Charlot Strasser
Wer hilft?
Charlot Strasser

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Diogenes in der Dachstube

Jener Bezirksanwalt, der die Einschätzungskommission für die Eidgenössische Kriegssteuer vertrat, erhielt manchen verschnörkelten Entschuldigungsbrief eines Geizkragens. Oder in sonstigen Schwulitäten sich befindlichen Abgabepflichtigen. Gewiß aber keinen eigentümlicheren, als den mit altmodischer, wie gestochener Schrift beschriebenen Zettel, den er just entfaltete. Folgenden Inhalts:

 

»Hochwohlgeboren!

Erfreut, der tit. Behörde meine Aufwartung betreffs Tributverweigerung (Kriegsverlängerung wertlos bezüglich Aussterbeetat der Menschheit) auseinanderzusetzen Gelegenheit zu haben, bin zu persönlicher Besprechung gerne bereit und erwarte hochachtungsvollst meine Zitation.

Alwin Fohrer.«

 

Nach dem Rodel, das dem Herrn Beamten vorlag, hatte Kanzlist Fohrer Alwin bis jetzt zweitausendfünfhundert Franken Einkommen angegeben. Gehörte somit zur ersten Klasse der Steuerzahler. Der Bezirksanwalt war schon darum neuerdings gutgelaunt, weil er im Laufe der Monate eine fabelhafte Fingerfertigkeit erworben hatte, den mannigfaltigen Kniffen seiner ungern mit dem Geldbeutel ans Tageslicht rückenden Besucher seine persönlichen Finessen entgegenzuhalten. Sowie den untrüglichen Blick, ihren ziffernmäßigen Wert gefühlsmäßig herauszudividieren. Er war vor einigen Minuten einem wohlgenährten Metzgermeister anhand der Akten mit vollkommener Höflichkeit durch Verfünffachen seines Pauschalangebots aufsässig geworden. Gedachte nun auch den querköpfigen Zettelschreiber, der überdies beargwöhnt wurde, ein verstohlener Kapitalist zu sein, elegant und sozusagen unverbindlich zur Ader zu lassen.

Auf sein Klingelzeichen schob sich aus dem Türrahmen zum Vorraum ein hinter sich gestreckter, verbuckelter steifer Hut. Wie eine Sammelbüchse. Ihm folgte eines abgeschabten Mantels Rückenseite. Eckige Respektsverkrümmungen klappten nach dem draußen schaltenden Polizeisoldaten auf und zu. Dann öffnete sehr vorsichtig der in den Überzieher eingewickelte alte Mann seine Verbeugungswinkel nach dem Zimmerinnern. Und zwar genau so oft, als leere Stühle an den Wänden lehnten. Bis er sich, um die eigene Achse gegen das Pult des Bezirksanwaltes gelangt, aufrichtete. Die Behörde beobachtete. Blätterte gleichzeitig in einer Aktenmappe. Überflog mit unverkennbarer Genugtuung noch einmal den Jammerbrief des gerade abgefertigten Metzgermeisters. Löste eine Klammer vom Bogen, warf sie in eine Schachtel mit anderen Schreibutensilien und stocherte leise klirrend darin herum. Mechanisch griff sie zum Kohinoor. Ohne ihrer Hände Tun zu registrieren, entstand auf dem Briefrand – Gewohnheit aus einer früheren Tätigkeit als Polizeikommissär – beinahe ein »anthropologisches Signalement«:

 

»Haar und Bart: grau meliert;

Stirnbesatz: Schläfen bis fast zum Scheitel kahl; (weiße Strähnen in kühnem Kamm nach hinten geworfen);

Augen: grau, mit weißem Ring um die Pupillen;

Augen  –  Brauen: buschig;
 –  Bogen: hochgewölbt, knöchern, wulstig;

Stirne: sehr groß, breit, mit mächtigen Höckern;

Nase  –  Wurzel auffallend breit,
 –  Rücken gebogen,
 –  Basis normal;

(beträchtliche Warze am rechten Flügel.)

