Charlot Strasser
Wer hilft?
Charlot Strasser

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In Alwin Fohrers Waschschüssel war das Wasser gefroren. Das Licht drang kaum durch die Eisblumen am hochgelegenen, gardinenlosen Fenster seiner Mansarde. Er nähte mit blausteifen Fingern einen Knopf an seinen Mantel. Eine Beschäftigung, die er bis zum Mittagessen auszudehnen gedachte.

Energisches Klopfen an der Stubentüre schreckte ihn auf. Er war nicht flink genug, um den Riegel vorzuschieben. Zudem trat der weißbärtige Besucher, unverkennbar geistlich, bereits über die Schwelle.

Die beiden Alten standen sich einige Minuten prüfend gegenüber.

»Wir haben wohl keinen Gast erwartet?« wandte sich der freundliche Greis mit einer Stimme, die, vom vorbereiteten, pfarrherrlichen Lobspruch leise gerührt, ein wenig tremolierte, an den verdutzt und mißtrauisch dreinblickenden Fohrer. »Aber ich habe Sie endlich einmal ausfindig gemacht.«

»Überflüssige Mühe,« brummte jener.

»Bitte, verleugnen Sie sich nicht. Nachdem ich mich erst noch überzeugen darf, in welcher Bescheidenheit –,« sagte der Pfarrer und öffnete Mantel und Gehrock, so daß sich Fohrers Blick ingrimmig an dessen Uhrgehänge aus den Milchzähnen seiner Enkelkinder verbeißen konnte, – »und Entsagung Sie hausen, erscheint mir Ihre Spende, und nicht nur sie, denn auch manche gleichartige muß von Ihnen stammen, um all dies hochherziger und dankenswerter.«

Der Pfarrer, ohnedies asthmatisch und vom Treppensteigen etwas erschöpft, gönnte sich eine Pause, zufrieden mit dem rundgelungenen Einleitungssatz. Wurde indessen am Weiterreden durch den uns hinlänglich bekannten, im ersten Augenblick beängstigenden Lachanfall Fohrers unterbrochen.

»Er kommt mir danken, –e-he-he-he-he-he-he–. Danken kommt er mir. – Nein, das ist wirklich zu merkwürdig. Zu komisch. Wirklich zu merkwürdig,« wiederholte sich der Alte. Wobei sein Gesichtsausdruck zusehends aus verlegener Heiterkeit sich in zornige Abwehr verdunkelte.

»Ich verstehe nicht ganz, – entschuldigen Sie, – weshalb Sie dies komisch finden,« faßte sich der Geistliche. Sah mißvergnügt an sich hinunter.

Fohrer schwieg feindselig.

»Ich möchte Sie nun nicht verlassen, ohne Ihnen das Geheiß meines Gewissens ausgerichtet zu haben. Sie gehören zu den seltenen, ehrlich verborgenen Wohltätern.«

»Dummes Zeug.«

»Außerdem vollziehe ich den Auftrag einer unglücklichen Frau, der Sie durch Ihre hochherzige, ja hochherzige Gabe eine neue Zukunft, ein ganz neues Leben angelegt haben.«

Fohrer streckte abwehrend, doch langsam, wie es seine Art war, die Arme aus.

Der Pfarrer ließ sich nicht abhalten. »Der Schalterbeamte, bei dem Sie Ihre anonymen Sendungen aufgeben, ist nämlich mein Neffe.«

»Ich habe keine Gelder aufzugeben.«

»Da fragte ich den Jungen zufällig, ob er nicht wisse, wer denn diese sonderbaren Mandate an die Adressen unserer weiblichen Insassen, und zwar immer an Kindsmörderinnen – bei aller Sündhaftigkeit erbarmungswürdige Geschöpfe! – abschickte und beauftragte den Jungen, das nächste Mal aufzupassen und mir den Absender womöglich zu ermitteln.«

»Postgeheimnisübertretung.«

»Das führte er aus, und ich ruhte nicht, bis ich außer Zweifel war, daß Sie derjenige sind, den ich suchte.«

