Charlot Strasser
Wer hilft?
Charlot Strasser

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VI. Abend am Fenster

(Samstag)

Meine eigene Vergangenheit ist nicht so trostlos. Urteilt selbst, Herren Preisrichter!

Auch ich habe meinen Erzeuger nicht gekannt. Auch ich erhielt meinen Stiefvater und wurde, laut Romanen und Erzählungen, mit Schlägen traktiert. Indes ich heranwuchs, duldete er mich im Hause nicht mehr, steckte mich in ein Institut und später als Kellnerlehrling in den Roten Leuen. Kehrte da mein Stiefgroßpapa ein, dem meine Existenz ängstlich verschwiegen worden war und stellte mein Chef mich ihm vor. Weil jedoch der behäbige Apotheker mir nicht trauen mochte, auch auf den Enkel im Fräcklein gerne verzichtete, zieh er mich der Lüge. Ich antwortete. Heimste eine Maulschelle vom Hotelier ein und lief davon. In einem Eisengeschäft fand ich Aufnahme. War mit neunzehn Jahren zu einer neuen Lehre zu alt. Erwies mich aber als nützlich und behauptete mich zunächst.

Meine Siebensachen hatte man seinerzeit im Gasthof beschlagnahmt. Einzig die mich um fünf Jahre überragende Tochter des Besitzers folgte mir nach, wo ich stand und ging. Bald machten sich Folgen dieser Nachfolge bemerkbar. Noch als Rekrut führte ich sie vor Standesamt. Mit zwanzig Jahren Gatte und Vater.

Mein Monatslohn betrug volle fünfundsiebzig Franken. Unsern Haushalt führten wir fleißig und reinlich in einer Mansarde. Mein Einkommen stieg allmählich aufs Doppelte. Infolgedessen meine Gemahlin übermütig ward. Aus dem Zimmerchen herauszwängte. Ohne mein Wissen eine Wohnung mietete. Ein Dienstmädchen, Möbel auf Abzahlung anschaffte. Lang dauerte die Herrlichkeit allerdings nicht. Ich verlor, da ich beständig Vorschuß fordern mußte, meinen Posten. Die Gattin hatte bereits eine kleine Wirtschaft in einem Winkelgäßchen gepachtet. Zins konnte nicht aufgebracht werden. Ich fühlte mich glücklich über eine Stelle als Hülfskanzlist.

Meine Frau war üppigen Wuchses, wie reichgewordene Metzger und Fabrikanten es schätzen. Ein solcher streckte ihr als Stammgast hinter meinem Rücken Gelder vor. Nicht ohne sein Entgelt zu beanspruchen. Das Restaurant wurde aufgegeben. Meine Frau weiter unterstützt.

Sie eines Mittags aufgelöst, rauschverdächtig auf dem Bette überraschend, nicht im stande, sie aufzuwecken, stöberte ich in der Wohnung herum. Entdeckte einen Zettel, dessen Unzweideutigkeit mich mit rasendem Zorn erfüllte. Die wach geschrieene bessere Hälfte beteuerte unter Tränen, sie habe den Wisch von der Treppe aufgehoben. Ich glaubte es allen Ernstes. Mußte, wollte glauben.

Ein anfänglich übersehenes Klubabzeichen in der Ecke des Papiers nährte den Zweifel aufs neue. Ich erwarb eine Waffe. Dachte an Selbstmord. Einzig der Gedanke an meinen kleinen Sohn schreckte mich zurück. Einwandsfreie Beweise für die Untreue meiner Ehegefährtin hatte ich nicht. Nach hartnäckigem Leugnen gestand sie jedoch. Ich quartierte mich bei einem Kollegen ein. Konnte mich des Kindes wegen immer nicht entschließen, Klage einzureichen. Als sie mich, Kurt in den Armen, aufsuchte. Ich kehrte heim. Die frühe Hölle setzte sich fort. Dazu regneten Zahlungsbefehle und Betreibungen. So daß ich nicht mehr wußte, wo ein und aus. Die Pfändung meines fürstlichen Gehaltes gewärtigen mußte.

