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XIX.

»Vorsichtig, Elly, vorsichtig! Geht es denn allein, Liebling?«

Anneliese rief diese Worte der Schwester zu, die langsam von Stuhl zu Stuhl im Gartensaal sich fortbewegte, sich überall festhaltend.

Elly wandte ihr ein strahlend glückliches Gesicht zu. »Es geht, Anneliese, es geht wirklich!«

»Ja, nun laß es aber auch genug sein, Liebling! Immer nur ein wenig gehen, hat der Doktor gesagt, alle Tage ein ganz kleines Stück. Jetzt fahre ich dich im Rollstuhl erst ein bißchen in den Garten.«

Da das Zossener Haus zu ebener Erde lag, konnte der Rollstuhl gleich vom Gartensaal aus über eine nur niedrige Schwelle ins Freie hinausgeschoben werden. Wie oft, wie oft war er in diesen langen Jahren diesen Weg gefahren! Es war ja seit dem Erntefest, das so viele Ereignisse nach sich zog, wieder ein Jahr vergangen, und schon vier Jahre seit Ellys verhängnisvollem Sturz.

Seit kurzem aber, seit sie Moorbäder genommen hatte, meinte der Arzt, Ellys Sehnen hätten sich gestrafft, sie dürfe langsam versuchen, den Fuß anzusetzen. Die kleine Neigung zum Hinken in der Hüfte würde wohl vorläufig noch bleiben, vielleicht durch Massage gehoben werden können, aber der Fuß scheine jetzt verheilt und durch die Moorbäder auch sehr gestärkt zu sein.

Und der Versuch glückte!

Mit viel Vorsicht, mit Angst und Zagen wurde er begonnen, aber mit dem Erfolg wuchs der Mut und die Kraft. Das liebliche Mädchen war so unendlich glücklich über die Aussicht, wieder gehen zu können. Es war ja schön und lieb, wie alle sie verwöhnten, und es erleichterte ihr die schwere Prüfung sehr, aber wie manches Mal hatte sie doch wehmütig zugesehen, wenn die Füße der Freundinnen oder Geschwister so leicht beschwingt über die Gartenwege huschten. Wenn sie auch nie mehr so laufen oder klettern und tanzen, wenn sie nur wieder gehen konnte, so wollte sie Gott von Herzen dankbar sein.

Sie war doch dann nicht mehr hilflos, sie fiel doch dann den anderen nicht mehr zur Last.

Anneliese schob jetzt, wie früher so oft, den Rollstuhl zu einem schattigen Platz im Garten. Dann ließ sie die Schwester mit einem Buch allein, da sie noch im Haushalt zu tun hatte. Sie war noch immer Mütterchens Stütze, die hilfreiche große Tochter.

Da hörte Elly Pferdehufe und bald darauf ging die Gartenpforte.

Elly richtete sich lauschend auf.

Ob das ein Fremder war?

Sie setzte die kleine Klingel in Bewegung, die stets neben ihr auf dem Tischchen stand, aber es kam niemand. Sie waren alle im Hause, und die Knechte und Mägde draußen in der Ernte beschäftigt.

Der Fremde, der sich wartend umgesehen hatte, aber niemand finden konnte – sein Pferd hatte er einem Jungen zum Halten gegeben – hörte den Schall der Klingel und sah hinüber, woher der Ton kam.

Dort unter den großen Linden schien eine Dame zu sitzen, und so beschloß er, näherzutreten.

Betroffen blieb er stehen. Das junge Mädchen dort schien nicht gehen zu können, sie saß in einem Rollstuhl und blickte ihm ein wenig ängstlich entgegen. Sie sah sehr jung und lieblich aus. Braune, kurze Locken umgaben das schmale Gesichtchen mit den großen, sprechenden Augen. Der kleine Mund hatte Linien, die von Schmerzen redeten, aber er lächelte freundlich fragend dem Ankommenden entgegen.

