Willy Seidel
Die magische Laterne des Herrn Zinkeisen
Willy Seidel

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Das Echo von früher

Zinkeisen hatte kein Glück mit seinen Geschäftsbesuchen. Teils waren die Parteien, auf die er es absah, seit dem Krieg nicht mehr am Platze; teils wurde er mit einer so eisigen, auf schnellste Abfertigung erpichten Miene empfangen, daß er es mit seiner Würde nicht vereinigen konnte, ein Plädoyer des im Schwefelgeruch schlimmer Tücke stehenden Vaterlandes und insbesondere des eigenen wohlmeinenden bedrückten Selbstes zu führen. Schon nach drei vergeblichen Besuchen merkte er endgültig, daß der Wind zu scharf wehe, um den Musterkoffer am Horizonte auferstehen zu lassen – ganz zu schweigen vom blauen Band irgendwelchen Völkerbundes, das es bieder zu schlingen gelte. – Ganz im Gegenteil erfuhr er Herbes, Nachteilig-Unhöfliches, geradezu unmotiviert Aggressives.

Wir wollen seine Märtyrerfahrt nicht in ihren einzelnen Etappen aufhellen; genüge es, allgemein anzumerken, daß die Geistesverfassung der »Straits Times« es Herrn Zinkeisen noch nicht gestattete, sich als Menschen zu empfinden. Er sprach auch später sehr ungern von der Art und Weise, wie man ihm das deutlich machte.

Mittlerweile, gänzlich erschöpft und eingeschüchtert, suchte er als letzten Schauplatz seiner damaligen Tätigkeit das Adelphi wieder auf, in der Hoffnung, Maloney daselbst noch anzutreffen und Erinnerungen mit dem sanguinischen Iren zu tauschen. Auch hier sollte er enttäuscht werden. In apoplektischer Bonhommie, im Wasserfett ungezählter »High-balls« blühend, war der Gute zwar noch zur Stelle, jedoch entsann er sich Herrn Zinkeisens, wie er mehrfach mit ebenso forscher wie falscher Bestimmtheit diesem ins Gesicht hinein versicherte, durchaus nicht. Es helfe nichts, daß er, Maloney, sich den Kopf zerbreche. Sein Gedächtnis habe gelitten; er sei nicht mehr der Alte . . . Worauf er sich ostentativ und fröhlich anderen Gästen zudrehte, bei deren Anblick sein Gedächtnis sich auffallend schnell erholte. – Zinkeisen blieb noch eine Weile unschlüssig stehen, kaum konnte er's glauben. Seine Würde war schon so wachsweich geworden, daß sie einen Sprung mehr oder weniger bereits hinnahm ohne aufzuzucken. – So kehrte er sich schließlich seufzend ab.

»Ich erinnere mich durchaus nicht!« rief ihm Maloney nach. »Viel Vergnügen für den Abend, Herr!« – was bei Zinkeisen ein heftiges, eindeutiges Echo auslöste. Er sprach die Antwort nicht laut aus. In ihm saß dumpfe Verwunderung, daß ein Mensch innerhalb von neun Jahren zum Reptil werden könne. War er vielleicht nicht ganz passend gekleidet fürs Hotel? Er sah an sich herab . . . Ja, richtig; sein nachmittags so blühender Anzug war bereits verschmutzt und von verdunsteter Feuchte zerknittert. Er prüfte sein Kinn: Gott sei Dank, die Rasur wenigstens hatte Stich gehalten. Diese verfluchten Leinenanzüge . . .

Vor sich hinmurmelnd durchschritt er den Hof des Hotels. Ihm war dabei, als werde er aus all den Empfangsräumchen der Zimmer mit grauen Blicken beschossen. Sie wollten ihm nicht einmal übel, diese Blicke; sie löschten ihn einfach aus. Eine Assel war er, die schnell über den Hof schoß – sie sind lediglich zu faul, die Engländer, um die Füße von den Tischkanten zu nehmen und das Insekt mit einem Fußtritt breitzuziehen.

– – – Auf der Terrasse fand er ein Tischchen. bestellte sich ein Menu und lauschte zunächst den Klängen des Mischlingsorchesters. Es war wie früher, nur spielten sie diesmal nicht Wagner, sondern Sullivan.

Der Boy brachte ihm eine Flasche Haig & Haig auf einem versilberten Tablett und einen großen Siphon. Zinkeisen war sehr deprimiert, und in seiner Seele sah es schwarz aus wie am nächtlichen Himmel. Lichtblicke schienen nicht zahlreicher drein als die schwachblinzelnden Sternchen. Er stocherte ein wenig in der stark gewürzten Platte umher, jedoch nur, um sich den Durst zu schärfen, der sich allmählich regte. Nach der schweißtreibenden Hetzjagd des Nachmittags war das kein Wunder; einige Weinerlichkeit saß ihm unter der Kehle innerhalb der Brust und verlangte dringend nach Überschwemmung – wie eine glimmende . . . Häkelspitze . . .

Man hatte barbarisch in der guten Stube gehaust, die Zinkeisen in sich herumgetragen; nasenrümpfend hatte man sich darin bewegt und alles kurz und klein geschlagen, ohne Respekt vor Gerafftem und Gescheuertem . . . Der Steward saß, zaghaft an seiner schwarzen Zigarre saugend, still im Winkel, den die von Bougainvillia dicht besponnene Häuserwand mit dem Terrassengeländer bildete, und stierte mit aufgerissenen Augen, die zu zwinkern vergaßen, geradeaus . . .

Ihm gegenüber stand ein unbesetzter, reservierter Tisch, vom aufzischenden, weißblauen Licht der Bogenflamme übersprüht.

Auf einmal schien der Tisch umringt von Leuten in weißen oder rohseidenen Smokings. Zinkeisen wunderte sich kaum; nur ein seltsamer Frieden zog in sein Herz. Die Leute wirkten ein wenig schemenhaft, doch das störte ihn nicht. Sie lärmten und pokulierten; wie aus weiter Ferne klang's; merkwürdig deutlich . . . Sie stießen an mit hohen, zylindrischen Gläsern, und auf einmal wandten sie wie ein Mann die Gesichter zu ihm hinüber, breit grinsend, und riefen: »Hello, Eddy! – Here 's to you!«

Der Ruf klang, gesondert vom Orchester, wie von einsamer, entrückter Ebene herab; und jetzt drehte auch noch ein junger Melancholiker, der bei ihnen saß, den Kopf und schickte einen unbeteiligten Blick hinüber. Und Zinkeisen hatte gleichfalls sein Glas erhoben und rief ins Blinde und Leere hinein, mit kurzer, schneidiger Stimme: »Same to you, gentlemen!« – worauf er das Glas kommentmäßig stramm auf den Tisch zurücksetzte. Sein Mund blieb offen stehen; plötzlich erkannte er im Gesicht des Majors Prendergast dieselben Züge wieder, denen er vor nicht allzu langer Zeit im Rauchzimmer des deutschen Hotels seinen ganzen Abscheu vor dem Leben gebeichtet . . . Ha! Das war derselbe Mann gewesen, derselbe!! . . . Ein wenig älter hatte er ausgesehen; nun, die Kriegsjahre bewirkten das . . . Der saß nun da . . . wie war das doch? . . . Der saß nun wieder dort drüben . . . Wo? Wo? – die Bogenflamme zischte; der Tisch war leer. Teufel auch, wie deutlich man derartiges wiedererleben kann, im Gedächtnis! Und langsam, wie wenn eine Geisterhand Stück nach Stück zu einem Mosaik füge, tauchte das Bild des Abends vor neun Jahren, der hier an dieser Stelle begonnen, im Rauschen der Orchestergeigen wieder auf . . .