Damals verkaufte ich mich zum ersten Male. Der Fabrikant schlug meiner Frau vor, angeblich, um mir Abbitte zu leisten, unsere Schulden zu tilgen. Ich sagte nicht ja, nicht nein. Ließ den Dingen den Lauf.

Als ich fast zwanzig Jahre später mich den Gerichten freiwillig darbot, war ich gesonnen, nicht für mein damaliges Verbrechen zu büßen, sondern für dieses erste, ehrloseste an mir selber.

Heute erkenne ich freilich, daß im praktischen Denken, der stetig vornzu ablaufenden Wirklichkeit gegenüber, alle Sühne, wie sie unter den Mitmenschen gang und gäbe ist, lügt. Verzeihen, bestraft werden, Vergeltung erleiden – – wie wenig wiegt dies alles neben der ewig geschehenen, ewig nicht gutzumachenden Tat? Einen einzigen Aufstieg erhoffe ich noch:

»Edel sei der Mensch, hülfreich und gut!«

Daß ich Monate hinter Mauern verbrachte, was half es mir? Den Meinen? Irgendwelchen Anderen? Hätte durch meiner Hände Arbeit erwirkt, soviel ich jetzt nachholen muß. Sie verlieh mir nicht mehr, meine Buße, als den ärmlichen Vorteil, in der Einsamkeit über mich selber den Tisch rein zu fegen. Freilich, der Einsiedler, der Weib und Kind verläßt, um sich von der Welt abzuschließen, wagt den nämlichen Irrsinn wie ich: daß er doch im engsten Sinn unverbesserlicher, rücksichtslosester Egoist bleibt.

Ich kasteite mich schon in jener unglückseligen Zeit. Schlief auf dem Plättchenboden der Küche. Verbot mir, nachts ins Zimmer meiner Frau zu schleichen. Nicht, um nicht bei ihr zu liegen, – das hätte ich längst nicht mehr gewünscht, – sondern, um mir den Anblick meines Knäbleins, das ich fast übermenschlich liebte, zu versagen. Daß aber dem Elend die Krone nicht mangelte, nahm mir Gott mein Kind, das Einzige, was mich noch aufrecht erhielt. Ohne mir sichtbare Krankheit ist es dahingegangen. Aus der Kanzlei kam ich am Abend nach Hause. Fand es mit brechendem Auge. Folgenden Morgens war es gestorben.

Auch seine Mutter war untröstlich. Ich stützte mich im Schmerz auf sie. Versuchte sie aufzurichten, zu heben. Sie genas schneller als ich. Nach wenigen Wochen stellte ich fest, daß sie wieder zur Flasche griff. Ich vermochte sie nicht zu halten. Sie entwich, wenn ich weg war. Schickte fremde Kinder aus, Wein zu kaufen. Kurz, ich wandte mich an den Friedensrichter.

Des Fabrikanten Rechtsanwalt und Freudengenosse – nie erfahre jemand seinen Namen! – suchte mich im Amtshaus auf. Es sei seinem Klienten nicht eben angenehm, im Scheidungsprozesse genannt zu werden. Ich möchte die Klage so kleiden, als ob wir zerrütteter Familienverhältnisse wegen auseinander müßten. (Ich hatte gar nicht daran gedacht, den Liebhaber meiner Frau für Dritte erkennbar auszuspielen.) Nun sei der Klient nicht unvermögend. Jeder Betrag wäre zu beschaffen, wenn ich einschlüge.

Bei Gott, ich verkaufte mich zum zweitenmal. War zum zweitenmal ein Schurke. Vor keinem Gesetz. Vor keinem Gericht. Nicht öffentlich unzüchtig. Aber Mammons Knecht. Feiler Zuhälter, wie nur einer es sein kann. Als der Anwalt gar von fünfzig Tausendern sprach, schwankte ich vollends. Sagte zu. Hegte und hätschelte den Gedanken, es wäre ein anderer auch erlegen.

