Willy Seidel
Die magische Laterne des Herrn Zinkeisen
Willy Seidel

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Zeitgemäßes Zwiegespräch

mit einem gewissen Dichter-Kompositeur; einstigem
Königlich-Preußischen Kammergerichts-Rath
zu Berlin

            Der du die Bürgersitten überrennst:
bist wieder da, Du schwärmendes Gespenst?

Thronst immer noch, wie Väterchen zu Rom,
in Deinem Ohrenstuhl, Du toller Gnom?

Genügte nicht – (hier steh' ich schier verwundert) –
zu Deinem Tod ein »skeptisches« Jahrhundert?

Und konnten Kritiker nicht längst erdolchen
Dich flüchtigsten von allen Feuermolchen?

Antwort:

Verehrter! – Fragen Sie nicht gar so töricht.
Ich bin unsterblich wie der Wind im Röhricht.

Ich bin das Pneuma; – bin die Phantasie.
Und diese, Bester, mordete man nie.

Auch jene Altersweisheit schwerkalibrig
– in Weimar – ließ das Beste von mir übrig.

In neuer Flamme – und die Zeit ist reif! –
zuckt unversengt mein Salamander-Schweif.

». . . Denn herunter muß es, Herr Doktor, von der Seele, was der Mensch erlebt hat; und wenn er steinalt wird, es gibt Dinge . . . Dinge gibt es, und Zufälligkeiten, kaum zu beschreiben

(Ausspruch Herrn Zinkeisens.)

Der kleine Tabakladen

Vor einigen Wochen wurde ich mitten in der Stadt von einem Platzregen überrascht. Eine Trambahnhaltestelle war nicht in der Nähe, und so entschloß ich mich, in einen Tabakladen einzutreten, einen kleinen Einkauf zu machen und zu warten, bis das Ärgste vorüber sei.

Der Laden war von einer strahlenden Sauberkeit; die Ware bot sich symmetrisch und gefällig dar; und wiewohl das Geschäft nicht zu überlaufen schien, herrschte blankgeputzte Ruhe darin und denkbar beschaulicher Mangel jeglicher Überstürzung. Zu diesem Eindruck trug der Inhaber bei, der mir bei der Auswahl der Zigarren half. Sein Organ klang hanseatisch hell; seine Bemerkungen waren von freundlicher Sachlichkeit.

Unter Mittelgröße, fast plump gebaut, hatte er durch seine ruhige Bestimmtheit etwas irgendwie Autoritatives, ja, in bescheidenem Sinn Respekteinflößendes. Seine blauen Augen blickten besinnlich; sie erhielten dadurch, daß das obere Lid ganz unter der Brauenfalte verschwand, bescheidene Schärfe . . . Gekleidet war er in einen schlohweißen, gestärkten Leinenmantel, unter dem zuweilen der hellgraue Stoff des Anzugs hervorsah. – Und ausgerechnet bei diesem patenten kleinen Ladeninhaber, diesem Besitzer einer vernickelten Registriermaschine, mußte es mir passieren, daß meine Barschaft restlos ausgegangen war, als es ans Zahlen ging. Sehr peinlich war mir das, das muß man mir glauben. Ich hatte ihn in Bewegung gesetzt, hatte ihn bemüht in seinem weißen Leinenmantel, hanseatisch propre Geschäftigkeit veranlaßt, und nun sollte das alles mit einem Fiasko enden! – Ich sagte »Donnerwetter«, oder Ähnliches, und durchsuchte meine Taschen. Er merkte das, wickelte das Paket aber ruhig ein, machte ein Daumenschleifchen an die Schnur und sprach: »Denn können der Herr ja das nächste Mal bezahlen.«

»Scheußlich unangenehm . . . Ich lasse es hier . . .«

»Nichts dergleichen«, entschied er mit seiner hellen Stimme. »Sie nehmen es ruhig mit, mein Herr. Nur, zur Formalität, Ihren geschätzten Namen; den können Sie mir ja wohl mitteilen; denn schick' ich Ihnen gelegentlich mal eine Offerte . . .« Er sagte es sehr nett; als er meinen Namen aufschrieb, wurde er jedoch nachdenklich.

»Sind Sie vielleicht, mein Herr, identisch mit dem Schriftsteller dieses Namens?«

Leicht geschmeichelt, daß solches in diesen kleinen Tabakladen gedrungen sei, bestätigte ich's. – Und nun wurde er ganz anders; er verfiel in jene Mischung von Hoch- und Niederdeutsch, die man »messingsch« nennt; er zählte mir einige meiner Aufsätze auf, die er gelesen habe; bei Gott, er kannte sie wirklich; fremde Namen glitten ihm glatt von der Zunge; seine Beschlagenheit verwirrte mich. Mit leichtgeröteten Zügen rezitierte er ein oder das andere Satzgebilde, das ihm hängengeblieben sei; Schilderungsdetails, die er, mich mit seinen Dachaugen durchbohrend musternd, als »gut gesehen« pries . . .