Jäh packte ihn eine Eishand ans Herz: Er war kein freier Mann mehr. Der Urlaub vom Kapitän!!

Er riß seine Uhr heraus; es ging auf halb neun. Der Urlaub war überschritten. Fast gleichzeitig mit dieser Feststellung kam aber eine große Gleichgültigkeit, über die er sich, mit scheuem und immer keckerem Erstaunen, kaum mehr verwunderte. Angeschnauzt, dachte er, werde ich auf alle Fälle, ob ich nun jetzt zurückkomme oder morgen früh . . . Mit dem Löschen ist man ja doch nicht vor morgen nachmittag fertig, und ich habe meinen »Permit to land« in der Tasche . . . Warum soll ich mir nicht ein gründliches Wiedersehen gönnen mit dieser Stadt?

Diese Gedanken kamen ihm nicht wörtlich; es war nur ein instinktiver Trotz, der ihn die Uhr wieder in die Tasche versenken ließ . . . Er zahlte und ging. Seltsam schloß sich der Kreis, wiederholten sich die Phasen des damaligen Abends. Bei allem, was auf ihn zukam, spürte er Bekanntes – als habe man ihn wie ein mechanisch dahinschnurrendes Spielzeug auf eine vorgezogene Bahn gesetzt. Er ging durch die Hotelhalle und stand im Eingang. Herrgott, diesen Kuli, der dort wie ein ruhendes Kamel ungelenk auf seine Füße kam, kannte er doch! Das zerknitterte, alterslose Gesicht! Die ruhelosen Rattenaugen!

Mit großer Selbstverständlichkeit trat der dunkle Herr aus Bronze wieder auf den Plan. Zinkeisen sagte nichts; äußerte keinen Wunsch. Er lehnte sich im bemalten Kasten zurück und ließ sich dahintragen. Und siehe: die fatalistische Traumfahrt blieb ihrem Ziel treu; er war der Würdenträger in der Sänfte . . . Ein großes, träges Glück umspülte ihn mit den feuchten Atemstößen des Monsun, der dieselben von chinesischen Schriftzeichen bedeckten Wimpel wie einen Flaggenwald bewegte. Da war das von bunten Lichtern schwärende Loch, und darüber tauchten grell sich ins Hirn ätzend die transparenten Buchstaben auf: »City Opera...«

Es kam so, wie es kommen mußte. Zinkeisen geriet nicht in die vorderste Loge, sondern in eine der Bankreihen. Er war sehr betrunken.

Ein rosa Zettel wurde ihm in die Hand gedrückt, und darauf entzifferte er taumelnde Buchstaben, lallend die Lippen rührend: »... will present... The Most Comical Play... Baktom & Baktim...« Auch dies berührte ihn seltsam bekannt. Sehr nett, dachte er. Man hat das Programm nicht geändert seit damals . . . Seit neun Jahren; das ist doch wenigstens konsequent; ist etwas, worauf man sich verlassen kann . . . Ja, auf den Osten kann man bauen! Er ist herrlich zeitlos! Immer bleibt es dasselbe! So ein kleiner Weltkrieg: – Was kümmert der diese Leute? –

Es ist noch zu berichten, daß zwei Chinesen, gut gekleidete Herren sich seiner annahmen und ihn von beiden Seiten stützten. Seine Bemühungen, diese freundliche Hilfe dankend abzulehnen, schliefen zusehends ein. Sein Kopf war hinreichend klar, um eine kleine Unterhaltung zu führen. Die gelben Herren (eigentlich, wenn man's genau nahm, einwandfreie gentlemen!) wußten seine Pointen zu schätzen und lächelten mächtig. Es ist doch schön, es mit gebildeter Gesellschaft zu tun zu haben. Wozu soll man auch so prüde sein! Gelb ist eben gelb, in Gottes Namen! Sind es deshalb keine Menschen?

Ein Gefühl der Dankbarkeit beschlich ihn. Bei der Suche nach Zigaretten, die er ihnen anbieten könne, erwischte seine Hand ein Stückchen Kartonpapier, dessen Herkunft ihm im Augenblick nicht klar war. Er versuchte, es zu entziffern: die Chinesen halfen ihm dabei. »Individual Service,« stand darauf, »111, Chin-Chew-Street.« Wenig mehr; noch ein kleingedruckter Name. – – »Sollen wir Sie dahin begleiten?« fragte der eine der Hilfreichen; und der andere, wie ein Papagei: »Es ist eine gute Adresse . . . Sehr gutes Haus . . . veely good house... nice boys... nice girls...«

»Wird gemacht«, sagte Zinkeisen und verließ den Schauplatz mit seinen Freunden. – Wie er dann dahin geriet, war ihm nicht ganz klar. Nur einzelne Bilder blieben ihm hängen: mit einer seltsam farbigen, fremdartig-beklemmenden Wollust getränkt . . . Wie aus dem geschnitzten schwarzen Rahmen einer Tür hervor ein nackter Chinesenknabe ihm entgegentrat mit mattweiß schimmerndem Körper; – wie dieser ihn im rotgoldnen Licht von Lampions durch leis brodelndes Geräusch von Gesprächen steuerte, durch einen Haufen hockender oder liegender brauner Leiber, deren Tücher wie ein Beet von Feuerlilien prunkten; durch eine Decke von Hanfnebel, der in Schichten über Kämmen aus Schildpatt oder in blinder Brunst emporgedrehten Gesichtern schwankte . . . Es ging eine Treppe hinauf, steil wie eine Hühnerleiter, immer an der Seite des glatten, schmiegsamen Körpers, der ihn zäh und zielbewußt mit sich zog. Bedauernd schnalzte der nackte Knabe mit der Zunge über die Mühe, die es unseren Helden kostete, Schritt zu halten, – oder er lachte leise, wenn er dessen willenlose Bereitwilligkeit merkte . . .

Man landete auf Bastmatten. Von irgendwoher, in einen abgedämpften Lichtkreis, schoben sich zwei kindliche Tänzerinnen. Hundert jagende Pulsschläge lang hielten sie, ohne zu schwanken, scharfabgezirkelte Posen fest, um dann ruckweise wieder wie erstarrt im Übermaß einer grotesken Unersättlichkeit zu neuen Bildern zu wechseln. – Hinter ihnen entstand langsam dunkler Blumenprunk und Blitzen von Messing und Silber: eine fette Frau schob ihre Fülle aus dem Schatten, bis ihr schwacher Umriß zuletzt wie ein verdrossener Dämon aus einem Shivatempel den Hintergrund wuchtig füllte. Erst als sie sich regte, ward sie Mensch, ward zu einer netten, humoristischen Matrone, die es mütterlich mit Herrn Zinkeisen meinte und sich auf ihre Krötenart ungeheuer geschmeichelt benahm um dessentwillen, daß er ihr Etablissement mit seinem unschätzbaren Besuch beehre . . . Sie war in grellfarbig bedruckte Seide gewandet, und er hatte das Gefühl, als sei er ihr schon irgendwann einmal begegnet.

Und aus seinem Gedächtnis drängte sich ein Bild hervor: Eine offene Hackney-Droschke, in der ein junger Engländer denselben Pascha gespielt, den er selbst jetzt spielte. Der war umringt gewesen von sehr ähnlichen Figuren, und wurde gleichfalls betreut von einer feisten, sehr teuren und alterslosen Matrosen-Mutter . . .

Tragische Heimkehr

Gefühl eines Dampfbads, Atemnot und endloses Hufgetrappel. Und stechende Sonne.

