Autorenseite

 << zurück weiter >> 
.

I.

»Sieh nur, da geht unser Primaner! Beide Hände in den Manteltaschen! Ganz geschwollen von Würde! Und die Schritte! Immer im Gleichmaß, rechten, linken, rechten, linken – aber hübsch langsam! – Muttchen, kannst du keine Karikaturen zeichnen? Liebes Muttchen, nun sieh nur! Das ist ein siebzehnjähriger Jüngling in den Ferien!«

Das lebhafte Mädchen, das neben seiner Mutter am Fenster des großen Gutshauses stand und einem draußen auf dem Hofe langsam spazierengehenden jungen Manne zuschaute, warf die blonden Locken mit einer schier verächtlichen Bewegung zurück. Die Mutter lächelte nur.

Durch dies Schweigen noch mehr gereizt, fuhr die Sprecherin erregt fort: »Und solch ein eingebildeter Mensch! Behauptet, er wäre musikalisch! Und gestern, als du den Erlkönig sangst, da saß er im Nebenzimmer und legte beide Hände über die Ohren, damit der Gesang ihn nicht stören sollte bei seinem Familienblattroman.

Beim herrlichen Erlkönig!«

»Pst!« Die Mutter legte die Hand auf den Plaudermund und lächelte wieder, aber mit gelindem Vorwurf. »Still, Käte, du bist noch ein Kind mit deinen sechzehn Jahren und darfst nicht urteilen. Er ist unser Gast! Also vertrage dich mit ihm. Er hat auch sehr gute Seiten, unterrichtet tadellos und wird einst ein tüchtiger Lehrer werden.«

»Will er ja gar nicht!« Das ungestüme Mädchen warf sich erregt in einen Sessel. »Will er ja gar nicht! Pastor will er werden. Pfarrer, ohne den inneren Beruf dazu, nur weil man da bald angestellt wird! Ist das nicht schrecklich!«

»Kind, darüber wollen wir nicht urteilen, du am wenigsten. Geh jetzt hinaus! Ihr wolltet doch Tennis spielen.«

»Ach ja, Vetter Kurt wollte auch kommen!«

Sie eilte hinaus, daß die goldenen Locken flogen.

Die Mutter schüttelte den Kopf, und doch konnte sie nicht zürnen.

Das war wenigstens frische Jugend, was da pulsierte, wenn's auch mal überschäumte. Aber der junge Herr draußen?

Das war keine Jugend, das war ein junger Greis, das waren die Ansichten des Alters in dem Körper der Jugend. Aber nicht die milden, abgeklärten, die so manches Leben im Alter so mild durchleuchten, nein, die verbitterten Ansichten des nichts mehr glaubenden, nichts mehr ersehnenden Alters.

Kürzlich hatte sie in einer Zeitschrift eine Strophe an einen greisen Jüngling gelesen, die paßte auf ihren Gast wie gemacht:

»Den Worten nach scheinest, nach deinem Gebaren, Mein Junge, du schon ein Greis an Jahren. Statt durchs Leben zu schreiten elastisch und leicht, Pflegst hinterm Ofen du steif zu hocken. Welch Unding, hinter den Ohren noch feucht, Und im Herzen bereits so dürre und trocken.« –

Einen Ferienaufenthalt hatten sie einem mittellosen Gymnasiasten verschaffen wollen, eine Erholung von angestrengtem Lernen, und die Wahl war auf diesen jungen Mann gefallen, der sich nun so gründlich das Mißfallen der lebhaften Tochter vom Hause und, wenn sie ehrlich sein sollte, auch ihr eigenes Mißfallen zugezogen hatte.

Käte hatte sich so gefreut, mit dem Feriengast Tennis zu spielen, Krockett und Boccia, mit ihm zu rudern auf dem schönen See, der so blau vom Walde herüberschimmerte. Sie war ja selbst noch fast ein Kind, und sie erwartete in dem Primaner auch noch einen Jungen, mit dem man tollen und lachen, spielen und schwatzen konnte. Und Käte lachte doch so gern!

Und statt dessen kam ein gesetzter junger Mann im tadellosen schwarzen Anzug, mit Glacehandschuhen und dünnen Stiefeln.

Der konnte über keinen Graben springen, der spielte nur Tennis, weil es Mode war. Der ging täglich nur eine Stunde spazieren, langsam, feierlichen Schrittes, und sonst saß er in seinem Zimmer und las Tolstoi oder Nietzsche oder Schopenhauer.

