Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Der Herzensdieb.

Das Herz mag stehen vorn, das Herz mag stehen hinten:
Ein Dieb bleibt doch ein Dieb, das muß ein Jeder finden.

Wessel.

 

Amor, der Schalk – man kennt ihn weit und breit,
Und hat ihn wie ein Kind abconterfeit,
Mit Pfeil und Bogen und mit großen Schwingen; –
Wie eine Fabel scheint das ja zu klingen; –
Wer glaubte je, daß er so angethan?
Nein, Gott bewahre, er hat Kleider an;
Und wo er wen zu neuem Bund verpflichtet,
Hat er sein Kleid stets darauf eingerichtet.
Die Mädchen sehen ihn am Liebsten hier
Gekleidet als Student und Officier,
Und diese – nun, das kann ein Kind verstehen –
Als Mädchen ihn am allerliebsten sehen.
Von Kopf zu Fuß und jeden Augenblick
Ist er ein Dieb, der längst verdient den Strick.
Als ich zum ersten Male ihn entdeckte,
War ich ein Knäblein, das noch in dem Jäckchen steckte.
Mit andern Buben spielt' ich da Versteck;
Ein Rosenstrauch wuchs an der Gartenheck';
Ich kroch hinein und saß ganz still darinnen;
Mich findet Niemand, wie sie's auch beginnen;
Da seh ich plötzlich Nachbars Lieschen hier
Und unsern Gast, den hübschen Officier.
Nicht weiß ich, was sie sprachen und beschickten,
Doch sah ich, wie die Rosen alle nickten,
Und mitten in der einen, auf die Flur
Hinüberhängend – Leute, denkt's Euch nur! –
Da saß ein Officierchen, nichts geringer,
– Wie wunderlich! – doch groß kaum wie ein Finger,
Mit Schnurrbart, Säbel, Mütze; ja fürwahr,
Der war dem andern ähnlich auf ein Haar.
Die Rose sah ich schwanken in dem Winde
Und Lieschens Wange treffen gar geschwinde;
Der große Officier brach nun das Röschen ab,
Doch Lieschen wurde roth, als er es jetzt ihr gab.
Schnell flog ein Schmetterling heraus mit bunten Schwingen,
Der Amor war's – und winkt' vor allen Dingen
Mir zu, was ich erschaut, nicht zu gestehn:
Es ward geküßt, und ich hatt' es gesehn.
Wir trafen uns seitdem gar oft, wir Beide;
Bald trug er Bauerntracht, bald reiche Seide;
Doch, selbst nun älter, wurd' ich schnell gewahr,
Daß, was er that, so fein nicht eben war;
Darum gelobt' ich mir, was mir auch würd' geschehen,
Mich solle nie der Schelm in seinen Händen sehen;
Das schwur ich laut – ich ging just in's Examen
Zum Pfarrer. – Hört, wie doch die Dinge anders kamen.
– In unser'm Dorfe, bei des Pfarrers Haus,
Da breiten sich die Haselbüsche aus;
Am Boden Erdbeerpflanzen, welch Gewimmel!
Heut kam ich hin – hoch war die Sonn' am Himmel;
Tief in den Büschen dort ein Bauerknabe stand,
Der sich Erdbeeren pflückte; was er fand,
Auf einen Grashalm zog; ich pflückte selbst und aß;
Der Kleine zeigte mir, wie voll sein Gras,
Und da ich an dem Anblick mich geweidet,
Wird's mir, als ob man mir das Herz zerschneidet.
Mir war ganz wunderlich – er lacht laut in die Luft –
Der Bauerknabe war der kleine Schuft.
Nicht Beeren hatte er – bewahre, nein!
Auf seinem Grashalm – lauter Herzchen klein.
Das sah ich nun und unter diesen Herzen
Mein armes eig'nes Herz mit tausend Schmerzen.
Ich lugte, weinte, bat; er lacht' mich aus;
Ich brachte Nichts als »Ja« von ihm heraus.
»Sieh diese Herzen wurden heut' mein eigen,
Deins ist das Letzte; laß mich dir es zeigen.«
Am hellsten lacht' er, als er sprach dies Wort,
Der arge Schalk, und lief dann eilig fort.
Ich lief, so gut ich konnte, hinterdrein
Und fing aus vollem Halse an zu schrein;
Doch ich verlor ihn rasch aus dem Gesicht.
Nun – denk' ich mir – nun zieht der Bösewicht
Von Thür zu Thür mit den gestohl'nen Herzen,
Und was mich muß am allertiefsten schmerzen,
Mich bietend dieser oder jener feil.
Nun muß ich auch eins stehlen für mein Theil,
Wenn mir nicht Eine will das Ihre geben,
Denn ohne Herz: da kann ich ja nicht leben.


 << zurück weiter >>