Solche Ausrede muß nur fleißig wiederholt werden! Hundertfach. Je öfter hingeplappert, desto inniger geglaubt!

Natürlich war das Angebot nicht ohne Bedingung gestellt. Zum ersten hatte ich unverzüglich der alten Welt den Rücken zu kehren. Das Ziel wurde mir vorgeschrieben: in Chile oder Peru eine neue Existenz zu gründen. Zweitens durfte ich vor niemandem erwähnen, warum und weshalb ich so ausgiebig wegzog.

Entschloß mich rasch. Das Gold, das ich nie erblickte, durchfraß wie Säure alles, womit ich es fassen wollte.

Auch die Frau, die schon während der Scheidung einen neuen Beschützer ihr eigen nannte, verschwand nach Amerika. Wohin, weiß ich nicht. Möge es ihr leicht sein, die sie mir doch mein Leben so schwer machen half.

Der Advokat begleitete mich bis Antwerpen auf den Dampfer. Versah mich, nebst der bezahlten Überfahrt mit tausend Franken in baar und einen Scheck auf viertausend. Den Rest würde ich bei meiner Ankunft in Valparaiso telegraphisch erhalten. Den vollen Betrag könne man mir nicht direkt anweisen, da der Fabrikant derzeit auf Reisen sei.

In Valparaiso traf ich Landsleute, die mir anrieten, mein Guthaben in Salpeter- oder Guanominen anzulegen. Bevor ich zu diesem Zwecke der Westküste entlang fuhr, beabsichtigte ich, den verheißenen Schatz abzuwarten. Nachdem ich Wochen und Wochen geharrt, immer wieder verschwenderische Depeschen gekabelt hatte, überzeugte ich mich, am Narrenseil geführt zu sein und beschloß, in Europa Ordnung in mein verwickeltes Hoffnungs- und Geschäftsknäuel zu bringen.

Eine große Unfähigkeit lag in mir. Mit der Summe, die mir verblieben war, hätte ich bescheiden anzufangen vermocht. Sollte nach jedem Erwerb greifen. Mich über Wasser halten. Aber die fünfzig Tausender schrieen vor meinen Ohren. Sie gestikulierten und priesen das Glück. Das berühmte Glück in Amerika!

Selbstredend drohte ich meinen vermeintlichen Schuldnern nie. Ich erschien mir durch die Weiten der Erde, durch die an das Unvorstellbare, das Wunder grenzenden Weltmeere geläutert und verachtete das Kapital. Betrachtete es höchstens als Darlehen, um es dereinst mit Zins und Zinseszins zurückzuerstatten.

Ausrede, den heimlich nagenden Schimpf, den ich mir selber angetan, zu betäuben.

Immerhin hatte ich nicht verfehlt, bei Schweizern in Valparaiso durch mein besitzgewisses Auftreten, durch großspurige Erkundigungen, die ich einholte, durch die Nachfrage nach einem Geschäftsteilhaber den Argwohn zu erwecken, ein gemeiner Schwindler zu sein. Ich hatte mich derart verpflichtet, daß ich es mittlerweile für mein Recht hielt, das Geld zu beanspruchen, koste es, was es wolle. Nach Monaten schrieb mir der Anwalt wieder einmal einen Brief, worin der unverzügliche Versand meines Kreditscheines angezeigt wurde. Er traf aber nicht ein.

Die Europafahrt wurde gebieterische Notwendigkeit. Diesmal auf einem Segelschiffe. Der Billigkeit halber. Mit unsäglicher Sehnsucht nach einem Freunde und Kameraden, dem ich mich während der endlosen Reise anvertrauen konnte.

