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XVIII.

»Die schlimmsten Schmerzen sind auf Erden,
Die ausgeweint und ausgeschwiegen werden.«

Bodenstedt.

In dem halbdunklen Zimmer, in dem Friedel seinen Schmerz im Fieberwahnsinn austobte, saß Käte an seinem Bett und las immer wieder diese Worte, die auf einem jener schönen, farbenreichen Kalender standen, wie sie als Neujahrs- und Geburtstagsgeschenke so häufig verwendet werden.

Der große Kalender hing an dem Schreibtisch, und die Sonnenstrahlen, die sich zwischen den zugezogenen Gardinen hindurchstahlen, fielen gerade auf diese Worte.

Kätes Augen hafteten daran. Sie wußte sie schon lange auswendig, und es war, als müßte sie dieselben wieder und wieder sprechen:

»Die schlimmsten Schmerzen sind auf Erden, Die ausgeweint und ausgeschwiegen werden!«

Ausgeweint! Kätes Augen waren müde vom Weinen. Nicht allein über sich und ihr Geschick hatte sie geweint, nein, auch das Leiden des armen Kranken, an dessen Lager sie wachte, hatte ihr Tränen erpreßt.

Wochen waren vergangen. Jetzt endlich war die Kraft der Krankheit gebrochen, jetzt endlich schien sich die jugendliche Natur wieder zum Leben durchzuringen. Ein schweres Nervenfieber war es, das Friedel nach seiner geistigen Erschütterung ergriffen hatte. Die Macht der Krankheit war gebrochen, und was treue Pflege vermocht hatte, das hatte Käte geleistet, um den am Rande des Grabes Schwebenden zu retten.

Frau von Münstermann und Käte hatten sich mit dem alten Heinrich in die Pflege geteilt; manche Nacht hatten sie gewacht, der Todesengel war vorübergegangen und die Lebenskraft erwachte von neuem.

Des Kranken Blicke waren klarer geworden, mit bewußtem Dank sah er seine Pfleger an und mit rührender Inbrunst hingen seine Blicke an der Gestalt und dem Antlitz der Mutter. Ihm war zumute wie dem kleinen Kinde, das sich im Dunkeln an der Mutter Schürze klammert, so klammerte er sich in der Fiebernacht an ihre Hand, so hielt ihn ihr beruhigender Blick, ihre sanfte Stimme in den Nöten geistiger Dunkelheit.

Sie selbst glaubte fest daran, daß die Kraft ihrer Mutterliebe, daß ihr Gebet ihn auf Erden erhalten hatte.

Und jetzt, seit die Krisis überstanden war, ging es langsam, aber sicher der Genesung entgegen. Er wurde freundlich und mitteilsam, hatte mehr Interesse für Brünnau als vor der Krankheit, und es war, obwohl er sich körperlich noch sehr erholen mußte, als ob sein Geist durch diese große Erschütterung ganz von den Folgen des Nervenleidens befreit sei. Das Müde, Gleichgültige war verschwunden, er hatte wieder Teilnahme für anderer Leiden, für anderer Freuden, er hatte aufgehört, nur an sein eigenes Ich zu denken.

In den langen stillen Stunden, die den Fieberanfällen gefolgt waren, hatte er viel mit sich selbst durchdacht und durchrungen, und endlich war er zu dem Entschluß gekommen, Käte freizugeben. Mochte sie glücklich werden!

Er wollte Käte nicht beeinflussen und Mitleid allein wünschte er nicht. Schon einmal hatte er ihr gesagt, daß sie frei wählen solle. Er wolle nicht, daß sie aus Liebe zu seinen Eltern, aus Pflichtgefühl die Seine würde, wenn ihr ganzes Herz dem andern gehörte.

Käte hatte ihm leise die Hand auf den Mund gelegt. Er sollte sich nicht aufregen, aber als er eingeschlafen war, hatte sie sich seine Worte zurückgerufen. Wie sie verlockend waren! Glücklich sollte sie werden! Aber dann kam die Überlegung. Würde sie wirklich glücklich werden? Würde sie nicht immer an dies Krankenlager denken müssen? Würde nicht ewig jenes Stöhnen in ihren Ohren klingen, das so schmerzlich die Stille durchbrochen hatte, als sie zu Klaus sagte: Küsse mich!

