Charlot Strasser
Wer hilft?
Charlot Strasser

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Man sah, wie er sich beeilte, vom Bezirksgebäude wegzukommen. Möglichst schnell in stille Straßen. Während er sich langsam die Hände rieb, ließ er alle zehn bis zwanzig Schritte das nämliche Lachen laut werden, in das er vor dem Beamten ausgebrochen war.

»Es ist gar nicht dumm, wenn ich lache,« zankte er halblaut vor sich hin.

Ein ganzes, vier Jahrzehnte hindurch auf den Schultern getragenes Schicksal lag hinter diesem Gelächter. »Falls solch ein Schreiber hätte beobachten können!«

Es war keineswegs sinnlos zu nennen, wenn er vorhin vor sämtlichen leeren Stühlen im Zimmer seine Referenz gemacht hatte, grübelte Fohrer. Allerdings verneigte er sich seit diesen vier Jahrzehnten immer vor leeren Stühlen. So tief sein steifer Rücken sich krümmen mochte. Wußte dabei, daß diese Begrüßungen eigentlich voller Widerwillen und Haß waren. Daß sie den Sinn enthielten: »Ich nehme niemanden an. Denke laut, was mir beliebt. Lebe nicht, sehe nicht, höre nicht. Deshalb ist die Welt, wie ich sie mir schnitze, meine Herren Stühle!«

Ja diese Stühle. Auf dem einen hatte die Anna gesessen. Eben – die Anna, – die – die Anna! »–e -he -he -he -he!«

Das einzige Frauenzimmer, das er gekannt hatte. Da war er noch grün und abenteuerlustig gewesen. Hatte den Blödsinn des Lebenwollens mitgemacht. Kam sich großartig vor. Eine Frau war ihm gefügig, untertan. Für eine besondere Auszeichnung hielt er das. – »Unerhört. Unerhört.« – Wollte etwas Verbotenes erfahren, sich über die Sittlichkeit stellen. Dann, als sie ein Kind von ihm zur Welt bringen sollte, moralisch werden. Sie heiraten. Ein Kind lieben, das ihm die Fortsetzung des Lebens über den Tod hinaus in die Ewigkeit bedeutete. »–e -he -he -he -he -he. Zum Totlachen!« Ein Kind, das auch die Anna retten, sie besser machen, ihr zur Aufgabe, zum Ernst, zur Freude erwachsen mußte.

Eines Tages hatte sie geantwortet: »Zimmerherr! Natürlich wünschte ich einen Zimmerherrn. Aber einen besseren. Mit dir bin ich sowieso hereingefallen, Kanzlist. Die Mutter mag dich nicht. Du bist ihr zu dürr. Was glaubst du – die wird mir schon den Goof mit Sympathie wegbringen! ›Er muß weg,‹ sagt sie. Hast du dir's etwa träumen lassen, ich liebte dich ewig? Fällt mir nicht ein. Komplett vorbei. Ich kann Reicheres haben. Nobleres. Ich brauche mich nur zu verstecken. – Meinst du, das wird einer merken, daß ich schwanger gewesen bin?« Sie hat zu jener Zeit gesponnen, die Anna. Spann wirklich. Und er, Schürzenanbeter, hoffte, sie werde nicht tun, wovon sie faselte.

Nicht im Schlaf wäre ihr aufgegangen, wie er vorgesorgt hatte. Was für stattliche Ersparnisse er besaß. Das verriet er nicht. Das ahnte bis zum heutigen Tage keiner, wo der Strumpf hing. »E-he -he -he -he! Der Strumpf! Der Bezirksanwalt, – wenn er wüßte!« Aber den sollte er nicht bekommen. Vielleicht behändigte ihn einmal der Staat. – Es ging nicht mehr lang. Die Ohren eiterten, Gottseidank, beständig.

