Willy Seidel
Die magische Laterne des Herrn Zinkeisen
Willy Seidel

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Die Ewige Teegesellschaft

Ich hatte einen Augenblick abgepaßt, als die Sonne des letzten launischen Novembers eine halbe Stunde lang ins Zimmer schien: da stellte ich das Puppenhaus ohne die Fassade aufs Bett. Wenn sie erwachte, konnte sie es nicht umwerfen; es stand auf einem drehbaren kleinen Tischchen. Ich freute mich, daß die Sonne schien und Marlies darüber hinaus Gelegenheit hatte, in ein Stück tiefblauen Herbsthimmels hineinzuspähen. Die ganze Nacht wurde zur Schimäre. Ihre Geschehnisse wurden lächerliche Bagatellen. Vom Schrecken dieser Nacht blieb nichts weiter übrig als die Erinnerung an einen ausgepumpten Gummimann, der drohend das Zimmer gefüllt; nun hatte er die Luft verloren, und seine Hülle hing faltig geschrumpft, belanglos über den Stuhllehnen . . . Dieses bißchen Sonne von draußen war ihm spinnefeind.

Um elf Uhr traf die kleine Jungfrau Anstalten aufzuwachen, und ich ging schnell in die Küche, um den warmgehaltenen Kaffee zu holen. Da hörte ich einen holden Schrei fassungsloser Überraschung und eilte zurück. Sie saß aufrecht und staunte in jedes Miniaturzimmerchen hinein.

»Mark,« jubelte sie (ihre Wangen waren leicht gerötet, ihre Augen klar), »du bist ein wundervoller Kerl! Laß dich küssen! Wo hast du denn diese herrliche Gesellschaft aufgetrieben?«

»Wo ich sie herhabe, ist einerlei. – Sie gehören dir. – Sie können sprechen.«

»Sprechen!!«

»Ja; aufgezogen sind sie schon. – Sie haben kleine Knöpfe am Scheitel, auf die mußt du drücken. – Setze sie hier im ersten Stock um den Teetisch; in ›bunter‹ Reihe! – So gehört es sich.«

Ihre Finger waren längst geschäftig. Sie zupfte den General zurecht, so daß die Uniform hübsch spannte. An seiner kantig vorgewölbten Brust saßen zwölf Orden. Die Kniegelenke machten einige Schwierigkeit, sich rechtwinklig zu biegen; doch endlich saß er zur Zufriedenheit, die Hand am weißen Schnurrbart. Zwar sackte er dadurch, daß die Beine sich selbsttätig wieder streckten, etwas ins Sofa; – aber Marlies fand die neue Haltung leger und bekömmlich. Neben ihn kam das »ältere Fräulein«, die Gouvernante offenbar, die ihrerseits ein äußerst steifes Kreuz beibehielt. Neben ihr saßen Zwillinge, Knabe und Mädchen, im Kieler Anzug und kurzem Gazeröckchen. Dann kamen Hausherr und Hausfrau, ein schönes, korrektes, schwarzäugiges Paar (er Frack mit Backenbart, sie bezaubernd modelliertes Dekolleté zu atemraubend getürmtem Chignon). An ihrer Seite rekelte sich ein Individuum von zweifellos unbürgerlicher Herkunft mit grünlichem, verschlissenem Bratenrock und struppigen, langen Haaren, ein geistiger Arbeiter offenbar; ihm folgten ein Kommerzienrat im Cutaway mit karierten Hosen und ein Hakenkreuzler mit Käppi, in handlichem Khakigrün zu Wickelgamaschen. Last not least kamen Stubenmädchen und Diener. Der Diener war besonders schön betreßt und galloniert. Diese beiden letzteren wurden an Tür und Serviertischchen gelehnt. – Der Situation nach war der Tee nun ausgeschenkt und man erging sich in höflicher Rede und Gegenrede.

Marlies drückte nun geschwind auf die Scheitelknöpfe, und die Figuren begannen innerlich zu schnurren, der Reihenfolge nach. Der General zitterte mit der behandschuhten Rechten am Schnurrbart, rollte die Augen und quakte tief: »Kolossal, kolossal!« – Das Fräulein öffnete ihren Rosenmund, ein lackrotes kleines Loch, und piepste: »Bitte sehr, bitte sehr!« – Die Zwillinge quietschten in verschiedenen Stimmlagen ohne Artikulierung wie die Jahrmarktsschweinchen und fuhrwerkten mit den Beinen auf und nieder, so daß der Tisch schwankte wie in Seenot. – Das Gastgeberpärchen verbeugte sich unablässig, gab eine innere kleine Spieldosenmelodie zum besten (hier war die Gleichzeitigkeit der Beanspruchung sehr wichtig) und klatschte sich selbst dabei hölzernen Beifall. – Der Kommerzienrat wedelte mit den Handtellern, wiegte den Kopf und äußerte blechern: »No was denn, no was denn.« – Eilig plapperte sein Gegenspieler, der Kleine mit den Wickelgamaschen: »Saujud, Saujud!« – Was die Dienerschaft endlich anlangte, so fielen sie einfach quer in den Raum hinein und zuckten wie vergiftet am Boden. Marlies bemühte sich schleunigst um ihre Stabilisierung; die Geräusche, die sie von sich gaben, standen in ihrer lauten Schärfe im Kontrast zur Demut ihres Inhalts. Sie schrien nämlich durchdringend beide: »Tee gefällig? Tee gefällig?«

Als diese Meinungsäußerungen, die nacheinander wohl drei Minuten dauerten, abgelaufen waren, herrschte wieder Schweigen. Die Uhrfedern waren erlahmt. Der Unterschied war aber nun der, daß die Herrschaften ihre Haltung geändert hatten. Glotzten sie zuerst liebenswürdig mit parallelen Profilen ins Leere, so hielten sie am Schluß die Gesichter einander zugedreht, und es bildeten sich sozusagen wechselnde Zugehörigkeiten. Das ältere Fräulein war der bartzwirbelnden Bewegung des Generals zu nahe gekommen, hatte einen Nasenstüber erwischt und war auf den Knaben geflogen, der sie mit erhobenem Bein in Schwebe hielt. Die Gastgeber saßen tief über den Tisch gebeugt, als ob ihnen übel sei. Der Hitler-Mann hatte einen steifen Nacken und saß wie aus Stahl; er war der einzige, der sich gleichblieb. Dahingegen waren der Börsenmagnat und das kleine Mädchen in seltsamer Gruppe erstarrt . . .

