Charlot Strasser
Wer hilft?
Charlot Strasser

 << zurück weiter >> 

Fohrer war nach den Prozessen nach Hochberg geflohen. Den Rest des Winters blieb er dort in einem Katasterbureau. Sein einziges Fernsein von der Heimatstadt. Darauf kehrte er zurück. Scheinbar unberührt vom Vergangenen. In einer Bibliothek tagaus, tagein seinen Dienst versehend. Wenn er sich Jahrzehnte später für einen endgültigen Frauenhasser hielt, so war er dies zu Anfang nach der Katastrophe noch keineswegs gewesen. Allmählich trocknete er in seinem Bücherstaub ein.

 

Je mehr er sich nun gegen außen abkapselte, desto mehr sah er sich genötigt, da er schon seines Mißtrauens wegen immer wieder auf die Umgebung acht haben mußte und darum deren Dringlichkeit auch nicht einfach wegleugnen konnte, ein für sich passendes Weltsystem auszuspintisieren. Je mehr er dies tat, desto eifriger wurde er dabei. Entwickelte schließlich eine fanatische Überzeugungskraft, die ihm bis dahin zu sämtlichen anderen Handlungen gefehlt hatte. Er wurde Prophet.

Der Anfang war, daß bei der Mutter sein eigenes Elend begann. Wie ausnahmslos bei den Menschen. Sie war mit dem Vater nicht glücklich gewesen. Hatte die ungeheuerliche Nachlässigkeit begangen, in ihrem Unglück noch Nachwuchs in dieses Jammertal zu pflanzen. Kinder waren geistig völlig uninteressant. Leider aber die Fortsetzung der sinnlichen Lust. Höhere Kultur: geringere Kinderzahl. Also war er nicht vereinsamt, wenn er die Brut aussterben lassen wollte. Womit er sich nicht unter die höheren Kulturteilhaber zu rechnen anmaßte. Mütter, Frauen, waren die Schöpferinnen, die Trägerinnen neuen, unseligen Lebens-Leidens. Demnach die grundsätzlichen Humanitätsfeinde. Wie simpel die Lösung. das Elend hierwärts abzuschaffen, die Weiber auszurotten, das Erdengezücht aussterben zu lassen!

 

Vor zwölf Sommern ungefähr gab er jegliche Arbeit auf. Weil sie den Leichnam frisch erhielt. Weil er dadurch seine eigene Dauerhaftigkeit bloß unterstützte.

Immerhin hatte er bis zu jenem Zeitpunkt ein Vermögen von 40 000 Franken zusammengespart, wovon auf einer Bank 10 000 lagen. Die übrigen 30 000 bewahrte er in Papieren und Metall in einem Wollstrumpf auf, den er regelmäßig in seinen dürftigen Kammern raffiniert versteckte, so daß ihm in seinem langen Dasein niemand auf die Schliche geraten war. Geheimnisvollerweise hatte er dem Strumpfe von Zeit zu Zeit schon namhafte Beträge entnommen, auf die Post getragen und fortgeschickt. Abgesehen von diesem Geheimstrumpf war er peinlich ehrlich und gewissenhaft. Wollte sein verzinsliches Kapital richtig versteuern. Fürchtete jedoch, wenn er es schlechtweg als solches angemerkt hätte, sich behördlichen Nachforschungen über seine Betätigungsart auszusetzen. So zeigte er ein dem Vermögen entsprechendes Einkommen an und »verzollte« dieses. Nicht, ohne sich für seine Defraudation, wie er es nannte, die heftigsten Vorwürfe zu bereiten.

Er liebte es, für sich selber allerlei Aufzeichnungen zu machen. Seinen Grundsatz, möglichst schlicht und einsam mit allmählicher Unterdrückung des Selbsterhaltungstriebes zu vegetieren, sahen wir schon an die Wand seiner Kammer geheftet. In anderen Dachstuben – er wohnte prinzipiell nur in solchen – hatten andere Devisen mit großen Buchstaben an den sonst gänzlich kahlen, meist abgeschrägten Mauern geprangt:

Hauptbeschäftigung: 

Flicken von Kleidern, Schuhen, Sandalen.

Nebenbeschäftigung: 

Alte Briefe revidieren!

Zielloses Spazieren und Phantasieren!