Zinkeisen riß die Augen auf und hatte den Nachhall der Schiffssirene im Ohr. – Er saß mit dem Rücken gegen eine Mauer gelehnt und blinzelte. Viel Farbiges und Grelles bewegte sich um ihn herum. Das Schattenband der Mauer war geschrumpft, so daß die Hitze von seinen Knien auf die Brust gelangt war. Wie er hierher gelangt, und wo er überhaupt war, blieb eine erbarmungsvolle Minute lang wesenlos für ihn. Als sein Hirn zu funktionieren begann, erkannte er zunächst, daß er maßlos schmutzig und abgerissen aussah. Und dann begriff er, daß es Mittag sei, daß er an der Wharf sitze, daß es die Schiffssirene seines eigenen Dampfers sei, die geheult hatte.

Mit zitternden Knien stand er aufrecht und versuchte, seine Uhr herauszureißen. Vergebens; er fand sie nicht. Ohne sich länger aufzuhalten, stürzte er durch die Holzhalle, die auf der Anlegeplattform errichtet war, mit besinnungslosen Hechtsprüngen an die Bootsstufen. Hier saß der Alte, in dessen Boot er gestern hier gelandet, geruhig kauend in seinem Sampan. – »Ship! – Ship!« stieß Zinkeisen hervor und bezeichnete den Dampfer; worauf der Alte selbst – da der Junge fehlte – eifrig und zäh nach der Ruderbank kroch und anhob, mächtig auszuholen. Sein zerknittertes Gesicht war demütig-freundlich; er erkannte den Tuan von gestern. Wenn er über dessen Zustand verblüfft war, so versteckte er's so geschickt im Schatten der Hutkrempe, daß man ihm keinerlei Emotion anmerkte . . . Die knorrigen Arme rührten sich wie eine Maschine; wie aus siedendem Teekessel fuhr die Luft aus den morschen Lungen. – Allmählich erkannte auch Zinkeisen den Alten. »Nur feste geschuftet, alter Gauner«, dachte er und betrachtete ihn böse. – Dann, mit ins Riesenhafte steigendem, kaltem Entsetzen, befingerte er, ohne ganz den Mut zu haben, sie herauszuziehen, seine Brieftasche. Sie schien vorhanden zu sein; auch die Papiere; aber . . . das traute Knistern der Dollarscheine fehlte gänzlich. Er hatte nur noch einen kleinen Rest auf dem Schiff. Und dieser grinsende Tagedieb hier, dieser alte Kuppler, steckte mit der ganzen Gesellschaft, die ihn ausgeplündert, unter einer Decke, und er konnte ihm nicht einmal an den Kragen!!

Er kam noch gerade zurecht, als man im Begriff stand, die Treppe hochzukurbeln, und als die letzte Kiste, von kreischender Dampfwinde gehißt, in den Bauch des Schiffes hinabpendelte. Die Kohlenschlepper, in ihrem geleerten Kahn, ließen ihr Schnattern in einen Abschieds-Singsang übergehen; knapp zwischen Schiffsrand und Kahn landete der Sampan, zum letzten brausenden Schrei der Sirene, und der Alte, keuchend wie ein Tier, heischte seinen Lohn. – »Den kannst du dir bei deinem jungen Galgenstrick holen, der meine Dollars hat!« schrie Zinkeisen ihn höhnisch an und schwang sich auf die Treppe. Zäh und geifernd wie eine Spinne kroch der Alte ihm nach. Da stieß der Steward ihn mit dem Fuß zurück und landete mit zwei Sätzen im Zwischendeck.

Was tat nun der Alte jetzt dort drunten? – Ja, das ekstatische Stockzahnlächeln – das war ihm vergangen. Herabkollernd verzerrte er das Gesicht zu einem seltsamen Ausdruck, als ob er flöten wolle; – die Augen verdrehten sich, bis sie wie Perlmutter heraufschimmerten. – Und jeder, der seine Finger nach hinten unter die Jacke tasten sah, hätte Zinkeisen wohl in aller Freundschaft geraten, in Zukunft in Singapore lieber nicht mehr an Land zu gehen . . .

– – – Das Gerücht von dem Zustand, in dem er seinen Landurlaub beendet, drang alsobald (um dies kurz abzuhandeln) zu Ohren des früheren Kapitäns zur See, jetzigen Frachtdampfer-Bosses; dieser sah »rot« und kündigte ihm prompt ab Heimatshafen. – Zinkeisen versuchte keine Beschönigung; er hatte das Schiff blamiert. Er erledigte seinen Dienst schlampig, rasierte sich seltener und verwahrloste . . . Ja, so weit war es nun mit ihm gekommen. Die glatte Mauer, die das ersehnte Ausland ihm entgegengestellt, hatte ihm eine Stirnbeule eingetragen . . . wie eine Hirnerschütterung war's, eine leichte Verblödung.

Zuweilen träumte er von seiner Frau; es waren angenehme Träume. – Ein offener Kimono spielte eine Rolle darin und ein Gefühl von Versorgtsein und saturiertem Paschatum. Ganz intime, längst entwöhnte Genugtuungen schwemmte das Unterbewußtsein mit herauf, so daß die Person viel von ihrer Farblosigkeit verlor und, von Regenbogenrändern umrissen, eine emsige Tätigkeit in seinem Gemüt hervorrief.

So bewölkt die Aspekte für ihn also waren, so saß doch im Hintergrund die angenehme Erwartung des Wiedersehns und der Möglichkeit, ihr klarzumachen, daß er sie im Grunde sehr schätze. Seine Rauheit beim Abschied: nun wohl, das war die Entgleisung gewesen von jäher Unternehmungslust und demnach emporschwellender Männlichkeit. Man fühlt sich eben von den Weibern gelangweilt, von ihren Zaghaftigkeiten und zimperlichem Getue . . . sie müssen einen Dämpfer kriegen; – aber (und Zinkeisen, beim Servieren, legte einen Finger an die Nase) ebenso auch einmal einen anerkennenden Klaps, wenn sie bei der Stange bleiben und sich strapazieren. – – Solchen auszuteilen und die Beziehungen einzurenken, war er jetzt nach der Heimat unterwegs. Mit den Herrlichkeiten der Welt war es nichts mehr; und nun begann man den Spatz in der Hand zu schätzen.

Abgesehen von solchen Erwägungen leichter Reue und stetig wachsenden Heimwehs, spürte Zinkeisen, wie begreiflich, eine gewaltige Melancholie. Seine schöne Selbstsicherheit von früher, seine runde Eitelkeit hatte eine kranke Stelle, die langsam an ihr fraß . . . So, als zeige sich im Gerüst seiner Seele ein Rost, der die Vernietung lockere. Dem Parademarsch seiner Gedanken hatte die rauhe Welt ein »Rührt euch« zugebrüllt; nun waren sie aus der Ordnung geraten und stießen sich schmerzhaft. Mathilde, die kleine intensive, wenn auch farblose Person, mußte wieder Befehle erlassen, damit wenigstens eine »Schlange« daraus wurde, eine Queue, – damit die Begriffe anstehen konnten dort, wo es eine neue stramme Montur für sie gab.

Er beschloß, ihr nichts zu schreiben; von der Kündigung durfte sie nichts erfahren; Blamage vor ihr fürchtete er jetzt wie Feuer. Er würde einfach auftauchen, wieder da sein – schlechte Auslandskonjunktur . . . Mündlich ging es alles viel besser; auch waren seine Hände vom Servieren und Spülen so zittrig und steif geworden, daß ihn die gewohnte Kalligraphie, so oft er's probierte, im Stich ließ.

Kaffeestündchen zu dritt

Ich liebe«, sagte Herr Brecht. »den Kaffee stark gesüßt. – Geben Sie mir noch etwas Zucker, Frau Zinkeisen.«

»Hier! Gern!« sagte Mathilde sehr eifrig und schob ihm die Zuckerdose herüber.