Marlies war überglücklich. Sie vertauschte die Personen; es ergaben sich entzückende, wenn auch zuweilen gewissermaßen peinliche Komplikationen. Ich muß zugeben, daß auch ich fast zum Kind darüber wurde und einen Narren an den Puppen fraß. Die zartlackierten Köpfe waren überraschend witzig und feinfühlig modelliert, mit aufgeklebten Haaren. Wir untersuchten die Leutchen nun auch genauer und machten »Leibesvisitationen« nach Uhrketten, Taschentüchern, Brieftaschen . . . Unser Staunen über die Treue der Details fand kein Ende. Bis zum letzten Hemdenknopf waren sie möglich. Doch jetzt sagte ich: »Es ist eine offizielle Einladung, Marlies. Du siehst, es stehen auch nur vier Betten im Haus; für Eltern und Kinder. Wir dürfen die Gäste also nicht voreinander in Verlegenheit stürzen.« – »Gut,« sagte Marlies, »wir wollen artig sein; sie sind es ja auch. – Bis auf den kleinen Grünen. Warum schimpft er so auf den netten Onkel? – Der hat doch so ein drolliges Gesicht, genau wie die Papageien auf unserer Tapete . . .« – »Er denkt sich nichts Positives«, beruhigte ich sie. »Er sagt das nur so hin . . .« – »Er muß dumm sein«, beharrte Marlies und setzte den Soldaten neben den General. »Hier darf er nicht plappern; hier muß er sich gut benehmen.« – »Es steht dir überhaupt frei,« schlug ich vor, »die Tischordnung zu ändern.« – Bei der nächsten Vorstellung erhob sich gemeinsames Stimmengewirr, da wir sie zusammen losplaudern ließen. Nur der Grüne, dies Enfant terrible, klappte nach, geriet mit seinem Gezeter in peinliches Schweigen und erhielt Stubenarrest in der Besenkammer. – Ich kann Ihnen versichern, meine Herren, wir amüsierten uns köstlich. Die Sonne schien herein; ich lachte Tränen; buchstäblich . . . Ich lachte, und meine Seele weinte. Wurde sie gesund?

Ihre holde Freude war nur Strohfeuer; letztes Aufflackern. Wissen Sie, es fällt mir jetzt nicht schwer, davon zu reden; es ist tief historisch für mich und deshalb abgetan . . . Es waren aber Augenblicke, in denen ich das Zahnrad des Fürchterlichen, dessen Zinken von Herzblut tropften, über mich weggehen fühlte. – Als ich ihr gegen drei Uhr das Mittagessen brachte, war sie blässer und starrte über das Dach des Puppenhauses hinüber in das letzte spätherbstliche Blau. Sie wollte nichts essen; ich gab ihr Tee. Darauf schlief sie, und während ihres Schlafes prüfte ich mehrmals ihren Puls. Mit Injektionsspritzen verstand ich nicht umzugehen; so ließ ich Ihren schon mehrfach erwähnten Kollegen, Doktor Pinswang (den Mann mit der Steckenpferd-Diagnose) wieder kommen, und er spritzte ihr eine Mischung von herzstärkenden Mitteln ein.

Ich raste und wütete gegen die unfaßliche Gewalt an, die sie ständig schwächte; gegen das Unsichtbare, das ihre Lebenskraft vor meinen Augen aufsog wie Löschpapier. »Marlies,« sagte ich, flüsterte ich langsam und machte große, willensbeladene Worte daraus (so voll von Willensverzückung, wie Leydener Kugeln von knisternder Kraft), »Marlies, bleib' bei mir!! – Werde gesund! Lache wieder!« – Nein, sie steckte ihr spitzes Näschen in die Luft, es war eine ernste Sachlichkeit, mit der sie zum Scheiden rüstete. Auf das übergroße Entzücken folgte ein Schwächeanfall, der sie ins andere Extrem sinken ließ. Das Blau im Fenster verlor sein Funkeln und vertiefte sich zu sattem Samt.

Der Kater jaulte wie aus weiter Ferne. Er war hungrig. Ich rührte mich nicht.

Als es sechs Uhr war und tiefe Dämmerung das Zimmer füllte, war mir, als müsse ich sie wecken, sonst entgleite sie mir ohne Abschiedswort. Ich knipste die Doppelbatterie unter dem Boden des Puppenhauses an und fügte die Vorderfront des Hauses ein. Aus sämtlichen Fensterchen strahlte helles Licht. Ich dachte ihr damit eine letzte Freude zu machen, auf daß ihre letzten Gedanken lächeln sollten.

Das Licht fiel über das Plumeau bis zu ihrem Kinn. Ich hob ihren Kopf sachte in die Höhe und schichtete die Kissen hinter ihrem Rücken auf. Das Licht kroch ihr ins Gesicht, und ich sah auf einmal ihre starr glitzernden, weit offenen Augen.

»Marlies«, stöhnte ich. »Ist das nicht hübsch?«

Ihre Antwort kam stoßweise; sie lächelte.

»Reizend, Mark. – Sind sie noch beim Tee?«

»Ja. Liebste – Es ist die Ewige Teegesellschaft . . .« sagte ich sinnlos.

»Ewig . . . Das ist schön.«

»Marlies! Bleib' bei mir! Verlaß mich nicht!!«

»Mark,« sagte sie auf einmal ziemlich flüssig, »denkst du wirklich, mein Lieber, ich würde dich verlassen, ja? Denkst du das wirklich?«

»Wo soll ich dich wiederfinden, wenn du's tust?«

Sie beugte sich leicht vor und schaute so lange in die Fensterchen hinein, daß ich sie sanft schüttelte. Da fuhr sie zusammen wie unter einem Frost.

»Wir beide wollen uns hier drinnen treffen«, sagte sie mit dem letzten Schatten eines Lächelns. »Such' mich hier . . . bei der Ewigen . . . Teegesellschaft . . . da treffen wir uns, ja? . . . Ich kann dir vielleicht allerhand erklären, wenn du dort deine . . . Visite machst . . . Für mich ist's ein kleiner Übergang . . . Sei ruhig, Mark. Du wirst mich spüren. Nun mach bitte . . . das Licht . . . aus . . .«

Sie legte sich zurück. Ich drehte die Batterie aus, es war fast dunkel im Zimmer. Ich setzte mich auf den Stuhl neben das Bett; ich wartete. Und plötzlich kam mir zu Bewußtsein, daß ihr schneller, leichter Atem – nicht mehr da war. Gleichzeitig traf mich ein eiskalter Luftzug, wie vom Teppich her. Ich wollte es nicht glauben und stürzte zur Lampe; ich hörte hinter mir, daß das Bett in allen Fugen krachte.

»Sie lebt doch noch!« dachte ich wirr und steckte die Lampe mit zitternden Fingern an. »Sie hat sich doch eben noch heftig bewegt! Wie hätte sonst das Bett so krachen können!«

Doch als ich hinüberleuchtete, lag sie da, offenen Auges und tot. Und mir war, als höre ich das Zuschmettern einer Tür – – auf einer anderen Ebene.

Der Spuk beginnt

Meine Herren, ersparen Sie mir, die nächsten Stunden zu schildern. Es war ein erneutes Ringen um Glauben. Aber ich beschwor mir mit aller Energie herauf, was nach dem Tode von Marliesens Mutter erfolgt war. Dieselbe Bereitschaft mußte ich in mir erzeugen wie damals. Keines ihrer letzten Worte durfte vergessen werden. Sie hatte gesagt: »Ich bleibe bei dir«, und: »Du findest mich wieder.« Der Durchbruch durch alle Zweifel: die wundervolle Leuchtrakete der Überzeugung überschwemmte die dunklen Regionen, in die ich einen Vorstoß plante, mit Licht.

Sie war da, und daß jenes Etwas, das sie im Bett dort zurückließ, nur vergänglich geprägter Umriß, bröckelnde Hohlform war, die gar nichts mehr mit ihr selbst zu tun hatte, wurde mir nun durch einen unnennbar schauderhaften Zufall klar.

Sie erinnern sich, daß ich Ihnen erzählte: Moloch war hungrig . . . Wie er ins Zimmer eindrang, ist mir nicht ganz klar. Kurz, ich erwischte ihn, wie er drauf und dran war, sich an der Leiche gütlich tun zu wollen . . . Muß ich das aussprechen! Ich packte ihn, kalt vor Entsetzen, und schleuderte ihn in weitem Bogen aus dem offenen Fenster. Meine Hand hatte sich wie eine Zange um seinen Hals gelegt. Er schlug leblos drunten auf; ich glaubte ihn endgültig los zu sein. Vorläufig kam er nicht wieder und ich vergaß ihn. (Doch es heißt, daß Katzen eine Mißhandlung nicht vergessen.)

