Charlot Strasser
Wer hilft?
Charlot Strasser

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Wer hilft?

Aufzeichnungen eines entlassenen Sträflings

I. Abend am Fenster

(Dienstag)

Ein geckiger Schriftsteller mit dem Hund seiner Geliebten an der Leine trat in die Schreibstube für Stellenlose. Er habe da, wie er dem Vorsteher mitteilte, die sehr interessanten Memoiren eines »geborenen« Verbrechers und Doppelmörders. Seien ihm unter Wahrung des Geheimnisses anvertraut worden. Zwecks Verwendung zu einer Preisarbeit. So, wie es vorliege, ein zwar wenig brauchbares Material. Weil es zu grobe und trostlose Wirklichkeiten ausweise. Nach Stil und Orthographie müsse der Zuchthäusler auf niedrigster Stufe stehen. Das lasse sich aber schon deichseln. Endlich trügen die blauen Küchenheftchen derartige Abdrücke von fettigen oder sonstwie versalbten Fingern, daß er eine saubere Reinschrift besitzen müsse, bevor er etwas anzufangen vermöge.

Wäre ich nicht auf die Schreibstube nach Arbeit ausgegangen und die nämliche Preisnovelle ein von mir auserkorenes Ziel, auf das meine sämtlichen Handlungen hinblicken, jene Notizbücher der Nummer 342, die man mich abschreiben hieß, müßten für mich nicht als Zufall gelten. Demnach ist nicht das Zufällige unwahrscheinlich, womit ich meinen Bericht beginne, sondern bin höchstens ich schöpferisch ungeschickt, wenn ich es trotzdem verwerte.

Der Schriftsteller, der geckige, wird in seiner Weise die Geschichte des 342 in Druckerschwärze kleiden. Er wird es sich erdichten, wie ihn zum Helfen Berufene retteten. (Denn das ist eine Bedingung des Wettbewerbes, die erfüllt werden muß.) Ich leiste mir die Untat, seinen Stoff mitzustehlen. Da ich nun einmal Verbrecher bin.

 
*
 

Armer 342! Während Monden und Monden ging ich täglich an dir vorbei. Merkte mir das weiße Schildchen mit der schwarzen Ziffer darauf als zu dir gehörig. Mit deinem Leibe verwachsen. Sprechen durften wir uns nicht. Wenn deiner Lebensbeichte offizieller Besitzer erst wüßte, wie sehr deine Züge in ein Album paßten, das zum angenehmen Gruseln sittlicher Beschauer die Lichtbilder berühmter Missetäter enthält. Das Kriminalgesicht: niedere Stirne; rote, borstige Haare; Bartstoppeln; hervorstehende Kinnbacken; Negerlippen; wulstiger Nacken und ewig entzündete Sträflingsaugen.

Ich sah, wie sich dein Antlitz verzerren und einen tollwütigen Ausdruck annehmen konnte. Wenn ein roher Wärter dich barsch anließ. Ich sah, wie sich dein Mienenspiel ruhig, geduldig, traurig ausnahm. Wenn dir gut zugesprochen wurde. Besonders einmal, als wir aus unseren Kästen, den Kirchenstühlen heraustraten, nachdem uns eines Sonntags ein freundlicher Mann die Irrfahrten Enoch Ardens erzählt hatte.

Deine Blicke hatten etwas Hündisches: treu, angstvoll und feindselig zugleich. Wäre ich dir draußen begegnet, ich hätte mich gewiß nicht vor dir gefürchtet.

 
*
 

342 kam, bevor er sich die lebenslängliche Zuchthausstrafe zuzog, vor einigen Jahren wieder aus dem Gefängnis. Man brachte ihn sogar ins Narrenspital. Selbst die Strafanstaltsleitung wollte nichts versäumen, um sich Klarheit über seinen Geisteszustand zu verschaffen. Ein junger Arzt wähnte vielleicht nur zu menschlich handeln, indem er ihn in den Kerker zurückschickte. 342 bat damals flehentlich. Lieber die verbleibenden fünf Monate absitzen, als auf unbestimmte Zeit im Irrenasyl seiner Freiheit beraubt sein. Der unerfahrene Doktor – sicher denkt er heute anders darüber – ging auf die Bitten ein, schloß immerhin sein Gutachten nicht ohne die dringende Mahnung, die Schutzaufsicht möge des aus der Haft Entlassenen ganz besonders gedenken. Sie tat es. Sorgte für Erwerb. Fragte nach ihm. Mindestens einmal in der Woche. Er klagte, daß er nicht aushalten könne. Daß ihm das Kohlenschieben und Schaufeln in der Gasfabrik zu schwer falle. Eines Tages riß er aus.