»Ich würde es vorziehen,« beharrte Herr Brecht, »den Zucker von Ihnen persönlich in den Kaffee geworfen zu bekommen.« – – Man sieht, er war in neckischer Stimmung und veranlaßte durch seine Beharrlichkeit die kleine Frau, sich auf das Sofa neben ihn zu setzen, um seinen Wunsch zu erfüllen. Herr Brecht, das wußte sie, liebte es, wenn man ihm auf dem Buchstaben gehorchte. – Nicht bloß an der Schreibmaschine. – Während dieses Intermezzos geschah die Katastrophe (doch hier ist es unerläßlich, daß ich einen Scheinwerfer auf die Situation richte).

Herr Brecht hatte sich mit seiner neuen Sekretärin außerordentlich gut eingearbeitet. So war es ihm auch denn zur Gewohnheit geworden, die kleine Frau nach Büroschluß noch etwas zu begleiten. Einerseits schützte er sie auf dem Heimweg, und andererseits tat es ihm gut, noch etwas frische Luft zu schöpfen. So verband er mit seinem angeborenen Sinn fürs Praktische das Angenehme, nämlich die Erfüllung einer Kavalierspflicht mit dem Nützlichen; schlug sozusagen zwei Fliegen auf einen Schlag. Daß er sich zuweilen davon überzeugte, daß die kleine Frau auch gut in ihre Wohnung hinaufgelangte, war eine freiwillige Erweiterung dieser Kavalierspflicht; daß während solcher Inspektion auch der Genuß eines Täßchens Kaffee seine Gründlichkeit belohnte – wer will es ihm verübeln? Nach außen hin sah es zwar so aus, als hätte er für seine Erholung andere Tageszeiten wählen können als ausgerechnet ein Uhr nachts . . . Jedoch: was wissen wir? Schreiben wir in kleinlicher Weise einem vielbeschäftigten Mann etwa die Stunden vor, wann er sich erholen soll?

– – – Es kann des Verständnisses wegen nicht verschwiegen werden, daß der Arm Frau Mathildes mit dem seinen in Kontakt geriet, und daß er in eigenmächtiger, geradezu herrschsüchtiger Weise diesen Arm als Schal für seinen Hals verwendete, obwohl es heute im August 23 keineswegs zugig in der Wohnung war. Doch vielleicht war Herr Brecht in bezug auf Hexenschüsse besonders empfindlich. Mit einer Bewegung, die leider sehr nach mechanischer Gewohnheit aussah, ergriff er einfach diesen Arm und zog ihn sich versonnen um die Schultern seines prachtvoll geschnittenen und prallsitzenden Cutaways. Dies muß alles gesagt werden, damit man begreift, warum das Folgende passierte.

Drehte sich nicht plötzlich der Schlüssel in der Gangtür? – Ein paar schwere Schritte erdröhnten im Flur, und dann zeigte sich jemand im Türrahmen; ein Mensch, der einen Handkoffer trug und deshalb sofort vermuten ließ, er sei Herr Zinkeisen, – dazu kam noch, daß er als der einzige, Dritte im Besitz der Schlüssel war. – Der Mensch zeigte in der Tat frappierende Ähnlichkeit mit dem Hausherrn; was Mathilde jedoch zu dem großen Schrei veranlaßte, war sein geschmolzenes Format und sein heruntergekommenes Äußere. Hand aufs Herz, dies allein und nichts anderes war der Grund ihres erstaunten Aufschreis und der plötzlichen Bewegung, mit der sie vom Sofa fuhr. »Himmel! Edmund!« schrie sie. »Bist du das? Mein Gott, wie siehst du aus!«

Herr Brecht war keineswegs erschrocken. Er nahm die Tasse, die er zum Mund geführt, bedächtig wieder ab, wobei er sich die Lippen leckte. – »Na, zurückgekommen, Zinkeisen?« sagte er. »Sehen in der Tat etwas schlanker aus.«

Herr Zinkeisen trug mit zwei schweren Schritten den Koffer ins Zimmer und deponierte ihn auf dem Teppich. Dann stellte er sich reglos daneben und machte noch keine Anstalten, näherzutreten. Er dreht seine Augen langsam zwischen den beiden hin und her und sprach dann:

»Ich hätte nicht erwartet, Herr Brecht, Sie in meiner Wohnung anzutreffen.«

Wenn Herr Brecht überhaupt seine Fassung verloren hatte, so ließ er es jedenfalls nirgendwie durchblicken. Er tat einen Paffer aus seiner Brasilzigarre und äußerte: »Und nun treffen Sie mich an. – Sehen Sie mal.« Er kniff die schiefen Augen leicht zusammen und schob die pralle Unterlippe vor. – Herr Zinkeisen taumelte ein wenig, als habe man ihm einen Schlag vor die Brust versetzt; dann stabilisierte er sich, ohne noch vom Fleck zu weichen.

»So setz dich doch endlich!« rief Frau Mathilde. »Du bist ja ganz schwach! – Ich mache schnell noch etwas Kaffee!«

»Kapitale Idee«, sagte Zinkeisen jetzt und kam heran. Er ließ sich auf den freistehenden Fauteuil nieder. Schulmeisternd setzte er hinzu: »Doch laß das lapprige Zeug. – Ist etwas Schnaps da?«

»Ja . . . Herr Brecht war so gütig, mir ein wenig Vorrat zu stiften. O Gott, wenn ich das von meinem Gehalt berappen sollte . . .« plauderte sie und holte eine würfelförmige kleine Flasche mit bunten Gläschen heran.

»So, von Ihnen stammt das?«

»Jawohl – ich war so gütig«, sagte Herr Brecht und paffte stark und zufrieden. »Ich hoffe, die Qualität konveniert Ihnen. – Ihr Wohl!« Er bediente sich selbst und hob schnalzend und liebenswürdig das Glas. – Zinkeisen tat ihm Bescheid; er tat ihm sogar noch öfter Bescheid. Dieses Gesicht von leichter Portweinfarbe schien ihn zu faszinieren. Es sah fast aus, als ob der Hausherr sogar zu einer kleinen Unterhaltung nicht übel aufgelegt sei.

»Apropos, Herr Brecht,« meinte er und strich sich die Kinnstoppeln, »Sie ließen da vorhin, als ich Sie . . . als ich ein wenig unerwartet . . .«

»Stets erwartet! Jederzeit mit Vergnügen erwartet!«

». . . Bitte unterbrechen Sie mich nicht: – ich sagte unerwartet – mich einstellte, – Sie ließen also etwas fallen von heruntergekommenem Aussehen . . .«

»Ich? – – Ich dachte ja gar nicht daran. – Mir fiel auf, Sie seien etwas schlanker geworden. – Die Hitze sicher. – Auch ich würde abnehmen vermutlich bei Hitze. – Lediglich Ihr Gewicht, das war's, Zinkeisen, woran ich dachte. – Müssen Ihren Schneider umlernen lassen.«

»So, so. – Nun, Sie haben jedenfalls Ihr Format behalten. Wenn nicht noch erweitert.«

»Das ist möglich. – Ich habe ja auch meine Devisen.«

Zinkeisen blickte ihn mit leicht blutgeränderten Augen an. »Immer noch munter beim Hamstern?«

»Auch das. – Und eine von meinen Devisen heißt: ›Bleib im Lande und nähre dich redlich.‹ – Feine Devise, was? Hält prächtig ihren Kurs.« – Er lachte schallend und schlug sich auf die wie stets von gestreifter Hose zum Platzen eng umsponnenen Schenkel. Die Goldkette auf seinem Bauch klirrte leise.