Als Marlies begraben war, wurde mein Urlaub vom Chef aus in entgegenkommendster Weise ausgedehnt. Ich hatte Anfälle von tödlichster Einsamkeit, und hier, sehen Sie, zeigte es sich, daß die »soziale Bestie« meine vierzehnjährige Mißachtung keineswegs übersehen hatte; sie wandte mir mit großer Gebärde ihre kühle Rückseite zu. Der als Sonderling Gebrandmarkte würde schon (dies schien es mir zu bedeuten) einen Modus finden, um mit seinen privaten Stimmungen fertig zu werden. Etwas schales Mitleid bekam ich zu kosten, ein wenig spekulierende Kondolenz – und dann glitt man wieder zurück in die Beobachterrolle. Das war das Verhalten der »Welt«, und eigentlich hatte ich keinen Grund, auch keine Berechtigung, darüber erstaunt zu sein. Im geheimen bereitete sich ja auch etwas in mir vor.

Man kennt das Summen des Orchesters vor Beginn der strahlenden Oper . . . Kennt das atemlos geschäftige Treiben für eine kommende große Festlichkeit: ja, so war meine Stimmung vor diesem nahen Wiedersehen mit Marlies nach ihrer »vorübergehenden Verhinderung« auf der anderen Seite des »Übergangs«. Glauben Sie nun nicht, daß ich irgendwelche Magie getrieben hätte, an der Ihr schaler wissenschaftlicher Witz ein billiges Mütchen kühlen könnte. Nein! Alles, was ich tat, war folgendes: ich hungerte. Vielmehr aß ich nur das Allernötigste, das die vitalen Funktionen verbürgt. Ich zog abends die Rolläden vor die Fenster und die Vorhänge vor, sperrte den Tag so lang als möglich hinaus. Dies tat ich in der ganzen Wohnung und ließ alle Türen gewissermaßen einladend offenstehen; ebenso das kleine Fenster in der Besenkammer. Dann schaffte ich Marliesens Bett aus dem Zimmer hinaus, so daß nur noch mein eigenes darin stand, das ich in die Mitte rückte. Vor das Bett stellte ich einen breiten eichenen Tisch und in dessen Mitte das Puppenhaus.

Ich hatte mir berechnet, daß die Batterie, da sie so gut wie neu war, Brennvermögen für eine ganze Woche besitzen mußte. So konnte ich mich auf das beleuchtete Haus konzentrieren, ohne befürchten zu müssen, daß das Licht darin erlösche.

– – – Es war am vierten Abend, als ich zum erstenmal ihren Versuch spürte, sich bemerkbar zu machen.

Ich atmete tief, als jenes Knistern begann: im Korridor – dann im Salon – dann im Zimmer selbst – mit dem rapiden Sinken der Temperatur vom Teppich her. Es war verdammt ungemütlich, dies so objektiv zu erleben.

Doch ich sagte mir immer wieder: es ist ja Marlies; es ist ja eine freundliche Intelligenz. Sie will ja nur Vereinigung mit mir. – Vorläufig blieb es beim Knistern. Ich schlief am Schluß traumlos ein.

An den kommenden Abenden geschah folgendes: Ich hatte die Lampe noch brennen. Da geschah in der Ecke, wo ihr Bett gestanden, ein Knall wie ein Pistolenschuß, gefolgt von einem Geräusch, als drehe jemand sich auf der Matratze um. Ich hörte das leise Anklingen der Matratzenspiralen und ein Rauschen von Bettüchern.

Die Ecke war leer und hinlänglich bestrahlt, so daß ich jeden kleinen Papagei auf der Tapete bis zur Decke hinauf verfolgen konnte. Aha, dachte ich, die Kraft wächst. Mein Puls hatte ausgesetzt; nun schlug er wild. Zehn Minuten Stille. Dann geschah dicht vor mir klares, deutliches Klopfen im Holz des Tisches. Jetzt erschrak ich nicht mehr. Es war keine irre Manifestierung. Es war ein bewußter Versuch zur Verständigung; es heimelte mich gleichsam an.

»Bist du das, Marlies?« fragte ich laut. Meine Worte hallten laut und versickerten in der leeren Wohnung.

Ein lauter, kurzer Krach im Tisch geschah. – »Sie ist es!« dachte ich. Ich nannte die Buchstaben des Alphabetes, sobald das Klopfen sich wieder rührte, und hatte nach einiger Zeit die klare Botschaft, »Lampe aus.«

Ich erhob mich und befolgte ihre Anweisung. Die Batterie des Puppenhauses drehte ich an und starrte hinein. Mein Blick verfing sich zunächst in einem Spiegelchen, das einen winzigen Kronleuchter im Parterre reflektierte. Es war eine Art Kristallsehen. Manchmal war mir's, als gleite eine Verdunkelung über das Gesichtsfeld. Wie unter einem Zwang drehten sich meine Pupillen langsam empor.

Ich sah mitten in die Gesellschaft hinein, die im ersten Stock um den Tisch versammelt saß. Zunächst sah ich sie nur im Ausschnitt des Fensters – dann aber schien mir, als sei ich mitten unter ihnen. Wenigstens konnte ich allmählich das Zimmer rundherum von innen deutlich überblicken. Teufel ja. – Zuerst war es eine tolle Sensation – ich machte buchstäblich meine Visite.

»Wie bin ich eigentlich hineingekommen?« dachte ich und faßte mir an den Kopf. »Vermutlich durch das Fenster; jawohl . . .« Zugleich wurde mir der Gedanke an das Fenster schauderhaft peinlich. Abgewandten Gesichtes zog ich die Vorhänge vor – pfirsichfarbene Seidenvorhänge. Zusehends fühlte ich mich gemütlicher und zu allerhand Scherzen aufgelegt.

Ist etwas noch so fein gefertigt: unter der Lupe enthüllt es doch geheime Fehler. Und da ich nun gewissermaßen den »Röntgenblick« hatte, so boten die Herrschaften allerhand Überraschungen. Bis jetzt waren sie wie in einem umgekehrten Opernglas sichtbar gewesen. Ich nahm Platz auf einem Rokokostuhl, giftblau bezogen – eine durchaus rohe Attrappenarbeit, wie ich jetzt bemerkte –, und wartete. Die steifen Puppen warteten ebenfalls. Weiß Gott, es war eine erwartungsschwangere Atmosphäre. Der General war der einzige, der mir ins Gesicht blickte; es kam mir jetzt vor, als trage er einen erstaunten Ausdruck. Ich drehte ihn nach der Tür zu; er irritierte mich. – Endlich ging unten die Haustür. Es quietschte leise. Und dann hörte ich auf der Treppe, die seitlich an den Zimmern hinaufführte, leise Schritte, wie wenn Tropfen fallen . . . Oder war's nur mein Puls, der mir im Ohr sang?

Nein. Ich täuschte mich nicht. – Es war Marlies.