 

Schon in Chile, wie in jenen einsamen Tagen, da der müde Wind das weiße Tuch an die Maste zurücksacken ließ, las ich, was ich erraffen konnte. Fing an bei den Seichten und Oberflächlichen, die mir in gedankenarm ausgeklügelter Spannung unterhaltendes Selbstvergessen boten. Legte Reichtum, von dem ich aufblicken und selber weiterdenken mußte, unwillig zur Seite. Vielleicht, weil ich zu sehr Gefahr lief, nach dem eigenen Ich mich zurückzuquälen. Bis ich mit fadem Geschmack auf den Lippen in den fremden Lügen meine eigenen sich wiederspiegeln sah. Die Schar meiner Lehrer, die mir dann zur Erkenntnis verhalfen, will ich nicht nennen. Nur den einen, Gewaltigen, bei dem ich bis heute stehen blieb, den ich immer wieder aufsuche und um Rat fragen will. Ihn, der die kranke, am Rande der Allerweltsfeindschaft bangende Seele geschildert und durchhellt hat, wie kein anderer je vor und nach ihm.

Und auch jetzt, dieweil ich an einer »volkstümlichen« Erzählung herumfeile, mag ich ihn nicht verleugnen. Ich werde ihn nie erreichen. Aber wehren muß ich mich für ihn gegenüber jenen, die da sagen, daß seine gnadlos aufteilenden Charakterschilderungen nicht in breiteste Schichten gelangen dürften. Daß der Dichter, um gelesen zu sein, nur in herkömmlichen, malenden oder bildnernden Gleichnissen den Ausdruck seiner Sprache heben sollte. Verteidigen muß ich ihn gegen jene, die da sagen, sein Werk sei nicht Kunst, sondern Lehre. Lediglich Psychologie! Ist, unser geistiges Ich zu schildern, nicht höchste Aufgabe des sich hinein empfindenden und schaffenden Künstlers? Könnt Ihr die Wandelbarkeit Eurer Vorstellungen auf Leinwand festhalten? Vermögt Ihr den fließenden, flüchtenden Sinn Eurer Taten in steinerne Gebärden zu meißeln? Bei ihm aber sprudelt und wirbelt es in so mächtiger Beobachtungsfülle, wie sie nur das wirkliche Leben uns zuträgt. Seine Titanenkraft erweist sich darin, daß er den Reichtum des erlebten, unsentimentalen, überströmenden Gemütes doch sichtet, klärt, zu gleicher Zeit wieder aufbaut, bis der Schein fast unerträglicher Wahrheit erstrahlt.

Darf er's nicht tun, weil Euch, den Vielen, den im Beruf, in der Familie, den mit Sport und Vereinen Aufgeriebenen, keine Muße zum ruhigen Mit- und Nachschaffen blieb?

Weil Euch sein Verstand, die Ihr mit leichten, schönfarbigen Arzneien und lullenden Schlaftrünken verwöhnt wurdet, sein Anhalt zu unbequem ist?

Weil seine Tatsachen in ungeschminkter Aufdringlichkeit und manchmal Abscheulichkeit an Euer eigenes, kleinliches Dasein gemahnen?

Weil Ihr, um seine Gestalten zu verstehen und zu werten, ebenso in den Wirrwarr ihrer Entstehung zurückdenken, ihren Weiterbau mitaufrichten müßt, wie wenn Ihr Euer eigenes Leben erkennen und Euch selber durchschauen wollt?

Könnt denn Ihr breiten Kreise nicht endlich so weit kommen, daß man Euch schwere Kost vorsetzen, Zutrauen schenken darf? Daß man von Euch zu fordern wagt, schlechthin Gefälliges, Rührseliges, Gesühlsduseliges gegen neue Gedanken und Schilderungsweisen einzutauschen?

