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XX.

Herr von Lankwitz war sehr verwundert, als Klaus Meinhardt seine Elly zur Frau begehrte. Wenn er Anneliese hätte heiraten wollen, das wäre ihm sehr verständlich gewesen. Mit dem tüchtigen Mädchen, das einmal versprach, eine famose Hausfrau zu werden, wurde kein Mann betrogen.

Aber Elly, die zarte, kleine Elly, die vielleicht nie wieder ganz gesund wurde? Das war doch Wahnsinn, das paßte doch durchaus nicht zu seinen Ansichten vom Leben und der Ehe! Das durfte er ja nicht zugeben!

Aber Klaus stellte ihm ganz ruhig vor, daß er gerade Elly liebe, daß er hoffe, Elly solle noch einmal ganz gesund werden, daß er mit ihr reisen wolle in ein warmes Klima, daß sie nur noch zart, aber nicht mehr krank sei – und Elly liebe ihn, er möge sein Töchterchen nur selbst fragen.

Kopfschüttelnd ging Herr von Lankwitz fort, um Elly selbst zu fragen. Er fand sie in ihrem Zimmer. Mit ängstlich erwartungsvollen Blicken sah sie ihm entgegen. Klaus war ja beim Vater! Was hatte er gesagt?

»Elly, Töchterchen, ist es denn möglich? Du willst heiraten? Du willst uns verlassen? Fürchtest du denn nicht?«

»Nein, Vater, ich habe ihn doch lieb! Und Klaus ist so gut!«

»Klaus? Na, da scheint ja alles in Ordnung zu sein, wenn du schon von Klaus redest! Da bleibt mir wohl nichts übrig, als meinen Segen zu geben! Na, Kinder, dann nur zu! Aber verständiger wäre es gewesen, wenn er die Anneliese nähme!«

*

In seiner Wohnung in Stettin im vierten Stock saß Herr Folkert. Er hielt einen Brief aus Zossen in seiner Hand und las in steigender Verwunderung:

»Lieber Schwager!

Wenn ich die Feder in die Hand nehme, muß es schon einen ganz besonderen Grund haben, und den hat es auch. Mein Brief wird Dir allerhand Überraschungen bringen. Zuerst muß ich Dir mitteilen, daß unsere Elly sich verlobt hat und zwar mit dem jetzigen Besitzer von Freiwalde, Klaus Meinhardt.

Elly hat ja in letzter Zeit im Gehen Fortschritte gemacht, aber mein praktischer Verstand wollte sich gar nicht damit einverstanden erklären, daß der Klaus Elly und nicht Anneliese wollte. Aber was half das? Er wollte nun gerade die Elly.

So sind sie denn verlobt und Elly ist eine glückstrahlende Braut. Mein zukünftiger Schwiegersohn will nun vorläufig nicht in Deutschland bleiben.

Erstens hat er wieder eine größere Geschäftsreise vor und dann glaubt er auch, daß Elly wärmeres Klima gut tun würde. So wird sie ihn denn gleich nach der Hochzeit nach Turin begleiten.

Dadurch bleibt Freiwalde wieder herrenlos. Zudem hat der Administrator Veruntreuungen begangen, und so war ich schon auf der Suche nach einem neuen, ehe die Verlobung zustande kam. Jetzt möchte Meinhardt gern, daß ich gewissermaßen die Oberaufsicht über Freiwalde übernehmen soll, aber dazu ist der Betrieb mit der Fabrik und allem jetzt zu großartig, als daß ich noch neben meinem eigenen Gut das übernehmen könnte. Du weißt, daß ich mir gar keinen richtigen Inspektor halte und mit Naumann als Wirtschafter genug selbst zu tun habe.

Nun ist mir der Gedanke gekommen, – die Versicherungsgeschichte wirft ja doch nicht viel ab – ob Du nicht die Stelle eines Direktors von Freiwalde annehmen möchtest? Sage nicht gleich nein und werde nicht böse! Aber sieh, ich bin stets ein Mensch gewesen, dem das praktische Leben die Hauptsache ist, und wenn es vielleicht auch nicht leicht sein würde für Dich, so wäre mein Vorschlag doch zu bedenken.

Das Gehalt beträgt dreitausend Mark und Tantiemen, und wir hätten Dich auch gern wieder hier.

Du brauchst die Erinnerungen nicht zu sehr zu fürchten. Freiwalde ist ganz anders geworden. Klaus Meinhardt weiß noch nichts davon, daß ich Dir schreibe. Ich wollte erst Deine Zustimmung haben.« –

»Meine Zustimmung?«

Der Brief flog auf die Erde und die Faust des erregten Mannes schlug heftig auf den Tisch. »Meine Zustimmung? Was er sich denkt! Da möchte ich doch lieber Holzhacker werden! Oder ich hänge mich auf! Auf Freiwalde Verwalter spielen, nach der Pfeife des neuen Herrn tanzen! Auf dem Grund und Boden, wo ich einst Herr war! Verrückt ist mein Herr Schwager, vollständig verrückt!«

Die Zornesader an der Stirn schwoll blaurot an und die Faust fiel wieder dröhnend auf die Tischplatte.

