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XIV.

Als Käte in Brünnau ankam, fand sie die Tante Münstermann auf einem Herrenkoffer sitzend. Die gute Tante war alt geworden durch den Kummer der letzten Jahre, trotzdem sie erst fünfundvierzig Jahre zählte. Sie sah verstört und ratlos aus.

»Käte, Kind, ich komme nicht zurecht, hilf mir doch hier!«

»Aber Tantchen, was ist denn passiert? Weshalb liegen hier so viele Sachen? Will der Onkel verreisen?«

»Ja, und ich soll packen, ich habe das über zwanzig Jahre lang getan, und heute will's durchaus nicht gehen. Ich vergesse immer wieder, was ich schon hineingelegt habe und was noch fehlt.« Die alte Dame sagte es so betrübt, daß Käte lächelnd in den halboffenen Koffer hineinsah, und sich dann stillschweigend an die Arbeit machte.

»Gutes Kind! Wenn ich dich nicht hätte! Du weißt, wie ärgerlich der Onkel wird, wenn ein Stück von seinen Sachen fehlt!«

»Ja, aber Tantchen, nun sage mir doch, wohin will der Onkel denn reisen?«

Da brach Frau von Münstermann in bitterliches Schluchzen aus. Erschreckt eilte Käte zu ihr und legte tröstend ihren Arm um die Schultern der Weinenden.

»Aber Tante, was ist denn? Friedel ist doch nicht kränker?«

Sie wußte genau, daß jeder Kummer, der die alte Dame zum Weinen brachte, mit Friedel zusammenhängen mußte.

»Nein, nein, kränker nicht! Friedel kommt ja zurück! Und mein Mann reist ihm bis Nürnberg entgegen.«

»Tante!« Käte fuhr aus ihrer knienden Stellung auf. »Tante! Friedel kommt und du weinst? Du weinst Freudentränen?«

»Ach, mein Kind! Mir ist so angst! Wenn er mich nun noch nicht sehen will! Wenn er noch nichts von seiner Mutter wissen will! O, das ertrüge ich nicht! Fern von mir, da war es anders, da habe ich es ertragen! Aber hier in demselben Hause, da könnte ich es nicht aushalten.«

»Aber Tantchen, wenn er nach Hause kommt, ist er doch gesund. So habe nur den Mut zur Freude! Wie froh bin ich, daß der Friedel kommt!«

Rasch und gewandt packte sie alles Nötige in den Koffer.

»So, nun kann der Onkel reisen und uns den Friedel holen. Wann können Sie hier sein?«

»Das weiß ich auch noch nicht! Er soll nicht zu schnell reisen. Sie machen noch an einigen Orten halt.«

»Freut sich der Onkel!«

»Ja, der ist voller Freude! Ich weiß nicht, weshalb ich nicht zur Freude komme, ich kann ein banges Gefühl immer noch nicht los werden.« –

Am Abend reiste Herr von Münstermann ab.

Die nächsten Tage kamen Käte so still vor. Des Onkels laute Stimme erschallte nicht im Hof und Garten, sein treuherziges Lachen ertönte nicht, sein Necken fehlte ihr. Wie war er beliebt bei jung und alt! Er war es zwar immer gewesen, aber in den letzten Jahren war die Neigung für ihn noch gewachsen. Nachdem der erste Schmerz um die Erkrankung des Sohnes vorüber war, hatte er sein ganzes reiches Herz, die Fülle von Liebe, die es barg, noch mehr als sonst betätigen müssen. Da war zuerst Käte, die davon ihr Teil und zwar den größten Teil erhielt, dann kamen die Kinder in der Nachbarschaft, die Zossener, die auch alle zu ihm ›Onkel Münstermann‹ sagten. Endlich seine Dorfkinder.

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Wenn er durchs Dorf ging, liefen sie zusammen, stellten sich hin und machten ihre Knickschen, aber dann folgte gleich die Frage: »Hest nischt Hast du nichts?

Aber er hatte immer etwas, entweder ein paar Äpfel oder einige Näschereien und wenn gar der Semmelmann durchs Dorf fuhr, dann kaufte er ihnen Kuchen, mit denen sie dann selig abzogen. Am besten kannte ihn ein kleiner Junge, Ferdinand Schönfeld. Der war so dick, daß er aussah, wie ein kleiner Pfropfen, deshalb nannte ihn Herr von Münstermann ›Pröppsel‹! Dies war sein besonderer Liebling.