Seid Ihr befugt, eine Kunst abzulehnen, nur, weil Ihr Euch das Recht anmaßt, ihr Wesen aus dem Herkömmlichen zu beurteilen? – –

 
*
 

Um 342's, Lohmers und mein Schicksal vorzuführen, bedurfte ich so vieler Fäden und Tatbestände, daß die Anschaulichkeit darob fast verzweifeln möchte. Richter, Staatsanwalt, Verteidiger, Arzt würden sich Klarheit erwerben. Während der verzogene Leser hübsch frisierte Fassaden verlangt. Tönende Bilder. Preziöse Tunken.

 

Aber ich lasse mich nicht beirren und kehre zu meiner Beichte zurück.

Ich verstehe es heute noch nicht, wie ich mich unterfing, von meinem schwanken Boden und Ich aus nach einem Glück zu tasten, das mir bis heute das treueste und wahrste geblieben ist. Wie ich mich erdreistete, einer Frau meine Hand anzubieten, sie aufzufordern, mit mir jenseits der Wasser ein auf Selbstverrat begründetes Weiterkommen zu suchen.

Tausend Franken, die mir in Hamburg ein Vertrauensmann meines Advokaten zuwandte, unter dem Vorbehalt, daß ich nicht in die Schweiz heimfahre, verstärkten mir gewiß meinen Mut.

Ich nehme voraus: Mein Fürsprech hatte vom Fabrikanten die für mich gutgeschriebene Summe längst erhalten, ja mehr noch, als mir versprochen worden war, sie aber, wie vieler Unvorsichtiger anvertraute Ersparnisse in Monte Carlo verspielt. Jagte sich, allerdings erst viel später, nachdem er noch manches verpraßt und verjubelt, eine Kugel durch den Kopf.

In Hamburg empfing ich nach und nach einige Tausend. Ich drängte nie. Bat nur, mich nicht im Stiche zu lassen, da ich nun einmal darauf gebaut hätte. Vernahm immer wieder die Zusicherung, man werde die Verpflichtungen voll einlösen. Heiratete und reiste, mit dem beschworenen Verheiß, mein ganzes Kapital in Valparaiso angewiesen zu finden, mit meiner Gefährtin nach Chile hinüber.

Alle Bemühungen, in ein anständiges Unternehmen hineinzugelangen, schlugen dort fehl. Nicht zufällig. Mein Advokat trug das Seinige bei. Er hatte mir, mit meinem Gelde, wenn ich es so bezeichnen darf, einen ehemaligen Sicherheitswächter nachgesandt. Dessen Auftrag, mich zu beaufsichtigen und zu verderben, ich keineswegs ahnte. Heimlich sorgte er dafür, – denn ich eröffnete mich ihm, – daß überall dort, wo ich anzuklopfen versuchte, vornehmlich bei Landsleuten, um Anstellung zu finden, einige Schlaglichter über meine Geschichte durchsickerten. Als ein Vierteljahr seiner Wirksamkeit verflossen war, verschwand er von der Bildfläche. Mir, dem Erpresser und Hochstapler aber bot niemand die Hand.

Der letzte Streich, den man gegen mich führte, war von allen der abgefeimteste. Ein über und über versiegelter Brief umschloß zwei Schecks im Betrage von sechstausend Franken auf eine Eidgenössische Bank. Ich bestimmte eine Deutsche Firma in Valparaiso, sie einzulösen. Zwei Monate weiter, und es kam lakonischer Bescheid, daß mein Rechtsanwalt gar kein Guthaben bei jener Kasse besitze.

