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17. Das Einzugsfest.

Steinbach ist von der Reise zurückgekehrt, und die Vorbereitungen zu dem Einzugsfeste sind in vollem Gange. Die Aufregung der jungen Mädchen steigt; ein andrer Gedanke als dieses Zauberfest hat in ihren Köpfchen gar keinen Raum mehr.

Fräulein Schönchen ist nicht gerade sehr musikalisch, aber jetzt sitzt sie stets am Klavier und übt Walzer und Polkas, nach denen Fe ihre Cousine tanzen lehrt. Hildchen begreift schnell, bei einer solchen Lehrerin fällt das Begreifen auch nicht schwer. Wo sich die jungen Mädchen begegnen – gleich schnell untergefaßt, gesungen und gedreht; Hildchen hopst nur noch im ¾ oder 4/ 4 Takt durchs Haus.

»Nun, was sagen Sie zu meiner Nichte?« ist natürlich Baldingers erste Frage, nachdem er Fe seinem Freunde vorgestellt hat.

»Ein sehr schönes Mädchen,« entgegnet Steinbach; doch mehr ist trotz wiederholter Frage nicht aus ihm herauszubringen. Er hat stets über so viele andre Dinge zu reden. Nur einmal kommt die Gegenfrage, ob die schöne Fe ein ständiges Mitglied des Hauses bleiben werde?

Daran hat Baldinger noch nicht gedacht; jetzt aber sagt er sich, daß es für Hildchen ein Vorteil sein möchte, in Fe eine liebe Schwester zu gewinnen. Aber freilich, mein Mädel würde ganz im Schatten stehen, überlegt der zärtliche Papa und verschiebt den Entschluß bis nach dem Feste.

Der große Tag ist endlich erschienen. Wie gewöhnlich bei festlichen Gelegenheiten zeigt der Himmel kein entschiedenes Blau; er hat ein etwas umflortes Ansehen und wird aus verschiedenen Fenstern der Villa mit besorgten Blicken beobachtet. Noch kann man hoffen, daß die Sonne siegreich durch den grauen Schleier brechen werde, aber die Möglichkeit, ein plötzlich eintretender Westwind könnte die leichten Dünste zu Regenwolken zusammenballen, ist nicht ausgeschlossen.

Es ist wunderbar, mit welch unerschütterlicher Ruhe sich Steinbach in dem aufgeregten Menschenschwarme bewegt. Handwerker, die da und dort eine letzte Hand anzulegen haben, Gärtner, damit beschäftigt, Blumen in Gruppen aufzubauen, dringende Beratungen über das aufzustellende Büffett, eine Auswahl der von einem guten Orchester im Gartenpavillon auszuführenden Musikstücke, elektrische Beleuchtungseffekte, die Unterweisung nicht gut eingeschulter Dienstboten und noch hunderterlei andre Anforderungen wären wohl geeignet, einen noch so besonnenen Mann etwas aus der Fassung zu bringen. Aber Steinbach beantwortet gelassen alle Fragen, wandelt gleichmäßigen Schrittes durch alle Teile des Hauses und scheint für jede Anordnung genügende Zeit übrig zu behalten.

An Steinbachs Fersen gebannt sind die beiden jungen Mädchen; wo er beratend verweilt, stehen sie bescheiden, doch eifrig horchend in der Nähe. Manchmal schwirren sie auch im Gefolge Baldingers durchs Haus; denn selbst der kleine Kommerzienrat ist heute aufgeregt. Er zeigt sich überall, erkundigt sich nach jeder Kleinigkeit und wird dabei doch das peinliche Gefühl nicht los, daß er eigentlich ganz überflüssig sei.

Tante Mile sitzt einsam und verlassen in ihrer Stube; niemand verlangt ihren Rat, und sie giebt sich nicht mehr der Täuschung hin, daß sie die »Vorsehung« des Hauses wäre.

Noch schwankt Tante Mile zwischen dem Salon und ihrem Bette. Manchmal wächst ihre Scheu vor den vielen fremden Menschen, die an diesem Abend die Villa unsicher machen werden. Sie bekommt Herzpochen und denkt: Das klügste ist, ich lege mich lieber gleich ins Bett; dann bin ich aus jeder Not und Verlegenheit gerettet.

Fällt nun aber ihr Blick auf das schöne seidene Kleid, die Spitzencoiffure und den Crêpe-de-chine-Umhang, dann fühlt sie sich geschmeichelt, daß der Bruder so viel für sie ausgegeben hat und der Entschluß wird ihr leid. Endlich beschließt sie, sich zu putzen, und will sich nicht länger unwohl fühlen.