Friedel war ja kein Mensch, der ihr gleichgültig war. In tiefster Angst um sein Leben hatte sie an seinem Bette gewacht. Ihr Leben war von Kind auf zu sehr mit dem seinen verwachsen, als daß sein Leid sie nicht rühren sollte, und leise, leise zog die Gewißheit in ihr ein, daß es sie nicht mehr verlangte, glücklich zu werden, sondern glücklich zu machen.

Auf jenem selben Kalenderblatt stand noch ein Geibelscher Vers:

»Wie ein Adler aus dem Blauen Ist der Schmerz, der seine Klauen Jählings scharf ins Fleisch dir schlägt, Aber dann mit starkem Flügel Über Gipfel dich und Hügel Zu des Lebens Gipfeln trägt.«

Ja, zu den Gipfeln! Nach Kampf zum Sieg!

Klaus Meinhardt war jung und kräftig wie sie. Er würde überwinden, wie sie. Friedel aber würde doch nie mit sich fertig werden, er würde wieder fortgehen von Brünnau, und die Eltern würden zum zweitenmal den Sohn verlieren.

Sie blieb ihrem Wahrspruch treu: »Mein Glück – meine Pflicht!« Und es fing schon an, ein Glück zu werden. Wenn sie sah, wie Friedels Liebe zur Mutter erwachte, wie sein Auge aufleuchtete wenn sie eintrat, wie dies stille Hoffen sein ganzes Wesen durchsonnte, das war schon Glück, wenn es auch kein jubelndes, himmelstürmendes war.

Klaus Meinhardt war am Tage nach dem Erntefest abgereist. Man sagte, er sei nach Italien gegangen. Eine Geschäftsreise, auf die sonst irgend ein jüngeres Mitglied der Elektrizitätswerke geschickt worden wäre, hatte er selbst übernommen. Sie würde ein Jahr zum mindesten dauern und der Aufenthalt dort viel Interessantes bieten.

In der Gegend wurde ein wenig gemunkelt von einer unglücklichen Neigung zu Käte, aber Bestimmtes wußte niemand, selbst Kurt nicht, der am Tage nach dem Erntefest, wie verabredet, nach Brünnau kam und dort Friedel in schwerer Krankheit traf.

Er versuchte, Käte zu sehen und erreichte durch langes Bitten, daß sie einen Augenblick zu ihm herauskam. Er fand sie so erschüttert, daß er wie in alten Kinderzeiten ihren Kopf zärtlich aufrichtete und fragte: »Käte, kannst du mir nicht sagen, was vorgefallen ist? Weshalb ist Friedel, den du gestern noch als fast völlig geheilt hinstelltest, heute ein Todkranker? Und weshalb wird für Freiwalde ein selbständiger Verwalter gesucht?«

»Kurt, frage nicht! Ich kann's nicht sagen, auch dir nicht. Wenn du willst, so hilf uns Friedel pflegen, heitere ihn auf, wenn er wieder sprechen darf. Aber frage mich nichts!« –

Kurts Urlaub verging, ohne daß er den Freund sehen durfte, erst nach Wochen konnte der Kranke Besuch ertragen, aber so lange Kurts Urlaub dauerte, kam er täglich und holte Käte wenigstens für eine Stunde aus dem stillen Krankenzimmer an die frische Luft. Er ging mit ihr durch die Ställe, führte sie in dem Park spazieren, fuhr sie in dem kleinen Wagen, und diese Stunden halfen ihr wunderbar über die dumpfe Gleichgültigkeit fort, die sich anfangs ihrer bemächtigen wollte. Kurts Besuche hielten sie in Verbindung mit der Außenwelt. Er, der immer einen kleinen Scherz bei der Hand hatte, heiterte sie wieder auf und seine unverwüstliche Frische weckte zuerst wieder ihre Tatkraft und Energie.


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