»Mein Name«, fügte er scheu gewichtig schließlich ein, »ist Zinkeisen; Edmund Zinkeisen. Damit eine gegenseitige Vorstellung daraus wird. Sie werden sich, Herr Doktor, vielleicht wundern, daß ich mit einem Schimmer von Sachkenntnis über Ihre Artikel zu urteilen mir die Freiheit nehme. Ich kenne nämlich die Gegenden, die Sie so treffend schildern, gewissermaßen aus eigener Anschauung, wenn Sie erlauben. Und Sie werden begreifen, mit welcher Andacht ich mich hineinvertieft habe . . . ›Wenn du doch‹, so sagte ich oft zu mir, und auch zu meiner Frau sagte ich das, ›diesen Herrn Verfasser einmal persönlich sprechen könntest . . . dann könntest du Erinnerungen tauschen an die bedeutsamste Zeit deines Lebens; dann wäre dir leichter . . .‹ Denn herunter muß es, Herr Doktor, von der Seele, was der Mensch erlebt hat, und wenn er steinalt wird, es gibt Dinge . . . Dinge sag' ich, gibt es, und Zufälligkeiten, kaum zu beschreiben. Darf ich mir gestatten, Ihnen diese Havannazigarre anzubieten? Brennt sie? So . . . so . . .« Mit finsterem Interesse sah er zu, wie ich mich bediente.

»Sie waren also auch in Indien?«

»Nicht nur in Indien«, sprach er fast flüsternd. »Viel, viel weiter . . .« Es war, als raune er über einem Schatz, der eifersüchtig behütet aufblinkte. Auf einmal, schneidig wegwerfend: »Ich habe den Rahm abgeschöpft! Ich war sechs Jahre bis zum Krieg ununterbrochen unterwegs! Ich habe mein Erlebnisschäfchen im Trockenen! – Nun, Herr Doktor, habe ich eine Bitte an Sie: würden Sie mir heute die Ehre und das Vergnügen machen, zum Abendbrot mein Gast zu sein? Eine Flasche importierter Jamaikarum? Wie? Ein kleiner Grog in diesem kalten Mai? – Dann kann ich Ihnen etwas zeigen, was Sie in Erstaunen setzen wird. Das macht die Wertschätzung, verstehen Sie!«

 

Es war am Abend. – Auch in seinen Wohnräumen herrschte jene auffallende Sauberkeit. – Es war bieder-bürgerlich und nett. – Eine mollige, blonde Frau begrüßte mich. – Nach dem Essen blieb man noch eine Weile bei einer Tasse guten Mokkas plaudernd beisammen; – dann gab der Hausherr seiner Frau ein offenbar vorher verabredetes Zeichen.

Sie brachte einen Spiritusapparat mit bereits heißem Grogwasser; Herr Zinkeisen bereitete das Getränk mit zeremonieller Sachlichkeit und so nördlich, daß das ganze Zimmer duftete und zur Koje wurde, mit dem »Pochen großer Wasser drei Handbreit hinter der Wand . . .« –

Dann ging er noch nach vorn in den Laden und brachte folgendes mit: – zwei »Cheeroots« mit giftgrünen Leibbinden und eine runde Büchse »Capstan«Zigaretten. »Dies stammt noch von . . . damals«, sagte er sinnend. »Diese Zigarren – sehen Sie – diese perfekten Walzen! – rollen die indischen Mädchen auf ihrem sonnenwarmen Schenkel. Schwer und schwarz und stark . . . Man verträgt sie nur nach der Mahlzeit . . .«

»Bemühen Sie sich nicht!« sagte ich behaglich und brannte mir das Kraut an, wovon sich augenblicks ein schwerer, schier benebelnder Duft erhob.

»Was heißt bemühen!« winkte er ab und ließ sich auf dem lederüberzogenen Sofa nieder. Die Frau blieb noch ein paar Minuten da; dann zog sie sich wie mitwisserhaft lächelnd zurück. Die Geräusche der Stadt drangen ganz schwach durch den geschlossenen Laden zu uns herein. Er sah freundlich und ein wenig versonnen aus. – Dann sagte er, indem er im Grog rührte:

»Sehen Sie den Blechkasten dort, Herr Doktor?«

Ich erblickte auf einem Holzgestell eine ungefüge, schwarzlackierte Kiste, mit einer vorn hervorstehenden Blechröhre, und verhangen von einem buntseidenen Tuch. Von einem Wandkontakt aus lief ein Leitungsdraht in den hinteren Teil. Recht vorsintflutlich mutete das Ding an.

