet sie für diesen Mann, der ihres Vaters Rechte draußen vertritt, ein noch erhöhtes Interesse; aber ein Brausen von aufgeregten Männerstimmen, das durch das geöffnete Fenster hereindringt, läßt jetzt ein ruhiges Betrachten nicht zu. Hildchen fliegt ans Fenster, brennend vor Verlangen, dem Schauspiele zuzuschauen, das sich da vor ihren Augen abspielen muß.

Ebenso schnell aber stürzt der besorgte Inspektor auf das Fenster zu. »Um Gotteswillen, Fräulein, sehen Sie nicht hinaus! Sie wissen ja gar nicht, was für Unannehmlichkeiten Sie sich aussetzen. Mit Leuten, die um ihre Existenz kämpfen, ist nicht zu spaßen.«

»Ja, machen Sie das Fenster zu, Stichelmann,« befiehlt Tante Mile, die sich übrigens bei dieser Gelegenheit von einer so energischen Seite zeigt, daß man die Schwester Baldingers in ihr erkennt.

Der Inspektor dreht die Riegel sorgfältig zu und tröstet Hildchen, daß sie durch die Fensterscheiben noch genug sehen könne, während die mit ihren Angelegenheiten beschäftigten Arbeiter sie schwerlich dahinter erkennen würden.

»Aber ich will Walter – ich meine den Direktor – reden hören,« verlangt Hildchen ungeduldig.

»Ach, bei dem Lärm ist ja ohnehin kein Wort zu verstehen,« beruhigt Fräulein Schönchen. Sie erwartet in ihrer Angst jeden Augenblick einen Steinwurf nach den Scheiben, findet die Lage sehr gefährlich, harrt aber tapfer an Hildchens Seite aus. Mile steht mit dem Inspektor am zweiten Fenster.

»Soviel ich sehen kann, ist der Herr Direktor noch gar nicht im Hofe,« bemerkt der Inspektor. »Am Ende wird er nur eine Deputation im Kontor empfangen.«

»Ach nein,« ruft Hildchen hinüber. »Der Walter fürchtet sich nicht vor den Leuten, wie Sie, Herr Inspektor.«

Erst mit Neugierde, dann mit steigendem Interesse schauen sie hinunter, wo die Arbeiter noch in Gruppen bei einander stehen und sich aufgeregt, mit lebhaften Armbewegungen besprechen.

Auf einmal geht eine Bewegung durch die Leute: die Gruppen lösen sich auf und das Stimmengebrause verhallt. Hildchen aber kann die Ursache dieser Veränderung nicht gleich erkennen.

»Da ist er,« hört sie den Inspektor zur Tante sagen; »vom Herrn Direktor konnte man's freilich erwarten, daß er hinauskommen würde.«

Bild: Fritz Bergen

Mitten unter den Leuten steht Walter …

Jetzt erblickt ihn auch Hildchen. Mitten unter den Leuten steht Walter, den Hut auf dem Kopfe. Ihr Herz fängt an zu klopfen; es ist ihr, als würde sich etwas noch nie Erlebtes, etwas ganz Wunderbares vor ihren Blicken enthüllen. Die Arbeiter drängen näher, der Menschenknäuel verdichtet sich und das Brausen schwillt wieder wie eine gewaltige Woge an. Die Leute scheinen alle zu gleicher Zeit zu reden.

Aber weil Walter mit seiner Hünengestalt alle überragt, kann ihn Hildchen trotzdem erkennen. Er blickt sich furchtlos um; sein Auge ruht mehr ernst und forschend, als drohend auf der lärmenden Versammlung.

Plötzlich ist es, als ob sich durch den betäubenden Lärm eine machtvolle Stimme Bahn zu brechen versuche.

»Ich kann kein Wort verstehen! Und ich will ihn reden hören,« ruft Hildchen dem Inspektor zu, als hätte er sie persönlich beleidigt; dabei greift ihre Hand nach dem Fensterriegel, um ihn zu öffnen.

Aber sofort ist der wachsame Inspektor neben ihr und dreht den Riegel nach der andern Seite. »Hier können Sie den Herrn Direktor ohnehin nicht verstehen,« erklärt er, und nach einem Blicke des Einverständnisses mit Fräulein Schönchen geht diese an das andre Fenster, während er seinen Platz neben Hildchen behauptet.

Sie wirft ihm einen Baldingerschen Blitz aus ihren Augen zu, aber das sechzehnjährige Fräulein ist für den bewährten Beamten noch keine Autorität.

Indes ist es im Hofe still geworden. Walter hält eine Ansprache. Nur vereinzelte Worte dringen herauf, doch vermag man den Zusammenhang seiner Rede ungefähr daraus abzunehmen. Er scheint klar und knapp, auch menschenfreundlich zu ihnen zu reden, und dabei doch mit ihren Forderungen und Uebergriffen streng ins Gericht zu gehen. Offenbar ist er auf ihr Verlangen nicht eingegangen. Einzelne Stimmen erheben sich höhnend; Drohungen werden ihm zugerufen, die noch durch erhobene Fäuste unterstützt werden.

Walter scheint diese vereinzelten Gegner gar nicht zu beachten; einige ältere Männer haben sich enger um ihn geschart, und mit diesen verhandelt er.

