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Gedanken über einen zerschlagenen Topf.

Minuentur atrae
carmine curae. –

Horatius

 

Du bist nicht mehr!
Dein Dichter weint ob Deinen Scherben sehr;
Dein Loos war, Rauch und Flammen zu ertragen,
Doch stand'st Du fest, Dir gleich stets voll Behagen;
Nur wenig Freunde sind auf Erden Dir geworden;
Es soll Dein Tod verkünden Dich im Norden.
Ich will in den Avisen Dir eine Grabschrift setzen,
Daß Thränen über Dich der Schönen Wangen netzen.
Du warest Thon; Thon wirst Du wieder nur,
So geht's dem besten Kinde der Natur!
O, wärest Du gekommen in eines Künstlers Hand,
Wie hätt' er, Dir zum Glück, mit schöpf'rischem Verstand
Dich umgeformt als Vase mit wunderschönem Knopf!
Das Schicksal wollt' es anders – Du ward'st ein Suppentopf.
Dein Leben schwand still, einsam, im Verstecke,
Als Aschenbrödel standst Du in der Ecke;
Oft sah ich Rauch und Flammen Dich umzieh'n,
Wenn freundlich mild der Mond durch's Fenster schien.
Sah Deinen Dampf, in dem sich Geister wiegen,
Und durch die Esse wieder heimwärts stiegen;
Wenn Sterne glänzten, fort war ihr Erinnern
An Dich; ich hörte nur wie's kochte Dir im Innern;
Du hast gelitten wie ein Held vor Deinem Sterben;
Friede Deinen Scherben!

Ein Dichter hört am liebsten eignen Sang,
D'rum will ich meinen lesen oft und lang,
Bis daß der Elfe kommt auf weißen Schwingen,
Mir Trost zu bringen.
Von Eiern träumt' ich schwer die letzte Nacht,
Da wußt' ich, daß mir Böses das Schicksal zugedacht;
Aus meinem Traum erweckten mich in der Küche Stimmen,
Da sah ich Deine Scherben in fetter Suppe schwimmen;
Verwirrt war Alles, todt des Heerdes Flammen
Und weinend suchte Lene Dich zusammen.
Im Hofe werden Deine Reste ruh'n,
Und Blümchen lächeln bald auf Deinem Grabe nun.
Laß Alles nur die Zeit mit ihren Flügeln decken,
Vielleicht wird sie im Tode Dir neues Glück erwecken.
Wo Land jetzt ist, hat's früher See gegeben,
Und über Deiner Gruft kann sich ein Wald erheben.
Es schwindet ein Jahrhundert;
Ein Forscher grauer Vorzeit entdecket ganz verwundert
Die Scherben Dein; da faßt ihn der Gedanke,
Daß königlichem Staub Du einst gedient zum Schranke.
Fortan wirst irgendwo Du im Museum thronen,
Und Dich als Scherbe dann des Lebens Kranz belohnen.
Leb' wohl! zu Deinem Grabe werd' ich wallen;
Doch darfst Du nie als Geist mir lästig fallen.
O Lene, weine nicht; ergieb Dich d'rein?
Dem Topf ist wohl!
Bald ruht auch unser zitterndes Gebein.


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