 

Es war, als sei sie ihrer Mutter ähnlicher geworden. Das Bild ihrer Mutter verschwamm jedenfalls mit dem ihren, als habe man zwei sich sehr ähnliche Gesichter übereinanderphotographiert. Dies war mein erster und letzter Eindruck von ihr, und es erstaunte mich nicht im geringsten. Sie ging ganz geschäftsmäßig, als sei sie in Eile, auf mich los und setzte sich mir kameradschaftlich auf den Schoß. – »Nun?« fragte sie und blickte mir gespannt ins Gesicht: – »hab' ich Wort gehalten?«

Sie war wie immer – nur hatte ihre Stimme einen anderen Klang und etwas wie unendliche Erfahrung leuchtete aus ihren Augen. Sie war kein Kind mehr; sie war immer alt gewesen; sie war uralt; trotz der kurzen Gastrolle »im Fleische« . . . Mein eigenes bisheriges Leben kam mir jetzt so vor wie eine verschollene Viertelstunde in unwürdigem Käfig voll verworrener Unlust, für die es keinen Begriff mehr gab . . . Deshalb erwiderte ich mit großer Selbstverständlichkeit:

»Das gehört sich auch so.«

»Anfangs« – fuhr sie fort und löste sich von meinen Knien – »haben sie mir ja Spaß gemacht.« – Sie blickte die Reihe der Puppengesichter entlang. – »Jetzt aber hab' ich schon den Geschmack verloren an diesem Teebesuch. Es ist eine Ewige Teegesellschaft, da hast du recht; was soll ihnen schon viel Neues einfallen. Und damit hab' ich mich zufrieden geben müssen – bisher.«

Ich zerbrach mir den Kopf, warum sie »bisher« sagte; wie lang war es denn schon her? Es war doch erst vor kurzem gewesen, daß sie . . . Nun, es herrschte eben eine andere Zeitrechnung hier. – Es mußte ja auch das veränderte »Format« ringsumher in Betracht gezogen werden . . . Deshalb war ich nicht indiskret genug, um Fragen zu stellen. Marlies mußte ja wissen, wie sie sich auszudrücken hatte.

»Jetzt komm' und hilf mir; wir wollen sie in Gang bringen! – Vielleicht finden wir noch eine neue Nuance!« Sie sprach geziert und altklug. – (›Kunststück‹, dachte ich, ›altklug zu sein unter diesen Umständen . . .‹) – Wir standen auf. Marlies ging auf nackten Sohlen im raschelnden fußlangen Hemd. Das Sterbekleid! Der Duft faulender Astern drang aus ihrem Körper. Sie hatte eine vertrackte Art, auf den vorderen Fußballen zu trippeln, und das Hemd gab nicht die Formen ihres jungen Leibes wieder, sondern fiel andauernd in steifen Falten herab. Zuweilen, wenn sie kniete oder stieg, knisterte es elektrisch in diesen Falten; auch drangen, berührte ich sie, Ströme in meinen Körper gleich sanften Nadelstichen. Sie aber tat, als sei das die natürlichste Sache von der Welt. –

Mit dem General fingen wir an; es war keine leichte Arbeit. Der Uhrenschlüssel wurde bei ihm, wie bei allen, in der Nabelgegend angesetzt; wir drehten gemeinsam. Das frühere leichte Zirpen erschien jetzt als großes Gerassel und Geknarz. Als wir mit der ganzen Runde fertig waren, sagte Marlies: »Puh! – Ich bin froh, daß ich's geschafft habe. Man wird nicht kräftiger in meiner Situation, Mark. – Nun drück' ihnen fest auf die Scheitelknöpfe, und dann nimm mich auf den Schoß. Es verlohnt sich; du wirst lachen müssen. Erschrick nicht über den Spektakel!«

Während ich die Federn auslöste, da ging es – das kann ich Ihnen sagen – zu wie in einem Tollhaus. Ein solch viehisches Geplärr stereotyper Redensarten hab' ich meiner Lebtag nicht gehört. Doppelt unheimlich war dabei dies gespenstische Auf- und Niederwogen von Gliedmaßen; dies Schnurren und Gerassel; – hier hoben sich Arme wie Mühlenflügel, dort ruderte ein Beinpaar. Zwei ganze Oberkörper wippten, und von überall her trafen mich rotierende Blicke, leer, erbost, schelmisch und tückisch aus lackierten Zügen. Jeder schien vom Ehrgeiz besessen, den anderen zu überschreien. Im vornherein war mir klar, daß die entfesselten Gewalten dieser wüsten Geselligkeit auf eine Katastrophe zusteuern mußten. Marlies schien es ja auch darauf anzulegen, daß man sich in »die Haare geriet«. Sie lachte dabei wie gequält; ich sah ihr perlweißes Gesicht auf und niedertanzen. Der Tisch schwankte; das Geschirr klirrte. Plötzlich fiel auch hinter mir – (als stehe das im Programm!) – der Diener um und röchelte, halb unter dem Tisch, sein fürchterliches: »Tee gefällig? Tee gefällig?« Mir war's, als müsse mein Kopf bersten. »Um Gotteswillen!« schrie ich. »Bring' sie zum Schweigen!«

Marlies stahl sich wieder zu mir heran.

»Liebling,« sprach sie dicht an meinem Ohr – darum verstand ich sie –; »Du weißt doch: es dauert drei Minuten . . .«

»Aber die sind längst um!«

»Daß du dich ja nicht verrechnest!« sagte sie voll Schadenfreude. »Hast du nicht selbst den Ausdruck geprägt von der ›Ewigen Teegesellschaft‹?«

»Mag sein . . . Aber ich halt' es nicht mehr aus . . .«

»Man kann sie nicht stoppen,« belehrte mich Marlies, »ohne sie kaputt zu machen. Aber wir können sie ins Parterre hinunterschaffen; dort fallen sie uns weniger auf die Nerven. Ich habe dir ohnedies wichtige Sachen mitzuteilen; ganz unter uns!« Sie machte verschmitzte Augen. »Da ist eine Falltür; die erspart uns die Treppe. – Schau' einmal hinunter!« – Ich hob die Falltür auf und blickte von oben in den Saal hinab, der die ganze Breite des Parterres einnahm. Er war leer; an allen Wänden waren Spiegel. In der Ecke stand ein Piano, dessen Tastatur eine einzige Oktave umspannte. – Drei Kronleuchter brannten.

»Also gut! Werfen wir sie alle in den Saal hinunter!« rief ich unternehmungslustig und war schon bei dieser Arbeit. Zarte Rücksicht gab es nicht diesen mörderischen Mechanismen gegenüber. – Die Zwillinge kamen zuerst dran. Auf ihnen landete die Gouvernante; sie bildete ihrerseits wieder die Unterlage für den General. Der grüne Soldat fiel angenehm weich auf den elastischen Filzbauch des Börsenmagnaten. – »No was denn?« schrie dieser, unentwegt weiter gestikulierend. Das Gastgeberpaar und den »geistigen Arbeiter« mit der Mähne feuerte ich hinterdrein, und als Schlußeffekt die beiden Dienstboten. Es war ein Gekrabbel und Tohuwabohu, als habe man einen Sack voller Maikäfer drunten aufs Parkett entleert. – Ich klappte die Falltür zu, und der Lärm dämpfte sich.

Auf einmal schien mir, als werde der Klang viel erträglicher. Verblüfft legte ich mein Ohr wieder auf den Boden. Was hörte ich denn? Was war denn das? Herrschte nicht eine ruhige, vollkommen menschliche Konversation dort unten? – Eine Täuschung war unmöglich . . .

