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Das Wundervögelchen.

Soll ich dir die Gegend zeigen,
Mußt du erst das Dach besteigen.

Göthe.

 

Siehst du dort das Haus im stolzen Buchenwald am klaren Bach,
Jenes mit der weißen Mauer und dem rothen Schindeldach?
Sieh' auch im Gebüsch den Knaben mit dem offnen Angesicht,
Ausgelassen, kindlich heiter springt umher der kleine Wicht.
Plötzlich hält er lauschend inne, denn ein schönes Vöglein singt
Droben in des Baumes Wipfel; wunderbar sein Sang erklingt!
Einer Rosenknosp' an Größe gleichet kaum das Vöglein hold,
Bunt befiedert strahlt sein Körper, wie von Perlen und von Gold.
Mit dem hübschen kleinen Sänger wird der Knabe bald vertraut,
Und sie singen wechselsweise, wie der Abend niederthaut.
In dem Hirn des Knaben spuken viele Märchen, d'raus erwählt
Er die schönsten, und dem hübschen Thierchen hat er sie erzählt;
Doch, o Wunder! es hat alle selbst auf seinem Flug gesehn;
Weiß am schönsten und genau'sten zu berichten, wie's gescheh'n.
Und nicht das allein, ein wenig hexen kann es auch dazu:
Tausend Meilen fliegt der Vogel und er kehrt zurück im Nu!
Und vom Fluge wiederkehrend, schau! was er im Schnabel hat:
Seltne Samen, die umhüllet sind von einem Rosenblatt
Und begabt mit Wunderkräften; kaum wird eins der Erd' vertraut,
Hat ein prächt'ger Feentempel sich urplötzlich auferbaut.
Schnee vom Berge sind die Säulen, und das Dach aus Morgenschein,
Durch die Wölbung des Portales blickt zum Himmel man hinein!
Doch zu einem Sommerwölkchen ist ein andres Korn geschwellt,
Mit dem Knaben und dem Vöglein schwebt es über Wald und Feld,
Segelt nach der Abendsonne, die dort glänzet groß und schön,
Bis hinan zu Gottes Throne in den blauen Himmelshöhn,
Wo gleich weißen Blümchen prangen viele Sterne, hell und klar,
Wo das Jesuskind er schauet mitten in der Engel Schaar.
Erdwärts sinkend, hat die Wolke nach dem Wäldchen sie gebracht,
Wo die luft'gen Elfen spielen in der milden Sommernacht,
Wo die Blümchen, die verwelket Jahr um Jahr, auf's neu' erstehn
Und mit süßem Duft erblühen bei des Zephyrs lauem Wehn.
Wieder steigt aus einem Samen eine riesge Palme auf,
Immer wachsend; husch! der Knabe und das Vöglein sitzen d'rauf;
Immer höher, in die Wolken steigt empor der Palmenbaum,
Breitet seines Wipfels Krone stolz bis an der Erde Saum.
Länder, Meere schaut der Knabe, Wälder an der Berge Hang,
Aber auf dem Wolkensitze wird's ihm wunderlich und bang;
Zwischen Erd' und Himmel sehnet sich der Knabe erdenwärts,
Und zum Himmel von der Erde strebet wiederum sein Herz. –
– Tage schwinden, werden Jahre; hin ist bald der Kindheit Lust,
Flammen strahlen seine Blicke, denn es glüht in seiner Brust.
Oft erschienen war das Vöglein, doch jetzt sah er's lange nicht;
Seufzend sitzt er am Gestade, d'ran der Wogenschwall sich bricht;
Blau wölbt sich des Himmels Bogen, unbegrenzt dehnt sich die Fluth,
Keine Insel, keine Wolke, d'rauf das müde Auge ruht.
Sieh! von einem Schwan gezogen, treibt zum Ufer her ein Kahn,
Er erkennt sein liebes Vöglein wieder in dem stolzen Schwan.
Immer näher, bis zum Strande, zieht der Schwan das Schiffchen hin,