 

Nach verschiedenen Irrfahrten bohrte ich bei der Punta Pichalo neben Pisagua an der Erdkruste herum. Schichten von vielfach zu Kristall gewordenem Vogelmist bedeckten die Klippen, die am Wüstenrande steil in den ewig blauen, von zahllosen Vögeln belebten Stillen Ozean abfielen. Stundenweit mußte das wenige Trinkwasser in Fäßchen auf Maultieren hergeschleppt werden. Bei sengender Glut grub ich mit einem jungen Schweden die von Salmiakdunst verpesteten Stollen. Er stammte von adeligen Eltern, hatte nicht gut getan, Wechsel gefälscht, und war als Schiffsjunge auf einen Dreimaster gesteckt worden. In Arica an der peruanischen Grenze lief er mit zwei Kameraden davon. Um durch die Wüste nach den großen Städten des Südens zu wandern. Mit einigen Flaschen Weines waren sie ausgezogen in die zehrende Hitze regenloser Tage. Die beiden minder kräftigen Weggenossen blieben liegen. Er selbst schleppte sich halbtot endlich nach Pisagua und brachte Nachricht von den Zurückgelassenen. Man fand ihre von den Aasgeiern blosgenagten Gerippe.

Meine Eheliebste besorgte den kargen Haushalt. Wir wären trotz allem vorwärtsgeklettert, wenn nicht der chilenische Staat auf unsere Minen Anspruch erhoben hätte. Ich mußte noch froh sein, durch die Hilfe des Konsuls nach Jahren rastlosen Handlangerdienstes mit Frau und Friedel heimgeschafft zu werden.

Wir hatten aus dem Guano einzig unser Töchterchen herausgerettet, ein Geschöpf, das von den märchenhaften Farben der nackten Wüstenerde erfüllt worden war. Der Wüstenerde, an welcher Ausläufer und Niederschläge von Gesteinsadern, von Kupfer, Kobalt und Silber offen verwitterten. Weshalb das Sonnenlicht schillernde Seligkeiten erdichtete.

In Hamburg traf mich der Warnungsbrief eines Freundes. Der Sicherheitswächter hatte, noch kurz vor dem Tode meines Advokaten ihm den Prozeß gemacht und als Hauptanklage seine Tätigkeit in meiner abscheulichen Sache geschildert. So, wie er sie kannte. Man riet mir von der Rückkehr ins Vaterland ab. Da mein ehrlicher Name besudelt und die Staatsanwaltschaft hinter mir sei. Bis in die Klatschpresse war mein Schicksal gedrungen.

Ich blieb als Zigarrenverkäufer. Nicht, ohne mich vorher den Gerichten zur Verfügung zu stellen. Wäre nicht nötig gewesen. Hätte man sich doch mit meiner Person dort keineswegs befaßt. Mit viel Geduld und Sparsamkeit glückte es mir, das Geschäft, in dem ich mich betätigte, leider zu teuer, zu erwerben. Daß ich zuletzt wieder Hudel und Hab versteigern mußte. Zog von Hamburg nach Berlin, wo es mich bös herumschlug. Bald war ich Kellner in einer Bierhalle, bald Hilfsbuchhalter, bald Direktor eines Automatenrestaurants.

Schließlich schob ich mich bis an die Heimatsgemeinde. Einmal abgeblitzt, verzichtete ich auf weitere Unterstützung. Jedes anständige Haus, bei dem ich mich um einen noch so bescheidenen Posten bewarb, wies mich ab. Mit 342 teilte ich am Ende den Beruf des Provisionsreisenden. Für Zeitschriften und Bücher auf Abzahlung. Heute ging's ordentlich. Morgen fehlte das Nötigste. Standhaft blieb allein meine Frau. Richtete mich auf. Teilte die armseligen Brot- und Kartoffelbissen. Klagte nie. Trotzdem sie ganz andere Tage in ihrer Jugend gesehen.

Gottlob, daß sie seit gestern für einige Stunden aufstehen durfte.

 
*
 

Aber noch einmal ritt mich der Teufel. Ich lechzte nach rascherem Aufschwung. Sparte, pumpte, fuhr in sämtlichen Kantonen herum, entlieh wieder, hatte Glück, bis die Brusttasche von fremden und eigenen Banknoten geschwollen war, wie ich sie schon seit Jahren nicht mehr gefühlt hatte.

In dem Augenblick warf mich der Zufall vor den Genfer Kursaal.