Gütiges Greisenantlitz; trotzdem unheimlicher Eindruck.«

 

Nachdem der Bezirksanwalt das Gekritzelte ausgiebig durchgelesen, strich er mehreres als allzuliterarisch wieder durch. Ertappte sich bei der trägen Frage: Ob seine Frau auch nicht vergessen werde, daß er den Kollegen vom Bureau 27 zum Leberchen nach Hause bringen wollte? Feilte ein wenig an den Fingernägeln. Hob mit gedämpfter, nach Vertrauen tastender Stimme, fast zum eigenen Erstaunen, zu reden an: . . . Seine Aufgabe sei ja keineswegs angenehm . . . Sich in die ökonomischen Angelegenheiten der zu ihm berufenen Staatserhalter einzumischen . . . Eine Vorladung bedeute noch durchaus kein Mißtrauensvotum . . . Viele der Steuerpflichtigen könnten sich bekanntlich von selber nicht richtig in den komplizierten amtlichen Wegleitungen orientieren . . . Der Staat . . . Er wurde unterbrochen durch ein Lachen, das den vor ihm Stehenden förmlich erschütterte. Aber diese Erschütterung vollzog sich langsam. Ging nach innen. Ebenso bedächtig zog Fohrer sein genau zwölfmal gefaltetes Schnupftuch hervor, das wie eine zusammengelegte, buntscheckige Schachtel aus der Brusttasche herausgeschaut hatte. Immerhin mit einem letzten Anflug von Koketterie. Wischte sich sorgfältig über die Stirne. Dann erst die Tränen aus den Augen.

»Dürfte ich vielleicht den Grund Ihrer etwas unerwarteten Heiterkeit erfahren?« erkundigte sich nach einer Weile der verdutzte Beamte.

»Aber nein,« sagte der alte Mann. »Nein. Nein. Das ist doch einfach komisch, wie Sie sich mit mir Mühe geben.«

Der Bezirksanwalt war schon bereit gewesen, aufzubrausen. Lächelte geradezu gegen seinen Willen. Die Heiterkeit des Alten konnte gar nicht ansteckend genannt werden. Er schaute ihn fragend an.

»Nein. Nein. Das ist furchtbar komisch. Einfach furchtbar komisch,« brachte Fohrer immer wieder mühsam hervor.

»Bitte, wollen Sie sich endlich erklären.«

Der Alte wurde mit einem Mal hastig. In seiner Umständlichkeit. Entbreitete einen Briefbogen: »Herr Bezirksanwalt! Ich hatte einen Prinzipal, der behauptete, er könne meine Entgegnungen nicht abwarten. Weil ich breitspurig redete. – e he -he -he –. Aber er antwortete meistens richtig, wirklich ganz richtig von sich aus für mich. Sie jedoch können mir heute nicht sagen, was ich erwidern will. Bitte, einen Augenblick Geduld. In Anbetracht dessen, daß Sie mir eine Audienz gewährt haben, konnte ich mich darauf vorbereiten. Ich werde mich bemühen, Sie nicht lange aufzuhalten. Und Ihnen die Begründung meiner Weigerung vorlesen.«

Der Bezirksanwalt lehnte sich resigniert in seinen Sessel zurück.

Fohrer bewegte die Lippen, so schnell ihm dies nur gelingen wollte. Mit scheuen, ja fast um Nachsicht winselnden Blicken.

»Was nützt der Mensch? – Entschuldigen Sie. Das ist die Überschrift, Herr Bezirksanwalt. – Die Sterblichen vermögen sich gegenseitig behülflich zu sein. Die dahingehenden Anstrengungen und Leistungen einzelner Personen sind oft bewunderungswürdig. – Es ist unerhört, Herr Bezirksanwalt. Unerhört, wie ich Ihre Zeit in Anspruch nehme. – Aber. Unser gefräßiges Geschlecht als Ganzes ist vollständig überflüssig. Die andere Menagerie nützt wenigstens uns Irdischen direkt und indirekt. Die Bändiger könnten jeden Tag abfahren. Ohne den geringsten Nachteil für den Erdenlauf. Es wäre im Gegenteil mächtiger Jubel in der übrigen Tierwelt, wenn das größte Raubungeheuer verschwinden würde. Die Pulverbestie hat die Oberherrschaft nicht durch Güte erreicht. Sondern durch die grausamste Verfolgung ihrer Nebenkreaturen und nächsten Verwandten. Vergleiche Weltkrieg! Die Verfolgung wird hartnäckig fortgesetzt. Sogar innerhalb dessen, was man als Kulturvölker bezeichnet.«

Der Herr Bezirksanwalt stand auf. Holte sich einen Universalbriefordner aus der Registratur.