– – – ». . . Exzellenz!« sprach eine spitzige Stimme (war das die Gouvernante?): »Sie verzeih'n; aber Ihr Antrag kommt mir so unerwartet . . .«

– – – »Ah bah!« erwiderte ein fettiger Baß unter klirrenden Orden, »immer schon Absicht jehabt, Attacke zu reiten! – Die charmante Jelejenheit . . .«

Die Schritte entfernten sich; neue tauchten auf.

– – – ». . . Sie werden sich das überlegen, junger Mann!« tönte ein gepflegtes männliches Organ – (der Gastgeber?) –: »Ihre politische Überzeugung ist solange nicht meine Sache, als sie sich in einigermaßen gesellschaftlichen Formen hält . . . Aber Herrn Kommerzienrat Trommelfell in meinem Hause zu beleidigen, das geht zu weit . . .«

Es trippelte. »Papa!« fuhren die Kinderstimmen dazwischen. »Wir dürfen doch heute ausnahmsweise bis zwölf aufbleiben?«

Pause.

Die Gouvernantenstimme, hingehaucht: »Ehe ich Ihnen mein Jawort erteile, Exzellenz . . .«

Grollendes Räuspern, stampfende Schritte. – Vorbei.

– – – ». . . Man fragt sich immer wieder vergebens,« dröhnte jetzt ein sonor ekstatisches Organ (das konnte nur der langhaarige Komponist oder Dichter sein), »wie sind wir hierhergekommen? – Ist draußen nur schwarze Nacht, oder gibt es viele Häuser wie dieses? – Und geht in ihnen Ähnliches vor? – Wird auch dort ewig nur Tee getrunken? – Ist dies alles nur (wie soll ich sagen?) leeres Theater? – Machen wir uns nur etwas vor?«

– – – »Junger Mann!« tönte die Backenbartstimme des Hausherrn. – »Sie Schelm, Sie philosophieren ja wieder . . . ›Macht eine Ewigkeit aus dem Augenblick!‹ – sage ich immer. ›Dann dauert er ewig!‹ – Kürze wird Würze!« – Es erhob sich Gelächter, als ob er einen wunderbaren Witz gemacht habe. – »Und jetzt, geschätzter Meister, geben Sie uns Ihre letzte Komposition zum besten!«

Daraufhin, in gespannter Stille, wurde auf dem Piano die eine vorhandene Oktave langsam hinaufgeklimpert.

Brausender Applaus.

Langsam kletterten die Töne wieder hinab.

Die Begeisterung stieg; das allgemeine Gespräch schwoll wieder an. Mir war übel; ich erhob mich vom Boden. – »Marlies,« fragte ich entsetzt, »was soll all dies irre Geschwätz? Bin ich wirklich im Tollhaus?«

Unter Larven

Lieber Mark,« sagte Marlies vertraulich, »du bildest dir ja nur ein, du habest etwas gehört. Denn nun ist die Zeit vorbei; die Uhrenfedern wirken nicht mehr.«

»Aber ich hörte doch Worte, Schritte,« meinte ich fassungslos.

»Ja, ja, – in deinem Kopf!« erwiderte sie schlicht. »Ich will dir's beweisen.«

Sie nahm mich bei der Hand und führte mich die Seitentreppe ins Parterre hinunter. Da war die Tür zum großen Saal. Aber es war mäuschenstill dahinter. – »Siehst du,« sagte Marlies und riß die Tür auf – »da liegen sie, dumm und stumm.« Ich blickte hinein: Wahrhaftig, unter den funkelnden Kronleuchtern lag die ganze Gesellschaft wirr aufgeschichtet, genau so, wie sie herabgefallen war. Großes Schweigen schwoll mir entgegen; alles erschien mir sinnlos. Ich bebte und klammerte mich an Marlies.

»Marlies,« ächzte ich – »erklär mir das! – Was soll das bedeuten!«

Sie küßte mich; der Kuß bedrängte mich wie Atemnot.

»Das bedeutet, daß wir . . . daß jeder von uns furchtbar allein ist.«

Wir gingen wieder hinauf, in den »Teesalon«.

»Was du zu hören glaubtest,« fuhr sie fort (und machte es sich, das überlange Nachthemd bequem bis zu den Knien schürzend, auf dem verschnörkelten Sofa gemütlich) . . . »war nichts als schales Echo des ›Lebens‹, sein ganzer Inhalt, auf ein paar dumme Formeln gebracht . . . Auch wir haben uns wie rädertretende Eichhörnchen in unserm Gefängnis herumgedreht und nannten's ›Welt‹ . . . Mit den gleichen Phrasen haben wir uns gegenseitig gefüttert, und nannten's ›Unterhaltung‹ . . . Ach, Mark, dies alles ist ein Sinnbild; deshalb bat ich dich, mich hier zu treffen.«

». . . Spiegel im dunklen Wort . . .« stammelte ich. – Kaum wunderte ich mich über die alterslose Sprache meiner Marlies. Sie lag, die Hände im Nacken verschränkt, wie in der Sterbestunde. Unverhältnismäßig große Glühbirnen erfüllten diesen Raum (wie auch den Saal unter uns) mit kalkig-schattenlosem Licht. Sie starrte abwesend in die Vergoldung der Rokokosesselchen, der befransten Damastvorhänge, des hunderterlei aufgestellten oder wirr getürmten Puppenporzellans . . .

». . . dann aber von Angesicht zu Angesicht.« – Draußen kreiste ein ungeheurer Wirbel von Schwärze: – das absolute Nichts. Man hörte es rauschen wie einen fernen Strom.

»Schau nie aus den Fenstern!« sprach Marlies. »Laß die Vorhänge gut zu; sonst wirst du hinausgesogen. Ich kann's vertragen, mein Freund; du aber hast auf deinen Körper Rücksicht zu nehmen! Den gibt es nämlich noch dort draußen. Der lauert auf dich.« Sie lächelte etwas mokant. »Der atmet und verdaut dort . . . Er braucht dich noch dringend. Vergiß nicht, daß der Uebergang dir noch bevorsteht; was du jetzt machst, ist eine kleine fliegende Visite . . .«

»Aber ich möchte immer mit dir vereinigt sein! Bleiben wir doch zusammen!«

»Wer, glaubst du,« sagte sie auf einmal und sah mich mit veränderten Augen an, in denen ich kaum die Pupillen entdeckte, – »ermöglichte mir meine jetzige Existenz?«

»Der liebe Gott . . . Oder ein großes unveränderliches Gesetz.«

»Nichts dergleichen, Mark. – Du!!«

»Durch meine Liebe? Meine Sehnsucht nach dir?«

»Ausschließlich nur durch deine Liebe. Sonst wäre ich nicht! Also bist du eigentlich meine Daseinsquelle . . . Mein zweifacher Erzeuger.«

»Und Du existierst nur, wenn ich im Fleische bleibe?«

»Ja, mein Liebster. Denn ich nehme ja alles, auch meine jetzige Form, meine Sichtbarkeit, von dir. Ich baue mich buchstäblich auf aus dir; ich sauge an dir . . . Spürst du's nicht?«

Ich ward mir einer grenzenlosen abstrakt wollüstigen Schwäche bewußt.