»Eine Laterna magica

»– So ist es. – Eine biedere magische Laterne, wie sie bei unseren Vorvätern in Gebrauch war. Ein Requisit aus einer menschenwürdigeren Zeit. Ein Spielzeug, das ich auf dem Trödelmarkt fand und unverzüglich erwarb . . . Man läuft jetzt ins Kino, – gut; – es hat eben jeder die Unterhaltung, die er verdient. Ich meinerseits bin, mit Ihrer Erlaubnis, ein philosophischer Charakter und lasse mich nicht abspeisen anläßlich einer Massenfütterung. Nackte Tatsachen werden da geboten; nichts zum Träumen. – Und was ist die Würze des Lebens, mein Herr? – Die Träume.«

Ich staunte. Denn Herr Zinkeisen ließ in seinem Äußeren gar nicht vermuten, daß er ein so verpöntes Steckenpferd im Geheimen ritt. Aber dies Innenleben in einem Allerweltsschädel nebst proprem Scheitel, leicht glotzenden hellen Augen und einer behutsamen Kleinbürgerlichkeit war echt deutsch, sehr rührend und ein wenig lächerlich. –

Und er fügte noch etwas hinzu, das mich aufhorchen ließ; er sprach: »Mit diesem Kasten flüchte ich ins Land der Phantasie. – Dies Land, verstehn Sie, ist die einzige deutsche Kolonie, die wir behalten haben.« –

Hatte er nicht dreimal recht? Gibt es da eine Mandatswirtschaft? Bleiben wir da nicht die Herren? Haben wir den anderen diese Domäne (so ausgeplündert wir auch dastehen vor aller Welt) nicht erfolgreich unterschlagen, und können sie uns dorthin etwa eine »Kontrollkommission« nachschicken? Gibt es nicht dort Herzleid und Erhabenheit und tolleres Geschütz als jedes erfundene? –

Und er fuhr fort: »Wenn ich so sinniere bei meinen Bildchen, dann leist' ich Verzicht auf die ›Große Welt‹. – Tja . . . wenn ich so'n büschen geistig ausschweife, denn hab' ich sie alle in der Tasche, die Rechenkünstler und Fisematentenmacher und Wucherer vom grünen Tisch. Gut! sage ich, – folgen Sie mir, meine Herrschaften! Und sie sitzen trübe da und schneiden mit ihren Papierscheren blutende Wunden in unseren Volksbestand und schnippeln an unseren Grenzen herum . . . Folgen Sie mir! sage ich. – Aber sie können nicht, denn wir haben Raum. Wir haben die Phantasie. – Hmm. –«

Als ich das hörte, setzte ich keinen stählernen Helm aufs Haupt oder nannte es Pazifistenmoral und vertrackte Drückebergerei. Ich fand es im Gegenteil ganz vernünftig. Dieser Mann hatte sein Teil weg; er erholte sich auf seine Weise. – Ich war weder ein unbedingter Anhänger jenes alternden Geheimen Rats, der eine Literaturmauer um sich baute, als es in dem, was er Vaterland hätte nennen müssen, erbärmlich drunter und drüber ging; – noch auch schwenkte ich einen Hut bei jeder Gelegenheit, die einen Mann-zu-Roß antraben ließ, gleichviel aus welcher Richtung. So schenkte ich mir alle Bedenken hinsichtlich Herrn Zinkeisens und sagte mir: Sieh da; ein deutsches Individuum! Wie es uns im Einzelfall so stärkt und im Volksfall so schwächt! – Und woher kommt das? Weil von jeher der Mensch uns wichtiger ist als die Menschheit und weil, nach unserem voreiligen Dafürhalten, ein deutscher Kellner oder Zigarrenhändler intimere Beziehungen zur »Weltseele« unterhalten kann als der Herrscher von Zeitungen, der sein dumpfes Millionenpublikum mit Gebrauchsbildung versorgt.