»Ich werde den Buben anzeigen.«

»Weshalb erbosen Sie sich eigentlich? Ich hoffte, Dank würde Sie freuen. Ich weiß, Sie rechnen nicht auf Dank, – Sie wollten nicht erkannt sein, – aber mir altem Mann sollen sie gleichwohl erlauben, ein Wort zum Jahrgänger zu sprechen und Ihnen zu sagen, daß ich es als schön, sehr schön von Ihnen empfinde und Sie Gottes Gnade und Vergeltung dereinst erwarten dürfen.«

»Herr Pfarrer, das ist eine . . . . bitte, Herr Pfarrer, ich bin bestürzt. Ich bin furchtbar bestürzt. Ich habe das nicht getan, wie Sie es gedacht haben. Sie irren sich, Herr Pfarrer! Ich verdiene keinen Dank. Ich wünsche keinen Dank! Verrückt sind Sie, mir zu danken! Ich erkenne Gott nicht an. Das Elend der Welt muß ausgerottet werden. Schon die Kinder haben hinzusterben! Ich verübte das aus Rache, wofür Sie mir danken. Aus Rache!« Und wieder lachte er sein unglaubhaftes, nach innen verlorenes Lachen.

»Herr Fohrer, auch ich bin bestürzt.«

»Herr Pfarrer! Mein ist die Rache. Nicht des Herrn. Nicht Gottes! Mein ist sie, mein!«

»Gott behüte Sie!«

»Mein ist die Belohnung, Herr Pfarrer! Belohnt habe ich die Frauen, von denen Sie reden. – Belohnt, – belohnt. – Weil sie das Einzige gewagt haben. Ich lernte nicht umsonst, als sie mir meine eigene Brut töteten. Schändeten. Wie Tiere. Wie Tiere, die nicht mehr zu leben verstehen. Die ganze Menschheit ist solch eine Brut. – Dumm. Gemein. Grausam! – Wohltäterinnen sind sie, die Kinder töten. Vor dem Elend bewußten Sterbens bewahren!«

Der Pfarrer kam nicht mehr zu Rat. Hatte er sich zu fürchten? In Empörung auszubrechen? Oder des in seiner Einsamkeit aufgestörten Alten Worte für wunderliche Verstellung zu halten? Schließlich versuchte er ihm, wie einem trotzigen Kinde zuzusprechen:

»Hat man Sie wirklich einmal so tief verwundet?«

»Das geht Sie am letzten an.«

»Sie glauben an Haß und doch hat Gott das Böse, das Sie wollten, zu Gutem gewandt.«

»Sie sind ein Lügner!«

»Aber das kann der HERR nur, wenn die Liebe gleichfalls in Ihnen ist.«

»Sie sind ein Heuchler!

»Sehn Sie nicht, daß Sie mich nur aus Ohnmacht beschimpfen? Sie hassen gar nicht, Sie lieben durch Gott!«

»Sie sind ein Pfaffe!«

»Aus Liebe haßten Sie, aus Liebe halfen Sie den Unglücklichen, weil Gott es fügte. Aus Liebe ward Ihre Verneinung dem Leben zu nutzen!«

»Ich hasse Sie!«

»Ihr Dasein war nützlich, Fohrer, von seltenem Nutzen!«

»Sie sind mir verhaßt! Pfui Teufel!« schrie dieser plötzlich auf. »Was spionieren Sie bei mir? Machen Sie, daß Sie hinaus kommen! Sofort hinaus! Ich werde Sie verklagen. Weil Sie bei mir eingedrungen sind. Es geht Sie nichts an, was ich tue! Ich gehöre nicht zur Kirche. Ich habe meinen Austritt erklärt! Verlassen Sie meine Kammer! Ich schlage Sie!«

Und tatsächlich stand er mit erhobenen Fäusten vor dem aus lauter Hilflosigkeit fast weinenden, wohlmeinenden Gottesdiener. Der hier eine der schwersten Enttäuschungen seiner Laufbahn aus Eifer, Gottes Vertretung hier unten zu besorgen, und zwar ausnahmsweise ohne Strafandrohung, erfahren hatte. Unvermittelt ergriff er seinen Hut und verließ mit einem einzigen, grotesk langen Schritt rücklings die Dachstube.

»So alt und so dumm!« schrie er im Treppenhaus, nachträglich in Wut geratend, sich und dem Anderen zu.


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