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Aus den Berner Knabenjahren

1849-1856

Die glückliche Jugendzeit

Ist sie wirklich so glücklich? Ich glaube, wir verwechseln den poetischen Schimmer, den unser Heimweh über die Jugendzeit zurückwirft, mit dem wirklichen Gefühlszustand der Jugend. Unwillkürlich betrachten wir das Kind für einen halben Menschen, Kinderleiden für kleine Leiden, Kinderschicksale für Diminutivschicksale.

In Wirklichkeit ist das Kind, was sein Gemüt betrifft, ein Vollmensch wie wir, mit eben so großem Ichgefühl, mit der nämlichen Leidensfähigkeit. Seine Schicksale sind keineswegs kleiner als die unsrigen; das Kind wird von den Naturnotwendigkeiten und von den Härten der Natur nicht durch Schonung privilegiert, vermag auch durch keine elterliche Fürsorge vor den schlimmsten Erlebnissen der Erwachsenen geschützt zu werden: vor Krankheit, vor Schmerzen, vor chirurgischen Eingriffen, vor Unfällen, Katastrophen und Tod. Ein vierzehnjähriges Kind mit Zahnschmerzen leidet darunter nicht weniger als ein Vierzigjähriger; bei einem Eisenbahnzusammenstoß werden die Kinder nicht gelinder zerquetscht und verspüren dabei nicht geringere Qual als die Erwachsenen.

Im Gegenteil, die Grausamkeiten des Naturweltlaufes treten an das Kind häufiger heran als an den Erwachsenen; es ist öfter krank, fiebert häufiger, erleidet ungleich mehr Unfälle, liefert dem Tode massenhaftere Opfer. Der Natur gegenüber ist das Kind ein Mensch, der sich noch ungenügend angepaßt hat, der sich noch nicht an die Welt zu gewöhnen verstanden hat und ihr daher wehrloser gegenübersteht. Das ist ein sehr ernster, keineswegs zu belächelnder Zustand. Auch sein Gemüt besteht die Proben der Natur und des Schicksals schlechter als der Erwachsene, weil es noch nicht mit langen Zeitläufen zu rechnen versteht, weil es darum den Trost »es wird später wieder besser«, nicht versteht, weil es ferner die moralischen und geistigen Trost- und Stärkemittel noch nicht besitzt. Wie oft und wie bitter weint ein Kind! was für eine Verzweiflung beschleicht es bei einem grauen Regentag; wie endlos und hoffnungslos erscheinen ihm die Schulsorgen und Schulplagen! Es hat zwar vernommen, aber es vermag es noch nicht mit dem Herzen zu glauben, daß das jemals aufhören werde; deshalb, weil es das Zeitmaß nicht hat; und es kann das Zeitmaß nicht haben, weil für das Kind der Lebensanfang in mythischer Vorvergangenheit, in einer Art privater Ewigkeit zurückliegt. Und nicht zu vergessen, das Kind erleidet niederschlagende Seelenzustände, von denen der Erwachsene gar nichts mehr weiß. Zum Beispiel die Langeweile, der tägliche Plagegeist des Kindes, das noch nichts aus sich selber herauszuschöpfen hat, alles von außen beziehen muß. Und dann die Furcht! die Angst! Furcht vor Tieren, in den ersten Lebensjahren sogar vor jedem unbekannten Menschengesicht, Angst vor Gespenstern, Angst vor Einsamkeit oder Fremde, kurz Weltangst, Angst in den Träumen und leider sehr bald und fortan immer mehr Angst vor den Strafen. Ja, die Strafen! Wäre es auch nur darum, daß ein Kind, ein Bub oder ein Mädchen dem ewigen Ermahnen, dem Schelten, den drohenden Strafen im Elternhaus oder in der Schule unterworfen ist, daß es zittern muß, wenn es »seine Aufgabe nicht kann«, so würde ich das Glück der Jugend bestreiten. Es ist denn doch in der Tat vom Schlimmsten, was einem Menschen widerfahren kann, daß er in die Lage versetzt wird, vor einem andern Menschen zittern zu müssen oder sich von ihm schelten zu lassen, ohne das Recht zu haben, ihm zu erwidern.

Kurz, ich bin der Ansicht: die Jugendzeit und vor allem das Kindesalter ist alles andere eher als ein beneidenswerter und glücklich zu preisender Zustand.

Und die Moral davon? Ja, muß denn jede Wahrheit einen Moralschweif haben? Ist denn die Wahrheit ein Angestellter des Erziehungsdepartementes? Übrigens wenn man durchaus will, so wüßte ich schon einen Moralschluß zu dem Gesagten: die Kinder öfters trösten, ihnen täglich zeigen und ihnen auch offen gestehen, daß man sie lieb hat, und sie weniger unaufhörlich erziehen, ermahnen, verbessern, tadeln, maßregeln und schelten.

Wir werden in der Jugend viel zu viel gescholten.


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