»Siehst du: die ›andere‹ –« (sie sprach das Wort Mutter nie aus) – »hast du auch zuerst mit deinem Blut genährt; da blieb sie noch eine Zeitlang lebendig nach ihrem Übergang. Dann aber hast du sie allmählich vergessen – um meinetwillen. Mich aber kannst Du nicht vergessen; es kommt ja niemand nach mir, der mich ersetzt. Und ich habe keine Lust, das Schicksal der ersten zu teilen. Sie treibt jetzt nur als schwachleuchtende Blase umher mit halbzerstörtem Profil . . . Ich will nicht untergehen wie die meisten nach kurzem Scheinleben als zerbröckelnde Larve; ich will nicht!«

»Du sollst auch weiterbestehen! Nähre dich von mir . . . Nimm von mir, so viel du willst!« Ich spürte das große Mitleid meines kürzlichen Traumes, wo ich sie in jener Halle im Walde fand, verscheucht, hilflos und . . . besessen . . .

»O Mark!« sang sie und beugte sich vor (ihr Blick war wie blind). »Wie mußt du mich lieben! Merke wohl: Durch dich lebe ich und durch dich vergehe ich. Ich will dir immer nahe bleiben . . .«

»Und werde ich dich stündlich um mich spüren?«

»Tagsüber nicht, Mark; denn tagsüber – (hier verstummte sie; dann sang sie einen leisen Refrain):

». . . wandeln alle Toten
nur auf Katzenpfoten . . .«

»Aber nachts?«

»Ja, nachts . . . das ist meine Stunde. Du hast mich ja schon gespürt; ich war bereits ziemlich stark. Hast Du nicht das Krachen im Holz gehört, als ich meinen Durchtritt erzwang in deine Welt? Vielleicht bin ich auch stark genug das nächste Mal, um die Lampe selber auszulöschen . . . Nacht für Nacht werde ich mich vollsaugen an deiner Liebe . . . Immer stärker werde ich werden; mästen werde ich mich . . .« Ich begriff nicht, warum mir auf einmal graute. Ihr Gesicht schimmerte, als sei es von Tränen naß. Doch ihre Lippen waren emporgezerrt über durchsichtig blasses Zahnfleisch, und ich sah, wie sich ihre Zunge spitz dazwischen regte . . .

 

Ich weiß nicht, wie lange jenes eigentümliche, einzigartige Gespräch noch dauerte; ich rekonstruiere es, meine Herren, hier vor Ihnen, so wie man einen äußerst lebhaften Traum mit Worten nachbildet. Die Hauptsache bleibt: der Sinn der Unterhaltung glomm in mir fort wie ein Grubenlicht.

Es war hoher Vormittag, als ich seltsam zerschlagen auf meinem Bett erwachte.

Ich untersuchte das Puppenhaus: alles entsprach jener Traumsituation. Hier war das Treppchen, hier der Salon, hier das Falltürchen . . . Und unten lagen die Figuren auf einem wirren Haufen.

Nach Entfernung der Hausfront nahm ich sie heraus. Ich wollte die Situation für das nächste Mal probeweise ändern. Den General und die Gouvernante setzte ich in den Salon. Die Gastgeberfamilie legte ich in die vier Betten des Schlafzimmers. Den grünen Soldaten sperrte ich in die Besenkammer, und den Rest verteilte ich auf die übrigen Räume. Ich hatte dabei die läppische Hoffnung, es »interessanter« zu gestalten.

Diesen Abend manifestierte sich Marlies schon verblüffend deutlicher. Zunächst geschah bei völliger Windstille ein rüttelndes Klirren an den Scheiben, das ums ganze Haus herumwandelte.

Dann trat der Spuk ins Haus, ich hörte das Krachen dreier zugeschlagener Türen, so heftig, daß der Kalk hinterdreinrieselte. Ich stand auf und sah nach: alles war in Ordnung.

Mit einemmal geschah ein Geräusch wie von berstender Seide ganz in meiner Nähe . . . Ein rattenfüßiges Etwas raschelte am Ofen und dann schoß jemand unter dem Tisch wieder eine Pistole ab.

Ich bettete mich schnell, legte mich zurecht und beobachtete die Lampe. Nach fünf Minuten machte sie: pfütt! Sie blakte mehrmals auf; dann ging sie aus. Mein Herz plumpte wie erfroren in einem Brunnen.

Gleichzeitig spürte ich erneut die angenehm saugende Schwäche, als ich so vorgebeugt saß; etwas Glattes, Eidechsenhaftes, was an mir zerrte. Wieder wuchs mir das beleuchtete Puppenzimmer aus der Schwärze entgegen; ich trat hinein und war zunächst mit dem General und der Dame zusammen im Zimmer. Dieselbe schwebende, marternd-erwartungsschwangere Stille . . . Dann klappte wieder drunten die Haustür und Schritte kamen herauf. Durch die Salontür schob sich ein Page herauf. Er trug einen grauseidenen Kittel von der Farbe der ersten Frühe, Fallkragen aus alter Spitze, weinrote Knierosetten und Schnallenschuhe. Er stemmte die Hände in die Hüften und sagte mit lauter lustiger Stimme: »Na; du hast ja diesmal eine schöne Konfusion angerichtet mit den Leuten hier.«

Es war Marlies.

»Komm einmal« – und sie ging zur Schlafzimmertür – »vielleicht bist du heute wieder hellhörig . . .«

Ich lauschte. Drinnen hörte ich ein Gähnen, und eine weibliche Stimme sprach:

– – – »Eigentlich ist es mir zu peinlich! Wir liegen hier im Bett, und dabei ist das ganze Haus voller Gäste!«

Ich horchte noch aufmerksamer: überall im Hause hörte man Stimmen.

– – – »Wie kommt denn das?« setzte die männliche Stimme dagegen, ziemlich ratlos. »Haben wir doch noch soeben . . . Tee getrunken? Oder wie?«

Ich riß die Tür auf. Vier Puppen lagen hier reglos in den Betten in unbequemen Stellungen und glotzten aus blanken Augen an die Decke. Marlies tanzte hinter mir vor Vergnügen. Wir traten nun ganz ins Schlafzimmer und schlossen die Tür. Flugs drang es aus dem Salon:

– – – »Welch seltsamer, welch schicksalsmäßiger Zufall, geliebte Klotilde, daß wir diesen Salon ganz für uns haben!«

– – – »Exzellenz! Treiben Sie nicht Ihren Scherz mit einem schutzlosen Mädchen . . .«

– – – »Ich scherze nicht!« dröhnte der Baß. »Nie war mir weniger scherzhaft zumut . . . Nenne mich Du . . .«

»Puh!« schrie Marlies und sprengte blitzschnell die Tür auf. Ich hörte noch das U des »Du«, des langgezogenen; alles war abgehackt wie mit einem Beil. Ich wurde wieder fassungslos.