Seine Heiterkeit klang ein wenig einsam, denn sie wurde nicht geteilt.

In Zinkeisen krümmte sich ein Mensch, der herabgeglitten am Fuß einer glatten Mauer lag mit einer Stirnbeule und leichter Verblödung. – Mit gewaltiger Anstrengung hob er sich innerlich empor, beschmutzt, wie er sich vorkam, und mit unaussprechlichen exotischen Makeln behaftet. So kam die Geste, die er vorhatte, zu schwach heraus, wie bei einem Bühnenberserker, der eine Keule aus Pappe schwingt; mit ächzender Anstrengung wirbelt er sie durch die Luft, doch beim Aufprall gibt es nur ein hohles Tönchen . . . Er starrt diesen selbstzufriedenen Mann an, der mit seinen Goldplomben und seinem widerstandsfähigen Körper da vor ihm saß, in feines schwarzes Tuch gekleidet, ein Bild prosperierenden Schiebertums, wie es runder kaum vorstellbar war; ein egoistischer Baisse-Kondottiere, dessen Wohlsein stets wie ein Korken nach oben schoß, der Oberfläche des europäischen Sumpfes zu . . . Und er wagte nichts. Wagte nicht, ihm seine Meinung zu sagen. Krümmte sich, steilte sich auf und – erlahmte.

»Sehen Sie, Zinkeisen,« fuhr dies »Orakel im Cut« nun fort, »es wäre vielleicht nun doch gescheiter gewesen, Sie hätten Ihren Posten hier behalten. Nicht ob das mich viel anginge. Aber man sieht doch, wie ein Mensch sich verrennt, und spürt ein menschliches Rühren. – Ihre kleine Frau und ich haben uns gut miteinander eingearbeitet. – Was, kleine Frau?« Er zwinkerte nach Mathilde hinüber, die blaß dasaß und an ihrer Unterlippe nagte. – »Prächtig ausgekommen sind wir miteinander, das kann ich wohl sagen . . . Sie hat das bessere Teil erwählt. Sie ist auf ihrem Posten geblieben. – – – Aber es ist spät, meine Herrschaften . . .« Und er zog eine gewaltige goldene Remontoiruhr heraus und ließ sie zirpen . . . »Und ich will Ihre Wiedersehensfeier nicht stören!« – Lächelnd sich erhebend, bot er zwei biedere Drücke seiner großen warmen Pranken, dann ließ er sich – oh, er war nicht heikel und gab auch nicht vor, noch jung genug zu sein – von seiner Sekretärin in den leichten rehfarbenem Sommerüberzieher helfen.

»Ich muß Herrn Brecht«, sagte Mathilde nach einer etwas ratlosen Pause, »unten aus der Haustür lassen, Edmund. – Einen Augenblick!«

»Laß das, Mathilde«, sprach Zinkeisen dozierend und wie aus einer Erstarrung erwachend. »Bemüh' dich nicht. Schließlich ist das jetzt meine Sache.«

»Galant!« rief Brecht lustig. »Galant! So lob' ich mir's! Gibt so wenig Männer, die ihre Frauen kavaliermäßig behandeln . . . Tjüs, Frau Zinkeisen . . .«

»Adieu, Herr Brecht«, sagte Mathilde schwankend. »Und soll ich morgen zur gewohnten Zeit ins Büro kommen?«

»Selbstverständlich. – Es gibt immer mehr Nullen zu schreiben! Immer mehr!« hörte man die schallende Stimme vom Gang, und Zinkeisen folgte dem Buchhalter schleppenden Schrittes und mit den Schlüsseln rasselnd.

Es wird dramatisch

Sie saß noch ganz erschöpft und hastig atmend eine Weile im Stuhl. Nun war dieser Koffer wieder da: er lag etwa an derselben Stelle wie vor Monaten, und die Hotelmarken leuchteten giftig daran. Wie sie diesen Koffer haßte! Einige Kreidestriche und Zettelchen von Zollbehörden waren jetzt noch hinzugekommen, abgewetzt und kohlebeschmiert sah er aus, aber er war zurückgekommen wie etwas, das sich aufdrängte; das ihnen beiden eine dauernde Last zu schleppen gab . . .

Sie stand auf und gab dem Koffer einen kräftigen Fußtritt. Dann lief sie durch den Gang vor die Etagentür und spähte über das Treppengeländer. Aus der Tiefe des schwarzen, muffig riechenden Schachtes drang verworrener Lärm von Stimmen. Die Stimmen zerschlugen ihr Echo zu einem hohlzerklirrenden Gedröhn. Auf einmal gab es einen einzelnen Ruf; kurze Stille; und dann den Krach der zuschlagenden Haustür.

Ihr Herz pochte rasend. Bleiern tönten mächtige Gongschläge durchs Treppenhaus . . . Nein, es war ihr eigenes Blut, das gongte . . . Vom Kopf bis in die Fußzehen . . . Wie wenn ein Paradeschritt durch sausende Stille halle . . . Plötzlich ward's deutlicher und verdichtete sich zu einem wirklichen Geräusch; zu Schritten, die eilends die Treppe hinaufknarrten. Edmund kam zurück.

Sie floh ins Zimmer und setzte sich wieder.

Er kam herein. Sein Haar war zerzaust und seine eine Gesichtshälfte krebsrot. Eine Stelle am Jochbein blutete. Offenbar war seine Wange mit der rechten Pranke Herrn Brechts und dem daran befindlichen anderthalbkarätigen Brillantring in Berührung gekommen. Sie schrie auf. »Ihr habt euch geprügelt, Edmund? Mein Gott!«

Er sah sie stumpf an, als höre er nichts. Dann war er in zwei Sprüngen beim Koffer und schloß ihn emsig auf. Seine wühlenden Hände schleuderten den ganzen Inhalt heraus. Sie sah ihm mit aufgerissenen Augen zu, bis sie ein Ding in seiner Hand bemerkte . . . Ein Ding aus bläulichem Stahl, handlich, nicht allzu groß . . . Sie warf sich auf ihn; er stieß sie zurück. »Laß mich«, keuchte er. »Ich muß den Kerl . . . Laß mich hinaus . . .« Sie umklammerte ihn wieder; so taumelten sie umschlungen der Tür zu. Es gelang ihr, den Fuß rechtzeitig an die Tür zu bringen; diese fiel zu. Sie faßte ihm mit der Hand ins Gesicht, in die Augen; um sie abzuwehren, konnte er die seine nicht freibekommen und die Klinke fassen . . . Sie wußte nicht, woher ihr die plötzliche Gewandtheit kam.

Auf einmal befand sich die Waffe in ihrer Hand. Aufkreischend riß sie sich von ihm los und schlüpfte ins Schlafzimmer. Er, noch halb geblendet, taumelte ihr nach, doch konnte er nicht mehr hindern, daß sie den Revolver aus dem Fenster schleuderte. Das Ding landete drunten hinter Mauern im Nachbarhof, das wußte sie; es würde ihn einige Mühe kosten, es wiederzubekommen, und selbst wenn er darauf drang, war es eine Frage längerer Zeit; indessen war alles gerettet. – »Ha!« brüllte er. »Das sollst du büßen, du Aas! Ich kenne deine Gründe schon, warum ich ihm nicht an den Leib soll . . . Ich kenne sie . . .«

»Gar nichts kennst du«, sagte sie mit zerbrochener Stimme aus dem Dunkel des Schlafzimmers hervor. »Dankbar kannst du mir sein. Das kannst du.«

Sein Keuchen wurde ruhiger.