Jetzt fängt sie aber an, sich auszumalen, wie sie, umgeben von rauschenden Schleppen, den Blicken eleganter Damen ausgesetzt sein wird; wie sie sich, hilflos verlassen von allen ihren Lieben, unter lauter Fremden bewegen muß, und da wird ihr himmelangst. Sie klingelt und befiehlt Röse, sofort eine Tasse Lindenblütenthee aufgießen zu lassen. Röse kennt ihr Fräulein und weiß, daß ihr Unwohlsein nichts bedeutet. Zwar verschwindet sie, um gehorsam den Thee zu bestellen, bald aber kehrt sie zurück und berichtet von den herrlichen Gerichten, die ein weißbemützter Koch mit seinem Stabe von Gehilfen in den Küchenräumen zubereitet.

Mile wird neugierig. Sie wünscht diese Wunder der Kochkunst kennen zu lernen und bekommt Appetit, davon zu kosten.

»Na, da werden Sie doch am Ende in die neue Klittage fahren müssen, damit Sie was kriegen,« schlägt Röse mit ernsthafter Miene vor.

»Nein, 's wird doch auch gar zu viel von einem Menschen verlangt!« jammert Mile, reißt die Haube vom Kopfe und fängt an, ihren Oberrock aufzuhefteln. Auf einmal aber hält sie wieder ein. »Aber wozu denn? Die Traktamente kann ich morgen probieren. Sie werden wohl nicht alles aufessen. – Geh nur, Röse, und bring mir 'ne Tasse Thee herauf – 's ist für alle Fälle.«

Röse sieht ein, daß sie ihr Fräulein noch neugieriger machen muß. Als sie wieder kommt, berichtet sie, daß die Musikanten schon da seien, und daß der Garten schon elektrisch beleuchtet wäre.

»Na, wenn ich das nicht schon wüßte, hätte ich ja in den letzten Wochen taub sein müssen,« brummt Mile. »Aber wo hast du denn den Kamillenthee?«

»Kamillenthee? Ne, Fräulein, Kamillenthee haben Sie ja gar nicht bestellt.«

»Ach, thue doch nicht so! … Du weißt ja recht gut, daß ich Lindenblütenthee meine.«

»Ne, Fräulein, mit der Theebestellung ist's mal nichts. In der Küche ist ein Radau, da hört einer sein eignes Wort nicht. Die hätten mich mit der Theebestellung nur ausgelacht. – Aber unser Fräuleinchen – na, ich sage – unser Hildchen sieht wie 'n Engel aus.«

»Hätte sich auch mal zeigen können. Man will doch wissen, wie sich das Kind macht.«

Da wird die Thür aufgerissen und der »Engel« fliegt herein, guckt die Tante an und ruft strafend: »Ja, aber was soll denn das heißen? Du sitzest noch haubenlos und im Hausrocke da? Die Gäste fahren ja schon vor.«

»Aber, Herzenskind, ich denke halt, 's ist doch besser, daß ich mich ins Bett lege; eine alte Frau, wie ich, kann sich in der Abendluft leicht erkälten.«

»Aber sieh doch nur den Himmel an, Tantchen! Es ist ja das herrlichste Wetter! Und die Röse bringt dir ein warmes Tuch, wenn's kühl wird. – Aber ich muß nur gleich wieder hinunter. Walter ist eben gekommen, und Fe sieht wie eine Elfenkönigin aus. – Also, Tantchen,« – Umarmung – »nicht wahr, du kommst? – Röse, gleich ziehst du Tante an; in fünf Minuten muß sie unten sein.« – Und hinaus fährt der reizende Wirbelwind.

Jetzt greift Röse energisch zu, und Mile leistet nur noch ganz schwachen Widerstand. Als sie nun schön angeputzt ist, steht Röse in aufrichtiger Bewunderung vor ihrer Herrin.

Aber noch einmal verliert Mile den Mut. »Wenn ich nur wüßte, wie ich 'rein käme, ohne daß mich die fremden Menschen angaffen.«

»Ach, Fräulein, die haben ja mehr anzugaffen, als bloß Sie – darüber können Sie unbesorgt sein.« – Und Röse öffnet schon die Thür, da tritt ganz unerwartet ein eleganter Herr ein – es ist Steinbach.

»Ach, Sie Engel!« ruft Mile neubelebt. »Nein, bei der Unruhe haben Sie auch noch an mich gedacht?«

»Nun kommen Sie, Tante Mile, ich will Sie in die Gesellschaft einführen und einigen Damen vorstellen.«

Röse findet, daß ihr Fräulein am Arme eines so vornehmen Herrn selber ganz vornehm aussieht. Auch Baldinger denkt, als das Paar den Saal betritt: I wo – das kann doch nicht die Mile sein!