Eines Tages stand er am Fenster seines Arbeitszimmers, das auf den Hof ging und blickte hinaus.

Ferdinand sah ihn und kam sogleich angelaufen.

Herr von Münstermann machte das Fenster auf und fragte: »Na, Pröppsel, was willst?«

»Äppel hebben!«

Der Gutsherr schüttelte den Kopf. Der Kleine rief sehr enttäuscht: »Hescht keenen?«

Dann drehte er kurz auf den Hacken um, sehr empört, daß ihn sein alter Freund so im Stich ließ.

Ein andermal, als gefischt wurde und die Leute wie jedesmal auch ihr Teil bekamen, hatte der Pröppsel kein Gefäß, um die Fische nach Hause zu tragen, aber er war schlau. Er ließ sie in die weiten Taschen seiner Leinwandhose gleiten, und lief dann flink nach Hause; aber der See war ein gutes Stück vom Dorfe entfernt, und so wurden ihm die kalten, glatten Fische sehr unangenehm in den Taschen. Alle sahen ihm lachend nach, wie er so breitbeinig fortlief. Es dauerte aber nicht lange, da war unser Pröppsel wieder da.

»Nun,« fragte Herr von Münstermann, »wie ist's, Pröppsel, willst du noch Fische haben?«

»Ja, aber in' Pott!« Und damit langte er den hinter dem Rücken verborgenen Henkeltopf, den er von zu Hause geholt hatte, hervor. Die andere Aufbewahrungsart hatte ihm doch nicht gefallen. –

Große Freude herrschte im Haus, als der alte Herr nach vier Tagen wiederkam.

Gegen Abend traf er mit dem Sohne im Schlosse ein. Er stieg zuerst aus und reichte ihm dann helfend die Hand.

O, wie recht hatte Frau von Münstermann gehabt mit ihrem Bangen vor dem Wiedersehen!

Das war ihr Sohn? Das war der frische junge Mensch, der vor nun drei Jahren nach den Ferien abfuhr, winkend, grüßend, lachend!

Dieser müde, magere, lang aufgeschossene Mensch mit dem kleinen Bärtchen auf der Oberlippe, mit den müden Bewegungen, mit dem apathischen Ausdruck, der so langsam aus dem Wagen stieg, und so langsam die Treppe heraufkam, das war ihr Friedel?

Die ausgebreiteten Arme der Mutter fielen schlaff hernieder, und sie mußte sich gegen einen Tisch im Vorflur lehnen, um nicht umzusinken.

Aber die Kraft der Mutterliebe siegte. Sie nahm sich zusammen, trat noch einen Schritt weiter an die Treppe und umarmte den Sohn schweigend und innig.

Herr von Münstermann kam noch eilig nachgestampft.

»Da ist er,« rief er laut und polternd, »da bringe ich ihn! Na, wie sieht er aus? Ganz fix, was? Nur ein bißchen müde von der Reise. Na, das gibt sich, das gibt sich! Schlucke erst mal Land- und Heimatluft, mein Sohn, dann kommen die frischen Farben schon wieder.« Er sprach rasch und laut. Er wollte die Rührung des Augenblicks überschreien, wollte Leben in die starre Gruppe bringen.

Nervös zuckte der Sohn bei den lauten Worten zusammen, machte sich von den umschlingenden Armen der Mutter los und legte seine Reisetasche auf den Tisch. Dabei sah er Käte, die im Hintergrunde stand und die sich krampfhaft auf die Unterlippe biß, um einen Ausruf zu unterdrücken.

»Ach, sieh da, Käte, du auch hier?« sagte eine müde Stimme. »Guten Abend!« Er reichte ihr eine lange, schmale, gepflegte Hand, die sich bei ihrem Griff kalt und feucht anfühlte.

Käte zwang sich zu einem Lächeln. Es glückte auch, und sie sagte freundlich: »Guten Abend, Friedel! Hoffentlich freut es dich, daß ich da bin. Ich habe mich schon riesig auf dich gefreut.«

»Auf mich gefreut? Wirklich?« Der Schatten eines Lächelns flog über seine Züge und er fragte ungläubig noch einmal:

»Wirklich? Was willst du mit einem Kranken anfangen, Käte? Das wird dir bald über sein!«

»I bewahre, Friedel! Du bist ja nicht mehr krank! Paß auf, wir reiten zusammen, das wird sehr nett.«

»Ich reiten? Ach, Käte, was soll ich auf einem Pferde?«

Er hatte nicht unrecht. Für den Augenblick sah die ganze kraft- und energielose Gestalt noch nicht aus, als ob sie sich auf dem Rücken eines Pferdes halten könnte; als ob diese schmalen Hände je wieder die Zügel fassen könnten.