Da war Vetter Kurt doch ein anderer Mensch! Dem war kein Graben zu breit, keine Hecke zu hoch, keine Stunde des Morgens zu früh, wenn es galt, auf den Rehbock zu pürschen. And wie gut schmeckte ihm das Essen nachher! Wie frisch und fröhlich kam er nach Hause! Und er hatte doch Interesse für Bücher und neue Werke, für Kunst und Musik, für alles Neue, was er hörte und sah. And dabei war er älter als der andere. Er hatte sein Abiturientenexamen schon hinter sich und gut bestanden. Aber wie gern gab er sich noch mit dem Kusinchen ab! Wie oft ritt er vom Nachbargut auf seinem Fuchs herüber! –

Sinnend war Kätes Mutter, Frau Rittergutsbesitzer Folkert, auf den Balkon getreten. Sie sah hinaus in den strahlenden Sommertag. Hell und blendend lag die Sonne auf dem weiten Lande. Wogende Kornfelder zeigten sich und weite Kartoffeläcker, dahinter grüne, saftige Wiesen, vom Walde umrahmt. Es war ein friedliches Fleckchen Erde, das sie ihr eigen nannten. Abends traten die Rehe auf die Wiesen hinaus und ästen friedlich auf den waldumhegten Weideplätzen.

Wie lange noch?

Sie wußte, daß der Tag kommen mußte, der sie von Haus und Hof trieb, sie wußte, daß es rückwärts mit ihnen ging seit Jahren, daß dies schöne Gut bald andere Besitzer haben würde.

Und sie? –

Vor ihr auf dem großen Tennisplatz spielten Käte und Vetter Kurt.

Wie die blonden Locken flogen! Wie die Backen glühten. Eben schlug Käte mit geschickter Land den Ball zurück und rief lachend dem Vetter etwas zu.

Wie würde sich das Kind in einen Wechsel finden? Sie, die mit allen Fasern an Freiwalde hing, die ein Landkind durch und durch war. Sie kannte jede Kuh auf dem Hofe, jedes Pferd, jeden Weg und Steg auf Freiwalder Gebiet.

Immer schwerer wurde das Herz der Mutter. Die immer noch schöne Frau sah blaß und älter aus in diesem Augenblick. –

»Aber Käte, mit dir kommt auch keiner mit,« rief Kurt jetzt halb lachend, halb ärgerlich, »wieder hast du das Spiel!«

.

Sie rief fröhlich: »Kommst du auch zu Pferde nicht mit?«

»Ich sollte meinen! Begleitest du mich ein wenig auf deinem Pony?«

»Wenn ich darf!«

»Na, und euer Gymnasiast?«

»Ach weißt du, Kurt, so was Langweiliges! Der spielt nicht, der geht nicht, der schreitet nur. Gott, der arme Bengel, der Edmund, der mit ihm spazieren gehen soll, tut mir immer leid! Diese kleine Pflicht hat ja unser Feriengast, der junge Herr Stein übernommen, und erfüllt sie gewissenhaft jeden Tag eine Stunde lang. Voran geht er gemessenen Schrittes, die Hände in den Manteltaschen vergraben, sechs Schritt hinter ihm folgt Edmund, entweder ganz ärgerlich, bedrückt aussehend und so gelangweilt, oder er hat ein Messer in der Land und schnitzt sich im Gehen Pfeifen, Peitschen, Stöcke und dergleichen. Zusammen reden tun sie nicht. Herr Stein wüßte wohl kaum, wie man mit so einem kleinen Jungen spricht.«

.

»Ist er denn auch sonst so ein Stiesel?«

»Ach nein, weißt, er kann ganz nett reden, so über Bücher und neue Schriften, über Frauenfragen und solche Dinge. Aber es ist, als ob man einen Professor reden hörte, nicht als ob er siebzehn Jahre alt wäre.«

»Übrigens, Käte, weißt du, daß Friedel Münstermann so krank ist?«

Friedel war der Spielkamerad der beiden, das dritte der Nachbarskinder, die zusammen aufgewachsen waren, der Sohn des Herrn von Münstermann, des Besitzers des dritten großen Gutes hier im Kreise. Friedel war ein ganz besonders begabtes Kind gewesen, klug und aufgeweckt, von glühendem Ehrgeiz beseelt, sein Ideal war gewesen – Afrikaforscher zu werden. Schon als kleines Kind kannte er alle Namen im fernen Afrika.

Dem Hauslehrer machte das Unterrichten des aufgeweckten Knaben nicht viel Mühe. Nur die Lesewut machte ihm zu schaffen. Wo Friedel nur irgend ein Buch ergattern konnte, da nahm er es mit und saß damit in irgend einem Winkel, hörte und sah nichts weiter und mußte selbst zu den Mahlzeiten mit Gewalt geholt werden.