»Es ist wirklich unerhört, wie ich Ihre Zeit in Anspruch nehme. – Unser Globus kann noch viele Milliarden Proleten ernähren. Aber haben die Milliarden irgend etwas Wichtiges zu tun?«

Der Bezirksanwalt nahm seine Tätigkeit wichtig. Er hatte Fohrers letzte Worte recht wohl vermerkt. Legte die Stirn in Falten.

»Das menschliche Lebens- und Arbeitsfieber imponiert nur dem Urheber selber,« fuhr der Alte fort. »Die Natur weiß gar nicht, daß sie Herren der Schöpfung erschaffen hat. Land und Meer bestanden, bevor solche Subjekte existierten. Und sie werden vermutlich bestehen, wenn kein einziger mehr vom ganzen Gezücht vorhanden ist.«

»Herr Fohrer, kommen Sie gefälligst zur Sache! Ich bin nicht in der Lage . . .«

»Bitte noch einen Augenblick, Herr Bezirksanwalt. Sozusagen ein Augenblickchen! – Das Gerede von höherer Bestimmung, von hohen sozialen Aufgaben, von höheren Pflichten und Ähnlichem ist einfach poetisch maskierte Genußlust. Habsucht. Größenwahn. Delirium! Die Fortsetzung der bisherigen, angeblichen Weltgeschichte, die Entwicklung der wissenschaftlichen Forschungen, die Durchführung der politischen Projekte und dergleichen, das sind alles nur kindliche Träume, Wünsche und Phantasiegebilde. Aber absolut keine Notwendigkeiten.«

Nicht zu unrecht hatte Fohrer beim Lesen wahrgenommen, daß der Beamte eigentlich zuhörte. Predigte darum, als ein neuer Versuch kam, ihn zu unterbrechen, mit gehobener Stimme weiter:

»In der Gründung eines Naturparkes liegt hundertmal mehr Moral, Bereicherung und Weisheit, als in der Gründung oder Vergrößerung einer zweifüßlerischen Niederlassung. Afrika als Naturpark zu erklären, wäre weitaus nobler, als die sogenannte Zivilisierung. Nicht Vermehrung der Ansiedlerzahl ist das reinlichste Programm. Sondern der möglichst baldige Abschluß der diesseitigen Kreuzundquerfahrten und des gesamten Kulturlärmes. Die Welt ist vollkommen überall, wo der Mensch nicht hinkommt . . . . Nur der Irrtum ist das Leben und das Wissen ist der Tod . . . Unser Leben ist ein töricht Fliehen vor der Ruhe . . . Tausend ähnliche Seufzer sprechen eine deutliche Sprache.«

»Sie zitierten wohl etwas ungenau, Herr Fohrer.« Der Bezirksanwalt bemühte sich, den Redefluß zu hemmen.

»Das Einzige, was wir tun müssen, ist sterben! Alles andere können wir unterlassen, ohne daß die Kugel einen Sekundenbruchteil stillsteht. Was hülfe es einem Volke, wenn es die ganze Welt gewänne – und könnte sie nicht bewältigen. Denn auch die Völker sind sterblich.«

»Haben Sie noch viel?«

»Noch eine kleine Seite, Herr Bezirksanwalt. – Der Homo sapiens ist das alleinige Wesen der Erde, welches die ewige Veränderlichkeit und Vergänglichkeit jeglicher Dinge erkannt hat. Er sollte daher endlich die richtige Folgerung ziehen. Die da heißt: Abbruch des grausigen, zwecklosen Spieles durch einmütigen, freiwilligen Verzicht auf Fortpflanzung.«

Der Beamte hatte sich erhoben. Machte einige Schritte gegen die Türe. Wurde durch die stets lauter und eindringlicher werdende Stimme Fohrers aufgehalten.