»Auch noch dankbar?«

»Jawohl. – Setze dich aufs Sofa. – Eher komme ich nicht. – Du bist wohl vollkommen verrückt? – Schmachtest wohl nach dem Zuchthaus, wie?«

»So.– Ich sitze. – Komm nur raus; ich tue dir nichts.« –

Vorsichtig erschien sie und ließ sich wieder auf der anderen Seite des Tisches nieder. Als sie ihn ansah, mit seiner Schramme unter dem Auge, übermannte sie auf einmal ein großer Jammer. Sie legte den Kopf auf die Arme und schluchzte. »Ach Edmund . . . Edmund . . . Was für ein Wiedersehen! – – Und ich . . . sollte . . . dir nicht in die . . . Speichen fallen . . .«

Diese schluchzende Fassungslosigkeit machte ihn im Handumdrehen wieder zum Herrn der Situation. Ihr plötzlicher Energieanfall hatte ihn so verblüfft, daß selbst das ehrliche Bedürfnis, Herrn Brecht aus dem Wege zu räumen, vor dieser Verblüffung zurücktrat, wenn auch die Absicht unvermindert fortbestand . . . Er räusperte sich stark und schmetternd. – Sie dachte an die strenge, wohlgenährte Figur, die vor Monaten ebendort gesessen, mit Augen wie aus blauem Stein . . . an die frühere Folie für dies Geschmetter – und schluchzte von neuem auf. – Schwierig war er und hoffnungslos verdreht.

Nachdem er sich ausgeräuspert, hub er an:

». . . Jawohl, sage ich, Sie Humbug, Sie patenter . . . Sie haben ein Verhältnis mit meiner Frau – laß mich ausreden, bitte!! – und kaum drehe ich den Rücken, so siedelt man sich hier an . . . Kaffeestündchen in der Nacht . . . ›Ich war immer Ihr Freund, Zinkeisen . . .‹ – – ›Sie sind mir gut für drei Jahre‹ . . . Macht sich! – Macht sich! – Und du?! – Herrgott, nicht einmal ein paar Monate halten sie's aus, die Weiber . . . Und so billig! – So billig!«

»Bitte sehr . . .« kam es schnaufend zwischen ihren Armen hervor – »dieses Kleid hab' ich mir . . . von meinen Ersparnissen . . .«

»Aha; das Kleid. – Stoß mich noch mit der Nase drauf. – Und die Armbanduhr? – – Und der Ring? – – Das soll mir der Schieber noch büßen. Und mit dir mache ich kurzen Prozeß.« – – – Ach, wie ihn danach dürstete, sich für die tausend Demütigungen, die er erlitten, schadlos zu halten!! – Er hob die Stimme: »Ich werde dich schon kleinkriegen! – Du denkst wohl, du stellst mich vor eine Tatsache und bist mich dann los?! – – Da bist du auf dem Holzweg! Du und dein Mäzen!! – Schuften sollst du jetzt! – Für mich!Mir gehörst du! – Niemandem als mir!! – – Und über die Schwelle von dieser Räuberhöhle setzest du den Fuß nicht mehr! Der kann sich die Finger nach dir ablecken, und den Kram schickst du ihm zurück! . . . ›Nullenschreiben!‹« – – Er lachte ausgiebig und häßlich.

Hier setzte sich Frau Zinkeisen zurecht. Sie schnupfte noch ein wenig auf und tupfte sich mit dem Taschentuch die Augen. Dann hob sich ihr Busen in einem tiefen Atemzug; man merkte: jetzt hatte sie sich zu äußern. – Es ist unerläßlich, daß man ihre Rede bringt; es war eine lange und frische Rede; eine Rede, wie sie selten von Frauen ihrer Station gehalten wird, und sie war darauf berechnet, durch Mark und Bein zu wirken. – Sie bemühte sich demnach auch um ein möglichst einwandfreies Deutsch.

»Edmund,« sagte sie, – sie begann sehr ruhig und sachlich – »jetzt wirst du mir erlauben, auch meine Ansicht von dem ganzen Quatsch, ich meine die Situation, von mir zu geben. Ich liefere sie dir, mein Sohn; mach' dir deinen Vers darauf; ich kann nicht anders; Gott sei es gejammert. – Denn du bist kein richtiger Mann; eine Kellnerseele bist du und bleibst du. Jawohl. Mein Gott, da ist mir schon fast dieser Herr Brecht lieber als du, mit Verlaub; denn Herr Brecht, der ist wenigstens ein Mannsbild, der weiß, was er will, und deine Ehrpusseligkeit in Ehren, mit dir kann man keine weiten Sprünge machen, aber mit Herrn Brecht kann man das, der ist familiär,« – sie verbesserte sich – »der ist gerieben, meine ich, und kennt die Welt . . .«

»Aha!«

»Er kennt sie besser wie du. Mokier dich nicht. Natürlich ist er ein Geschäftsmann, aber du liebes Bißchen, man wird ja gezwungen dazu durch diesen Inflationsunsinn, und ich glaube, daß ein jeder eben sieht, wie er sich gesund erhält, und er ist nicht der einzige, alle machen das so, alle, und wer's anders macht und ehrlich bleibt und sparen will, der ist einfach kein Mann, sondern ein großes Kamel. – Am Ende muß der ganze Schwindel doch zusammenkrachen, und da erweisen die, die feste Werte sammeln, die fremdes Geld sammeln, dem Vaterland einen Dienst . . . Ja, dem Vaterland, mein Herr Weltreisender . . . Ich mag eine dumme Person sein, aber Herr Brecht brauchte mir das nicht auseinanderzutifteln; die Erleuchtung, die bildete ich mir von alleine; da hast du's. Übelnehmen tut's dir ja niemand, wenn du ehrlich bleiben wolltest; aber deswegen brauchst du nicht durchzubrennen und so zu tun, als seiest du der Heilige, der aus Sodom und Gomorra flüchtet und uns alle zu verachten . . . Und nun« – (sie redete immer flüssiger und Herrn Zinkeisens Einwendungen gingen spurlos im Strom ihrer schrill erhobenen Suada unter) – »kommt der Hauptpunkt: deine Ausländerei . . . Meinst du, man hätte mir nicht erzählt, wie du im Hotel hier vor dem Engländer auf dem Bauch gekrochen bist? Dich zum Narren gemacht hast vor einem eingebildeten Frauenzimmer, nur weil sie nach besserer Seife gerochen hat wie ich? Mann, zum Schauspiel hast du dich gemacht, und ausländisch geflötet hast du und herumgesprungen bist du wie ein kleiner Piccolo – – ha, gelt! Anstatt ihnen ihr Geld abzuknöpfen, den Schmarotzern, wie sich's gehört hätte . . . Fein und vornehm tut man und läßt seine Frau im Stich und nimmt seinen ollen Zigeunerkoffer und nichts wie weg, nichts wie hinterher über die Grenze . . .«

»Mathilde!«

Sie nahm ein Gläschen und kippte es resolut mit einem Schluck hinunter. Sie war gut im Zug und fuhr mit immer höherer Stimme und immer flüssiger fort:

». . .auf und davon: ›nehmt mich mit!‹ Köstlich ist die Fremde, und gut ist sie dir bekommen. das sieht man; herrlich haben sie dich behandelt, deine Engländer, ausgezogen und gerupft haben sie dich . . . Mann! Du hast ja gar keinen Stolz im Leib! Und nun kommt man auf einmal wieder zurück und riskiert eine gewaltige Lippe und schmeißt mir Untreue ins Gesicht und jagt Freunde davon, die es nur gut mit einem meinen, und fuchtelt mit dem Schießeisen und will mir auch noch zu Leibe . . . Jetzt soll ich nichts tun als Ja und Amen sagen zu meinem Herrn und Gebieter und womöglich noch im siebenten Himmel schweben . . .«

Hier ging Frau Zinkeisen der Atem aus. Sie hatte gerade noch Luft genug, um anzufügen:

»Siehst du's jetzt ein?! – Siehst du's ein?« Dann klappte sie wieder zusammen und steckte den Kopf zwischen die Arme.

