Charlot Strasser
Wer hilft?
Charlot Strasser

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Hat vielleicht jemand von Ihnen gehört, ob Alwin Fohrer das Urteil an sich vollzog? Es würde mich sehr überraschen. Bekannt ist mir nur, daß sich der Bezirksanwalt ohne Verzug nach Empfang des Chargébriefes telephonisch mit der Sanitätspolizei verbinden ließ. Daß zwei Leute in die Dachstube hinaufstiegen, Fohrer nicht antrafen. Wohl aber hing kunstvoll verankert im Ofen der Geldstrumpf, den sie den Waisenbehörden plombiert einlieferten. Man suchte den Alten an allen Ecken und Enden, schickte auch einen Steckbrief hinter ihm her. Da er von Amtes wegen versorgt werden sollte. Konnte ihn jedoch nirgends aufstöbern. Sein Kassabüchlein allerdings wurde nicht vorgefunden. Man vermochte sogar den Namen der Bank herauszubekommen, auf welcher er ehedem die verzinsten und versteuerten 10 000 Franken deponiert hatte. Die noch davon übrigen 7000 waren am nämlichen Tage, an dem er an den Bezirksanwalt geschrieben hatte, abgehoben worden.

Nun, wenn Fohrer demnach den folgenschweren Entschluß in die Tat umgesetzt und seiner Heimatstadt zum zweitenmal den Rücken zugekehrt hat, muß er es schon fertig gebracht haben, sein Geld neuerdings so anzulegen, daß man ihm nicht hinter seine Schleichwege geriet. Schlimmstenfalls verfügt er über einen zweiten Strumpf und verzichtet aus Vorsicht auf Prozente. Er behandelt sein Leben mit der einzig richtigen Diplomatie, die ein ergrauter Philosoph zu seiner Konservierung aufzubieten weiß. Er liebt das Dasein viel zu innig. Sonst hätte er nicht in seine Sterbebedingungen die Klausel vom schmerzlosen Ende hineinpraktiziert. Vermutlich sinnt er bis zur Stunde nach, wie ihm das seligmachende Mittel in die Hände gespielt werden könnte. Übrigens nicht allzueifrig, um nicht unversehens gar darauf zu stoßen. Wird sich wohlweislich begnügt haben, Tag für Tag die Verschlimmerung seines Ohren- und Augenleidens festzustellen. Auf die Abnahme des leider ewig und regelmäßig unverwüstlichen Appetites zu warten.

So irrt er wahrscheinlich heute noch in seinem seltsamen Lebensabend umher. Einerseits aus lauter Freiheitsdrang ein zur Bedürfnislosigkeit gezwungener Diogenes. Andrerseits ebenso unglücklich und zur Unrast verurteilt, wie Ahasver. Nein – viel glücklicher als dieser. Denn, je gründlicher und trotziger er das Todsuchen betreibt, je sparsamer und asketischer er sich zum Abserbeln dahinplagt, desto stärker empfindet er im Grunde aus der störrischen Verneinung deren Voraussetzung: das genußreich bejahende Gefühl seiner Existenz. Desto hygienischer überwindet er die Greisengebresten.

Und hat am Ende die trostreiche, unbedingt zuverlässige Gewißheit, dereinst von seinen unzähligen Ungeschicklichkeiten, von lebenslänglichem Unvermögen und jeglicher Schwäche schließlich und wirklich durch Freund Hein erlöst zu werden.


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