Da öffnete sich leise die Tür zum Nebenzimmer und das verängstigte Gesicht seiner Frau sah heraus.

»Was gibt's denn, Fritz? Du bist ja ganz allein!«

»Ja, ich bin allein und möchte auch allein bleiben! Dein lieber Bruder hat mir da einen Brief geschrieben. Da liegt der saubere Wisch! Nimm ihn mit dir. Kannst ihn dir hinter den Spiegel stecken!«

Erschrocken bückte sich Frau Folkert nach dem am Boden liegenden Briefe und wollte damit hinausgehen.

.

Ihr vergrämtes Gesicht sah ihren Mann so traurig an, daß er halb besänftigt sagte: »Na, kannst hierbleiben, Alte! Lies das Ding nur hier. Und laß mal sehen! Habe den Schluß noch nicht gelesen. Was schreibt er denn noch?«

Sie reichte ihm den zweiten Bogen, indes sie den ersten in der Hand behielt und still damit ans Fenster trat. Er las nun weiter:

»Du hättest eine ganz selbstständige Stellung, da Meinhardt selten da ist, auch von Landwirtschaft nichts versteht. Es kommt ihm sehr darauf an, jemand zu finden, der Liebe zur Sache hätte. Na und ich meine, mehr Liebe für das Gut kann keiner haben als Du.

Deiner Käte geht es gut. Ich sah sie kürzlich. Das Mädel macht sich famos bei Münstermanns, ist rein der Verzug vom Alten und von Frau von Münstermann.

Denke doch, wenn Du Deine Käte wieder so nahe hättest. Sie paßt nun mal viel besser aufs Land, als zum Unterrichten von unartigen Gören.

Und nun, alter Junge, überlege Dir die Sache! Für Dich selbst ist es auch besser, als in der Stadt im vierten Stock zu sitzen. Es ist ein schöner Wirkungskreis, und der Klaus würde Dir's danken. – Und abgesehen davon, denk' an Frau und Kinder!

Dein alter Schwager Lankwitz.«

Denk an Frau und Kinder!

Es war ganz still geworden.

Draußen rauschte der Regen hernieder und fiel eintönig auf das Pflaster: Trip, trip, trip. Es ist der Nachregen vom Gewitter, das gestern gewütet hatte.

Ganz still war's und nur das Papier knisterte leise in Frau Folkerts zitternder Hand. Endlich ein tiefes Stöhnen vom Lehnstuhl her.

»Alte!«

»Ja, Fritz.«

»Bist du mir böse, daß ich dich vorhin angefahren habe?«

»Ach bewahre, Fritz! Es war ja so natürlich, daß du erregt warst!«

Wieder Schweigen.

Trip, trip machte der Regen auf dem Dache des Hinterhauses, das ein Stockwerk weniger hatte.

»Alte, was sagst du denn zu dem Briefe von deinem Bruder?«

»Gott, Fritz, ich sage, daß es wohl unmöglich ist, weil es gerade Freiwalde ist, sonst –«

»Was sonst?«

»Sonst wäre es vielleicht ein großes Glück, wenn du aus der Stadt herauskämest!«

»Weiß Gott, ja! Die Häuser erdrücken mich rein!« – Folkert stand auf und dehnte die früher so kräftigen Glieder.

Leise fing seine Frau wieder an: »Und die Versicherungsbesuche, das war dir doch manchmal auch nicht leicht.«

»Wenn sie mich rausschmissen!« sagte er mit grimmigem Humor. »Ob es leicht war! Blut geschwitzt habe ich vor Scham und Wut, wenn man so als Anpreiser kommt und wird manchmal wie ein Schuhputzer behandelt.«

Frau Folkerts Stimme wurde noch leiser, als sie hinzufügte: »Und wenn ich meine Käte wieder haben könnte – oder wenigstens in der Nähe –«

Ein tiefer Seufzer beschloß den Satz.

Herr Folkert räusperte sich, als sei ihm etwas in die Kehle gekommen. Plötzlich sagte er: »Alte, komm mal her! Alte, bist du mir denn noch ein wenig gut, trotzdem ich jetzt oft solch ein nörgelnder, verstimmter Mensch war?«

»Fritz!« sie schlang beide Arme um seinen Hals, »du bist doch mein alles!«

»Na und – und – wenn ich's nun versuchte, gingest du mit? – Ob ich's aushalte, ob mich der Schmerz nicht packt und die Verzweiflung –«

»Der liebe Gott wird helfen, Fritz! Sieh, ich meine, es ist eine Schickung von ihm, und er hat's ganz gut gemeint. Du wirkst wieder für Freiwalde, und wenn's auch für einen fremden Herrn ist, so ist's doch auch für uns. Die Stellung gibt uns ein Heim und nimmt uns die Sorgen.«

»Nun denn, also!« – Herr Folkert holte einen tiefen Atemzug. »Dann schreibe ihm, deinem Bruder, daß er die Verhandlung leiten soll. Ich will's versuchen!«


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