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Des Unbekannten Meisterwerk.

(Versificirte Anekdote.)

Die Klostermauern grünten von Schlingkraut und Geranien,
Den Wandelgang umwuchsen zwei Reihen von Kastanien,
Man hörte Wogen rollen, doch sah man nicht das Meer:
Vornehme Leute zogen zu diesem Kloster her,
Berühmte Männer alle, ein edler Künstlerzug.
Wenn wir den Meister nennen, so thun wir wohl genug:
Es war der große Rubens! So sah man sie denn geh'n,
Ein Frühspaziergang war es, die Gegend zu beseh'n.
Des Ganges kühlen Schatten geht man nicht so vorbei,
Vielleicht ist in dem Kloster auch eine Malerei.
– Der Prior selber führte sie nach dem hohen Chor,
Dort hing ein selt'nes Bildniß, beachtet nicht zuvor;
Die Farbe weich und kräftig, der Strich keck und gewandt;
Es war ein Mönch im Sterben, ein Werk von Meisterhand.
»Wie herrlich!« ruft begeistert der Künstler ganzer Kreis,
»Jedoch des Meisters Namen, verwischt ist er mit Fleiß!
Weshalb? Wer war der Maler? Unschätzbar ist das Bild!«
– »»Nicht mehr der Welt gehört er!«« versetzt der Prior mild.
– »Todt!« klagte Rubens seufzend; »hat Niemand ihn gekannt?
Gepriesen nach Verdienst ihn, genannt sein Vaterland?
Ich geb', ehrwürd'ger Vater, ihm selbst den Preis vor mir,
Und – Peter Paul Rubens steht Euch vor Augen hier!«
Des Priors bleiche Miene wird bei dem Wort belebt,
Und mehr als Neugier ist es, was seinen Blick erhebt;
Doch bald zu Boden sieht er, und fromm bekreuzt er sich;
»»Nicht mehr der Welt gehört er!«« so spricht er feierlich.
»Nenn' seinen Namen, Vater! so mach' ich ihn bekannt!
Man preise nach Verdienst ihn, bewunderungentbrannt!«
»Nenn' ihn!« So rufen Alle. Der Mönch schaut um im Kreis,
Die bleichen Lippen zittern, die Stirne perlt von Schweiß.
»»Nicht mehr der Welt gehört er!«« hob er von neuem an;
»»Doch wenn Ihr todt ihn haltet, in Irrthum seid Ihr dann.««
»Er lebt!« so jubelt Rubens. »Ha, wo verbirgt er sich?«
»»Ein Mönch ist er im Kloster.«« »Im Kloster? Wo denn? Sprich!
Das Kloster soll er lassen! Das Pfund, das Gott ihm gab,
Soll Himmelsfrüchte tragen, verwittern nicht im Grab!
In Farben wird er singen vor Gott Halleluja!
So nenne mir das Kloster! Ich hol' ihn her von da.
Natur, das ist die Kirche, der er gehöret an!
Wenn er sich weigern sollte, den Papst selbst bitt' ich dann;
Der huldigt auch den Künsten, und er befiehlt, ich wett':
Hinweg mit Dir vom Kloster, nimm Pinsel und Palett'!«
Anhebt der Prior finster: »»Er fand des Friedens Port,
Nicht nennet Mönch, noch Kloster Euch meiner Lippe Wort.««
– »So soll der Papst Dich zwingen!« rief Rubens zornberückt;
Des Priors Auge flammte; er sprach, das Haupt gebückt:
»»In Himmels Namen, hört mich! Ist es nicht sonnenklar,
Wenn er die Welt verlassen, daß schwer geprüft er war?
Glaubt Ihr, daß er nicht kämpfte mit Zweifeln in der Brust,
Eh' er auf Kunst verzichtet und auf des Lebens Lust?
Glaubt Ihr, daß ihn nicht Täuschung und Schmerz durchdrungen heiß?
Viel kann ein Herz erleiden, ohn' daß es Jemand weiß!
Ach, Alles ist auf Erden so eitel, leer und krank;
Wer das erkennt, auf einmal leert er den Wermuthstrank.
Entreißet nicht ihn wieder ins Meer aus sich'rem Port!
Die Freistatt er gefunden, o laßt ihn sterben dort!
Er widersteht der Lockung, thut auf den Schein Verzicht;
Der ihn zu sich berufen, Gott, der verstößt ihn nicht.««
– »Unsterblichkeitsbekränzung steht ihm allhier bereit.«
»»Unsterblichkeit harrt unser erst in der Ewigkeit!«« –
Die Kapp' um's Antlitz schlagend, der Prior weiter schritt,
Und theilte von dem Kloster manch' andre Nachricht mit;
Doch war es Werktagsrede, man wechselt' Ja und Nein;
Und bald darauf schied Rubens, vertieft in Grübelein.

Der Prior ging zur Zelle, wo Gott allein ihn sah,
Und auf sein hartes Lager sank betend er allda;
Aus Herzens Grunde fleht' er: »»Steh', Gott, mein Gott, mir bei!««
Dann stand er auf, nahm Pinsel, und Farb', und Staffelei,
Und warf sie aus dem Fenster in tiefer Fluthen Schoos;
Mit Schmerzen sah er nieder, jedoch ein Weilchen blos.
Bald war entführt vom Strome der Malerei Geräth';
Und wieder kniet' er, hauchend ein wehmuthvoll Gebet.


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