Eine lange Stille folgte.

Dumpf fing sie wieder an: »Daß du gänzlich auf dem Trockenen sitzt, das sieht man dir an . . . Gott sei Dank war Herr Brecht so anständig und hat mir per Tag einen Dollar bezahlt. Einen ganzen Dollar . . . Jeden Tag acht Stunden Maschine . . . Keine Kleinigkeit . . . Und jetzt hast du mir meine Stellung vermasselt . . . Denn ich kann mich doch nicht zerreißen zwischen euch!« Sie heulte auf.

»Mathilde!«

»Rühr' mich nicht an! Wasch' dich zuerst! Rasier dich! Wie siehst du überhaupt aus!«

Sie zog sich ins Schlafzimmer zurück.

 

Wie ein Mensch, über den ein großes Unwetter verheerend und läuternd hinweggegangen, saß er noch eine geraume Weile wie gelähmt auf dem Sofa.

– Seine Augen starrten in ein absolutes Nichts hinein. Sie hatte recht: wovon sollte man jetzt leben? Daß er Herrn Brecht seine Existenz würde danken müssen, schien ihm völlig grotesk und unfaßbar . . . Da, diesen Hausrat mußte man verkaufen. Versteigern. Diese Öldrucke, die ihn auf einmal anmuteten wie Offenbarungen intimer Innenkunst. Diese Häkelspitzen an den Möbelschonern. Diese trauten polierten, nett gedrechselten Sitz und Ruheorte. Alles verschlang ein Abgrund, und dann ging die Hetzjagd von neuem los . . .

War es dann nicht vielleicht besser, wenn . . . dort im Nachbarhof lag ja noch der handliche, wirksame, kleine Gebrauchsgegenstand für einen speziellen und extremen Fall . . . Vielleicht tat er, Zinkeisen, letzten Endes nicht bloß sich, sondern auch ihr einen Gefallen; er würde gleich morgen in der Frühe durchs Nebenhaus gehen und suchen . . .

Einstweilen noch wach sein und nachdenken . . . Denken, bis ihn der Schlaf erwischte . . . Er fiel ins Bett wie ein Toter. –

 

Und nun kam ein Alpdruck . . .

Er stand in der Halle des Adelphi-Hotels mit einer seltsamen Beklemmung. Von allen Tischen sah man zu ihm hinüber. »Was haben die Leute doch nur?« dachte er höchst beunruhigt. Plötzlich bemerkte er, daß er, wenn auch mit Jacke und Hemd bekleidet, nacktbeinig mitten in der Halle stand; und schwüler Schweiß brach ihm aus. Es wurde immer heller in der Halle: neue Bogenflammen entzündeten sich: die grauen kalten Augen hunderter ihm zugewandter Köpfe glitzerten. Und je gleißender das Licht wurde, desto mehr schien von seiner Kleidung zu verschwinden, als schmelze es in der Hitze der Leuchtkörper von ihm ab wie Zunder.

Plötzlich stand Maloney neben ihm und sagte: »Unglaublich, Herr. Sie blamieren sich und das Hotel. Ich muß sehr bitten! Im übrigen kenne ich Sie nicht . . . Ich erinnere mich durchaus nicht an Sie! Not at all!! Absolut nicht!«

Zinkeisen war emsigst damit beschäftigt, die ständig herabrutschenden Kleiderstücke, die sich zwischen seinen Fingern auflösen wollen, hochzuzerren. Doch es half nichts; es wurde immer grauenhafter und seine Blöße immer eklatanter . . . Er stolperte vorwärts; die Halle wurde immer breiter; ein endloses Spießrutenlaufen zwischen empörten Tischen wurde daraus, bis er zuletzt, endlich, endlich, den Ausgang fand . . . Den Ausgang in eine schwarze Nacht, in der es bunt blinkte und in der es schwül war.

Hier war er wenigstens in seiner Nacktheit geborgen. Da aber ergriffen ihn unsichtbare Mächte und zwängten ihn irgendwo hinein . . . Ach, er begriff: Er fühlte zwei Stangen rechts und links, das waren Handdeichseln; er war ja ein Rikschakuli und hatte unverschämterweise viel zu lange in einer Lichtwelt gelebt, in die er nicht gehörte . . . ganz recht, dachte er voller Schwermut, hatten jene, als sie ihn entfernten. Und da war er auch schon in Trab begriffen und lief und lief.

Die samtene Schwüle umfing ihn und preßte seine Brust zusammen. Er schnaufte schwer. Gleichwohl trabte er unablässig, als ob seine Beine Pleuelstangen einer Maschine seien. Er drehte sich um: wen schleppte er eigentlich? Bleischwer hockte es dort hinten im Kasten und schnalzte mit der Zunge, wie man einem störrischen Pony schnalzt.

Am Himmel war ein Streifen von bengalischem Gelb. Er bemühte sich verzweifelt, zu erforschen, wer ihn so unnachsichtlich vorwärts treibe. Seine Lenden schmerzten, seine Lungen schmerzten, sein Asthma wuchs . . . Und die Last wurde schwerer und schwerer. Auf einmal konnte er nicht mehr laufen und brach zusammen. Mühsam tastend kroch er neben das Rikscha und fühlte mit den Händen hinein. Im selben Augenblick brach das Gefährt mit unaufhörlichem Krachen zusammen, gleichsam mit einem Geknatter, und zwischen den Trümmern saß (als schwarze Silhouette vor dem bengalischen Gelb) eine hockende Figur aus kaltem Metall, aus deren Kiefern unaufhörlich wie in unstillbarem Krampf Geldscheine, ausländische Geldscheine, grüne, weiße, purpurne quollen . . . Immer phantastischer und giftig bunter wurden diese Scheine . . . ›Devisen‹, dachte der Kuli Zinkeisen schaudernd. Auf einmal war es Herr Brecht, den er geschleppt; Herr Brecht mit einem Tropenhelm. Die Geldscheine waren bunte Hotelmarken mit nie gehörten Namen, und Herr Brecht kletterte höchst unwirsch aus den Trümmern hervor und sprach:

»Na! Sie sind mir ein unpraktischer Mensch!! Nicht einmal zum Kuli kann man Sie gebrauchen!!«

– – Stöhnend erwachte er. –

In der Ferne gewitterte es. –

Der Gang nach Canossa

Es war sieben Uhr. Er war in seinen Betrachtungen nicht weitergediehen als am Abend vorher. Es blieb ihm wohl nur noch dieser eine Kurs offen, den er mit Hilfe jener in den Hinterhof geschleuderten Waffe einschlagen konnte: Selbstauslöschung.

Er schob sich leise wie ein Dieb aus dem Bett und ging mit übergeworfenem Mantel, in Pantoffeln hinunter, bis er in den Hinterhof gelangte. Hier suchte und stöberte er eifrigst zwischen den staubigen Büschen.

Auf einmal ertönte eine bekannte Stimme: »Was suchst du denn da, Edmund?«

Er blickte auf. Sie stand auf dem Küchenbalkon im tiefsten Negligé und bog sich übers Geländer. Sein Gesicht wurde krebsrot; er ließ ab und kam wortlos wieder herauf. – Sie empfing ihn verhältnismäßig frisch und scharf; sie trug wiederum wie damals (diesmal aber aus Aufregung) den Kimono offen und bot sozusagen durch ihren hübschen, glatten Leib eine Gegensuggestion zu Herrn Zinkeisens trüben Gelüsten.