Mile selbst fühlt sich heut, trägt den Kopf hoch und grüßt die Amtsrätin ordentlich herablassend.

Steinbach führt sie in einen Kreis von Damen, denen er sie vorstellt. Schließlich wählt er ein hübsches Plätzchen, von dem aus sie die Gesellschaft gut überblicken kann. Auch für Unterhaltung sorgt er und bringt ihr zwei Damen, zwei gute einfache Frauen. Frau Stadtrat Fiesold und Frau Oberprediger Römmel. Selbstverständlich nennt Mile die Frau Stadtrat stets Frau Oberprediger und die Frau Oberprediger wird zur Frau Stadtschreiber gemacht. Diese kleine Verwechslung hindert aber das gute Einvernehmen nicht. Frau Pastor Horner und Frau Amtsrat gesellen sich noch zu den dreien, und Walter, dem dieses Amt von Steinbach übertragen ist, versorgt die Damen aufs beste mit Speise und Trank.

Bild: Fritz Bergen

Fe spendet nach jeder Seite einen Blick, ein Lächeln …

Die Königin des Festes aber ist nicht die Tochter des Hauses, sondern Fe. Wo sie steht, bildet sie den Mittelpunkt eines sie bewundernden Kreises, und wenn sie sich entfernt, folgt ihr ein Schwarm von Verehrern.

In dem märchenhaften Kostüm kommt ihre Schönheit erst zu voller Geltung, und doch ist's ihr Wesen, das diesen eigentümlichen Zauber auf die Menschen ausübt.

Hildchen fühlt sich beengt. Sie wird mit der Zeit diese Scheu überwinden lernen; aber sie wird lernen, was Fe nicht erst zu lernen braucht, denn diese ist für die Gesellschaft geboren.

Fe ist um keine Antwort verlegen, nach jeder Seite spendet sie einen Blick, ein Lächeln; und doch darf sich keiner dieser Herren schmeicheln, von ihr bevorzugt zu sein. Sie sind ihr noch alle gleichgültig. Wer am besten tanzt und am ergötzlichsten mit ihr zu plaudern versteht, ist ihr der angenehmste. Sie will nur gefallen und sich vergnügen – das ist ihr die Hauptsache.

»O, du gutes Onkelchen, wie danke ich dir!« flüstert sie dem erfreuten Kommerzienrat zu, der ihr immer mehr Herren vorstellen muß. Selbst die ganz alten Herren drängen sich um diese junge Schönheit.

Hildchen sieht heute abend nicht vorteilhaft aus. Sie ist noch etwas Backfisch, aufgeschossen schmal, sogar ein wenig eckig. Fräulein Schönchen hat sie leider auch nach dem eignen Geschmack gekleidet. Das hohe Leibchen ist hübsch fest zusammengepreßt; alles recht glatt, accurat, nur ein bißchen zu steif. Dazu im braunen Haar der unnatürliche Kranz von Rosen.

Hildchen hat in den Spiegel geschaut und gefunden, daß sie nicht hübsch aussieht. Soll sie sich deshalb ihre gute Laune verderben lassen? Das wäre doch schade; ein so glänzendes Fest wird sie nicht so bald wieder erleben. Hildchen beschließt deshalb, an jedem Spiegel, ohne hineinzugucken, vorüberzugehen; denn nur ein Spiegel kann so unhöflich sein, ihr die Wahrheit zu sagen.

Das Mittel ist probat. Hildchen vergißt sehr bald die unvorteilhafte Toilette vollständig und fängt an, sich herrlich zu amüsieren. Sie hüpft mit Herzpochen den ersten Tanz und dreht sich mit Begeisterung beim zweiten. Ein frisches Rot malt sich auf ihren Wangen, ihre Augen strahlen, und endlich sieht sie wirklich ganz reizend aus.

Es giebt sogar jemand, der denkt und es auch ausspricht: »Dieses liebliche, unbefangene Kind ist mir doch hundertmal lieber als die glänzende Schönheit, die so von ihrer Macht überzeugt ist und auf ihre Triumphe rechnet.« – Dieser Jemand ist natürlich Onkel Edi.

Es giebt auch noch einen außer ihm, dem Hildchen am besten, am allerliebsten gefällt; aber der spricht sein Wohlgefallen gegen niemand aus.

In dem Kreise der jungen Mädchen zeichnet sich auch Klärchen aus; nicht durch ihre Schönheit, armes Ding! Es muß wohl nicht am Stoffe liegen, denn auch in dem Mullkleide sieht Klärchen altmodisch aus. Zum Glück ist sie überzeugt, mit einer ganz besondern und überaus sinnigen Toilette beschenkt worden zu sein. Sie nennt es ein Waldfeekostüm. Kleine Bouquets von Epheublättern und Vergißmeinnicht sind über das weiße Mullkleidchen zerstreut aufgenäht. Die Epheublätter sehen wie dunkle Flecke aus, und die verwelkten Vergißmeinnicht beweisen Fräulein Schönchen wieder den Triumph der Kunst über die Natur; Hildchens Rosen werden niemals welken.