»Wollen Sie nicht näherkommen, mein Herr? Ich kann nicht aufstehen, aber ich kann Ihnen vielleicht Bescheid geben, wo Sie meinen Vater finden, den Sie wohl suchen werden.«

»Gnädiges Fräulein sind sehr gütig! Ja, ich suche den Herrn Baron. Sie erlauben, daß ich mich vorstelle: Klaus Meinhardt, Besitzer von Freiwalde.«

»Ich dachte es mir,« sagte Elly einfach. Sie betrachtete den großen kräftigen Mann mit Interesse. Er sah anders aus als damals, wo sie ihn einmal von weitem gesehen hatte, er war sehr gebräunt und schlanker geworden. Aber er war dieselbe kraftvolle Erscheinung geblieben, vielleicht war sein Gesicht ein wenig ernster geworden.

»Sie waren lange fort, Herr Meinhardt,« sagte Elly und bat ihn durch eine Handbewegung, Platz zu nehmen.

Er setzte sich auf einen Stuhl neben ihren Rollwagen und bejahte die Frage: »Über ein Jahr lang! Und jetzt komme ich hierher, weil der vor einem Jahre angestellte Verwalter sich als ganz unzuverlässig herausgestellt hat. Er hat Veruntreuungen begangen, und seine Bücher stimmen nicht, und da ich noch so wenig von Landwirtschaft verstehe, wollte ich Ihren Herrn Vater bitten, Baronesse, mir bei Anstellung eines neuen Inspektors behilflich zu sein. Ich hoffe, er wird meine Bitte nicht für unbescheiden halten.«

»Aber gewiß nicht, Herr Meinhardt. Mein Vater ist aufs Feld geritten und wird bald zurück sein! – So wollen Sie jetzt hier in der Gegend bleiben?«

»Wohl kaum!«

Ein düsterer Zug flog über sein Gesicht. Er hatte ja verwunden, aber vergessen hatte er noch nicht. Käte war noch immer hier in Brünnau. Sie hatte vorläufig den Lehrerinnenberuf noch gar nicht angefangen, sie stand Frau von Münstermann zur Seite im Haushalt, Friedel war nicht zu Hause. Nach seiner Genesung hatte er sich noch einige Wochen im Elternhause erholt und dann eine Lehrstelle auf einem Mustergut in der Mark angetreten.

Er wollte tüchtig lernen und arbeiten, um später nicht ganz unwissend Herr des schönen Besitzes zu werden, und das ging besser unter einem fremden Lehrmeister als unter dem eigenen Vater.

Das wußte Klaus Meinhardt und deshalb wollte er weder seine eigene noch Kätes Ruhe gefährden durch ein Zusammenleben in so engem Kreise.

Eine etwas bange Stille trat nach seiner Antwort auf Ellys Frage ein.

Dann sagte sie freundlich: »Wie schade! Freiwalde soll so schön geworden sein, und nun steht alles leer.«

»Haben Baronesse es nie gesehen?«

»Nein, wie sollte ich,« sagte Elly wieder in demselben einfachen Tone, als ob das alles ganz selbstverständlich wäre. »Ich bin ja vier Jahre nicht herausgekommen aus Zossen.«

»Vier Jahre?« Dem tatkräftigen, lebensvollen Mann schien dies undenkbar. Vier Jahre gefesselt sein an diesen Stuhl! Der Weltreisende, der jetzt aus dem fernen Indien kam, der China und Japan gesehen, der aufgewachsen war in dem unruhigen Leben der Großstadt Berlin, ihm schien es unfaßbar, wie man hier so still aushalten konnte, ohne ungeduldig und bitter zu werden.

Elly aber beachtete seine mit Mitleid gemischte Bewunderung nicht, sie war so erfüllt von dem Glück, das ihr bevorstand, daß sie es ihm erzählen mußte.

»Ja, vier Jahre sind es her, seit ich gestürzt bin, aber denken Sie –« und ihre Augen leuchteten – »denken Sie, ich soll jetzt wieder gehen lernen. Und ich glaube, es wird gehen! Das ist doch herrlich!«

»Ja, das ist herrlich!«

Armes, süßes Geschöpf! Man könnte dir gönnen, daß deine Hoffnung sich erfüllte! –

»Aber das Warten hier neben meinem Stuhl ist ja schrecklich langweilig für Sie,« meinte Elly mit drolligem Ernst. »Ich muß doch noch einmal klingeln.«

Sie setzte die kleine Glocke mit Energie in Bewegung, und diesesmal nutzte es.