»Der Geschlechter Mühe und Arbeit ist nichts als Stückwerk. Großartige Flickarbeit. Um den Dahinschwund zu verzögern.«

Der Bezirksanwalt ergriff die Türklinke. Fohrer schrie: »Und das Letzte wird sein: Ein riesiger Kehrichthaufen europäisch-asiatisch-afrikanisch-amerikanisch-australischer Bibeln und Schriften!«

»Schreien Sie doch nicht so!«

»Bitte, noch einen Satz, Herr Bezirksanwalt! – Es ist unerhört von mir, daß ich mir diese Frechheit herausnehme. Noch einen Satz! – Und die Sonne wird mit der nämlichen Gleichgültigkeit über die ungezieferleere Erde scheinen, wie über die bewohnte!«

Fohrer hielt inne. Kleine Schweißperlen mengten sich mit Tränen. Rannen ihm in den dünnen, weißen Bart. »Ich danke Ihnen, Herr Bezirksanwalt. Ich danke Ihnen.«

»Wir dürfen nun aber die Zeit nicht länger verlieren,« erklärte der Beamte und holte entschlossen den Zettel Fohrers über die Steuerverweigerung hervor. »Sie sind von zuständiger Seite als mindestens zur Klasse eins taxiert worden. Wir können Ihnen als Pauschalangebot die Summe von achtundzwanzig Franken, für zwei Jahre notabene, nicht erlassen.«

»Wie? – für zwei Jahre war das gemeint? – Dann ist es in der Tat etwas günstiger.«

»Aha, gehören Sie auch zu denjenigen, die den Irrtum begingen und glaubten, die Steuer sei für ein Jahr so hoch angesetzt?«

»In der Tat. In der Tat. Aber ich kann die Taxe trotz allem nicht bezahlen,« fiel sich der Alte plötzlich ins Wort. Wieder einen Lachanfall in sich verschluckend.

»Bitte, wollen Sie nicht sachliche Belege für Ihre Weigerung vorbringen.«

»Meine Weltanschauung! Sie haben es ja gehört. Hier haben Sie den Beleg.« Er überreichte dem Anwalt den eben abgelesenen Briefbogen. »Ist das nicht sachlich genug? Außerdem haben wir da im Notfall: den Krieg. Entschuldigen Sie, Herr Bezirksanwalt –«. Und schon holte der Alte aus seiner Tasche ein weiteres Schreiben hervor, aus dem er unverzüglich vorzutragen begann:

»Jedermann hat das Recht, die Welt zu erobern; sogar die Ratten und Wanzen haben dieses Privileg. – Ich bitte sehr, mir die unanständigen Ausdrücke nicht zu verübeln. – Andrerseits ist aber niemand verpflichtet, sich erobern zu lassen, Fremder Eigentum zu werden. Resultat: Permanenter Hader.«

Der Bezirksanwalt sah sich gezwungen, in die Gedankengänge des all die Zeit über vor ihm Stehenden einzulenken.

»Setzen Sie sich. Aber jetzt unbedingt zur Sache!«

»Ohne etwas Streitkraft und Raublust, ohne etwas Habsucht und Härte, ohne etwas Angriffstrieb und Verteidigungswille kann nicht einmal eine Bakterie leben,« fuhr Fohrer hartnäckig fort. »Auch im engsten Familienkreis, in einer kommunistischen Gesellschaft und im schäbigsten Dorfe ist kein buchstäblicher Friede zu haben. Selbst die Pazifisten müssen raufen, wo sie die Oberhand gewinnen und behalten möchten.«

»Das ist ja selbstverständlich, Herr Fohrer.«

»Wenn meinetwegen der höheren Affengesellschaft ein Lebensrecht zugesprochen werden soll, dann gäbe es nur noch eine Entwicklung: Die Duellierungsmethoden zu verfeinern. Nicht bloß die gröbste Roheit zu verbieten, sondern Körperverletzungen und Tötung ausnahmslos zu untersagen. Mit Gewalttätigkeiten die Existenz verbessern, die Ehre retten ist nicht ultima, sondern prima ratio, Rückkehr in die Urzeit, zur ältesten Fehdeweise. Traurig genug, daß wir unaufhörlich Pflanzen und Mittiere töten!«