 

Seltsames Verhängnis für den Dichter, daß er den Zufall, der doch im täglichen Leben keine geringe Rolle spielt, nicht für sich in Anspruch nehmen soll. Zufall, dem man Verantwortung überträgt, der in der Dichtung das Geschick ihres Helden entscheidet. Eine Weltanschauung, die uns heute nicht mehr beruhigt. Der Aberglaube an die Vorbestimmung galt zu seiner Zeit. Solange der Mensch, der sich hienieden im Mittelpunkt des Alls wähnte, sein Schicksal aus dem Kreisen der Gestirne deutete. Sterne, die er nur als rätselhafte Inschriften in den Himmel, als geheimnisvolle Zeichen über das Kommen und Scheiden der Erdbewohner zu entziffern sich mühte. Jedes Begebnis hing von ihnen ab. Jedweder unserer Atemzüge war von ihnen bedingt. Vor wenigen hundert Jahren erfanden die Sterndeuter erst die Gesetze der Planeten. Erweiterten die Unendlichkeit des Unbegrenzten ins Unendliche mal unendlich. Kam uns die Winzigkeit unserer Insektengröße immer gewaltiger zum Bewußtsein. Hätten wir uns eigentlich auch über die allgemeine Ixbeliebigkeit unseres Daseins nicht weiter täuschen müssen. Weder konnten unsere Taten vom Himmel vorgesehen sein, noch waren wir von vornherein ohnmächtig gegen die Spiele, Angriffe, Erlebnisse und greifbaren Dinge, die uns die Umwelt entgegenwarf, in die unser Geborensein uns hineinführte. Sondern jeder Zufall wird dann zu dem, was uns zufällt, wenn wir es auffangen und irgendwie in die Kette der persönlichen Handlungen einreihen. Nicht die Gelegenheit macht uns zum Diebe, sondern der Stehlende erweist sich an der Gelegenheit, ob er zum Dieb zu werden vermag, oder nicht. –

 

Wie ich ins Spielen kam! War ich nicht immer haltlos gewesen? Nicht immer ein Abenteurer? Hatte ich nicht immer auf Karten gebaut?

Ich setzte die ersten fünf, zehn Franken. Gewann. Gewann einen Abend hindurch viele Hunderte. Reiste heim. Verschwieg meiner Frau den Zuwachs. Flog wieder nach Genf. Verlor. Gewann noch einmal. Verlor abermals, bis ich nichts mehr besaß.

Nun löste ich mich im Taumel auf. Rechnete Wahrscheinlichkeiten aus. Suchte die berühmten Systeme. Borgte meine Kundschaft an. Verfügte auf einmal über die Beredsamkeit, mir Betrag um Betrag, schließlich an die dreitausend Franken zu erbetteln. Verspielte, bis alles aus war und ich in Verzweiflung meiner Frau beichtete.

Sie machte mir keine Vorwürfe. Billigte meinen Entschluß, mich den Bezirksgerichten zu stellen. Einige meiner Gläubiger rieten davon ab. Wollten helfen. Mir sogar einen weiteren Vorschuß verschaffen. Damit ich diejenigen, die nicht warten mochten, befriedigen konnte.

Ich zeigte mich an.

 

Das Gefängnis umschloß mich wie ein steinerner Sack. Es ist nicht wahr, daß ich dessen Härten als Vergeltung empfand. Es war mir kein Trost, daß ich nach Sühne begehrt hatte. Ich zerrieb mich in Vorwürfen und Gelöbnissen für die Zukunft, für die ich in den endlosen Stunden keine Verwirklichung fand.

Nun ist die Not überstanden. Keine Widerwärtigkeit in der Welt und unter den Menschen scheint mir ungekostet zu sein. Gebt mir Arbeit, die meinen Kräften entspricht! Ich bin nicht dumm. Ich bin durchgesiebt und zur Besinnung geschüttelt.


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