»Sie schauspielern!« stöhnte ich. »Marlies; dies ist unerträglich . . .«

»Ja, das Echo von früher«, lispelte sie und bohrte sich die Zunge schelmisch in die Backe. »Alter Freund; dies Echo ist zäh. Du kannst dir vorstellen, was jetzt in der Besenkammer oder in der Küche für Reden geschwungen werden. Wenn sie sich nicht prügeln, will ich Hans heißen. Alles Mögliche kann passieren, denn sie tanzen ja alle letzten Endes nach deiner Pfeife.«

»Wie meinst Du das?«

»Nun, sie werden ja nur in deiner Vorstellung lebendig. Sie führen nur folgerichtig aus, was sie deinem Gefühl nach tun müßten . . . Du bist ein guter Regisseur für Gespenster! Mit der Zeit bekommt alles ein Eigenleben bei dir. Findest du nicht, daß zum Beispiel auch ich schon recht lebendig geworden bin – dank dir!«

»Aber Marlies!« stotterte ich. »Wir kannst du dich mit diesen Marionetten vergleichen!«

»Nur ein Gradunterschied«, lächelte sie liebenswürdig. »Du hast die Tür nach dem Drüben ja auch nicht so plötzlich aufgerissen, sondern es langsam und taktvoll gemacht. So konnte ich bestehen bleiben, obwohl mir zunächst mächtig unbehaglich war . . . Außerdem – das mußt du zugeben, bin ich an sich mehr wert als die ekelhaften Gebilde aus Holz und Lack. Ich falle nicht gleich mit einem Plumps aus dem Rahmen.«

Wieder umschlang sie mich; ich versank mit dem Gesicht in ihre zarte Brust im Ausschnitt des Spitzenkragens; ein lähmender Moderduft durchdrang mein ganzes Wesen wie süßliches Gift; wüste, wehe, zarte Wonne wie Auflösung meiner selbst . . . ». . . Ja, ich spreche, ich wachse, ich bin lebendig, so lange du es aushältst.«

»Und wenn ich versage?«

»Dann vereinigst du dich entweder mit mir, und wir kehren zusammen ins Nichts zurück, dort draußen vor den Fenstern –: oder du bleibst im Fleisch und vergissest mich.«

Ich hielt sie umschlungen; so durchwanderten wir das Haus. Wir stiegen zusammen die Stufen hinab.

»Keine Hochzeit,« flüsterte Marlies, »dauert ewig . . . Mark! – Es kommt einmal die Zeit . . .«

»Nie!« verschwor ich mich. »Nie!«

Sie lächelte, als ob sie's besser wüßte.

Wir waren unten. Stimmengewirr drang aus dem großen Saal. Die Deklamation des Dichters war am deutlichsten zu hören; sie schwebte im hohen Falsett über dem Lärm. Plötzlich verstand ich es. Es war jener Vers, jene Sonettzeile, an die ich selbst (wann doch?) gedacht:

... which like a jewel hung in ghastly night...«

Und hier stand sie nun neben mir, als grauseidenes Phantom eines Pagen . . .

»Kehren sich deine eigenen Gedanken gegen dich?« zischelte Marlies und sah mich grell und neugierig an. »Erträgst du's nicht? Nun, so hau' gegen die Tür!« Ich tat's, und im gleichen Moment hörte man dumpfes Klatschen, wie wenn Mehlsäcke nacheinander auf den Boden fielen.

Wir sperrten hierauf alle Puppen hinaus und hatten den großen Saal ganz für uns.

Ich weiß noch, daß Marlies tanzte und in all den Spiegeln lebte die silberne Blüte ihres Leibes auf. Ihre besondere, am häufigsten wiederholte Geste war ein sehnsuchtsvolles Entbreiten der Arme, wie ein Ruf, ein Hilfeschrei aus dem Nichts, das unter den flammenden Lüstern wogte – und meine Seele wand sich in einer süßen, fragwürdigen, fruchtlosen Schwermut.

Seitdem, meine Herren, war ich krank.

Als ich erwachte, war es wieder am späten Morgen. Ich fühlte mich so erschöpft wie nie.

Sie kennen ja die Sage vom Vampir.

Mein Körper revoltierte . . . Hätte ich die Kraft besessen, ihm zu widerstehen, seine schreienden Bedürfnisse niederzuringen, so säße ich heute nicht vor Ihnen, sondern wäre längst mit der kleinen Jungfrau vereint. Dann aber könnte ich Ihnen nie etwas erzählen, und Sie wären um eine Erfahrung ärmer; ein Paragraph würde vermißt in Ihrer psychologischen Kladde . . .

Kurz, ich bekam es mit der Angst. Ich brauchte eine Pause.

Ich brannte (ohne Beschönigung) einfach durch; sperrte die Etage ab; floh.

Wo ich war, ist belanglos. Ich betäubte mich und suchte sie zu vergessen; und stellenweise gelang's mir wohl auch. Der Spuk folgte mir, heftete sich an meine Fersen. Gottlob gelang es ihm, sich nur zu äußern in halber Dunkelheit; dann erscholl er abgedämpft; es waren tastende, verstümmelte Dinge, die er trieb. Bis ich eines Tages im Schlafwagen eines Luxuszuges, der mich von Paris zurückbrachte, jenen alten Traum wieder hatte von dem schnurgeraden Wiesenweg, dem Wald und dem einsamen Haus. Ich wußte, sie war darin und litt Todesangst. Es überwältigte mich wiederum das unwiderstehliche grauenvolle Mitleid.

Ich trat ein.

Schluchzend flog sie mir entgegen.

Sie wurde zum Alpdruck. Ihr Gesicht verzerrte sich: das Tier tobte in ihr. Sie warf den Kopf zurück; ein rauher Katzenschrei brach aus ihrem klaffenden Mund. Doch ich hielt stand. Ich hielt sie umschlossen, obwohl sie tobte und mir die Hölle heiß machte. Endlich . . . endlich löste sie sich auf; mit süßem, vergehendem Lächeln.

Damals fand mich der Schaffner auf dem Boden des Abteils liegen, mit Schaum vor dem Mund. Es sei eine Nervenkrise gewesen, sagte man mir, als ich aus der Ohnmacht erwachte. Unterernährung oder Kummer . . . Man hatte Dutzende von Erklärungen zur Hand.

Ich hatte plötzlich große Sehnsucht nach ihr und beschloß, sie noch einmal zu sehen, um »vorläufigen« Abschied zu nehmen. Dann wollte ich weiterleben ohne sie, so gut es sich tun ließ . . . Ja, meine Herren, es ging über menschliche Kraft.

Der Blick durchs Fenster

Zu Hause fand ich alles beim alten. Nur etwas Staub lag auf den Möbeln. Mir war feierlich zumut wie bei einem Begräbnis.

Ich wollte ihr alles erklären. Ich wollte meinen natürlichen Tod abwarten und dann mit ihr vereinigt sein – für ewig. Das würde ich ihr sagen; sie würde Verständnis dafür haben, denn sie war ja nicht grausam. Ich hatte das lechzende Tier, das meinen Leib vernichten wollte, zurückgeschoben, einstweilen in ihr erstickt . . .

Mit der gewohnten Methode bereitete ich alles vor. Ich drehte die Batterie an. Jedoch es stellten sich sonderbarerweise keine Geräusche mehr ein, als ich die Lampe ausgeblasen hatte. War sie bereits so geschwächt? Nur leises Trappeln hörte ich in der Wohnung . . . Wie »von Katzenpfoten«.

Ich trat in das Puppenhaus ein und wartete. Hinter den Türen verhielt sich die Bewohnerschaft still; nur zuweilen hörte ich sinnloses Flüstern oder ein einzelnes zerbrochenes Wort, so, als dächten sie laut – ihre dummen konventionellen Gedanken; so, als seien sie alle maßlos erschreckt worden und hielten den Atem an. Ja; alles »hielt den Atem« an, das ist das Wort. Leise sang das Licht in den Birnen – oder war es die Stille draußen? Es klang wie ein langgezogenes: »S . . . s . . . s . . .« ohne Ende. Es gab keine Zeit mehr. Sämtliche Uhren waren abgelaufen. Und alles wartete mit mir . . .

Marlies kam nicht.

»Durch dich« (ging mir's durch den Kopf) – »durch dich lebe ich und sterbe ich; ich bin dein Geschöpf«. – War sie jetzt in Wahrheit tot und konnte nicht kommen?