Und ein wunderholdes Mädchen sitzet in dem Kahne d'rin.
Frieden strömt aus ihrem kindlich klugen Aug' in seine Brust.
Liebe – o, es schwillt der Busen! – du bist mehr als ird'sche Lust!
Mächtig gährt's in seinem Innern, seinem Auge wird es hell;
Horch! es rauschet ihm im Walde, und es murmelt ihm der Quell!
Frischer prangt das Grün der Fluren, duftiger die Blume sprießt,
Als er sie zum ersten Male liebend in die Arme schließt!
Schnell entflieht wie eine kurze Sommernacht ein wonnig Jahr,
Denn der Stunden Lauf beflügelt eine lichte Elfenschaar;
Wieder kehrt der Schwan und ziehet einen Blumenkahn an's Land.
Sag', was nach dem Glück der Liebe er wohl in dem Boote fand?
Mit verklärten Engelszügen schauet er sein Ebenbild,
Denn mit einer Schaar von Kindern ist das Schiffchen angefüllt.
Weich umarmet sie die Mutter, und der Vater wird zum Kind;
Fröhlich spielt er mit den Kleinen, beide doch in Sorgen sind,
Denn den Kindern Engelsflügel wachsen oft im Augenblick,
Und zur Himmelsheimath droben schweben plötzlich sie zurück.
Seiner Schwanenhüll' entledigt, kommt zurück das Vögelein,
Singt und flattert wieder lieblich in der Kindheit Zauberhain.
Aus dem Samenkorn entstehet abermals ein Feenschloß,
Und sie reiten nach der Sonne Küste auf dem Wolkenroß.
Jubelnd steigt der Kinderhaufe mit der Palme in die Höh',
Rosenschiffchen bauen ihnen Elfen auf dem Geistersee.
Alle Bilder seiner Jugend sind dem Vater jetzt erneu't,
Seiner Kindheit Zaubergarten und der ersten Liebe Zeit.
In der Schwanenhülle schwebt er aufwärts nach dem Himmelsrund,
Sterne, Welten sieht er wimmeln, wie der Sand auf Meeresgrund.
Ruh' wird seinem vielbewegten Herzen in der Kindheit Traum;
Ein Gedanke nur der Gottheit, Liebe herrscht im Weltenraum,
Dreht Planeten um die Sonnen, wölbt des Himmels blauen Dom! –
– Ob die Jahre auch wie Tropfen schwinden in der Zeiten Strom,
Stets durch's bunte Glas der Täuschung ist das Leben uns verhüllt,
Und verschieden zeigt dem Kinde und dem Manne sich das Bild.
Einsam auf dem Grabeshügel sitzt der Greis mit trübem Blick,
Weib und Kinder sind gestorben, Vöglein kehrt nicht mehr zurück.
Purpurn sinkt in's Meer die Sonne, und er blicket himmelwärts:
»Wird der Schwan denn nicht erscheinen, Ruh' begehrt mein müdes Herz!«
Doch wie heiß er auch verlanget nach dem Ziel der Pilgerbahn,
Nimmer tauchet aus der blauen Tiefe auf der weiße Schwan. –
Aber, sieh, im Abendstrahle was erglänz't dort auf dem Meer?
Auf des Schwanes weißem Fittig schwebt des Todes Engel her,
Der ein Schlummerlied dem Greise aus der Kindheit Tagen singt,
Daß beim sanften Ton ein mächt'ges Heimweh seine Brust durchdringt.
Ach! das Vöglein kann ihm nichts mehr bringen aus dem Zauberland,
D'rum ergreift des Todes Engel mild des müden Pilgers Hand,
Führt ihn in das Boot und lenkt es weit hinaus auf stille Fluth,
D'rauf es wie ein Stern erglänzet in der Abendsonne Gluth.
Fern und ferner sieht man's schimmern, bis es ganz dem Blick entschwand, –
Bringt ihn nach der bessern Heimath, wo er ew'ge Ruhe fand.


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