»Ich verstehe nicht, wo Sie mit Ihren Redensarten hinauswollen.«

»Schlägereien zwischen Privatpersonen sind zwar fast allgemein verachtet und verpönt. Ebenfalls die früher üblichen blutigen Feindseligkeiten zwischen Familien, Gemeinden, Provinzen, Religionsbekenntnissen und so weiter. Gegenwärtig existieren auf dem Erdenrund noch zirka fünfzig Menschengruppen, welche das Faustrecht offensichtlich pflegen und verherrlichen. Nämlich ein halbes Hundert militärisch organisierter Nationen. Hoffentlich werden diese allzuzählbaren Parteien nach und nach zur Vernunft kommen – Lehrzeit und Lehrgeld dürften bald groß genug sein. Warum soll die angeblich seit einigen Generationen bestehende Tendenz zur Humanität vor fünfmal zehn Finanzgesellschaften plötzlich und für ewig Halt machen?«

»– – – – – –?«

»Sie müssen mich ausreden lassen, Herr Bezirksanwalt! Bezeichnen vielleicht Weltpostunion, Rotes, Grünes, Blaues Kreuz und verschiedene allerhandfarbige Sterne und Halbmonde mehr die hehrste Stufe zwischenstaatlichen Aufstiegs? Sinken wir aufs Neue unvermeidlich rückwärts und abwärts zum Indianerstandpunkt? Die Frage ist gar nicht aus der Luft gegriffen. Verstand ist stets bei Einzelnen nur gewesen. – – Diese Auserwählten haben gewöhnlich am wenigsten für Nachkommenschaft gesorgt. Sich am wenigsten an der Politik beteiligt. Ausnahmen zugegeben.«

»Herr Fohrer, Sie geraten ins Uferlose. Sie widersprechen sich. Und dann hatten wir doch wohl etwas anderes zu erledigen. Ich bin nicht dazu da . . . .«.

»Herr Bezirksanwalt! Die zu oberst sitzenden Herrschaften wissen viel zu klar, wie die Völkereintracht zu erreichen wäre. Aber die Mächtigen haben ein ganz anderes Lebens- und Kampfesziel als die Schar der Friedensbedürftigen. Für Regierungshäuptlinge bedeutet jede internationale Verabredung einen mehr oder minder unangenehmen Verlust an Geltung und Ansehen. An Eitelkeiten. Diesen beträchtlichen Schmerz verschiebt man gern so dauernd als möglich. Man dressiert die lieben Untertanen zu Mordspatriotismus. Obwohl man gut weiß, daß man keinen Tag ohne grenzdurchbrechenden Verkehr fortwursteln kann. – Wie viele Heerscharen von Unschuldigen werden verbluten müssen, bis nur das Fetzchen greises Europa ein gemeinsames Vaterland ist? Wahres Glück wird freilich auch im sattesten Zukunftsreich nicht zu finden sein. Wir sorgen daher am besten für die irdische Ruhe, wenn wir gleich jetzt aufhören, weitere Sterbliche in die Welt zu befördern.«

»Was hat dies alles um Gotteswillen denn mit der Kriegssteuer zu tun?«

»Ich würde sie wirklich gehorsamst entrichten. Aber ich mag den Krieg nicht unterstützen. Da morden sich die Männer zu Hunderttausenden. Zweifellos haben sie bereits erkannt, was ich seit Jahren lehre und lehre: Es hat keinen Wert zu leben, solange der Tod uns bedroht. Wahnwitziger Irrtum ist der Krieg! Denn die Frauenzimmer . . .« – der Alte sprach dieses Wort mit Haß, besser, mit Ekel aus – »die Frauenzimmer bleiben alleine übrig. Durchaus alleine. Sie werden das bewußte Geschäft fortsetzen, schließlich in Überzahl sein. Herrschen! Und dann hört das Elend im Jammertal erst recht nimmer auf!«

