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XI.

Käte war es bis jetzt immer geglückt, Herrn Stein zu entgehen.

Nun war der Abend vor dem Examen herangekommen. Es war zwei Tage nach den Tode des alten Herrn Hagen. Käte hatte noch eine Besorgung zu machen. Da sah sie an der Straßenecke eine schwarze Gestalt – Stein trug noch immer gern Schwarz, wie schon damals in Freiwalde – er wollte den künftigen Prediger damit kennzeichnen – langsam in seinem bekannten Schritt auf und ab gehen.

Das war er.

Und in demselben Augenblick hatte er sie entdeckt.

»Also endlich! Sie haben geschickt Verstecken mit mir gespielt. Aber was sich liebt, das neckt sich. Guten Abend, Fräulein Käte!«

Sie tat, als höre und sehe sie ihn nicht, und als in demselben Augenblick die Elektrische vorbeikam, schwang sie sich hinauf, ohne halten zu lassen.

Der Schaffner schimpfte, aber das war ihr jetzt einerlei. Erleichtert atmete sie auf und ein ganz kleines Spottlächeln teilte ihre Lippen, als sie nach Stein zurückblickte, der winkend und rufend auf dem Fußweg stand.

»Soll ick halten für den Herrn da, Freileinchen?«

»Nein, nein, um Gotteswillen nicht!«

Käte sah so entsetzt aus, daß er gutmütig lächelnd fragte: »Ach so. Sie sind ihm wohl ausgerissen? Na, denn man to! Sehen Sie, die Elektrische ist auch was wert.«

Käte nickte und setzte sich. Sie fuhr absichtlich eine viel weitere Strecke als nötig war, um sich zu beruhigen und um ihre Spur zu verwischen.

Wenn doch das Examen erst vorbei wäre, daß sie fort könnte nach Brünnau! Danach sehnte sie sich mit allen Fasern ihres Herzens. –

Und gottlob, sie bestand es trotz der Aufregung der letzten Tage.

Im kritischen Augenblick hatte sie doch einmal wieder ihre Willenskraft und ihre Energie beisammen. Und das Wissen war ja vorhanden.

So glückte es denn auch wirklich.

Am Tage nach dem Examen war die Beerdigung des alten Hagen.

Käte folgte mit Schwester Hermine seinem Sarge und legte einen Kranz auf sein Grab. Hier an dem frisch aufgeschütteten Grabe reichte sie noch einmal seiner Tochter die Hand. Margarete wußte jetzt auch, wer das Mädchen war, das ihre Stelle bei dem sterbenden Vater eingenommen hatte. Schwester Hermine hatte es ihr gesagt, daß dies die kleine Käte war, die einst ihren Brief zur Post gebracht hatte, die kleine Käte, die Stein in so lebhaften Farben schilderte.

Und ebenso wie Käte ein leises Gefühl des Mißbehagens nicht los werden konnte der jungen Studentin gegenüber, ebenso fühlte Margarete sich nicht frei.

Verargte sie es ihr, daß der letzte Blick des Vaters auf ihr geruht? –

Sie wußten es beide, sie könnten nie Freundinnen werden.

Sie waren wie zwei Vertreter verschiedener Richtungen, jede ihrer Eigenart voll bewußt. Und so war dieser Händedruck an dem frischen Grabe zugleich ein Abschied für immer.

Beide mußten ins Leben hinaustreten. Beide waren Kinder ihrer Zeit und würden erreichen, was Willenskraft durchsetzen konnte.

Aber ihre Wege waren verschieden, wie ihre Ziele.

Margarete würde sich mit ganzer Kraft ihrem Studium widmen und ihr war selbst, als müßten jetzt nach den Stunden und Tagen, die sie mit dem toten Vater verbracht hatte, alle Schlacken von ihr abfallen; die kindlichen Übertreibungen, die sie selbst für notwendig hielt, um das Wort ›modernes Weib‹ zu verkörpern.

Und wenn sich das auch nicht in Stunden und Tagen abstreifen ließ, ihr Wollen war ernster geworden. Es war das gleiche geblieben, aber es hatte sich vertieft.

Käte wollte nun erst eine Erholungszeit in Brünnau antreten und sie freute sich darauf. Sie hatte das Examen hinter sich. Das war die erste Stufe auf der Bahn, die sie gehen wollte.

Nun wollte sie erst still stehen und warten, was kam Sie war weicher als die andere und ließ sich eher von den Ereignissen treiben, bis der entscheidende Augenblick kam, der auch sie immer bereit fand zur Tat.


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