»Hör' mal, mein Lieber: ich sagte dir schon gestern – laß das Schießeisen in Ruh. – Was hast du denn jetzt noch damit vor?!«

Sie starrte ihn an. Dann sagte sie sachlich:

»Da täuschest du dich. Das wäre schon die größte Drückebergerei deines Lebens; fast noch schlimmer, als wenn du Herrn Brecht über den Haufen schießen würdest.«

»Ja – aber, in Gottes Namen, was bleibt mir denn jetzt noch übrig?«

»Du gehst jetzt zu Herrn Brecht und entschuldigst dich wegen deines unmöglichen Benehmens. Du bittest ihn, dir deinen alten Posten im Hotel wiederzuverschaffen. Du bist klein und häßlich und gelobst Besserung.«

»Ausgeschlossen!! – Du mutest mir zu, mich so zu erniedrigen . . . vor diesem Schieber . . . diesem Konjunkturschwein . . .«

»Du bist eifersüchtig, mein Sohn, und hast kaum Grund dazu. Aber wenn du das nicht machst – gut. – Ich für meine Person bin gedeckt. Ich kann meinen Posten schließlich behalten. Für mich ist gesorgt.« Sie wiegte sich in den Hüften. »Aber wenn du gehst und wieder Empfangschef spielst, dann hab' ich es ja nicht mehr nötig . . .« Sie blickte ihn lauernd an.

Er kämpfte ein schweres Dilemma durch.

»Es wäre deinetwegen«, murmelte er. »Nur deinetwegen . . .«

»Du hast es in der Hand,« sagte sie trällernd, »ob du mich behalten willst . . . und ob alles ins reine kommt . . .«

So trat Herr Zinkeisen den schwersten Gang seines Lebens an. Er hätte, entgegen Mathildes optimistischer Auffassung, diesen Canossagang überhaupt unterlassen, hätte er die Gemütsverfassung gekannt, in der Herr Brecht sich befand.

Die Unterredung, reichlich kurz, spielte sich zwar äußerlich in Formen ab, die man zur Not noch zivil nennen konnte – und das auch erst, nachdem Herr Brecht sich vergewissert hatte, daß man kein erneutes Attentat auf ihn plane. Über diesen Punkt hatte er sich immerhin schnell beruhigt, da ihm die äußerst geknickte Miene des Besuchers eine gewisse Sicherheitsgarantie bot. Herr Zinkeisen seinerseits hatte das Gefühl, er sei in einen Raubtierkäfig geraten.

»Na?!« fragte Herr Brecht sehr schneidend und spielte mit einem Füllfederhalter. »Was beliebt?«

»Herr Brecht!« sagte Zinkeisen und ließ eine Pause entstehen, während der er sich festigte und seinem Blick die frühere bescheidene Schärfe zu geben versuchte. – »Herr Brecht! Ich möchte Ihnen zu bedenken geben, daß unsere gestrige etwas – ehem – lebhafte Unterhaltung auf ein Mißverständnis meinerseits zurückzuführen ist.« – Die Qual, die ihm dies Eingeständnis bereitete, suchte er durch wasserklares Hochdeutsch zu mildern –, jedoch Herr Brecht war wenig beeindruckt. – Er sah ihn an wie ein Reptil und erwiderte:

»So. –«

Dies war alles, was er erwiderte. – Herr Zinkeisen schluckte. Er fuhr mit großer Überwindung fort:

»Ich möchte Sie also hiermit um Entschuldigung gebeten haben.«

»So.«

»Und so hoffe . . . und erwarte ich . . . daß nunmehr unser früheres . . . Einvernehmen wieder hergestellt ist.«

»Was zum Beispiel, Zinkeisen, stellen Sie sich vor unter ›früherem Einvernehmen‹?«

»Nun . . . meine Stellung hier und Ihre Stellung der Direktion gegenüber . . . eine Zusammenarbeit . . . auf früherer Grundlage . . .«

»Schöne Dinge das alles, die Sie der Direktion mir nichts dir nichts vor die Füße geworfen haben. Und da Sie gerade von unserem Verhältnis zueinander sprechen . . .« (er griff in die Schublade und holte ein Papierchen hervor) ». . . wenn wir schon damit anfangen wollen, so machen Sie den Anfang, indem Sie mir die bewußten fünfzig Dollar . . .«

»Werde ich abarbeiten.«

»›Abarbeiten!!‹« – Herr Brecht leistete sich ein hysterisches kleines Meckern. »In deutscher Abtrittwährung; was?! – Reden Sie keine Opern. – Nein, Zinkeisen, Hier ist für Sie kein Platz. Fangen Sie frisch von vorne an, Mann.«

»Herr Brecht!«

»Schluß!!« schrie Herr Brecht und sah sehr häßlich drein. »Ihre Frau – die kann in Gottes Namen hier weitertippen. Aber wir zwei – wir sagen adjüs und gottbefohlen. – Übrigens liegt da noch ein Brief für Sie rum; den hat dieser Engländer damals dagelassen für Sie an dem Tage, wo Sie durchbrannten.«

»Ein Brief?!« – Zinkeisen ergriff das kleine pralle Kuvert, das in der Tat seinen Namen trug. Es trug auf der Rückseite noch dazu ein eingepreßtes Wappen, und die Handschrift war rund und zierlich mit blauer Tinte daraufgesetzt. Es war ein seltsames; ein unheimliches Briefchen.

Vielleicht hatte jener Engländer auf seine Beichte im Rauchsalon hin etwas wie Mitgefühl mit ihm empfunden und wollte ihm das Rückgrat stärken durch irgendeine Einführung, eine Empfehlung . . . Vielleicht hatte er, Zinkeisen, den Engländer mißverstanden und dessen saloppe Art für billigen Sarkasmus gehalten . . . Der Teufel soll sich auskennen mit solchen kurz angebundenen Herrenmenschen.

Entschlossen riß er das Kuvert auf. Ein zusammengefaltetes Stück Büttenpapier ließ sich hervorziehen, und auf diesem stand ein Sätzchen. Es hieß: »Remember May '14? – Thanks. – Stick it out.«

»Das bedeutet durchhalten«, dachte Zinkeisen. – »Billiger Ratschlag . . .« – Er entfaltete das Papier.

 

Fünf weiße, knisternde Zettel fielen heraus und flatterten im Zimmer umher.

Zettel mit zierlicher Kursivschrift, mit Wasserzeichen, auf denen die Bank von England sich verschwor, sie werde jederzeit dem Überbringer hundert Pfund Sterling – (in Gold) – ausbezahlen . . .

Herr Brecht bekam Stielaugen, und die Zigarre rutschte ihm langsam aus den erschlafften Lippen, während er zusah, wie Herr Zinkeisen sich bückte und diesen Reichtum in die Tasche stopfte. – Und dann richtete sich Herr Zinkeisen auf und fragte militärisch:

»Es waren fünfzig Dollar, wie? – Darf ich bitten, zu wechseln? – – Können nicht? – Na, dann auf später. Wird Ihnen meine Frau bringen, wenn sie sich heute von Ihnen verabschiedet – – Im übrigen, Herr Brecht, können Sie mir . . .«

– – – Und er fügte so etwas hinzu, was dem Sinne nach darauf hinauslief, sein, Zinkeisens Lebensweg werde sich wohl künftig kaum mehr kreuzen mit dem Lebensweg Herrn Brechts.

– – Worauf er diesen in einem Zustand zurückließ, der mit einem Schlaganfall starke Ähnlichkeit zeigte.

 

Ende


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