»Herr Fohrer! Die Kriegssteuer . . .«

»Ich müßte damit dem Obensein der Weiber, Verzeihung, der Frauenzimmer, Vorschub leisten. Wogegen ich eine bescheidene Einwendung vorzubringen mir erlaube. Sie machen den Hauptfaktor bei der Lebensvermehrung aus. Das kann und darf ich nicht zugeben! Darum bitte ich die hochwohlgeehrte Behörde, mir die Abgabe zu erlassen. Ich bin gegen den Militarismus. Weil er die Männer dezimiert. Und weil die Männer den unsichtbareren, somit unschädlicheren Teil in der Fortpflanzung bilden.«

»Ihre Ansichten möchten wir unbesehen gelten lassen, wenn sämtliche übrigen Menschen wie Sie dächten. Wir müßten dann ein großes Sterbefest einrichten und brauchten überhaupt keine Steuern mehr. Aber wir alle wollen doch leben! Wir wollen gerade nicht sterben!«

Der Alte schaukelte langsam den Kopf hin und her. »Sie wollen leben, Herr Bezirksanwalt? – Unmöglich! – Oder Sie sagen es, weil Sie jung sind. Wenn Ihnen dereinst die Haare ergrauen, denken Sie sicher, wie ich. – Sie wollen gar nicht leben! Kein Mensch will leben, weil es zu kurze Zeit währt. Wenn wir wenigstens wiederkehren könnten. Wenn es keinen Tod gäbe. Dann würden selbst Sie leben wollen. Aber so . . . Eine Ewigkeit gibt es nicht. Ans Paradies . . . an ein Kinderlallen: mämämä . . . glauben Sie auch nicht. Der Krieg ist eine Verzweiflung der Männer, die ab und zu auf die Wahrheit kommen. Als ob es sich damit erledigt hätte!«

»Bester Herr Fohrer, was fangen wir mit der Staatsordnung an? Mit der über uns stehenden und für uns denkenden Regierungsgewalt, die etwa das ausdrückt, was die menschliche Gesellschaft soll und erstrebt? Dem vermag sich der Einzelne nicht entgegenzustemmen. Es wäre denn zu seinem und Anderer Schaden.«

Dem Beamten wurde ein mitleidiges Lächeln. Jedesmal, bevor der Philosoph zu sprechen anfing, hob er automatisch den Zeigefinger zur Nase.

»Hier liegt ja der Aberwitz bei Ihnen, Herr Bezirksanwalt, daß Sie daran glauben, die meisten Menschen begehrten eine Ordnung. Warum lügen wir uns alle so an? Ich wollte Ihnen nur die Wahrheit sagen. Sie auffordern – unerhört, diese Frechheit, daß ich das Wort auszusprechen wage – auffordern . . . ich kann Ihnen meine Niederschriften hier lassen, – diese Wahrheiten dem Regierungs- und Bundesrat mitzuteilen. Auf daß man Maßnahmen treffe, dem Unfug des Lebens endlich einmal zu steuern! Aber nicht durch den Krieg! Er ist zu wenig radikal, um dergestalt grausam und schmerzvoll zu sein. Die Fortpflanzung muß man verhindern. Die Ehen verbieten. Die Fruchtbarkeit zerstören! Man soll Gesetze darüber schaffen!«

Der Bezirksanwalt wußte nun, daß hier nicht weiter zu gelangen war. Er überlegte, ob er nicht auf den Sanitätsposten telephonieren sollte. Sagte sich jedoch, daß der gutmütige Greis niemandem etwas zuleide tue. Und klingelte dem Polizeidiener.

»Wir bedauern, auf Ihre Einwände keine Rücksicht nehmen zu dürfen. Wir müssen leider den genannten Betrag bei Ihnen einfordern.«

»Ich danke Ihnen ergebenst. Ich danke sehr, daß Sie mich angehört haben,« sagte der Alte unter vielen Verbeugungen. Schob sich seitwärts wieder zur Türe hinaus.


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