Ich versuchte sie mir mit aller Gewalt vorzustellen; wie sie im Leben war; dann als Page; dann in jener silbernen Tanzverzückung . . . War mein Hirn geschwächt? Immer nur Bruchstücke von ihr traten hervor. Trotz größter Anstrengung entglitt sie mir. Mein Herz pochte wild. Ich warf Netze ins Nichts und zog sie leer zurück.

Eine Ewigkeit verging.

Sie kam nicht . . .

Verzweiflung packte mich. Die Puppen sahen mich gleichgültig und gefühllos an mit ihren dummen, lackierten Gesichtern. Ich geriet in kalte Wut. »Gesindel!!« schrie ich mordlustig, und rüstete mich zu ihrer Vernichtung.

Ja, meine Herren, ich begann zu wüten. Ich zerfetzte die Wattebrust des Generals und trampelte auf seinen Orden. Ganz töricht sah er aus ohne Schnurrbart, denn nun war sein Mund nackt und zeigte eine dümmlich despotische Hufeisenform.

Das ältere Fräulein mußte sodann daran glauben. Sie war, wie ich immer schon vermutete, inwendig eitel Werg, und hatte lila Seidenpapier im Schädel.

Die Gastgeberfamilie war mir nicht so wichtig als die anderen Typen, die ich erbarmungslos zerfledderte und aufschlitzte; ganz besondere Genugtuung bot mir die restlose Zertrümmerung der gezähnten Räder und gezackten Membranen, die sie in den Bäuchen trugen.

Ich packte das Zwillingspaar an den Beinen und zertrümmerte die Möbel mit ihnen, die albernen Nippsachen, die Spiegel . . . »Ha!« schrie ich dabei – »Ihr habt wohl gedacht, sie würde nie ein Ende haben, eure ›Ewige Teegesellschaft‹ – Der Teufel hole euch!«

Dem Dichter riß ich seinen Skalp hinunter; der hat ausphilosophiert, dachte ich grimmig; wie ein gehäuteter Hase sah er aus; keine Spur von Goethekopf. Alles Attrappe.

Als ich wie ein Tornado durchs Haus gebraust war, eitel Verwüstung im Kielwasser, verschnaufte ich mich zunächst; dann beschloß ich, sie alle aus dem Fenster zu werfen. Ich packte zwei Figuren, rechts und links, am Genick und wollte den Anfang machen. Da fiel mir ein, daß Marlies mich so eindrucksvoll gewarnt hatte, aus den Fenstern zu sehen.

Ich zögerte. Doch dann, wie unter einem Zwang, riß ich unten im Saal die Damastvorhänge beiseite. Ich erwartete schwärzeste Dunkelheit draußen, doch das Licht aus dem Hause fiel dort draußen auf – ein großes Gesicht.

Es war so groß wie eine Landschaft. Es sah gelb und wächsern aus.

Es war mein eigenes Gesicht. Es hatte geschlossene Augen; der Mund klaffte auf wie ein Abgrund; ein stummer Schrei quoll daraus hervor . . .

Ich war tödlich erschrocken.

Und unter dem Kinn dieses großen Gesichtes, das mein eigenes war, rührte sich etwas: ein riesiger Katzenkopf, dessen Augen wie Phosphorseen in der Dunkelheit schillerten. Wolkig und grün durchschossen . . . Weiße Bartgrannen standen wie ein Wald von Spießen über einer gierigen, verrucht lächelnden Schnauze, aus der die Eckzähne sich langsam und fraßlüstern entblößten . . . Sie brauchten sich nur in meine Kehle hineinzusenken, in dies leblose Fleisch, dann war ich verloren . . . Ja; ich war verloren . . . Hilfe! Hilfe! – . . . Das Puppenhaus krachte in allen Wänden; und plötzlich zuckte das Licht in den Kohlenfäden der Birnen, zuckte flackernd, irrwischhaft und ging aus.

Das ganze Haus war stockdunkel. Nur das große Gesicht draußen leuchtete wie faules Holz. Und mein eigener gewürgter, rasselnder Hilfeschrei zerspaltete die Luft, dröhnte entsetzlich über einem Chaos von wüstestem Lärm und spindelte sich in kreischende Höhe.

 

Was geschehen war? Eigentlich etwas sehr Begreifliches.

Als ich in völligem Tiefschlaf auf dem Bett lag, war Moloch schon im Hause gewesen; er war durch das offene Fenster der Besenkammer hineingelangt; den Fenstersturz hatte er natürlich überlebt. Seinesgleichen hat ja bekanntlich neun Leben. Er hatte sich während meiner Abwesenheit wieder in die Wohnung zurückgetraut und so war ich (bei seinem rabiaten Hunger) in meiner kataleptischen Starre sozusagen eine gefundene Mahlzeit. – Ich muß mit den Armen, als er mir an den Hals geriet, wüst umhergefuchtelt haben, denn nicht nur das Puppenhaus mit den sämtlichen teuren Kleinkunstwerken, sondern auch die Lampe lag zertrümmert am Boden. Gottlob hatte sie nicht gebrannt.

Aber mit Moloch söhnte ich mich wieder aus (soweit man überhaupt mit Katzen in einer Art Verkehrston kommen kann), er hatte mir ja gewissermaßen durch seine Attacke wieder ins Dasein zurückgeholfen . . . Aber meine Herren, ich glaube, ich mache nicht mehr lange Gebrauch von dieser seiner – – Aufmerksamkeit . . .

 

Habe ich Sie ermüdet? – Hm. –

Aber nein doch, meine Herren, es mußte alles von der Seele herunter, denn es ist buchstäblich wahr. Ich bin nun wahnsinnig neugierig geworden, wie es sein wird, wenn ich für immer diesen Körper verlassen habe. Im Anfang deutete ich Ihnen schon an, daß ich drauf und dran war, das große Fragezeichen am Schwanz zu erwischen, wenn die Katastrophe nicht passiert wäre auf der anderen Ebene. Wenn ich nicht durch das Fenster geblickt hätte.

Vielleicht wäre Marlies schließlich doch noch einmal gekommen, und wir beide wären dann Hand in Hand auf der Hinterseite des Puppenhauses hinausgegangen . . . Ins Nichts. Und Moloch hätte inzwischen dafür gesorgt, daß ich keinen Gebrauch mehr von diesem Hampelmann, der mein Körper ist, hätte machen können.

Wir wären hinausgegangen ins wundervolle, peinlose, erlösende, schwarze Nichts.

 

Sie bilden sich wohl ein, ich merke nichts, daß Sie sich fortwährend Notizen machen und sich zublinzeln?

Daß Sie mich hier in die psychiatrische Klinik gelockt haben, daß ich hier ein Gefangener bin?

Wenn Sie denken, ich sei verrückt, so ist das Ihr Privatvergnügen. Ich habe Ihnen lediglich mein Erlebnis erzählt. Machen Sie sich einen Vers drauf. Kein Wort ist gelogen.

– – – Im übrigen, meine Herren, glaube ich nicht, daß man eine »verschleppte Grippe« oder irgendwelche anderen derartigen Mätzchen nötig hat, um einen Spaziergang (und diesmal einen dauernden) außerhalb zu machen. Ich werde das tun, wann es mir paßt; Sie können mich nicht hindern. Ich lebe jetzt nur noch deshalb ein wenig weiter, weil ich nachdenken muß, nachdenken . . . Ich fühle, als ob mit uns allen doch etwas nicht ganz in Ordnung sei, ja, sozusagen radikal falsch . . .


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