O, wie er die Welt haßte! Seelenvergnügt machte ihn der Gedanke an das Ohr. An den baldigen Tod. Darum hatte er auf Seite sechs des Dienstbüchleins, auf der er den Eintrag über das kranke Gehörsorgan als die schriftliche Garantie seines demnächstigen Abgangs betrachtete, vermerkt: »Alle anderen Blätter habe ich kremiert, indem für mich nun gänzlich unnötig. Ebenso den Einband. A. F. 1910.«

Seit Jahren führte er den Vorsatz durch, zu vernichten, was nicht unentbehrlich war. Wenn er bloß das schmerzlose Mittel gefunden hätte! Eigentlich machten es die Schmerzen auch nicht. Der Schuß konnte daneben gehen, die Schlinge abgleiten, das Wasser zu seicht sein. Hernach wäre es schlimmer als zuvor. Man hörte genug von mißlungenen Versuchen. Das stand für ihn fest: Dieweil man keine Lust hat, muß das Schnaufen von selbst ausorgeln. Außerdem erquickte er sich am Besitze eines unheilbaren Augenleidens. Rechts sah er fast nichts. Das Licht tat ihm sogar ziemlich weh. – Und dann damals, als er einen Liter besonderen, überaus besonderen Most getrunken hatte, brachte er es zu einer recht schönen Ohnmacht. Mißlicherweise gelang das Experiment ein zweitesmal nicht mehr. Alles Fatale kam im Gefolge des dauernd vorzüglichen Appetites. Essen war die Ursache allen Übels. Gab immer wieder die Säfte zum Weiterleben. Wie idiotisch, sich zu füttern, um zu vegetieren! Das Frühstück hatte er bereits abgeschafft. Gedachte, in dieser Richtung noch viel zu erreichen. Wie unsinnig, zu schuften, um den Magen zu füllen. Nur nicht arbeiten! Dadurch hätte man neue Freude am Dasein gewonnen. Also möglichst spät aufstehen. Wer früh auf den Beinen ist, hält sich frisch. Der zuverlässigste Trost blieb der zwar in der Jugend bedeutend schlimmer gewesene Ohrenfluß. Aber die Besserung brauchte nicht von Bestand zu sein. Mußte in einer Gehirnentzündung ausgehen.

Alwin Fohrer hielt plötzlich vor einer Laterne still. Verbeugte sich, wie vor dem Stuhle, auf dem der Untersuchungsrichter gesessen hatte. Hörte, als ob es aus weiter Ferne geklungen hätte, fragen: »Sie bezeugen hiemit, daß Sie am Nachmittag des 11. Januars 1867, zwischen fünf und sieben Uhr mit der Angeschuldigten am Färbergraben herumliefen?« Alwin Fohrer hatte den »Spaziergang« haargenau beschrieben. Vielleicht eine halbe Stunde erzählte er. Niemand vermochte zu beweisen, daß es anders gewesen war. – Und einen Teil der nämlichen Zeit hatte er doch oben im dritten Stock, im Hofzimmer des Hauses 49 an der Mertensstraße gekämpft. – Dumm, daß man diese Straßennamen nicht vergessen konnte, – sinnlose, schulmeisterliche Menschengewohnheit, Lücken zwischen Häuserreihen zu taufen. – Körperlich gekämpft, gerungen hatte er mit den letzten Kräften. Freilich war er schwächlicher gewesen als die Anna. Aber sie hätten ihr nur die Arme entblößen müssen! Die blauen Griffe waren noch lange sichtbar. Sie war furchtbar, die Anna. Verrückt, wie ein Tier. Nein, im Grunde war kein Tier so. – Wochenlang hatte sie sich verborgen. Kein Tier verbirgt sich geschickter, wenn es Junge bekommt. War von der Mutter zum Schnapstrinken angehalten worden. Sonst hätte sie das alles nicht getan, was nun folgte.

»Ja, Herr Untersuchungsrichter,« – dazumal hießen sie Untersuchungsrichter, – »ja, ja. Wir rannten hinter der Anna her. Und das Kind lag zuhause in ihrem Bett. Und als wir herankamen,« sagte der Alte und verneigte sich gegen die Straßenlaterne hin, »bedeckte das Kissen sein Köpflein. Und war der Leib schon eiskalt.«

Als Fohrer einen Polizeimann auf sich zuschreiten sah, nahm er selbst wahr, daß seine Unterhaltung mit dem Kandelaber sich sonderbar ausnehmen mußte. Verzog sich um die Ecke in das alkoholfreie Restaurant des Frauenvereins, wo er seine Vesperatzung bestellte. »In dem Fall sind die Weibsbilder zu etwas nütz,« pflegte er sich vor seiner Inkonsequenz zu entschuldigen.

»Ich bin sehr merkwürdig. Unerhört merkwürdig.«


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