Man mußte ihn seinem Schicksal überlassen.

Der Inspektor der Wohlfahrtsgesellschaft hatte hunderte anderer Schützlinge. Konnte dem Entwichenen nicht nachreisen, nicht alle übrigen hintanstellen, ihm nicht auf allen Wegen folgen.

 

Wenn man Euch Viele, die Ihr gar nichts oder beschämend wenig tut im Leben, aufgefordert hätte, – wäre Euch eine Aufgabe daraus erwachsen? Würdet Ihr Euch Opfer, Betätigungen auferlegt haben, Euer Dasein vielfach lebenswerter zu erfüllen? Einzelne von Euch allen, für einen unter den Allzuvielen. Und nur vom Ueberfluß einen winzigen Teil. Den Wert eines Rettungsbootes, von einem Paar Rudern, eines Kompasses der tausend und aber tausend im Weltkrieg versenkten Schiffe.

Ich weiß schon – niemand wagt danach zu verlangen. Es fügte sich heute kaum in die großen Zusammenhänge. Sind zerstörende Staatsunternehmen bedeutender? Torpillierungen nötiger, als daß ein Mensch dem Mitmenschen helfe?

 

342 konnte nicht schleppen, nicht tragen, nicht fahren, wenn er nicht eingespannt wurde. Mußte übers Feld hinaus, in den Wald, in den Sumpf, ziel- und planlos. War im Nachteil gegenüber jedem Lasttier und beherrschten Sklaven. Arbeit war für ihn weder Gewinn, noch unerläßlicher Führer zum Aufstieg.

Wohl hatte er gelernt, was Eigentum, was mein und dein heißt. Aber wenn er nichts mehr das Seinige nannte, hörte der Unterschied auf, war jeglicher Besitz Gemeingut. Er stahl. Es gelang ihm bei seiner Beschränktheit sogar, keineswegs Beschränkte zu überlisten. Er mußte zu beißen haben, wenn ihm sein Brot nicht zugeschoben wurde. Lärmte und schalt, wenn es ihm schwer fiel, sein Leben zu fristen. Nahm sich, wessen er bedurfte. Bezichtigte – denn schlau und selbstverlogen war er – seine Vergangenheit, den bösen Zufall, seine nichtswürdigen Erzieher, seine üble Herkunft als Schuld an seinem Unglück. War niemals fähig, den so mühsamen, ursprünglichsten Begriff jeglicher Ethik sich einzuverleiben: an seinem Geschick selber verantwortlich zu sein.

Zwischen den Zeilen des schmierigen Küchenheftes steht dies alles. 342 liebte wenig. Außer seinem Ich. Mißtraute unendlich viel: Mutter, Stiefvater, den betrunkenen Bauern, bei denen er verdingt wurde, der Heimatgemeinde, die ihn an den mindest Fordernden verschacherte.

Als er sich dann in den endlosen Jahren der Zuchthauseinsamkeit zu betrachten begann, spielte er bereits den Märtyrer. Fühlte den Drang, sich als warnendes Beispiel Anderen vorzustellen. Schrieb mit wichtig klingenden Zutaten an die Nachwelt. Einfältigen Geistes, an jeder Bildung vorbeigedrängt, galt es ihm hoch, auch jetzt noch den Schein des Kenntnisreichen zu erwecken. Wie er sich sehnte, als jeder sittlichen Sicherheit Beraubter Moral zu predigen und Reformen anzuregen, so versuchte er sich mit wohltönenden Tiraden. Nicht ohne Eitelkeit. Aus seinem Erinnerungsschatz die spärlichen und falsch verstandenen Fremdwörter hervorkramend, seine Gedanken vornehmer zu kleiden. Der Barfüßler, Bettler und Vagabund: die gespreizten lateinischen und griechischen Brocken.


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