»Und nun komm, mein lieber Junge, geh auf dein Zimmer, mache dich frisch, und dann komm zum Essen,« sagte Frau von Münstermann ablenkend.

»Danke, Mutter, ich möchte heute abend auf meinem Zimmer bleiben. Ich bin müde, schicke mir etwas Tee und Abendbrot, bitte.«

»Du willst nicht zu Tisch kommen?« Frau von Münstermann sagte es betrübt, aber sie drängte ihn nicht. »Nun, dann bringe ich dir nachher den Tee und Abendbrot.«

»Bitte, Mutter, schicke es durch Heinrich, das genügt vollständig.«

»Wie du willst!«

Der traurige, enttäuschte Ton schnitt Käte in die Seele, aber sie wagte keine Gegenäußerung zu machen.

Friedel sagte gleich allen Gutenacht und ging nach kurzem Händedruck auf sein Zimmer.

Herr von Münstermann kaute an seinem Schnurrbart, ein Zeichen, daß ihn etwas sehr erregte, was er nicht merken lassen wollte. Dann bot er seiner Frau den Arm: »Komm, meine Alte, mich hungert nach der Reise. Wir wollen essen. Ich gehe vor dem Schlafengehen noch einmal zu ihm hinauf!« Und als seine Frau mit kurzem Aufschluchzen ihr Taschentuch an die Augen preßte, da sagte er gütig und leise, wie seine Stimme sonst kaum tönte: »Laß gut sein, Altchen, laß gut sein. Siehst du, er ist doch jetzt hier, das ist für den Anfang genug. Geduld müssen wir ja noch haben, aber haben wir sie nun drei Jahre lang gehabt, so werden wir sie auch schon länger üben können. Und siehst du, er sah damals in Boppard noch anders aus, so wild und verzweifelt. Jetzt pflegen wir ihn uns leise und langsam gesund. Was, Maus,« wandte er sich an Käte, »habe ich nicht recht?«

Käte griff still nach seiner linken Hand und führte sie liebkosend gegen ihre heiße Wange, dann drückte sie einen verstohlenen Kuß darauf. Und sie schwur sich im stillen mit heiligem Ernst, zu tun, was sie konnte, daß diese arme Mutter ihren Sohn nicht nur leiblich, sondern auch geistig zurückerhalten sollte.

Wie war auch sie erschrocken gewesen über die Veränderung! Sie hatte sich gedacht, daß er leidend aussehen würde, aber solch einen müden, alten Mann, so gleichgültig und so freudlos hatte sie ihn nicht erwartet! Sie waren doch so gute Freunde gewesen, und sie hatte das Gefühl gehabt, als müßten sie sich wie in alten Zeiten mit herzlicher Umarmung begrüßen; aber sie konnte ihm doch nicht an den Hals fliegen, wenn er solch steife, fremde Begrüßung für sie hatte!

Mittlerweile war Friedel mit Heinrich die Treppen hinaufgestiegen zu dem Oberstock, wo die Schlafzimmer lagen. Er trat in sein Zimmer ein. Sein altes Knabenzimmer war unverändert, hier sein Bücherbrett mit den Jugendbüchern, dort die Stücke aus einer Verkaufsausstellung von afrikanischen Waffen, Kleidungsstücken von Eingeborenen und seltsamen Trinkgefäßen. Der Vater hatte ihm damals verschiedenes geschenkt. Hier ein großes Hundefell! Es war das Fell seines großen Bernhardiners, der durch einen Schlag eines vorübergehenden Bettlers getötet worden war. Er hatte sich das Fell als Fußteppich herrichten lassen.

Friedel betrachtete alles mit neugierigen Augen: alles war unverändert, nur er nicht! Würde er hier auch der alte wieder werden?