Das Stubenmädchen kam aus dem Hause gelaufen, um sich nach den Wünschen des gnädigen Fräuleins zu erkundigen, und antwortete auf Ellys Frage nach ihrem Vater, daß der Herr Baron soeben gekommen wäre. Sie wollte Herrn Meinhardt anmelden.

Da erschien auch Anneliese.

»Ach, Herr Meinhardt, zurück aus Indien? Sie haben meinem Schwesterchen schon Gesellschaft geleistet? Das ist hübsch! Haben Sie ihr viel aus Indien erzählt? Sie interessiert sich so für ferne Länder.«

»Wie ein Kind für Märchen,« ergänzte Elly lächelnd, »denn es bleiben für mich ja doch stets Märchen, die nie Wirklichkeit werden.«

»Nein,« sagte Klaus bedauernd, »ich habe noch gar nichts erzählt. Wie schade, wenn ich geahnt hätte, daß ich Ihnen, Baronesse, damit eine kleine Freude machen könnte, hätte ich es so gern getan. Aber ich habe so viele Photographien, auch farbige, von China und Japan, darf ich Ihnen die einmal zeigen? Ich komme dann sehr bald wieder und bringe sie mit.«

Klaus Meinhardt vergaß ganz, daß er ja morgen schon wieder abreisen wollte, nachdem er heute Herrn von Lankwitz um seinen Rat in Bezug auf die Inspektorstelle gebeten haben würde. Aber es ging ihm, wie es noch allen so gegangen war, die mit dem lahmen Mädchen zusammengekommen. Um dies dankbar glückliche Lächeln auf ihr Gesicht zu zaubern, lohnte es sich schon, seine Absichten zu ändern. –

Elly streckte ihm zum Abschied die zarte kleine Hand entgegen. Es war wie ein Kinderhändchen, das in seiner großen, aber wohlgeformten Hand fast verschwand.

Nun folgte er Anneliese, die ihn zum Vater führen wollte, ins Haus, aber an der Tür blickte er noch einmal zurück. Die Sonnenstrahlen fielen durch das Laubdach der Linden auf das holde Gesichtchen. Das Haar schimmerte rotgolden in dem Sonnenlicht, und all die vielen krausen Härchen umgaben das Gesicht wie ein Heiligenschein.

Das Bild behielt er immerfort vor Augen und er sehnte sich in den nächsten Tagen ordentlich danach, wieder nach Zossen zu reiten.

Herr von Lankwitz selbst gab ihm die erwünschte Gelegenheit. Er hatte einen Verwalter ausfindig gemacht, der sehr gut empfohlen war, und da er in dieser Zeit schlecht abkommen konnte, ließ er Klaus Meinhardt zu sich nach Zossen bitten.

So packte sich dieser seine schönsten Japanbilder zusammen. Die entzückenden Bilder der Teehäuser, der kleinen Teiche mit der blühenden Lotosblume, den seltsamen Tempeln mit seinen Götzenbildern und den hübschen Japanerinnen. Auf einem der Bilder lagen sie an der Erde und schliefen auf ihren Nackenrollen, auf einem anderen fuhren sie im Rickscha, dem kleinen zweiräderigen Karren, von einem Kuli gezogen, durch eine Allee blühender Mandelbäume. Auf einem dritten saßen sie auf der Erde und schlürften Tee aus winzigen Täßchen.

Auch niedliche kleine Spielereien packte er für sie ein; winzig kleine runde Holzplättchen, die man in eine Schale mit Wasser wirft, und die sich dann öffnen, so daß die reizendsten, farbigen Blüten daraus erblühen. Diese kleinen Dinge sind ein Zeichen von der hohen Geschicklichkeit der Japaner.

Bald darauf saß er wieder neben Ellys Rollstuhl, und ihre Köpfe beugten sich nebeneinander über die Bilder. Er erzählte ihr dabei von seinen Fahrten, von den liebenswürdigen Japanern, die das freundlichste Volk der Erde sein sollen, von dem wunderbaren Blumenflor, vom Chrysanthemumfest und den tausend Arten dieser schönen, jetzt auch bei uns so beliebten Blumen. Und dann zeigte er den beiden Mädchen das Aufblühen der Japankunstblumen im Wassertopf.