Klärchen hat erwartet, mit ihrem Waldfeekostüm Schmeicheleien zu ernten, und ist nicht angenehm berührt, daß ihr niemand etwas darüber sagt.

Ich mache wahrhaftig keine Ansprüche, denkt das »bescheidene« Klärchen. Ich bin nicht so herausgeputzt wie Hildens Cousine, habe auch keine Modetoilette wie die Loritzens; aber ich bin doch sehr eigentümlich gekleidet. Ich kann mich im ganzen Saale umschauen, ohne etwas Aehnliches zu erblicken, und doch scheint es niemand zu bemerken.

So müßte das arme Klärchen zum »sinnigen Mauerblümchen« werden, wenn nicht Hilde die beiden Vettern Stedden – die Studenten sind erst am Abend angelangt – und Walter Roland auf sie aufmerksam machte und die Herren bäte, sie zum Tanze aufzufordern.

Die Familie Loritz ist vollständig versammelt; auch Frau Ada mit ihrem Gatten ist geladen und selbst der durchgefallene Artur.

Frau Ada will heute die Bekanntschaft Hildchens mit Artur einleiten, als sie sich aber nach ihm umsieht, ist er verschwunden, und in den vielfachen Räumen des Hauses, den verschlungenen Gartenwegen, ist es nicht leicht, eines Verlorengegangenen wieder habhaft zu werden.

Da auf einmal erblickt sie Artur und segelt auf ihn zu.

Artur hat sich die Dame ausgesucht, die ihm am besten gefällt, und nimmt an, es müsse Hildchen Baldinger sein. Natürlich ist diese Dame Fe.

Fe findet diesen jungen Mann nicht besonders interessant und beschäftigt sich lieber mit andern Herren. So hat Artur nichts weiter zu thun, als sie zu bewundern, und er ist vollständig in diese Beschäftigung vertieft, als seine Schwester herbeistürzt, ihn unter den Arm nimmt und ihn, obwohl er sich etwas zu sträuben wagt, energisch entführt.

»Das war ja gar nicht die Richtige,« flüstert Frau Ada dem Bruder zu.

»Aber sie gefällt mir am besten,« entgegnet Artur und guckt sehnsüchtig zurück.

»Ich muß dich jetzt Hildchen Baldinger vorstellen,« fährt die Schwester sehr liebevoll fort, denn niemand soll merken, daß hier ein geschwisterlicher Streit stattfindet.

»Aber ich mag nicht vorgestellt werden; ich will mit der andern tanzen,« brummt Artur und versucht sich freizumachen.

Da erblickt Frau Ada unser Hildchen, und mit verstärkter Energie steuert sie mit dem Bruder auf sie zu.

»Unser teurer Artur,« sagt sie, »der schon so lange gewünscht hat, Ihre Bekanntschaft zu machen.« – Der Widerstrebende muß sich verbeugen.

Aus dem Saale dringen bis in den Garten, wo die Vorstellung soeben stattgefunden hat, die Töne der Polka.

»Sie haben den Tanz wohl nicht mehr frei?« fragt die besorgte Schwester und drückt Arturs Arm, der ihr soeben zuflüstert: »Ich will ja mit der andern tanzen.«

Da erscheint ein großer, blonder junger Mann, verbeugt sich und entführt ihm die kleine Baldinger vor der Nase.

Dieser Schulmeisterssohn sieht ja ausgezeichnet aus; ich glaube, der könnte gefährlich werden, denkt Frau Ada und sieht dem Paare nicht mit Vergnügen nach. »Du mußt wenigstens sehen, daß du eine Extratour … Wahrhaftig, da ist mir der Junge fortgelaufen!« – Und Frau Ada kehrt sehr enttäuscht in den Saal zurück.

Hildchen aber schaut freudestrahlend zu ihrem Freunde auf; wenn sie ihn nur in ihrer Nähe weiß, kommt ein Gefühl von Sicherheit über sie. Sie möchte heut gern mit ihm über die »große Frage« sprechen, die sie sich selbst beantwortet hat; aber sie kommt nicht dazu. Bald muß sie mit ihm tanzen, und das ist ein großes Vergnügen; dann kommt ein andrer und verlangt eine Extratour, und auf einmal schwirrt wieder die ganze Gesellschaft durcheinander – die Polka ist zu Ende. Nein, für eine so wichtige Unterhaltung bleibt an einem solchen Abend keine Zeit.


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