Der (wirklich unvergleichliche) Grog ließ des Mannes Rede in meinen Ohren vielleicht lieblicher erklingen, als sie von Natur aus war; jedenfalls war jenes Bonmot vom »Land der Phantasie« fast zu gut für ihn, denn im Grunde zeigte er sich, wie auch seine eigene Geschichte dartun wird, als schlichte Seele. –

Ich ermunterte ihn nun, da ich neugierig war, mir seine magische Laterne vorzuführen. Hierauf entfernte er die Möbel von der weißgestrichenen Wand uns gegenüber, drehte das Deckenlicht ab und entwickelte im Dunkeln eine rege Geschäftigkeit. Glasplatten klapperten, und nun erschienen auf der Wand lebensgroße Figuren – von bunten Abziehbildchen erzeugt, die innerhalb des Kastens von einer offenbar sehr starken Birne bestrahlt wurden.

Langsam wechselten die Bilder. Es war als träten diese bunten Schemen in unsere Gemeinschaft ein; gesellten sich flüsternd uns zu . . . Herr Zinkeisen entfachte den Grog, den er nachfüllte, mit einem Streichholz, und im violetten Flackerlicht verstärkte sich der Eindruck des gespenstisch Lebendigen, schwellend Hervortretenden, plastisch Atmenden dort in der Wand . . .

Ein Herr mit rundem Backenbart floh vor einer hübschen Mulattin.

Ein David in silbernem Schuppenkleid fällte einen Goliath, der niederprasselte, irres Erstaunen im Blick. Die Pupille eines waschblauen Auges rollte innerhalb eines goldenen Dreiecks verschmitzt hin und her. –

Dann sah man einen Jongleur, der mit Apfelsinen spielte – plötzlich platzten sie in einer lohenden Katastrophe. –

Zwei Rokokodamen prügelten sich um eine Marionette; hinter ihnen dämmerte eine Eule auf, die an Schlaflosigkeit litt und den Tod in Gestalt eines Arztes heranwinkte. –

Eine nackte Jungfrau, wie ein Porzellanfigürchen, flatterte buntbeschwingt als Schmetterling durch arkadisches Blau, verfolgt von einem borstigen Ungeheuer, das einer monströsen Schmeißfliege glich. –

Daraufhin gab es ein seltsames Durcheinander von kaum entwirrbaren Dingen: ein Affe trat auf, ein Chinese, ein fratzenhafter Fels, zusammen mit einer flink kletternden kleinen Gestalt im Matrosenanzug, die Angst fühlte und gläsern zu schreien schien . . . Nun wurden die Bilder beklemmender. Ein aschblonder Backfisch in langem Hemd schritt schlafwandelnd durch eine Gallerie drolliger Puppen und versetzte ihnen träumerische Nasenstüber. Sie versank in einer Sintflut und reckte die dünnen Arme nach einem kleinen Spanier, der einen untergehenden Mast umklammerte, und Tausende von Köpfen, wie von Robben, tauchten ertrinkend auf und wurden dann weggeschwemmt . . .

*

– – – Ich weiß nicht mehr, wie lange dies interessante Panorama, dank eifriger Geschäftigkeit Herrn Zinkeisens, noch weiterrollte; jedenfalls erschrak ich heftig, als mit letztem Plattenwechsel plötzlich seine flache Stimme ertönte: »Tja, Herr Doktor, nun ist wohl das Material vorläufig aufgebraucht, nicht?« – und als er das flammende Deckenlicht wieder anknipste. –

Ich war wie benommen; ich mußte noch eine Weile die Augen schließen, bis all das Bunte, Quellende hinter meinen Lidern zur Ruhe kam. Doch diese törichten Abziehbildchen, die der treffliche Jamaika-Rum so lebendig gemacht, blieben mir gleichsam mahnend im Blut sitzen; ich wußte, ich müsse ihre Schicksale entwirren und schildern, um sie loszuwerden, die vertrackten Quälgeister.

Vielleicht war dies auch Herrn Zinkeisens Absicht, und er freute sich darauf, meinen Eindruck schwarz auf weiß als Lektüre zu bekommen.

Ob er freilich dies Buch jemals erhalten wird, ist die Frage, denn ich habe mich in der Folgezeit leider vergeblich bemüht, seinen Zigarrenladen wieder aufzufinden, und das Adreßbuch enthielt seinen Namen nicht. –

Es fällt mir furchtbar schwer, zu glauben, er sei sozusagen selbst nur eine Fiktion gewesen an einem regnerischen Mai-Nachmittag; er ist mir noch zu deutlich in Erinnerung, und ebenso ist es seine Geschichte am Schlusse dieses Buches.

Da er persönlich nicht sehr gut erzählte, so habe ich (da auch der ununterbrochene herzhafte Konsum des Grogs seinem Vortrag nicht förderlich war) ein kleines Epos oder, wenn man will, einen bescheidenen Roman aus ihm gemacht.

Und damit, hoffe ich, habe ich ihm meine seltsame Verpflichtung zufriedenstellend abgetragen.


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