Planlose Lektüre in öffentlichen Leselokalen!«

Oder:

»Es gibt keine Ehe
ohne Streit.
Dr. Ldwg. Haas, Mitglied des Reichstags.
›Die Politisierung der Frau‹. (›März‹ 1914, p. 757.)«

Später änderte er das Zitat und klebte vor sein Lager:

»Es gibt keine Ehe
ohne Wehe!«

Oder:

»Ich möchte keine Kinder – nicht, weil ich Kinder nicht liebe, sondern, weil ich sie zu sehr liebe, so sehr, daß es mir als Roheit erscheint, sie in dieses Leben zu setzen.

Elisabeth Dimitroff, Tagebuch einer russischen Studentin.

Publiziert in der Zeitschrift ›Der Türmer‹, 1912.«

Oder:

»Ursache allen Übels ist das Essen –
Nach ihm ist die Kraft zum Weiterhinsiechen
neu bemessen.
Du darfst
dir keinen Morgenimbiß mehr spenden,
mittags nicht über 60 Rappen verschwenden!

Menu:
Suppe und Brot
oder
Brot und Obst
oder
Kartoffeln und Brot
oder
Milch und Brot.«

Oder:

Ȇber Menschliches schreiben
ist immer Schmiersucht.
Lies nur Bücher
zur Tierzucht!«

Diese merkwürdigen Zettel wurden später durch die Sanitätsleute hinter Fohrers Schragen gefunden, wo sie ihm offenbar entgangen waren. Andernfalls hätte er sie, wie seine sämtlichen Papiere, vernichtet. Ferner ein sehr sonderbarer Erguß, den er mit »Das Lustmaximum« betitelt hatte:

 

»Man stirbt nicht gern, bevor man möglichst viel genossen hat. Aber der Einzelne kann überhaupt nur sehr wenig genießen. Selbst unter den besten materiellen Voraussetzungen. Mit Ignorierung jedweder unvermeidlichen Unlust. Mit längster Daseinsdauer.

Wie sollten dem gebildeten Zweifüßler hundert Jahre genügen! Die Welt besteht aus Milliarden von kleinsten Welten. Und unsere Erdenfrist reicht nicht einmal zur gründlichen Kenntnis des eigenen Sternes! Man müßte tausend Augen haben, tausendfach größere Kräfte. Das Gehirn und die übrigen Organe dürften tausendmal leistungs- und widerstandsfähiger sein. Auch der Reichste und Mächtigste hat tausend mal mehr zu entbehren, als er genießen kann.

Es gibt Millionen sympathische lebende und tote Objekte: Landschaften, Steckenpferde, Ziele, Augen-, Ohren-, Gehirnfreuden, Betrachtungen, Fragen, Unternehmungen, Projekte . . . . der Einzelne ist davon einen winzigsten Rest zu erfahren und mitzumachen imstande. Niemand vermag an der ganzen Schöpfung teilzunehmen. Niemand lebt wirklich aus. Hundert Jahre sind höchstens eine Kostprobe, eine Näscherei, ein kurzer Blick in ein Meer von Wirrnissen, ein schneller Gang durch eine sogenannte Weltausstellung.

Ja, die ergiebigste Wanderung hier unten währt kaum eine Sekunde im Verhältnis zur Existenzdauer der gesamten Menschheit! Und im Vergleich zur Ewigkeit vor der Geburt und nach dem Tode, im Vergleich zur Ausbreitung des Universums – darnach gemessen sind wir tatsächlich mikroskopische Tierchen, Atome, – wir ergötzen uns an einem Augenblicke der Weltzeit und lernen ein Pünktchen, ein Fliegendrecklein des Weltraumes oberflächlich kennen.

Über einer Herztätigkeit von hundert Jahren wird man allerdings in der Regel so erschlaffen, daß man mit Wonne die Augen schließt. Die Schwäche kann sogar schon viel früher vollständig sein. Unüberwindlich. Unheilbar. Die Tragikomik liegt gerade in der Ermüdung und im Verwelken. Das alltägliche Schlafbedürfnis ist eine recht lächerliche Unterbrechung der Betriebsamkeit. Eine sehr bedeutende Einschränkung des Genußvermögens.

Daß unsere chemischen Bestandteile vielleicht das ewige Leben erwerben, irgendwo und irgendwann zum Aufbau eines anderen Wesens verwendet werden, von einer solchen Art »ewigen Lebens« haben wir persönlich gar kein gastronomisches Vergnügen.

Diese scheinbar boshaften Bemerkungen decken sich bizarrerweise mit den berühmtesten, religiösen Jeremiaden.«


 << zurück weiter >>