Nein! Das Alte war tot! Seit jenem Tage, da er den Selbstmordversuch gemacht hatte, der entdeckt und verhindert worden, seit dem Tage war etwas in ihm erstorben, das nicht wieder auferstehen konnte. Plötzlich sah er starr auf das Bild seiner Mutter, das über der Kommode hing. Es war mit einem Kranz von Rosen und Levkoien umgeben, und ein Strauß ebensolcher Blüten stand auf dem Tisch.

Ein finsterer Ausdruck verdüsterte sein Gesicht. Hatte sich die Mutter selber hier mit Kränzen geschmückt? Er wandte sich hastig zu Heinrich und fragte: »Wer hat die Blumen ...?«

Heinrich schmunzelte vergnüglich. »Das hat unser Fräulein Käte getan! Ja, ja, die kann's! Und die denkt an alles! ›Heinrich‹, hat sie gesagt, ›Heinrich, halten Sie mir mal die Trittleiter! Ich will dem jungen Herrn einen Kranz um Tantchens Bild hängen, daß er sich freut, wenn er es sieht! Denn sehen Sie, Heinrich,‹ hat sie gesagt, ›es muß ihm doch gar zu froh und zu glücklich zumute sein, wieder zu Hause und bei der Mutter zu sein.‹ Ja, ja, so hat sie gesagt!«

Das Alter macht geschwätzig und Heinrich merkte gar nicht, daß seines jungen Herrn Gesicht in Erregung zuckte. Die finsteren Wolken glätteten sich, und er blickte lange still auf das umkränzte Bild.

»Also Käte?«

Nach langer Pause, während Heinrich den Koffer aufschnallte, sagte er: »Heinrich, bringe mir ein bißchen zu essen, mich hungert!«

»Wollen Sie nicht hinunter gehen, junger Herr? Das Essen ist schon aufgetragen.«

»Nein, nein,« fast ängstlich wehrte er ab. »Ich bleibe hier oben! Hier oben will ich essen!«

Heinrich beeilte sich, zu versichern: »Wie der junge Herr befiehlt!« Dann ging er.

Friedel blieb allein.

Zum erstenmal seit drei Jahren in seinem Elternhause, zum erstenmal daheim!

Aber er konnte sich nicht freuen. Es ängstigte ihn noch alles. Er hatte sich in seiner Anstalt viel sicherer, freier und gesunder gefühlt als hier. Hier sah ihn jeder darauf an, daß er krank war. Dort waren alle so! Dort war er in letzter Zeit der Gesundeste gewesen.

Hier war er der Kranke, der noch gepflegt werden sollte, den die Mutter wie ein kleines Kind hätscheln und verwöhnen möchte. Schrecklich war ihm das! Es bedrückte ihn, es erinnerte ihn an all die furchtbaren Stunden, die er durchgemacht hatte. Und dazu das vergrämte Gesicht der Mutter, ihre grauen Haare! Er sagte sich, »das hast du verschuldet!« Aber er könnte sie nun erst recht nicht so innig wie früher umfassen. Dazu war er zu müde, zu bedrückt! Ob es nicht besser gewesen wäre, er wäre noch in Konstanz geblieben? Was sollte er noch hier?

Mit dem Vater aufs Feld gehen? Der Vater hatte solch großen, weiten Schritt, das hielt er nicht lange aus. Und dann machte ihn des Vaters lautes Sprechen nervös. Sollte er mit der Mutter Halma spielen oder Patience? Denn was sollten sie zusammen sprechen? Er konnte nicht von den verflossenen Jahren sprechen, er konnte es nicht.

Der Arzt hatte ihm gesagt, wenn er das könnte, dann sei er erst ganz gesund!

Er konnte es aber nicht!

Und Reiten mit Käte?

Ein leises Lächeln flog über sein Gesicht. Reiten konnte er wohl nicht! Aber plaudern mit Käte; von Büchern, von Musik mit ihr plaudern, das konnte er vielleicht. Wie hübsch die kleine Käte geworden war, und wie groß!

Er lächelte wieder.

Und sie sagte, sie hätte sich gefreut auf ihn?

Er nahm die Blumen aus der Vase und vergrub sein heißes Gesicht darin. Wie schön sie kühlten! Wie süß sie dufteten! Eigentlich viel zu stark für ein Schlafzimmer, zur Nacht konnte er sie ja vor das Fenster stellen.

Jetzt wollte er sie noch hier behalten und er rückte Kätes Blumen ganz nahe in den Bereich der Lampe, Kätes Blumen!


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