Die dichtgedrängte Masse aber löst sich wieder in Gruppen, und zu den lauschenden Frauen dringt das Brausen nicht mehr wie ein Branden sturmgepeitschter Wogen herauf, sondern es gleicht mehr dem Rauschen eines in seine Ufer zurückgedrängten Stromes.

Allmählich beginnen sich einzelne durch das geöffnete Hofthor zu entfernen, andre folgen; zuletzt marschieren sie in ganzen Trupps ab, zwar noch immer erregt, aber nicht mehr mit drohenden Gebärden. Selbst einem Auge, dem solche Auftritte noch fremd sind, muß es klar werden, daß die Zügel wieder in der Hand des Direktors ruhen. Aber nur wenige der Arbeiter begreifen, daß sie eigentlich eine Niederlage erlitten haben; die meisten fühlen im Gegenteil ihr Selbstbewußtsein gehoben. Sie haben ja etwas gethan und ihre Stimme ist gehört worden; freilich wurden sie nicht erhört, aber es ist ihnen doch so vorgekommen, als ließe der Direktor mit sich reden. Er ist ja eigentlich einer der Ihren, ist auch wie sie ein Kind des Volkes; sein Benehmen wie seine Worte haben ihnen Vertrauen eingeflößt, sie haben seine geistige Ueberlegenheit empfunden.

Der Hof hat sich allmählich ganz geleert, und der Wächter schließt die mächtigen Thorflügel. Walter aber kehrt mit einigen Beamten, die sich am Eingang gesammelt haben, in das Gebäude zurück.

Hildchen, mit dem Rücken ans Fenster gelehnt, schaut jetzt erwartungsvoll nach der Thür. Tante Mile und Fräulein Schönchen haben sich erschöpft niedergelassen, und der Inspektor hat sich entfernt.

Unverwandt blickt Hildchen nach der Thür; es entsteht ein heftiger Kampf in ihrem Herzen. Gewaltsam drängt es sie dem Freunde entgegen; sie möchte ihm zurufen: »In dieser Stunde bist du für mich ein Held geworden!«

Als Walter aber jetzt eintritt, bleibt Hildchen bleich und zitternd am Fenster stehen und schließt die kalten Hände krampfhaft zusammen; nur ihre Blicke grüßen ihn.

Mit glänzenden Augen, den Kopf stolz erhoben, kommt Walter in die Stube; er ist sich in diesem Kampfe erst der Macht seiner Persönlichkeit bewußt geworden. Ein armer Schulmeisterssohn, gehört er doch zu dem Geschlechte derer, die zu herrschen berufen sind. In dieser Stunde hat er sich selbst erkannt.

Tante Mile und Fräulein Schönchen stürzen ihm entgegen und sprechen erregt und bewundernd auf ihn ein; sein Auge geht aber immer nach dem bleichen, bebenden Kinde, das, ganz gegen seine Art, wie erstarrt am Fenster lehnt.

Endlich, während sich Tante Mile den Hut aufsetzt, und Fräulein Schönchen nach dem Kutscher sehen will, geht Walter auf Hildchen zu.

»Ich danke Ihnen, daß Sie noch einmal herausgekommen sind,« versichert er ihr mit etwas belegter Stimme und umschließt ihr zitterndes Händchen mit seiner großen Hand. »Es war mir leider unmöglich, während der letzten bewegten Tage nach der Stadt zu gehen, und doch wäre es mir sehr, sehr schmerzlich gewesen, wenn ich Sie nicht noch einmal gesehen hätte.«

Da schlägt Hildchen langsam die Augen zu ihm auf; es ist ein Blick voll inniger, bewundernder Liebe. Er möchte aufschreien und sie jubelnd umfassen; aber er beherrscht nicht bloß die Arbeiter, er kann auch sich selbst beherrschen. Nach kurzem Schweigen holt er tief Atem, und als er die Damen hinuntergeleitet und dann, am Wagen stehend, Hildchen noch einmal die Hand zum Abschiede reicht, ist seine Stimme vollkommen ruhig.

Doch kaum sind sie um die Ecke, bricht Hildchen in krampfhaftes Schluchzen aus.

»Was ist denn mit der Hilde los?« ruft Mile erschreckt.

Fräulein Schönchen setzt sich schnell hinüber an Hildchens Seite, und sie mit ihren Armen umfangend, zieht sie das weinende Kind an ihr Herz. »Es war etwas zu viel für ihre Nerven,« erklärt sie Mile; aber in ihren Gedanken findet sie doch mehr in Hildchens Herzen als in ihren Nerven eine Erklärung für diesen starken Gefühlsausbruch.

»Na, beruhige dich nur, Hilde,« tröstet Tante Mile gutmütig, »es ist ja diesmal alles glücklich vorübergegangen, und der Vater wird morgen ruhig mit dir nach der Schweiz reisen; ich will's ihm auch noch sagen, daß er sich auf den Walter verlassen kann.«

Fräulein Schönchen aber ist entschlossen, sobald der Kommerzienrat von seiner Reise zurückgekehrt ist – sie leistet während dieser Zeit der einsamen Mile Gesellschaft – mit ihm zu reden und ihm über seine »unselige Verblendung« die Augen zu öffnen. Denn es ist ihr klar geworden, daß sich Hildchen für Walter »interessiert«.


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