Ellys Wangen glühten. Ihre Blicke hingen am Munde des Erzählers und sie sah wirklich aus wie ein Kind, das neue, seltsame Märchen hört. – Wie verstand er aber auch zu erzählen!

In der Unterhaltung mit Friedel über Bücher und Dramen, da zog er den kürzeren, hier war er in seinem Element. Alles das, was er gesehen hatte in den früheren Jahren, das lebte in ihm. Mit offenen Augen war er durch die Welt gereist, und so wurde auch alles das sein geistiges Eigentum, was er hörte und erlebte.

Anneliese sah ein wenig ängstlich die zarte Schwester an. Sie war so sehr erregt. Um abzulenken, sagte sie deshalb: »Ellychen, du solltest doch täglich deine Gehversuche machen. Heute hast du es noch nicht getan. Sollen wir es hier einmal im Garten versuchen? Wenn dich Herr Meinhardt auf einer Seite führt und ich auf der anderen, muß es am Ende gehen.«

Klaus war gleich bereit. Und wenn auch Elly noch ein wenig ängstlich war, zum erstenmal im Garten ohne Hilfe von Stühlen diesen Versuch zu machen, ließ sie sich doch überreden.

Und so führten Klaus und Anneliese sie sorgsam und vorsichtig auf dem breiten Kiesweg des Gartens hin und her. Und es ging! Elly war glücklich, o, so glücklich!

.

Und Klaus? – Ein seltsamer Gedanke tauchte in ihm auf, der Gedanke: müßte es nicht süß sein, dieses holde Kind so auch durchs Leben zu führen?

Sie war keine Käte! Kein ausgereifter Frauencharakter, war auch geistig nicht so bedeutend wie Käte und körperlich nicht so schön. Aber sie war ein holdes, liebes Kind, das mit kindlicher Liebe und Dankbarkeit zu dem Manne aufsehen würde, der es vermöchte, ihr die Steine aus dem Weg des Lebens zu räumen, der sie hütete und verwöhnte, wie sie bis jetzt von den Ihren verwöhnt wurde.

Und würde das nicht auch für den Mann ein Glück sein? Gerade für einen tatkräftigen, energischen Mann? Käte und er waren gleichgeartete Menschen. Vielleicht wäre es später trotz aller Liebe zu Reibereien zwischen den so ähnlichen Charakteren gekommen. Elly würde immer schutzbedürftig sein, selbst wenn jetzt die Fähigkeit des Gehens zurückkam. Und welcher kräftige, gesunde Mann schützt nicht gern ein schwächeres Weib? Es gibt ihm das Herrenbewußtsein, das er nur zu gern empfindet.

Es blieb nicht bei diesen beiden Versuchen. Klaus kam wieder und wieder, und endlich kam ihm eines Tages Elly entgegengegangen, frei, ohne Hilfe.

Sie ging langsam und vorsichtig, aber ganz graziös. Und das leichte Wiegen ihres Ganges paßte zu ihr und ihrer Erscheinung.

Klaus wollte ihr gleich den Arm geben, aber sie wehrte lächelnd ab: »Nein, nein! Ich bin ja so stolz, daß ich allein gehen kann.«

.

Sie hatte sich aber doch ein wenig zu viel zugemutet, plötzlich wurde der Ausdruck ihres Gesichtes ängstlich und sie zitterte, so daß er schnell seinen Arm um ihre Schultern legte und sie zu ihrem Lieblingsplätzchen unter den Linden zurückbrachte.

Als er ihr dabei sagte, daß er sie so auch durchs Leben führen möchte als sein holdes, geliebtes Weib, da wurde sie wohl abwechselnd rot und blaß, aber erstaunt war sie nicht. Sie liebte ihn ja so innig und vertrauend, daß sie fest auch an seine Liebe geglaubt hatte, und indem Tränen des Glücks in ihren Augen standen, legte sie ruhig und gläubig wie ein Kind ihre Hand in die seine.

Er zog sie sanft an sich, und ihr Köpfchen ruhte an seiner breiten Brust.

Es war eine andere Liebe, als die damals so stürmisch leidenschaftliche zu Käte. Aber er schwur sich mit heiligem Eid, daß er dies Kind glücklich machen wollte, so daß sie niemals bereuen würde, ihm vertraut zu haben.


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