Als er reif für die Tertia war, kam er in Pension, um das Gymnasium zu besuchen und sein Abiturium zu machen. Auch hier dieselbe Sache! Im Unterricht war er tadellos, eifrig, ehrgeizig, leicht lernend, der Erste in der Klasse, außer der Schule eine Leseratte sondergleichen. Er verschlang alles.

Und nun kamen die Einflüsse der großen Stadt hinzu, die Freunde, die auch schon Schopenhauer lasen, die zu ihm von Nietzsche redeten. Und er, viel jünger als die meisten, da er die Schule glatt durchgemacht hatte, Unterprimaner mit sechzehn Jahren, er bekam nun den Nietzsche in die Hände.

.

Er las, las, las, bis alle seine Ideen sich umwendeten, bis der Junge, der aufgewachsen war in Gottesfurcht und Ehrfurcht vor den Eltern, keinen Glauben mehr hatte, keinen Gott! – Bis er die Eltern mißachtete und selbst die Liebe zur Mutter in seinem Herzen nicht mehr finden konnte, bis er so weit kam, zu sagen: »Meine Eltern? Was danke ich ihnen denn? Daß sie mich ins Leben setzten? Das ist kein Grund, ihnen zu danken! – Daß sie mich kleideten, ernährten? – Das ist ihre Pflicht, nachdem ich einmal auf der Welt bin. – So hatte ihn das Lesen der Bücher krank gemacht. Ein Selbstmordversuch, begangen in einem Augenblick tiefster Niedergedrücktheit, wurde verhindert, aber er war tief seelisch und nervös erkrankt, wollte die Mutter nicht sehen, wollte nicht zurück zu den Eltern.

*

Lange schon war die Tennispartie zu Ende.

Kurt saß mit Käte auf einer Rasenbank im Park und erzählte ihr alles.

Das stets so fröhliche Antlitz von Vetter Kurt war ernst, sehr ernst geworden, und auch über Kätes lachenden Augen lagen Schatten. Fast ängstlich rückte sie näher an ihn heran.

»Kurt, wie schrecklich! Wie schrecklich traurig für die Tante Münstermann! Seine Mutter nicht sehen wollen, wenn man krank ist, nicht von Mütterchen gepflegt werden wollen! Kannst du dir das ausdenken? Ich nicht! Wenn ich mal Kopfschmerzen habe, tut keine Hand so gut wie die Mütterchens, und keine Stimme ist so weich wie die ihre. – Und die gute Tante Münstermann habe ich auch immer so schrecklich lieb gehabt!«

Große Tränen rollten über die frischen Backen, und um den kleinen Mund zuckte das Weinen.

»Und jetzt kommt er in eine Anstalt, der Friedel, in so ein richtiges Irrenhaus?«

»Nein, nein, er ist nicht verrückt. Er hat nur fixe Ideen, die sich in krankhaftem Eigensinn äußern. Aber in eine Irrenanstalt könnte man ihn nicht sperren. Es ist auch viel körperliches Leiden dabei, Kopfschmerzen und Appetitlosigkeit, Widerwillen gegen jede Nahrung.«

»Und dann will er nicht die Mutter zur Pflege!« wiederholte Käte noch einmal. »Arme Tante Münstermann!«

Kurt sah ein wenig ärgerlich aus und sagte: »Immer sprichst du nur von ihr! Das ist das Weib in dir, Käte, das nur an die Mutter denkt. Denkst du gar nicht an unsern armen Friedel?«

»O ja, aber wenn ich nicht so viel Mitleid mit ihm hätte, dann könnte ich böse auf ihn sein. Warum liest er die alten, dummen, gräßlichen Bücher!«

Nun mußte Kurt doch lachen trotz allem Ernst, und damit verflog der Bann, der auf den beiden lag. Käte sprang auf, schüttelte sich wie ein Vögelchen, dem ein Platzregen die Flügel naß gemacht hat, und lief zum Tennisplatz zurück.

»Die Bälle, Kurt, wir müssen ja noch die Bälle fortbringen ...«

»Ja, und dann muß ich reiten. Kommst du noch ein Endchen mit?«

»Ja, gern! Mir ist's, als müßt' ich noch etwas abschütteln, was auf mir liegt wie Blei. Tüchtig wollen wir reiten! – Und morgen gehe ich zu Tante Münstermann!«


 << zurück weiter >>